It’s tempting to get vocal and defensive

31. Januar 2015

Heute und morgen läuft in (Auf? Bei?) der ARD, dem Flaggschiffsender unseres öffentlich-rechtlichen Rundfunksystems, von morgens bis abends die Sportschau, unterbrochen nur durch wenige Minuten einer Alibi-Nachrichtensendung. Ihr wisst schon, dass ist dieses ganz wichtige weil demokratiekritische System, für das wir alle, so ziemlich jede und jeder von uns, verpflichtet sind, monatlich zu bezahlen, ganz gleich, ob wir wollen oder nicht, ob wir es nutzen oder nicht, ob wir es uns leisten können oder nicht. So wichtig ist das. Wegen seines Bildungsauftrags und so. Falls ihr euch fragt, was es da gerade zu zeigen gibt, und ob ihr schon wieder eine Fußballweltmeisterschaft verpennt habt: Es ist Skeleton-Weltcup. Nein, das sind keine Paralympics für extrem kachektische Sportler und Sportlerinnen, sondern sowas.

Und weil mir das gerade aufgefallen ist, habe ich jetzt doch Lust, den gestrigen xkcd-Cartoon zu kommentieren, obwohl ich mich eigentlich schon dagegen entschieden hatte:

Für den Hovertext müsst ihr zu ihm rüber. Hinweis: Es lohnt sich nicht so richtig, aber tut auch nicht weh. Fans greifen zu, der Rest liest direkt hier weiter. Und da die Fans den Cartoon eh schon kennen, lesen wir jetzt alle gemeinsam hier weiter, schätze ich.

Und obwohl ich Randall Munroe bewundere und verehre wie einen Gott, finde ich, dass er hier daneben liegt. Zumindest teilweise. Dafür aber immerhin auf zwei Ebenen. Die erste ist schnell erledigt: Der Cartoon ist nicht lustig, nicht bizarr, nicht originell und auch sonst nicht unterhaltsam. Finde ich. Egal. Geschmackssache.

Zweitens, und viel wichtiger: Es mag sein, dass es, insbesondere unter Leuten, die xkcd mögen, tatsächlich eher eine Mehrheit von Leuten gibt, die auf Sportfans herabblicken und unangemessen unfreundlich und herablassend agieren, weil sie so bemüht sind, sich von ihnen abzugrenzen, und dass Randall dieses Problem zurecht kritisiert, aber ich selbst kenne es nicht, und ich finde vor allem, dass sein Vergleich zwei wichtige Aspekte vernachlässigt und damit irreführend wird, weil diese zwei Aspekte einen grundlegenden Unterschied ausmachen zwischen Sportfantum und Interesse an Klimasystemen und raumfahrenden Robotern:

