Mord, Mörder, am… Ihr wisst schon.

7. März 2012

Madove möchte gerne wissen, warum ich § 211 StGB (Mord) doof finde, und natürlich erläutere ich das nur zu gerne. Ich versuche es mal untechnisch, um allgemeinverständlich zu bleiben und euch nicht zu sehr zu langweilen. Idealerweise verzerre ich dabei die Rechtslage und die dahinter stehende Theorie nicht bis zur völligen Unkenntlichkeit. Wenn das mal klappt.

Es geht gleich in Absatz 1 schon los:

Der Mörder wird mit lebenslanger Freiheitsstrafe bestraft.

Das ist vielleicht eine Kleinigkeit, aber ich finde es symptomatisch für den unguten Gedanken, der hinter dieser Vorschrift steht. Vergleichen wir diesen Einstieg mal mit anderen StGB-Normen:

§ 242 StGB: (1) Wer eine fremde bewegliche Sache einem anderen in der Absicht wegnimmt, die Sache sich oder einem Dritten rechtswidrig zuzueignen, wird mit Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren oder mit Geldstrafe bestraft.

§ 96 StGB(1) Wer sich ein Staatsgeheimnis verschafft, um es zu verraten, wird mit Freiheitsstrafe von einem Jahr bis zu zehn Jahren bestraft.

Fällt euch ein Unterschied auf? Genau. Wir bestrafen für gewöhnlich Menschen nicht für das, was sie sind, sondern für etwas, das sie getan haben. Wie gesagt, das ist eine Formulierungsfrage, aber ich finde sie bezeichnend für die anderen Probleme mit § 211 StGB:

(2) Mörder ist, wer

Hier auch wieder… Aber ich höre jetzt auf mit dem Kleinkram und komme zum Inhalt:

    aus Mordlust, zur Befriedigung des Geschlechtstriebs, aus Habgier oder sonst aus niedrigen Beweggründen,
    heimtückisch oder grausam oder mit gemeingefährlichen Mitteln oder
    um eine andere Straftat zu ermöglichen oder zu verdecken,

einen Menschen tötet.

Und auch das finde ich schon im Ansatz falsch. Ich denke nicht, dass wir Gedanken bestrafen sollten, oder Absichten, oder Ziele, oder Beweggründe. Ich denke, dass wir Taten bestrafen sollten. Und ich halte es auch für keinen besonders lohnenden Ansatz, ob ich die Gründe für die Tötung eines Menschen „niedrig“ finde. Sicherlich gibt es Rechtfertigungsgründe (Notwehr, Nothilfe) oder Umstände, die eine mildere Strafe rechtfertigen (verminderte Schuldfähigkeit, in welcher Form auch immer). Da kann man durchaus differenzieren, und zwar, weil (Ich muss jetzt ein bisschen ausholen, finde das aber wichtig) zur Strafwürdigkeit einer Tat ungefähr zwei Voraussetzungen gehören:

Erstens muss ein strafwürdiger objektiver Tatbestand erfüllt sein.

Zweitens muss der Täter aber auch schuldhaft gehandelt haben. Das ist dann zum Beispiel nicht der Fall, wenn er den objektiven Tatbestand versehentlich erfüllt hat, aber auch dann, wenn er zum Zeitpunkt der Tat nicht die Möglichkeit hatte, die Verwerflichkeit seines Handelns zu erkennen.

Diese Voraussetzungen ergeben Sinn, denn wir wollen mit der Strafe ja etwas erreichen. Wenn wir Leute für etwas bestrafen, das sie gar nicht wollten (und auch nicht fahrlässig herbeigeführt haben), dann ist das vielleicht nicht völlig sinnlos, weil es durch die abschreckende Wirkung andere davon abhalten könnte, etwas Ähnliches zu tun, aber der Hauptzweck von Strafe ist hierzulande aus gutem Grund die Resozialisierung des Täters. Wenn jemandem aber seine Tat gar nicht vorzuwerfen ist, gibt es nichts zu resozialisieren und auch keine Wiederholungsgefahr. Außerdem halte ich es für evident, dass wir niemanden für etwas bestrafen sollten, an dem er keine Schuld trägt, auch nicht, um andere abzuschrecken.

