Das Wechselspiel von Integration und Akzeptanz

28. August 2017

Ich las da kürzlich diesen dummen Artikel in der SZ, von dem ich dachte, dass ich mal was drüber schreiben könnte, wenn ich Zeit finde. War aber noch nicht sicher, weil ach, man liest so viele dumme Artikel in allen möglichen Zeitungen. Dann erwähnte aber auch ein Kommentator hier im Blog den Artikel, und ich dachte, ich sollte wohl wirklich. Und dabei fiel mir nun auf, dass sein Verfasser Tomas Avenarius hier schon einmal auffällig geworden ist, und damit ist ein kritischer Beitrag meinerseits unvermeidlich, wenn ich meinem Bildungsauftrag noch irgendwie gerecht werden will. Zur Sache also.

Schattenseiten des Glaubens

hat Herr Avenarius ausgemacht, und mir liegt sowas auf der Zunge wie dass gerade er ja wohl wissen muss, wo Leute ihre Schatten haben, aber ich will nicht gleich unnötig beleidigend werden, deshalb schauen wir uns den Artikel erst mal an. Danach kann ich ja immer noch beleidigend werden. Oder dabei. Mal gucken.

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Islamkritikquotenbeitrag

9. Juli 2013

Christen werfen uns militanten Skeptikern ja gerne mal vor, wir würden uns nur an ihnen abarbeiten, weil wir Angst haben, dass es von islamischer Seite was aufs Maul gibt, wenn wir Muslime kritisieren. Weil ich aber weiß, dass Muslime genauso wie Christen im Großen und Ganzen total nette und vernünftige Leute sind und weil ich ja unter Pseudonym schreibe schreckt mich das nicht, und weil ich heute Morgen zufällig im Radio einen Beitrag zum Thema Ramadan gehört habe, habe ich auch gleich ein Thema, also frisch ans Werk.

Für alle, die es nicht wissen: Ramadan ist der islamische Fastenmonat, in dem es Muslimen von Sonnenauf- bis -untergang nicht gestattet ist, zu essen oder zu trinken, zu rauchen, Geschlechtsverkehr zu haben und wohl auch noch ein paar andere Sachen, obwohl ich sicher bin, dass es reichlich Muslime gibt, die das nicht, anders, oder nur ein bisschen so machen. Nach Sonnenuntergang darf und soll also wieder gegessen werden, und soweit ich das überblicke sogar nicht zu knapp. Ich habe selbst mal diese angeblich typische Ramadansuppe nachgekocht und fand die zwar köstlich, aber auch unheimlich schwer und kalorienreich. Der Ramadan beginnt in diesem Jahr am 9. Juli, also heute, und endet am 9. August. Ich habe mich spaßeshalber entschieden, das auch mal einen Tag zu versuchen, und damit komme ich auch schon zu meiner Bewertung, denn mir ist klar, dass es insbesondere die muslimischen Leser von überschaubare Relevanz brennend interessieren wird, was dieser Typ mit dem albernen Pseudonym von den Regeln hält, die der allmächtige Schöpfer des Universums ihnen auferlegt hat.

Grundsätzlich bin ich sehr dafür, so ziemlich jeden Quatsch mal auszuprobieren, auch wenn er noch so abwegig ist, und sogar besonders dann. Von unseren Gewohnheiten abzuweichen, ist eine Chance, neue Erfahrungen zu machen und etwas über uns selbst und womöglich auch die Welt um uns herum zu lernen. Speziell bei der Ernährung kann das doppelt sinnvoll sein, denn ich glaube, ich spreche für uns alle, wenn ich sage, dass wir damit vernünftiger umgehen könnten und dass es wohl eher nicht schaden kann, weniger zu essen. Andererseits macht man das im Ramadan gerade nicht, denn was man den Tag über nicht gegessen hat, stopft man dafür ja nachts wiederum in sich rein (Nee, ich weiß, muss man nicht, und wenn Leute das anders handhaben, prima.), was die Sache irgendwie witzlos macht, und richtig besorgniserregend finde ich das Trinkverbot. Da geht es keineswegs nur um Alkohol, sondern um alle Getränke. Von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang. Keinen Schluck Wasser, keinen Tee, nicht mal ein freundliches Glas Apfelsaft. Das finde ich schon reichlich bedenklich, und ich vermute, dass es mir extrem schwer fallen wird, wenn ich das Experiment nicht sogar vorzeitig abbreche. Ich trinke nämlich unter gewöhnlichen Umständen sehr viel und fühle mich schon unangenehm ausgetrocknet, wenn ich mal zwei Stunden ohne Flüssigkeit auskommen muss. Mit meiner begrenzten medizinischen Einsicht würde ich auch wetten, dass das unweigerlich die Leistungsfähigkeit beeinträchtigen muss, insbesondere, wenn man es nicht nur spaßeshalber mal einen Tag lang macht, sondern wirklich einen Monat stur durchzieht.