  1. Sportfantum ist in unserer Gesellschaft so dominant, dass es permanent mit völliger Selbstverständlichkeit nicht nur unterstellt, sondern sogar erwartet wird. Medien, einschließlich der öffentlich-rechtlichen Medien, die ihrem Auftrag nach eben gerade dafür da sind, NICHT der Mehrheit und der Quote hinterherzulaufen, sondern einen Bildungsauftrag zu erfüllen, berichten über Sportereignisse in einer Lautstärke und einem Umfang, die und der meines Wissens buchstäblich jede andere denkbare Meldung nicht nur übertreffen, sondern völlig verschwinden lassen, vom Völkermord über Krieg zu bedeutenden wissenschaftlichen Durchbrüchen. Sportfans laufen gröhlend in Rudeln durch Städte, werfen mit Flaschen um sich und werden gelegentlich physisch gewalttätig gegenüber Leuten, die ihr Fantum nicht teilen. Ich will nicht behaupten, dass das alles für alle Sportfans gilt. Aber ich will darauf hinweisen, dass diese Phänomene im und für das Sportfantum existieren, und im und für das Interesse zum Beispiel an wissenschaftlich bedeutenden Ereignissen absolut gar nicht.
  2. Sportfantum ist schon von seiner seiner grundsätzlichen Ausrichtung her problematisch. Bestimmt existieren auch völlig sympathische und inordnunge Ausprägungen, aber die meiner Wahrnehmung nach dominante besteht darin, einer Mannschaft, der man sich, in der Regel aus lokalpatriotischen, nationalistischen oder sonstigen blödsinnigen Gründen unabhängig von ihrer tatsächlichen Leistung (worin auch immer die bestehen sollte) verbunden fühlt, den Sieg zu wünschen, und (nur leicht dramatisiert) jeder anderen die Pest an den Hals. Um nur mal ein Beispiel zu nennen. Und auch das ist meines Erachtens eine Besonderheit, die vielleicht nicht nur, aber schon besonders Sportfantum prägt. Womöglich gibt es sogar bedeutende Gruppierungen von kosmologieinteressierten Raumfahrtfans, die ausschließlich Missionen der USA anfeuern und jeder russischen Rakete lautstark wünschen, sie möge schon vor dem Start explodieren, aber ich kenne sie jedenfalls nicht, und traue mir deshalb die These zu, dass sie in der Szene eine eher untergeordnete Rolle spielen. Und fürs Protokoll: Mir ist natürlich klar, das ein Haufen Leute das zum Beispiel im Kalten Krieg durchaus so gesehen haben, unter anderem aus nationalistischen Gründen. Diese Position finde ich dann aber natürlich auch blöd, und von der würde ich mich dann auch auf sehr vokale und defensive Weise abgrenzen wollen, zum Beispiel, indem ich nicht einfach nur interessierte Geräusche mache und begeistert grinsend nicke und zuhöre, während ich mich der Snacks und der Freundschaft erfreue. Ich hätte auch ein unkontroverses Beispiel wie Krebsforschung nehmen können, aber ich kenne ja meine Leser und weiß, dass ihr das sofort als erbärmlichen Versuch durchschaut hättet, einer möglichen Kontroverse auszuweichen. Nix da. So läuft das hier nicht.

Das beides heißt natürlich keineswegs, dass ich es super finde, Sportfans zu beleidigen und zu verachten, weil sie sich für Sport interessieren. Im Gegenteil. Ich stelle es mir brennend interessant vor, mal mit einem Sportfan ganz offen über seine Leidenschaft und deren Hintergründe und Details reden zu können. Ich selbst habe ja durchaus auch zweifelhafte Neigungen und Interessen, bestimmt. Sportfans sind weder schlechtere Menschen, noch ist es jemals in sich falsch, sich für irgendwas zu interessieren oder zu begeistern. Insoweit ist Randalls Cartoon sicherlich guter Rat. Aber insoweit, als er eine Gleichwertigkeit der Philae-Landung mit dem Superbowl impliziert, liegt er daneben, und ebenso in seiner Implikation, dass Sportfantum typischerweise nur eine völlig unproblematische menschliche Leidenschaft ist, der wir komischen verknöcherten Besserwisser uns bloß öffnen müssen, und dann gibt es Freundschaft und Snacks.

Oder was meint ihr?


Pfeifen im Wald, dein Name ist

22. Oktober 2013

Reinhard Müller, und du schreibst natürlich für die FAZ.

Atemlos berichtet Herr Müller:

 In Greifswald waren kürzlich offenbar alle Exemplare dieser Zeitung ausverkauft. 

Und gebannt lauschen wir seiner Geschichte, die uns mit zeitungstypischer Eloquenz bei gleichzeitig enormem Nachrichtenwert entführt in eine fremde Welt, in der … naja…

etwa 200 […] Professoren und Privatdozenten […] auf ihre tägliche gedruckte Stammlektüre nicht verzichten

wollten. Dunnerkeil, denken wir, da hat man es doch tatsächlich im Rahmen einer Sonderveranstaltung geschafft, irgendwo 200 Leute zusammenzutreiben, die gerne noch Papierzeitungen lesen.