Un diese Argumente zeigen auch auf, warum die erste Tatbestandsgruppe von § 211 StGB keine gute Idee ist:

aus Mordlust, zur Befriedigung des Geschlechtstriebs, aus Habgier oder sonst aus niedrigen Beweggründen

Ein Mensch hat keine Kontrolle darüber, ob er Habgier empfindet, oder Mordlust. Zumindest keine direkte. Es ist nicht seine Schuld. Es ergibt deshalb auch keinen Sinn, ihn für diese Empfindung zu bestrafen. Darüberhinaus sehe ich auch nicht, warum es wichtiger ist, Leute davon abzuhalten, aus Habgier zu töten, nicht aber aus politischen oder religiösen Gründen. Letzteres ist im Einzelfall übrigens einigermaßen umstritten, etwa in Bezug auf die so genannten Ehrenmorde, die besonders in muslimisch geprägten Kreisen beliebt sind. Und da haben wir gleich noch ein Argument gegen § 211: Weil wir hier in Deutschland nicht muslimisch (oder arabisch-kulturell, oder was weiß ich?) geprägt sind, halten wir die die Rettung der Familienehre für einen niedrigen Beweggrund. Ein historischer Zufall entscheidet also darüber, wie wir die Beweggründe für eine Tat bewerten, und damit auch über die Strafe dafür. Ich weiß nicht, wie ihr das seht, aber für mich ist das eines Rechtsstaates unwürdig. Genauso übrigens bei den politischen Motiven. Rassismus gilt gemeinhin als niedriger Beweggrund, andere politische Motive nicht. Ist Rassismus überhaupt ein politischer Beweggrund? Immer, oder nur dann, wenn er ausreichend theoretisch untermauert ist, statt nur aus dumpfem Fremdenhass zu bestehen? Sollte ein Strafrichter das entscheiden müssen?

heimtückisch oder grausam oder mit gemeingefährlichen Mitteln

Bei der zweiten Gruppe von Merkmalen sieht es ein bisschen anders aus. Für Grausamkeit und gemeingefährliche Mittel kann man immerhin noch vertretbar argumentieren, dass der Täter hier die Wahl hat und eine Strafe deshalb sinnvoll sein kann, weil das Opfer bei einer grausamen Tötung mehr leiden muss, bzw. weil gemeingefährliche Mittel eben… naja, gemeingefährlich sind. Es gibt ja für manch andere Straftatbestände auch mehr oder weniger schwere Fälle, und Grausamkeit und gemeingefährliche Mittel könnten einen schwereren Fall von Totschlag begründen. Aber Heimtücke? Müssen wir jemanden härter bestrafen, wenn er seine Frau von hinten erschlägt, als wenn er ihr vorher Bescheid sagt und dann brüllend mit der Keule auf sie zu rennt? Verdient jemand eine härtere Strafe, wenn sie ihren Ehemann vergiftet, als wenn sie ihn in einem Säbelduell tötet? Warum, um Himmels Willen?

Die dritte Gruppe ist… auch wieder durchwachsen.

um eine andere Straftat zu ermöglichen oder zu verdecken,

Ich erkenne hier immerhin einen gewissen Sinn (Wir wollen Leute davon abhalten, die Zeugen ihrer Verbrechen zu beseitigen, schätze ich.), aber keine Systematik. Warum ist es Mord, wenn ich jemanden töte, damit er nicht rumerzählt, dass ich ein Räuber bin andere beraubt habe, aber nur Totschlag, wenn ich damit verhindere, dass er mich als homosexuell outet? Warum wird Diebstahl nicht härter bestraft, wenn ich ihn begehe, um ein anderes Verbrechen zu ermöglichen oder zu verdecken? Und potenziert diese Strafe sich nicht selbst, weil ich doch jeden Mord zwangsläufig begehe, um einen Mord zu ermöglichen? Na gut, das letzte war natürlich albern, aber den Rest halte ich für bedenkenswert.

Und ihr so?


Quasireligiöses Gedankenkonvolut

11. November 2010

Ich führe gerade wieder eine längliche Diskussion über Religion, ausgehend von meiner These, dass ich die strikte Trennung von Staat und Religion für einen Fehler hielte, wenn die Behauptungen einer Religion wahr wären. Die Diskussion hat uns bisher nicht sehr weit gebracht, aber immerhin hat sie mich zu weiteren Überlegungen inspiriert:

Ich finde es sonderbar, dass religiöse Menschen sich (in der Regel) im Alltag nicht viel anders verhalten als areligiöse Menschen, obwohl ihre Weltsicht auf völlig unterschiedliche Annahmen stützt.

Wenn ich eine Religion als wahr akzeptieren würde, würde das mein gesamtes Weltbild umwerfen und meine Prioritäten vollkommen umstellen. Ich möchte das gerne am Beispiel des Lebens nach dem Tod illustrieren, weil es erstens für mich wahrscheinlich der wichtigste Aspekt einer Religion wäre, und zweitens, weil es meines Wissens auf fast alle bedeutenden Religionen mutatis mutandis passt.

