Taschentuch?

26. Januar 2011

Warum kann eigentlich nicht einmal ein Skandal bei der Bundeswehr stattfinden, ohne dass Leute sich künstlich über Dinge aufregen, die auch jemand als Nichtigkeiten erkennen müsste, der niemals Soldat war?

„Minderwertiges Menschenmaterial“ soll der Kapitän also seine Besatzung genannt haben. Uiuiui, wenn das mal keine bleibenden Schäden hinterlassen hat. Ist das psychologische Krisenbetreuungsteam schon vor Ort?

Seeleute, die sich im Hafen betrinken? Der Weltuntergang kann nicht mehr weit sein.

Oder damals 2006, als ein paar Schwachköpfe in Afghanistan Fotos mit Totenschädeln gemacht haben. Da saß ich mal gute zehn Minuten an einem Tisch mit zwei Familienangehörigen, die völlig erschüttert darüber sprachen, wie verroht und unmenschlich man eigentlich sein muss, um sowas zu tun. Und ich war die ganze Zeit über so kurz davor, aufzuspringen und zu fragen, wie borniert und und kleinlich man eigentlich sein muss, um solche dämlichen Scherze für den Gipfel der Unmenschlichkeit zu halten. Ich jedenfalls würde mir unter geeigneten Umständen die gleiche Idiotie auch selbst zutrauen.

Damit wir uns nicht missverstehen: Ich hätte es auch lieber, wenn alle Menschen immer fair miteinander umgingen, wenn niemand Drogen missbrauchen würde und alle immer Respekt vor den Gefühlen ihrer Mitmenschen hätten. Naja, jetzt, da ich noch mal drüber nachdenke, vielleicht hätte ich das doch nicht lieber. Hm. Aber jedenfalls will ich nicht leugnen, dass das nicht schön ist, worüber berichtet wird. Und natürlich ist der Tod der beiden Soldaten eine völlig andere Kategorie als dieser andere Kinderkram und gehört gründlich untersucht.

Aber wer wirklich behauptet, von Saufgelagen, harten Worten und geschmacklosen Witzen in der Bundeswehr entsetzt zu sein, muss sich in meinen Augen entscheiden, ob er ein Heuchler ist, oder beschränkt, oder beides.

[Nachtrag: Oh. Ich sehe gerade, dass Neues aus Westsibirien mir schon zuvorgekommen ist, wenn auch etwas kompakter im Ausdruck.]


Home of the brave

12. Dezember 2010

Ich nahm einen Schluck Kaffee und blickte nachdenklich in die widerwärtige kalte Brühe mit darin schillernden Milchflocken – warum passierte das immer nur mir? -, bevor ich nach einem letzten freien tiefen Atemzug die steife Sitzhaltung annahm, die von mir erwartet wurde, und in meinem besten Offizierston „Herein!“ bellte.

Die Tür öffnete sich, und Seaman Deb Felting und ihr Kumpel Chief Petty Officer Glen Cena traten ein. Während sie salutierten, rollte ich mit den Augen, ohne den geringsten Versuch zu unternehmen, das vor den beiden zu verbergen. Sie kamen abwechselnd einmal die Woche zu mir, um sich über irgendeinen schwachsinnigen Verstoß zu beschweren, den Ensign Peebles angeblich begangen hatte.

„Rühren!“

Peebles war lesbisch. Alle wussten das, und Felting und Cena waren nicht die einzigen, die das störte. Aber sie waren meines Wissens die einzigen, die deshalb Zettel mit ausgefallenen Synonymen für weibliche Geschlechtsorgane an ihren Spind klebten, und von ihnen stammte auch der so subtile wie fantasievolle Spitzname „Butch“.

„Seaman, CPO“, knurrte ich, „Wenn einer von Ihnen gleich den Mund aufmacht und ich die Worte ‚Ensign Peebles‘ höre, bei Gott, dann können Sie…“

Ich verstummte, als Felting mit einem mühsam unterdrückten Grinsen vortrat und einen kleinen Stapel handbeschriebener Blätter Papier auf meinen Schreibtisch legte. Ich starrte für einen Moment mit gerunzelter Stirn auf die Briefe, bevor mir klar wurde, worüber sie sich so freute.