Und das ist ja eigentlich auch okay, um mal kurz auf den Boden der Sachlichkeit zurückzukehren. Ich hab ja nichts gegen Zeitungen an und für sich. Ich les sie nicht gerne, weder inhaltlich noch physisch, aber ich gönne jedem sein Vergnügen, und so besonders bald rechne ich auch nicht mit dem Aussterben dieses Mediums. Da gönne ich Herrn Müller seinen pflichtgemäßen Hinweis, der in keinem solchen Text fehlen darf:

wenn man genau hinschaut, so gilt in ganz Deutschland (und in der Welt?): Geredet wird über das, was in der Zeitung steht. Die zahllosen Foren, Blogs oder Kommentare im weltweiten Netz sind oft lediglich Abziehbilder

Den Rest des Beitrags lesen »


in irgendeinem Kreis

22. September 2013

Quelle: Die Sendung mit der Maus / unknown street artist Urheber: Bunnyfrosch (Ähm, naja. Das steht da halt so.) GNU Free Documentation License

Ich bin fassungslos. Nee. Man soll nicht dauernd so übertreiben. Ich wäre fassungslos, wenn ich geglaubt hätte, dass unsere Medien informations- und bildungsmäßig irgendwelche ernsthaften Ansprüche an sich stellen. Aber ein bisschen überrascht und verärgert bin ich schon.

Ich habe nämlich gerade die Sendung mit der Maus gesehen, wie jeden Sonntag, und diesen Sonntag ging es natürlich um dieses bizarre Ritual, das unsere Gesellschaft heute abhält. Armin Maiwald hat den ehrenhaften Versuch unternommen, seinen Zuschauern zu erklären, wie so eine Bundestagswahl eigentlich funktioniert, und teilweise hat er das auch gewohnt gut und kindgerecht getan, aber gerade am Anfang ist die Sendung mit der Maus hier auf spektakuläre Art gescheitert.

Schaut mal selbst, wenn ihr mögt. Ab 01:51. (Für die, die etwas später dran sind: Dieser Link zerstört sich nach einer Woche selbst, weil unsere von allen Haushalten zwangsfinanzierten öffentlich-rechtlichen Fernsehsender ihre von allen Haushalten zwangsfinanzierten öffentlich-rechtlichen Sendungen nicht länger als sieben Tage lang allen Haushalten zur Verfügung stellen dürfen, von denen sie zwangsfinanziert werden, was wir hier lieber nicht vertiefen wollen, weil sonst mein Kopf platzt, und weil ich auf einem hellen Sofa sitze, wäre das echt unschön.)

Die Sendung mit der Maus hat hier, um sich den Vorwurf der unfairen Berichterstattung zu ersparen, ihre eigenen Parteien erfunden, mit ihren eigenen Wahlplakaten, und erklärt uns dieses System so:

Und wie die richtigen Parteien haben unsere Parteien auch ein Wahlprogramm. Die orange Partei verspricht: „Wenn ihr uns wählt, setzen wir uns dafür ein, dass jedes Kind doppeltes Taschengeld bekommt.“ Woher das kommt, weiß noch niemand, aber das verspricht die orange Partei. Die lila Partei  […] Was von all diesen Wahlversprechungen nun sinnvoll ist, oder was machbar oder auch nicht, das muss sich jeder durch den Kopf gehen lassen, bis einem die Gedanken schwirren, und dann muss sich jeder für eine der Parteien entscheiden.

Während dieser Erklärung zeigt die Kamera uns die Plakate der fiktiven Parteien, auf denen dann eben sowas steht wie „Doppeltes Taschengeld für alle!“ oder „Durchblick total“, und beim letzten Satz dreht sich die Kamera in einem Kreis aus diesen Plakaten, um zu illustrieren, wie die Gedanken schwirren.

