Schluss mit sanfter Therapie!

20. Februar 2017

Sie misstrauen der Schulmedizin, sind aber zu männlich, um schwuchteligen Zuckerpillen und omihaften Kräutertinkturen zu vertrauen?

Natürliche Wirkstoffe klingen Ihnen zu sehr nach hippiehaftem Bio-Blödsinn?

Sie wollen keine chemische Keule, weil Sie zeitgemäßere chemische Kampfstoffe bevorzugen?

Dann haben wir die Alternative für Sie:

BROmöopathie!

BROmöopathische Präparate auf Schwerölbasis kommen komplett ohne Verdünnung aus. Verdickung ist das Motto der BROmöopathie!

Gleiches mit Gleichem? Vergessen Sie’s! BROmöopathie heilt ALLE Krankheiten mit demselben bewährten Mittel:

Bildergebnis für handgranate

Sie sehen richtig! In der BROmöopathie schwafeln wir nicht von fader Ganzheitlichkeit! Echte Männer haben nichts zu schwafeln. Echte Männer handeln. Deshalb fragen wir Sie nicht nach Ihren Symptomen, wir geben Ihnen die Lösung, und für jedes Problem haben wir die richtige: Handgranaten in Schweröl.

Die brutal unnatürliche Alternative für echte Männer.

Sind Sie hart genug für BROmöopathie? Beweisen Sie es, und bestellen Sie JETZT!

[Nachtrag, der mir dummerweise erst Tage nach der Veröffentlich eingefallen sit, obwohl es so toll gewesen wäre:] BRObieren geht über studieren! [Nachtrag Ende.]

Risiken und Nebenwirkungen sind echten Männern egal, deshalb kommen Sie bloß nicht auf die Idee, irgendwen danach zu fragen, Sie Pisser, wenn Ihnen das hier nicht passt, gehen Sie doch woanders hin, Sie können auch gleich paar aufs Maul kriegen, müssen Sie nur sagen, Sie erbärmlicher Wichser, Sie!

Sometimes it’s OK to steal patients‘ wallets

8. Dezember 2015

I have this great idea, you see, and I think I’m going to submit it to Scientific American for publishing, because I suspect it will be just what their readers are expecting of a magazine with a longstanding history of award-winning coverage of advances in science and technology and their impacts on society.

I am about to explain why it’s sometimes okay to steal sick people’s wallets. Groundbreaking, isn’t it? Well, prepare to be impressed:

Ms. V was in her late 20s, and she was chronically ill, shivering and very frightended when she was admitted. Writhing in pain, she was clutching her mother’s hand. She was diagnosed with numerous infections in her liver and lungs.

One morning after rounds, I happened to glance over at Ms. V’s room and saw a woman walk in and inconspicuously put V’s wallet into her own rucksack. The visitor was a thief who had come to steal from the hospital’s patients. To distract them, she usually talked to them for a while, very pleasantly, and conveyed to them a feeling of friendship and care. After her visit, Ms. V told me that the other woman’s visits helped her stand the suffering her disease caused her. She felt comforted and refreshed by the thief’s friendly words and easy humour, she said.

Now, make no mistake: I have to admit that stealing patients‘ wallets doesn’t have proven benefits and is widely considered a criminal or even despiccable act in the medical and scientific communities. In other words, perhaps stealing from people isn’t in itself beneficial, but rather the sense of companionship and support stemming from spending time with a sympathetic person.

Interestingly, some patients continue to welcome the thief although they realise her true intention. Ms. I, for example, was a patient of mine who suffered from severe pain as a result of advanced breast cancer. When I asked her why she enjoyed talking to the criminal, she shrugged, saying she enjoyed the company and found that chatting with her provided a refreshing period of rest.

Of course, stealing patients‘ wallets has its drawbacks, like the financial cost, which may be borne by the patient, an insurance company, or the hospital, depending on the circumstance. Also, it’s certainly dangerous for a patient to decide to have her wallet stolen at the expense of treatments with proven medical benefits. Luckily, having her wallet stolen didn’t stop Ms. V or Ms. I from undergoing life-saving medical tratment and didn’t prevent this treatment from working.

When I learned later on that Ms. V had died, the news hit me hard, and thinking back to her treatment in our hospital, I hoped that among all her misery, we had managed to ease her suffering through our therapies – criminal or not.