Ich spürte, wie meine Lippen einen schmalen, waagerechten Strich formten und meine Augen sich weiteten. Es waren Briefe von ihrer Freundin. Ich überflog sie hastig und erkannte schnell, dass es eindeutige Briefe waren. So eindeutig, dass ich nach wenigen Sekunden aufhören konnte, und dass ich mich für mein Land schämte, weil diese Briefe von jetzt an Beweismittel waren.

„Woher haben Sie das?“ fragte ich, und ich hätte in diesem Moment aufspringen und die beiden würgen können, so wütend machte mich der dummdreiste selbstzufriedene Ausdruck in ihren Gesichtern.

„Gefunden, Sir.“, antwortete Cena, und Felting nickte enthusiastisch. „Die müssen ihr aus der Tasche gefallen sein. Lieutenant Marston war auch dabei, Sir, er kann das bestätigen.“

Ich musste mich zwingen, ruhig weiterzuatmen.

„Ist das wahr, Seaman?“ fragte ich an Felting gewandt. „Überlegen sie sich gut, was Sie sagen, solange Sie noch die Möglichkeit haben.“

„Ja, Sir“, antwortete sie, „Wir haben die Briefe auf dem Boden gefunden, vor der Tür zur Offiziersmesse.“

Fuck. Natürlich logen die beiden. Und?

„Gehen Sie mir aus den Augen“, brummte ich, „Und schicken Sie mir Lieutenant Marston her.“

Ich wusste schon, was er sagen würde. Marston war wahrscheinlich der konservativste, bornierteste, selbstgerechteste Schwachkopf auf dem Schiff, und es gab wahrhaftig genug davon auf der USS Milton.

Nachdem die beiden Wanzen die Tür hinter sich geschlossen hatten, vergrub ich seufzend mein Gesicht in beiden Händen und schüttelte langsam meinen Kopf.

Peebles hatte ihre Fehler, und es würde mir nicht schwer fallen, Ersatz für sie zu finden, aber ich mochte sie. Sie war fair, sie war loyal, und sie tat nie weniger als ihr Bestes. Ich hatte gedacht, dass eine gute Offizierin aus ihr werden könnte.

Sie war erfrischend, wie ein kühler Luftzug in der muffigen Atmosphäre der Offiziersmesse, und sie hatte einen sehr angenehmen, subtilen Humor. Und sie war hübsch, ja, das auch. Ich bin ein Mann, verklagen Sie mich. Außerdem war es einfach nicht richtig, verdammt. Es war einfach unwürdig.

Für einen Moment dachte ich darüber nach, wie schnell es passieren konnte, dass ein paar Briefe verloren gingen. Tut mir Leid, Admiral, ich hätte schwören können, ich hätte sie in der Akte mit abgeheftet.

Nein. Es gab drei Zeugen, und um meine eigene Karriere mit diesem Scheiß zu belasten, war ich auch wieder nicht Idealist genug. Ich wollte nicht bis zu meiner Pensionierung einen mickrigen Nachschubdampfer kommandieren.

Ich schlug mit der Faust auf meinen Schreibtisch und erschrak mich selbst fast ein bisschen über das laute Krachen, bevor ich zähneknirschend die Schublade neben meinem rechten Knie öffnete und die Formulare mit dem Titel „Unehrenhafte Entlassung“ daraus hervorzog.

„Don’t ask, don’t tell“ bezeichnet ein Militärgesetz der USA, das es Soldaten verbietet, öffentlich homosexuelle Beziehungen zu führen und im Gegenzug Vorgesetzten untersagt, die sexuelle Orientierung ihrer Untergebenen zu ermitteln. Am Donnerstag hat der Senat im Wesentlichen mit den Stimmen der Republikanischen Partei ein Gesetz abgelehnt, das diese Regelung beseitigt hätte.

Seit seiner Einführung im Jahr 1993 hat „Don’t ask, don’t tell“ als Grundlage für die Unehrenhafte Entlassung von rund 13.000 Mitgliedern der Streitkräfte der Vereinigten Staaten gedient.