Mit keinem Wort wird klargestellt, dass die Programme der Parteien nicht nur aus den Sprüchen auf ihren Plakaten bestehen. Mit keinem Wort wird erwähnt, dass es noch andere Informationsquellen als die Plakate gibt. Für jemanden, der es nicht besser weiß (also für die Zielgruppe dieses Beitrags) impliziert die Sendung hier ganz klar, dass man vor der Wahl eben die Plakate anguckt und dann eben mit schwirrenden Gedanken ins Wahllokal begibt, ohne die geringste Ahnung haben zu können, wie und ob die Versprechungen und Sprüche der Plakate nun umgesetzt werden sollen, und dann wähle ich halt jemanden.

Ob mir die Nase nun sympathisch ist, oder die Leute, bleibt mein Geheimnis, aber in irgendeinen Kreis neben der Person muss ich dann gleich mein Kreuzchen machen.

Mit keinem Wort erwähnt Armin so etwas wie eine Verantwortung, sich zu informieren, um eine Grundlage für eine vernünftige Entscheidung zu schaffen. Mit keinem Wort deutet er auch nur an, dass es nicht nur lange, ausführliche Wahlprogramme jenseits der Plakate und Flyer gibt, dass man Veranstaltungen besuchen und mit den Vertretern der Parteien diskutieren kann, oder welche anderen Möglichkeiten zur Information noch infrage kommen.

Nun kann man sagen, dass es ja eine Sendung für Kinder ist, und dass ich das alles nicht zu ernst nehmen sollte, und da wäre natürlich was dran. Oder man könnte sagen, dass doch mutmaßlich wirklich die meisten Erwachsenen genau so ihre Wahlentscheidung treffen, wie die Sendung mit der Maus es darstellt, und auch da wäre unbestreitbar was dran.

Aber andererseits sollte doch gerade eine Sendung, die darauf abzielt, junge Menschen darüber zu informieren, wie Demokratie funktioniert, wie Wahlen ablaufen, und wie unsere Stimme die Politik unseres Landes beeinflust, den Ehrgeiz haben, auch das Gewicht dieser Entscheidung darzustellen und zu betonen, dass eine demokratische Wahl eben nicht ein Sympathiewettbewerb ist, der aus schicken Sprüchen und netten Fotos besteht, sondern ein Wettbewerb um Gesellschaftsmodelle und Konzepte dafür, wie wir aus dieser Welt eine bessere machen können, nicht nur für uns und unsere spezifischen Interessengruppen, sondern womöglich für alle ihre Bewohner. Ich glaube nicht, dass ich zu hohe Anforderungen an diese Sendung stelle, wenn ich sage, dass sie in dieser Hinsicht vollständig versagt hat.

Und ihr?


Restebloggen am Wochenende (79)