So? What do you think? Great stuff, right? What? You think this kind of nonsense might not be quite up to Scientific American’s standards?

Well, think again.


Fischen im Drüben

27. September 2015

Ich weiß ja, dass es eine ziemlich abgenutzte Technik ist, den großen Zeitungsverlagen ihr ständiges Herumreiten darauf vorzuhalten, wie unverzichtbar bedeutsam ihre gründlich recherchierten und professionell nicht nur auf Faktizität, sondern auch auf Ethik und Stil abgeklopften Meldungen für den Fortbestand unserer Gesellschaft sind, wenn sie mal wieder irgendeinen Stuss unkritisch in die Welt tröten. Aber andererseits, was soll man denn sonst machen?

Die SZ hat da also eine Reportage über die „Heilertage am Chiemsee“ schreiben lassen, unter dem Titel

Trost aus der esoterischen Parallelwelt

Wie dieser Titel schon andeutet, ist der Tenor dieses Artikels auch in vieler Hinsicht gar nicht so schlimm. Der Verfasser Jan Stremmel hat aufgeschrieben, dass die Leute da ein bisschen alternativ sind, aber nicht so alternativ, wie man vielleicht denken würde, dass es oft nur darum geht, bestätigt zu kriegen, was man eh schon zu wissen dachte, und jemanden zu haben, die einem zuhört, weil Ärzte dafür oft keine Zeit haben, und so. Er hat durchaus eine gewisse Distanz zu seinem Gegenstand, oder tut zumindest so.

Aber das ist eben nicht alles. Zeitungen wie die SZ haben sich nun einmal selbst diese enorme Verantwortung als vierte Gewalt aufgeladen, und auch unabhängig von dieser speziell erhöhten Messlatte macht die hier exemplifizierte, aber meiner Erfahrung nach verbreitete Wurstigkeit gegenüber der Wahrheit mich so wütend, dass die Frequenz der Posts hier sich allmählich schon fast wieder alten Zeiten nähert. Aber keine Sorge, ich beruhige mich auch wieder.

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Welche Leistung nochmal?

20. September 2012

Ich bin ja gar nicht so sicher, wie ich zur Verantwortung von Medien stehe. Stefan Niggemeier schreibt ja hin und wieder mal, dass Berichte über Suizide tendenziell unverantwortlich sind, weil danach die Suizidzahlen steigen. Ich finde, damit geht er eher zu weit, schon weil ich nicht mal davon überzeugt bin, dass ein Suizid immer eine schlechte Entscheidung ist. Ich bin zwar selbst dagegen, aber ich bin auch vehement gegen Stieg Larsson und muss trotzdem damit leben, dass manche Leute seine Bücher toll finden. Aber hier soll es weder um Suizid gehen, noch um Stieg Larsson, sondern um die Verantwortung von Medien.

Zurück zum Thema also: Medien haben in meinen Augen zunächst mal nur die Verantwortung, die jeder Mensch und jedes Unternehmen hat: die für sich selbst. Wenn eine Zeitung nur Blödsinn schreibt und von ihren Lesern trotzdem gerne gekauft wird, ist das für mich nicht grundsätzlich ein Problem. Das sollte euch nicht wundern, denn ich sitze schließlich im Glashaus, auch wenn ich für mein Blog kein Geld nehme, was allerdings nur daran liegt, dass ich ziemlich sicher bin, dass das nicht funktionieren würde, und überhaupt tut das nichts zur Sache, denn es geht ja hier nicht um mein Blog.

Zurück zum Thema also: Jeder Mensch hat in meinen Augen aber auch eine gewisse Verantwortung dafür, wie seine Handlungen seine Mitmenschen betreffen, und das schließt zum Beispiel auch eine Verantwortung ein dafür, was andere Menschen tun, weil sie von ihm belogen wurden. Jeder Mensch. Auch ohne die Medien zu einer vierten Gewalt oder in sonstigen olympische Regionen zu überhöhen, sehe ich sie in der Verantwortung, ihre Kunden nicht zu belügen, so wie ich von jedem Menschen erwarte, dass er seine Mitmenschen nicht durch falsche Informationen zu falschem Handeln verleitet.