Der Glaube an ein Leben nach dem Tod, würde für mich den Wert dieses Lebens drastisch verändern. Es wäre dann nicht mehr meine einzige Chance und alles, was ich habe, sondern nur noch eine Art Filter, der die Leute aussortiert, die keine ewige Glückseligkeit verdient haben.

Wenn ich der Meinung wäre, dass man einen Menschen lediglich in das nächste Leben verfrachtet, wenn man ihn tötet, würde die Bewertung der Tat plötzlich vor allem davon abhängen, was das Opfer dort erwartet. Warum sollte jemand dafür bestraft werden, dass er einem anderen in den Himmel geholfen hat? Und umgekehrt: Welche Strafe könnte jemals ausreichen für einen Menschen, der einem anderen die Chance genommen hat, ewiger Qual in der Hölle zu entgehen?

Die Todesstrafe wäre plötzlich, je nach der Religion des Delinquenten, endlos viel härter oder endlos viel milder als eine lebenslange Freiheitsstrafe. Für manche wäre sie in gewisser Weise überhaupt keine Strafe, sondern eher eine Belohnung.

Trotzdem stimmen die meisten Gläubigen erstaunlicherweise mit uns Atheisten überein, dass Mord eine sehr, sehr schlimme Sache ist, und auch ansonsten sind wir uns in den Grundzügen unserer moralischen Urteile doch überraschend oft einig.

Ich vermute, dass das im Wesentlichen an zwei Gründen liegt: Erstens habe ich den Eindruck, dass viele nominell religiöse Menschen gar nicht so richtig ernsthaft glauben. Sie finden es zwar irgendwie gut, sich Christen zu nennen und Gottesdienste zu besuchen, aber im Grund ihres Herzens können sie nicht anders, als die Realität zu akzeptieren, die sie Tag für Tag erleben.

Zweitens – und das ist wahrscheinlich der wirklich entscheidende Punkt – habe ich in meinem Gedankenexperiment für mich eine ziemlich ungewöhnliche Variante von Religiosität gewählt: Ich habe unterstellt, dass ich zwar die Tatsachenbehauptungen einer Religion akzeptiere, aber nicht die zugehörigen Werturteile. Ich würde also zum Beispiel glauben, dass Gott die Welt erschaffen hat, und dass er uns nach dem Tod belohnt oder bestraft, aber er wäre trotzdem nicht die Grundlage meiner Moral.

Wenn ich die moralischen Gebote mitakzeptieren würde, wäre alles wieder einigermaßen im Lot: Ich würde dann zwar glauben, dass der Tod (für Christen) gar keine so schlimme Sache ist, aber ich würde Mord trotzdem für furchtbar halten, weil Gott ja gesagt hat, dass wir nicht töten sollen.

Ich halte das für eine ganz interessante Beobachtung: Praktisch niemand glaubt an einen Gott, mit dessen moralischem Urteil er nicht einverstanden ist. Ein Gläubiger würde wahrscheinlich sagen, dass das nur beweist, dass man Gott nicht erkennen kann, ohne auch sofort einzusehen, dass er gut und gerecht ist. Ich sehe darin eher ein weiteres Indiz dafür, dass Religion ein Produkt der menschlichen Vorstellungskraft ist. Oder etwas pointierter: „You can safely assume that you’ve created God in your own image when it turns out that God hates all the same people you do.“


Soso

21. Oktober 2010

Ein kanadischer Collonel, der offenbar die größte Air-Force-Basis des Landes kommandiert hat, hat vor Kurzem die Morde und Vergewaltigungen an zwei Frauen gestanden. Anscheinend ist er schon seit Jahren immer wieder in die Schlafzimmer junger Mädchen und Frauen eingebrochen, um dann in deren Unterwäsche zu masturbieren und selbige zu stehlen. Er hat Videos von den beiden Morden aufgezeichnet, die nun als Beweismittel im Prozess gegen ihn dienen.

Und ein saudischer Prinz wurde wegen Mordes verurteilt, weil er im Februar in einem Londoner Hotel einen seiner Diener totgeschlagen hatte. Außerdem hatte er ihn gebissen und gewürgt.

Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber wenn ich sowas lese, bin ich doch ein bisschen verblüfft und habe das Bedürfnis, jemandem davon zu erzählen (Beweisstück A siehe oben).

Im nächsten Schritt wundere ich mich dann ein bisschen über meine Verblüffung, denn was daran sollte eigentlich verblüffen?