Na gut, egal, bizarres religiöses Ritual ist bizarr, wer hätte das gedacht? Wo ist denn jetzt die angekündigte furchtlose Islamkritik, du militanter Atheist, du? denkt ihr jetzt, und ihr könnt unbesorgt sein, die kommt jetzt weeeeiiil:

Wenn jemand halt gerne Unfug mit seinem eigenen Körper anstellen will, dann darf er das machen, obwohl es schade ist, aber Muslime haben ja auch Kinder. Und die lernen das auch so. Der Ramadan gilt zwar immerhin nur für Menschen nach der Pubertät und auch nicht für Schwangere und Kranke, aber die Pubertät setzt ja bei Mädchen schon ab zehn Jahren ein, und bei Jungen ab 12, da würde ich schon immer noch von Kindern reden. Darüber hinaus habe ich via Google diesen Hinweis gefunden:

Kinder, die die Pubertät nicht erreicht haben, werden ermutigt so viele Tage zu fasten wie sie können.

Muslimkundige Leser sind aufgerufen, mich zu belehren, aber das klingt für mich erst mal plausibel, und wir haben ja auf jeden Fall unstreitig die Kinder nach der Pubertät, die von ihren Eltern vorgegeben bekommen, dass sie einen Monat im Jahr tagsüber weder essen noch trinken dürfen. Das war übrigens auch der Anlass für diesen Beitrag, denn der Typ im Radio erzählte entrüstet davon, dass er mitbekommen habe, dass muslimische Kinder manchmal von ihren Lehrern gesagt bekommen, dass sie doch ruhig was trinken sollen, wenn sie sich dehydriert fühlen und es ihnen nicht gut geht, und das gehe ja nun mal nicht.

Ich weiß nicht, wie viele Muslime das wirklich so machen. Ich vermute, dass es wie beim Christentum auch in vielen Fällen nicht sehr ernst genommen wird und insofern praktisch meistens viel weniger bedenklich ist, als es hier klingt. Aber so ganz grundsätzlich kann ich hier beim besten Willen nicht erkennen, wie das keine Kindesmisshandlung sein soll.

Und ihr so?


Good at running to Washington

14. August 2012

Das Bundesland Hamburg beabsichtigt offenbar, einen Staatsvertrag mit drei islamischen Verbänden schließen, und während ich wohl prinzipiell nichts gegen diese Idee habe, auch wenn ich mir als islamischer Verband vielleicht zu schade wäre, mit so einer verkommenen Bande wie den Hamburger Politikern Verträge zu schließen, finde ich doch einiges in diesem FAZ-Bericht, den ich darüber gelesen habe, etwas sonderbar. Es geht ziemlich am Anfang schon los:

Danach sollen an staatlichen Schulen künftig auch muslimische Lehrer das Fach Religion unterrichten dürfen. Der Hamburger Religionsunterricht […] wird […] von der evangelische Kirche verantwortet. Das soll so bleiben

Da möchte man als Freund eines aufgeklärten Rechtsstaates doch schon gleich verzweifeln, oder nicht? An einer staatlichen Schule wird der Unterricht in einem Fach von einer Gemeinschaft bestritten, die ein bestimmtes Bekenntnis in Bezug auf dieses Fach vertritt. Es war bisher offenbar nicht erlaubt, dass jemand dieses Fach unterrichtet, der dieser Gemeinschaft nicht angehört. Jetzt soll Angehörigen einer einzigen von den zehntausend anderen Gemeinschaft ebenfalls gestattet werden, dieses Fach zu unterrichten, aber natürlich weiterhin unter der Ägide der ersten Gruppe.

Ehrlich jetzt. Ich weiß, dass meine Entrüstung vielleicht ein bisschen künstlich rüberkommt, weil wir alle schon lange wissen, dass Religionsunterricht in Deutschland nun mal von den christlichen Kirchen veranstaltet wird, aber ich habe mit dem Thema so selten Kontakt, dass es mich jedes Mal wieder wie ein Schlag trifft. Ich weiß, Schüler können sich weigern, an diesem Unterricht teilzunehmen, aber trotzdem: Wie doof ist denn das?

Man stelle sich vor, der Politikunterricht würde ausschließlich von der CDU organisiert und abgehalten, und ein Bundesland wollte es uns jetzt als großen Fortschritt verkaufen, dass in Zukunft auch Parteiangehörige der FDP unterrichten dürfen, wenn auch natürlich weiterhin verantwortet vom großen Koalitionspartner. Oder man stelle sich vor, Biologieunterricht dürfte ausschließlich von Lyssenkoisten erteilt … Ihr habt das Prinzip verstanden? Okay, bitte um Entschuldigung. Weiter.

Der Vertrag sieht außerdem vor, dass einige muslimische Feiertage […] künftig in Hamburg wie kirchliche Feiertage behandelt werden. Arbeitnehmer haben dann ein Recht auf einen freien Tag, müssen die Zeit aber nacharbeiten oder Urlaub nehmen.