7. Januar 2012
  1. Privatdetektiv schleicht sich nachts auf das Grundstück der Schurken und findet einen verschlossenen Container. Er will diesen nun heimlich öffnen, um unbemerkt herauszufinden, ob sich darin die entführten Personen befinden.
    Zunächst versucht er, das große, klobige Vorhängeschloss zu öffnen, indem er mit beiden Händen daran zieht.
    Die zweite Eskalationsstufe besteht darin, dass er mit seinen Turnschuhen kräftig dagegen tritt.
    Als beides zu seiner Überraschung nicht funktioniert, zieht er einen Revolver und schießt auf das Schloss. Anschließend sieht er sich gründlich in dem Container um, ohne sich auch nur einmal umzudrehen, denn wie könnte man auch auf die Idee kommen, dass jemand ihn bei seiner Elite-Undercover-Aktion stören würde?
    Wie denken eigentlich Drehbuchautoren? Und was muss ich nehmen, um auch so denken zu können?
  2. Manche Leute denken bei „Rechten“ eher an die Möglichkeit, ungestört etwas zu tun. Manche Leute meinen damit die Möglichkeit, andere zu etwas zu zwingen, was diese nicht wollen.
    Wer zur zweiten Gruppe gehört, sollte sich eher nicht als liberal bezeichnen.
  3. Dazu passend: Daniel Drungels kommentiert die Bemühungen von Herrn Niebel, einen marktwirtschaftlichen Mindestlohn zu erzwingen. Dieweil ein totgeschoss’ner Hase auf der Sandbank Schlittschuh lief.
  4. Felix Neumann hat in gewohnt sauberer Argumentation einen gar nicht mal dummen Weg gefunden, den Bundespräsidenten zu rechtfertigen:
    Ohne ein starkes Gegenüber der Regierung besteht die Gefahr, daß die Regierung auch die symbolische Macht zugesprochen bekommt. Wenn sie aber nicht mehr allein nach Kriterien der legalen Herrschaft, sondern nach denen charismatischer Herrschaft beurteilt wird, droht eine Überschreitung ihres rechtlichen Rahmens. 
    Nicht, dass ich ihm da zustimmen würde, aber ich finde es zumindest bedenkenswert.
  5. Eine Kamera, die pro Sekunde 600 Milliarden Bilder aufnimmt. Ich glaube, ich bin verliebt.
  6. Stefan Niggemeier hat über die neue Serie Tatortreiniger berichet, und ich kann nun bestätigen, dass sie sehr gelungen ist, nicht nur für deutsche Maßstäbe, sondern überhaupt. Na gut. Schon eher für deutsche Maßstäbe. Aber doch. Weil es sowieso schon zu spät ist, sich das anzusehen, ist für euch eigentlich nur noch der Werdegang interessant:
    Die erste Folge der neuen Serie läuft am heutigen Mittwoch um 22.25 Uhr. Wenn Sie das wissen und schon ein bisschen Erfahrung haben im Fernsehgucken — wann, würden Sie tippen, läuft die zweite Folge?Falsch. Sie läuft am morgigen Donnerstag um 22.30 Uhr.2 Und Folgen 3 und 4?Wieder falsch. Die laufen erstmal gar nicht. Weshalb der NDR die vierteilige Serie ohne erkennbare Ironie als „zweiteilige Serie“ ankündigt.[…]Nun könnte man denken, dass die Teile 3 und 4 vielleicht noch nicht fertig produziert sind. Oder dass sie nicht gut genug geworden sind, um sie auszustrahlen. Das stimmt aber nicht, denn der NDR hat sie bereits ausgestrahlt

    Dafür zahlen Sie Gebühren.

  7. „Liars sit in chairs, you know? Truth tellers just sort of hunker down.“
    Randall Flagg

Die Megahits der 80er und 90er und das Beste von heute

28. Juni 2011

Vor langerlangerlanger Zeit habe ich schon mal ein Stöckchen von JuliaL49 genutzt, um meinen Unmut über unsere Radiosender auszudrücken.

Eigentlich ist das natürlich nicht genug, aber weil ich selten Radio höre (Für den GEZ-Fahnder, der hier sicherlich mitliest: Das ist eine freundliche Umschreibung für „nie“, denn natürlich habe ich gar kein Radio. Sie können jetzt aufhören, hier mitzulesen. Es sei denn, Sie interessieren sich vielleicht für meine Geschichten. Haben Sie die schon mal versucht? Die sind ziemlich gut. Lesen Sie ruhig mal eine. Yours to keep finde ich beispielsweise zum Einstieg ideal. Äh. Wo war ich? Ach ja: Weil ich selten Radio höre), ist mir das Thema normalerweise nicht so gegenwärtig. Dennoch kommt man manchmal nicht drumrum, ob im Auto (Sind Sie noch da? Natürlich nur, wenn ich bei anderen mitfahre.), im Supermarkt oder im Büro (Wenn jemand zu Besuch kommt, der ein tragbares Radio dabei hat. Nee, ich weiß schon, Entschuldigung, ich höre jetzt auf, mit dem GEZ-Fahnder zu sprechen, damit das hier nicht zu unübersichtlich wird. Tut mir Leid.) zum Beispiel. Und dann kann ich doch jedes Mal wieder darüber staunen, wie schlecht unser Radio eigentlich ist.