Verschärft wird diese Verantwortung noch dadurch, dass unsere großen Medienunternehmen selbst wenig Hemmung zeigen, sich in einer Sonderrolle zu präsentieren und voller Stolz immer wieder darüber zu berichten, wie unverzichtbar sie für unsere Gesellschaft sind und welche elementare Funktion sie nicht nur für unsere Demokratie erfüllen. Auf genau dieser Hemmungslosigkeit basiert ja auch die Forderung nach diesem unsäglichen Leistungsschutzrecht, das derzeit den Anschein erweckt, tatsächlich auf uns zuzukommen, was in meinen Augen zumindest ganz gut belegt, wie schlecht die Medienunternehmen ihre selbst erklärte Aufgabe erfüllen, die Menschen zu mündigen Demokraten heranzubilden. Aber hier soll es weder um das Leistungsschutzrecht noch um die Demokratie an sich gehen.

Zurück zum Thema also: Die Medien tragen in meinen Augen damit eine Verantwortung, die über die allgemeine Wahrheitspflicht eines jeden Menschen hinausgeht, weil sie sich selbst freiwillig diese Verantwortung zugemessen haben und auf Basis dieser angeeigneten Verantwortung unverschämte Forderungen stellen. Und insofern halte ich es für doppelt gerechtfertigt, Medien nicht nur vorzuwerfen, die Öffentlichkeit zu belügen und ihren eigenen Ansprüchen nicht gerecht zu werden, sondern auch Menschenleben zu gefährden, wenn sie solchen Blödsinn schreiben, wie es zum Beispiel die FAZ (die sich, auch wenn es darum hier nicht gehen will, natürlich auch für ein Leistungsschutzrecht eingesetzt hat, weil Presseverlage ja eine unverzichtbare Filterfunktion und Rechereche und Qualität und blahfasel) kürzlich getan hat, unter dem Titel:

Die Wunderheilerin – Nur die Hand auflegen und beten

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Jesus liebt alle Zygoten

2. Dezember 2010

Neulich hörte ich den unvergleichlichen Matt Dillahunty ein Lied vorlesen, das ihr zum Beispiel hier transkribiert findet.
Mir persönlich gefällt es nicht so gut wie den Nonprophets, aber die Idee fand ich schön, deswegen habe ich eine eigene deutsche Fassung geschrieben.

Jesus liebt alle Zygoten,
alle auf der ganzen Welt.
Abtreibung gehört verboten,
weil sie Jesus nicht gefällt.

Jesus liebt auch Blastozysten,
Er ist gegen PID.
Wenn die Ärzte doch nur wüssten,
Was sie tun, tut Jesus weh.

Jesus liebt doch alle Kinder,
auch wenn er‘s manchmal seltsam zeigt,
Ob Franzose oder Inder,
Er ist allen zugeneigt.

Jesus gibt Kindern Trisomie,
Lupus und SIDS,
Mumps und Muskeldystrophie,
Bronchitis, HIV, MS.

Jesus macht die Kinder blind,
er gibt ihnen Diphterie,
und manchmal gibt er einem Kind
Bandwürmer oder Leukämie.

Jesus liebt die Kinder sehr,
Polio hat er für sie gemacht,
Doch Pocken gibt Jesus nicht mehr,
Die Ärzte haben sie umgebracht.

Jesus liebt fast alle Leute,
doch die Ärzte nicht so sehr,
Krankheiten gibt er uns noch heute,
doch Pocken gibt Jesus nicht mehr.


Ich habe zwar keine Ahnung, aber

14. September 2010

trotzdem eine Meinung, das kennt ihr ja schon von mir, und wenn zwei meiner Lieblingsthemen zusammentreffen wie heute bei diesem FAZ.net-Artikel unter der Überschrift „Ist die Organspende noch zu retten?„, dann kann ich sie einfach nicht für mich behalten. Erst steht da:

„Biologische und neurologische Kriterien genügen nicht zur Entscheidung über Leben und Tod.“

Eine große Behauptung, von der man meinen sollte, dass sie eine gute Begründung braucht. Man meint natürlich falsch. Im Grunde geht es in dem Artikel darum, dass angeblich Zweifel bestehen an der Maßgeblichkeit des Hirntodes für den Tod des ganzen Menschen. Als Beleg dafür zieht der Autor Stephan Sahm die Begründung der US-amerikanischen „President’s Commission on Bioethics“ heran, nach der der Organismus mit dem Hirntod aufhöre, ein „integriertes Ganzes“ zu sein. Das sei aber Unsinn, sagt er, denn Hirntote können ihre Körpertemperatur regulieren, Nahrung verdauen und überhaupt physisch noch tadellos funktionieren, und damit sei der Hirntod als Maßstab obsolet.