Noch so’n Ding.

Ich muss zugeben, dass der Begriff „kirchliche Feiertage“ nicht so ganz eindeutig ist, aber ich wage erst einmal die Behauptung, dass das keine Gleichbehandlung ist. An den großen kirchlichen Feiertagen (Ostern, Pfingsten, Himmelfahrt, ihr wisst schon) müssen Arbeitnehmer nicht Urlaub nehmen oder nacharbeiten. Sie haben frei. Punkt. (Übrigens, wenn ich kurz zwischendurch auch noch mal den Libertären raus lassen darf: Sympathische Idee, einen Vertrag zu verhandeln, in dem man Dritten (hier: Arbeitgebern) Pflichten auferlegt, ohne diese auch nur zu beteiligen. Stay classy, Hamburg!) Lügt hier die FAZ? Oder hat  Hamburg die FAZ belogen, und die haben das einfach übernommen? Bin ich zu pingelig, und es sind eben die nichtgesetzlichen kirchlichen Feiertage gemeint? Macht es überhaupt einen Unterschied? Und warum nur einige muslimische Feiertage? Wenn es keine gesetzlichen Feiertage sind, warum nicht alle? Die christlichen Kirchen dürfen doch auch nicht nur einige ihrer Feiertage als nicht gesetzliche kirchliche Feiertage deklarieren, oder?

Über die genaue Ausgestaltung des Religionsunterrichts muss allerdings weiterverhandelt werden, der Vertrag gibt dafür fünf Jahre Zeit.

Im Vergleich zu den anderen Sachen vielleicht eine Kleinigkeit, aber doch: Laut diesem FAZ-Artikel hat die Stadt Hamburg bereits fünf Jahre mit den Verbänden verhandelt. Und jetzt ist dabei ein Vertrag rausgekommen, der vorsieht, dass über einen der wichtigsten Kernpunkte „weiterverhandelt werden“ muss. Das mag jetzt in diesem Kontext leicht unpassend wirken, aber: Jesus Christus! Bloß gut, dass diese Leute nie in die Lage geraten werden, schnell wichtige Entscheidungen treffen zu müssen.

Hamburg will sich zudem dafür einsetzen, dass die muslimischen Verbände auch einen Sitz in den Rundfunkgremien erhalten. 

Gaahh! Warum? Was haben Vertreter religiöser Organisationen in Rundfunkgremien verloren? Sollten da nicht Leute sitzen, die was von Rundfunk verstehen? Zur Sicherheit: Ich habe nichts dagegen, dass religiöse Menschen solche Gremien bevölkern. Ich begreife bloß nicht, wie man auf die Idee kommt, jemand müsse da Mitglied sein, weil er einer bestimmten Religion angehört. Und was ist mit Juden, Scientologen, Hindus und Buddhisten, Skeptikern, Jedis und Zwölfgöttergläubigen?

Für den gemeinsamen Religionsunterricht an staatlichen Schulen ist festgelegt, dass sich die evangelische Kirche und die muslimischen Gemeinden gleichberechtigt die Verantwortungen für dieses Fach teilen.

Bäh… däh… äh… Was? Stand da nicht irgendwo anders, dass die evangelische Kirche den Unterricht verantwortet, und dass das so bleibt? Wie ist es denn jetzt richtig? Ich weiß es leider nicht, und konnte es auch nicht herausfinden. Auch in anderen Berichten habe ich dazu keine klare Auskunft gefunden.

Fassen wir zusammen: Die Stadt Hamburg will mit einigen muslimischen Verbänden einen Vertrag schließen, der Muslime zwar nicht fair behandelt, und bei weitem nicht so gut wie die evangelische Kirche, aber doch immerhin noch ein bisschen besser als alle übrigen Glaubensgemeinschaften, die nach wie vor gar keine Sonderrechte bekommen, und unsere Qualitätsjournalisten, die sich schon unbändig auf ihre eigenen blödsinnigen Sonderrechte freuen, kriegen es nicht gebacken, einen informativen oder wenigstens in sich konsistenten Artikel darüber zu verfassen.

Und das unter Umständen Traurigste an der ganzen Sache ist, dass wir alle wissen, worum die Diskussion sich drehen wird: Islamisierung! Christliche Tradition! Abendländische Werte! Sharia! wird die eine Seite rufen, und die andere Seite wird von Gleichberechtigung und Integration reden, und kaum jemand davon, dass hier mal wieder jemand die Staatsgewalt nutzt, um sich Privilegien zu verschaffen und dass es ganz egal ist, ob das Christen sind, Muslime, Scientologen, Männer, Frauen, Konzerne oder Verbraucher oder Presseverlage.

Es sind die Privilegien an sich, die unserer Gesellschaft schaden und den Rechtsstaat aushöhlen.