Sollte man nicht annehmen, dass Leute, die ihren Lebensunterhalt damit verdienen, andere zu unterhalten, mit der Zeit allein schon durch ihre Erfahrung unweigerlich ein bisschen… Ich weiß nicht, vielleicht: unterhaltsam werden? Sollte man nicht annehmen, dass jemand, der professionell für Geld eine Radiosendung moderiert, die hunderttausende Menschen hören (oder zehntausende, was weiß ich?) im Durchschnitt nicht wesentlich schlechter ist als jeder beliebige gottverdammte Gratis-Podcast, den man irgendwo im Internet runterladen kann?

Exkurs: Und sollte man nicht annehmen, dass es den Radiosendern irgendwann peinlich wird, über Jahre hinweg immer wieder und wieder und wieder und wieder dieselben dummen Männer-gegen-Frauen-Witzchen, -Wettkämpfe, -Meldungen und -Sprüche zu machen? Okay, amerikanische Forscher haben herausgefunden, dass Männer besser hören können, und ja, da drängt sich geradezu eine humoristische Gegenüberstellung mit dem alten Klischee auf, dass Männer nicht zuhören. Okay, irgendwer hat mal wieder herausgefunden, dass Frauen im räumlichen Denken gegenüber Männern Nachteile haben, und ja, das erklärt, warum sie alle nicht einparken können. Dafür sind Frauen aber klüger und gewinnen immer bei den komischen Quiz-Spielen, die ihr mit euren Zuhörern veranstaltet, zur Not, indem ihr sie durch dreiste Regelbeugung gewinnen lasst, was nicht nur dumm, sondern auch noch herablassend und chauvinistisch ist. Wir haben es verstanden. Ihr könnt euch ein neues Thema suchen, und ihr müsst auch nicht unbedingt um jedem Preis immer jeder Sendung von einem Mann und einer Frau gemeinsam moderieren lassen. Und den Hund könnt ihr auch weglassen, weil der ja sowieso nur die Projektionsfläche für noch mehr dumme Witze der beiden menschlichen Moderatoren ist, was ich schade finde, weil er bestimmt besser moderieren könnte als die beiden. Aber das ist schon wieder ein ganz anderes Thema. Exkurs Ende

Und wäre es nicht schlecht, wenn es zumindest einen einzigen gottverdammten Radiosender gäbe, der ein paar Songs spielt, die nicht sowieso schon jeder auf seinem MP3-Player hat und die auf jeder gottverdammten Party mindestens dreimal laufen? Einen Sender, bei dem man tatsächlich mal was hören kann, was man noch nicht kennt, und was von Leuten ausgewählt wurde, die sich echt mit Musik auskennen und vielleicht auch was von Bands mitkriegen, von denen ich noch nie gehört habe? Wäre das nicht eine echt sinnvolle Sache? Wäre das nicht eigentlich die USP, die ein Radiosender in Zeiten von YouTube und iTunes und Amazon MP3 überhaupt noch haben könnte?

Und wer freut sich eigentlich darüber, dass ihr kostbare Sendezeit damit verschwendet, irgendwelche Vollhonks live auf Sendung zu bringen, die mir dann drei Minuten lang in ihrem unerträglichen Dialekt erzählen, dass an der Ortsausfahrt von Spellahn in Richtung Thunin auf der rechten Seite hinter einer Mülltonne ein Blitzer steht? Könntet ihr diese Zeit nicht stattdessen mal für einen Song benutzen, der nicht von Lady Gaga, James Blunt oder Nickelback ist? Oder, wenn ihr das nicht wollt, für Nachrichten, in denen man tatsächlich was erfährt, und die nicht nur darin bestehen, dass ihr 48mal am Tag dieselben nichtssagenden Schlagzeilen vorlest und dann vielleicht noch mal einen Korrespondenten zuschaltet, der sagt, dass er leider auch nichts Genaues weiß, weil sein CNN-Empfang gerade gestört ist?