Natürlich Leider verlinkt faz.net nicht auf diese Begründung der Commission, und ich habe sie via Google auch bisher nicht gefunden, sonst könnte ich überprüfen, ob da überhaupt was dran ist. Ich bin aber der Meinung, dass das im Grund auch keine Rolle spielt, denn nach meinem – zugegebenermaßen laienhaften – Verständnis bläst Sahm hier bestenfalls ein Formulierungsproblem so weit auf, dass es seiner Meinung nach unser ganzes System der Organspende in Frage stellt:

„Das Konzept des Hirntods ist unerlässlich für die Transplantationsmedizin. Fällt es, kann sie ihre Tore schließen.“

Dazu wirft er noch munter das Definitionsproblem mit technischen Fragen durcheinander:

„Zudem ist die Feststellung des Hirntods mit einer Reihe von Unsicherheiten behaftet.“

und tut überhaupt sein Möglichstes, um die Angst vor der tückischen Organspendemafia zu schüren:

„Ein britischer Anästhesist wird mit den Worten zitiert, er befürworte die Transplantation von Organen, gedenke aber nur dann einen Spenderausweis bei sich zu führen, wenn er sicher sein könne, dass er vor der Entnahme betäubt würde.“

Und wenn er schon mal dabei ist, bringt er auch gleich noch ein bisschen fundamentale Wissenschaftskritik vor:

„Die Beschränkung auf biologische und neurologische Kriterien hatte den Vorteil, die Suche nach einer philosophischen oder theologischen Todesdefinition zu umgehen.“

Korrigiert mich, wenn ihr es besser wisst, aber diese Argumentation ergibt aus meiner Sicht von vorne bis hinten keinen Sinn. Hirntod ist deshalb der sinnvollste Maßstab für den Tod, weil alles, was uns als Persönlichkeiten ausmacht, im Gehirn stattfindet. Wenn das Gehirn nicht mehr arbeitet, dann kann unser Körper möglicherweise noch seine Temperatur aufrecht erhalten, aber das kann der Heizkörper in meinem Wohnzimmer auch. Trotzdem hat er keine Menschenrechte. Was für eine Rolle spielt es, ob der Körper auch ohne Gehirn noch als „integriertes Ganzes“ funktioniert, sogar wenn eine Kommission in den USA das mal als Begründung vorgegeben hat? Und wozu bitte soll eine „theologische Todesdefinition“ gut sein? Brauchen wir auch noch eine pädagogische, eine literaturwissenschaftliche und eine astrologische[Fußnote 1]?

Irgendwie scheint es überhaupt das Leitmotiv in Sahms Artikel zu sein, dass Naturwissenschaft einfach nicht ausreicht.

„Wenn es um brisante Themen der Biopolitik wie die Embryonenforschung geht, werden Philosophen, die naturphilosophische Argumente vortragen, ebenso wie Theologen oft als Ewiggestrige verunglimpft. Im Falle des Hirntods könnte sich das ändern. Vielleicht ist er anders tatsächlich nicht zu retten.“

Wer hat wann Philosophen als Ewiggestrige verunglimpft, weil sie philosophische Argumente vorgetragen haben? Und sitzen Theologen nicht auch bei uns in allen Ethikkommissionen und dürfen da ganz ernsthaft mitreden, als wären sie dazu durch irgendwas qualifiziert? Und was hat das jetzt überhaupt noch mit der Eingangsfrage zu tun? Wenn Herr Sahm die philosophischen und theologischen Standpunkte für so wichtig hält, hätte er ja vielleicht auch mal einen erwähnen können, der aus seiner Sicht zur Wahrheitsfindung beiträgt.

Dafür müsste man sich aber natürlich für die Wahrheit interessieren, und nicht einfach nur ein bisschen Aufregung erzeugen wollen.

[1] Disclaimer: Ich will damit nicht sagen, Pädagogik und Literaturwissenschaft seien vergleichbarer Blödsinn wie Theologie und Astrologie. Aber sie haben in meinen Augen genauso wenig zu der Frage zu sagen, wann und wie ein Arzt den Tod feststellen sollte.