Oder, ganz verrückte Idee, sendet doch sogar mal was ganz anderes als Musik, sinnlose Nachrichten, dumme Witze und bescheuerte Gewinnspiele. Sendet doch mal ein Hörbuch, es kann ja ein kurzes sein, oder sogar ein Gedicht, es kann ja auch ein längeres sein, sogar mit Musik (Ist das dann ein Beat-Poem? Egal.).

Ich weiß, meine Meinung ist für euch nicht so wichtig, weil ich ja eben sowieso nie Radio höre. Aber andererseits könnte sich das ja ändern, wenn es eines Tages einen Sender geben sollte, dem zuzuhören sich tatsächlich lohnt. (Ich müsste mir dann natürlich erst ein Radio kaufen, das ich selbstverständlich sofort anmelden würde. Aber vor 2013 wird das wohl eh nichts mehr, deswegen ist es auch egal. Sie können jetzt also wirklich aufhören, hier mitzulesen.) Und vielleicht geht das ja sogar ein paar anderen Leuten auch so. Zum Beispiel all den anderen Leuten, die ich kenne, und die auch alle ausnahmslos sämtliche Radiosender hassen. Bis auf einen, aber der ist auch komisch. Und ihr würdet eben mir persönlich auch eine echt große Freunde machen. Außerdem haben wir doch in Deutschland sogar Radiosender, die gar nicht auf Profit aus sind, sondern auf Bildung und Kultur und so tolle Sachen. Wären die nicht prädestiniert für so ein Experiment? Denkt doch mal drüber nach.

Ach ja, und eins noch: Beseitigt bitte sofort Paul Panzer und den kleinen Nils. Bevor ich es tue.


Herr Niggemeier, wir müssen reden

4. Januar 2011

Sehr geehrter Herr Niggemeier,

Sie echauffieren sich völlig zu Recht und sehr unterhaltsam über die Äußerung der ARD-Vorsitzenden Emma Monika Piel, sie wolle sich vehement dafür einsetzen, auch öffentlich-rechtliche Apps kostenpflichtig zu machen, falls der Verlegerverband eine solche Maßnahme für seine Inhalte durchsetzen würde. Sie bemerken vollkommen richtig, dass diese Äußerung eine skandalöse Dummdreistigkeit darstellt, die nur dadurch zu erklären ist, dass Frau Piel vorsätzlich oder zumindest grob fahrlässig das Wesen und den Sinn des öffentlich-rechtlichen Rundfunks in Deutschland verkennt.

So weit ist alles in Ordnung. Wir müssen über etwas anderes reden, nämlich über Ihre Rechtfertigung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, die leicht verkürzt so aussieht:

Von 2012 an muss jeder Haushalt Rundfunkgebühren zahlen. Egal, ob er ein Fernsehgerät hat. Egal, ob er Fernsehen guckt. Egal, ob er ARD oder ZDF guckt.

Die Logik dahinter ist die, dass es gut für eine Gesellschaft ist, wenn die Produktion von Inhalten in einem Massenmedium nicht vollständig den Gesetzen des Marktes unterworfen ist. Ich bin ein großer Verteidiger dieser Logik und der Idee des öffentlich-rechtlichen Rundfunks — auch in Zeiten, in denen es leichter und günstiger denn je ist, Menschen publizistisch zu erreichen.

[…]

Gerade wenn alle anderen Medien hochwertige journalistische Inhalte nur noch gegen Geld anböten, müsste der öffentlich-rechtliche Rundfunk kostenlos bleiben: damit auch diejenigen Menschen, die sich die kostenpflichtigen Angebote nicht leisten können, gut versorgt werden.

Den letzten Satz habe ich beim ersten Mal falsch gelesen und mich dann mehr als nötig darüber aufgeregt, aber ich finde, dass es da auch beim zweiten Mal noch ein Problem gibt. Sie implizieren, dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk sich als soziale Errungenschaft eignet, die Informationen für alle gleichermaßen verfügbar macht, auch für die weniger gut Verdienenden. Dass Sie darüber hinaus (wie ich finde) völlig grundlos unterstellen, es wäre für Informationen irgendwie gut, nicht den Gesetzen des Marktes unterworfen zu sein, wollen wir mal ignorieren, um diesen Beitrag hier kurz zu halten, es gibt nämlich gleich Abendessen.

Kehren wir also zu der sozialen Sache zurück: Wie in Gottes Namen kommt man auf die Idee, eine Zwangsgebühr, die (ab 2012 und de facto eigentlich schon lange) unterschiedslos und in gleicher Höhe von allen Haushalten gezahlt werden muss, unabhängig davon, wie viele Menschen dazugehören, wie viel Einkommen ihnen zur Verfügung steht und ob und wie viel sie fernsehen, ob sie überhaupt einen Fernseher oder ein Radio haben, sei irgendwie eine Form von sozialem Ausgleich? Ich will nicht ganz ausschließen, dass ich das  nur aufgrund meiner Voreingenommenheit nicht begreife, aber was für eine Weltsicht ist denn das, die es als Segen für Geringverdiener verkaufen will, dass sie verpflichtet sind, für ein Angebot zu zahlen, das sie möglicherweise gar nicht nutzen? Ich meine, jetzt mal ehrlich, wer sieht denn Arte und ZDF Theater und all die vielen Bildungsprogramme, die ja nun einmal die eigentliche Existenzberechtigung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks darstellen („Wetten, dass“ würde ein Privatsender wohl auch gerade noch hinkriegen)? Sind das die Langzeitarbeitslosen und die Aldikassierer, oder sind das im Allgemeinen eher gut verdienende Akademiker, die es für völlig unverzichtbar halten, ihr Kulturfernsehen von der gesamten Bevölkerung finanzieren zu lassen, weil es ihnen sonst zu teuer wäre?

Ich will damit nicht Arbeitslose und Kassierer dissen. Ich sehe mir diese Sendungen selbst auch nicht an, weil sie mich zu Tode langweilen. Ich sehe eigentlich fast gar nicht fern. Und ich begreife nicht, wie man auf die Idee kommt, Fernsehen und Radio wären so mordswichtig für die Bildung der Bevölkerung, dass man auch Leute, die sich nicht einmal ein Zeitungsabo leisten können, dazu verpflichten muss, 18 Euro pro Monat dafür zu bezahlen. Für 18 Euro bekommt man einen durchaus ordentlichen Internetanschluss, und gerade die Leute, von denen Sie reden, verzichten dann unter Umständen auf den. Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, Herr Niggemeier, aber mir fällt die Abwägung leicht, was die sinnvollere Investition wäre, wenn ich mich zwischen Internet und öffentlich-rechtlichen Sendern entscheiden sollte. Ich müsste nicht einmal darüber nachdenken.

Nennen Sie mich einen gehässigen Moralisten, aber ich finde es einfach heuchlerisch, wenn die Leute, die gerne öffentlich-rechtliche Sendungen sehen und hören wollen, so tun, als wäre es eine gesamtgesellschaftliche Verpflichtung, ihr Vergnügen zu finanzieren, weil sie zu wissen glauben, dass alle anderen sich genauso zu informieren haben, wie sie es tun. Aber ich schätze, wenn man schon mal dabei ist, ist es nur konsequent, ihnen darüber hinaus auch noch einreden zu wollen, man täte ihnen einen Gefallen mit diesem System.


Leises Zähneknirschen

27. Oktober 2010

Endlich herrscht Rechtssicherheit, denn das Bundesverwaltungsgericht hat gesprochen, und wer ein bisschen was über Deutschland und unseren öffentlich-rechtlichen Rundfunk weiß, konnte am Ergebnis keine Zweifel haben:

Jeder internetfähige PC  ist gebührenpflichtig, weil man damit ja schließlich Sendungen empfangen kann, die die Sender ins Internet einspeisen. Das gleiche muss natürlich auch für jedes andere internetfähige Gerät gelten, zum Beispiel Mobiltelefone. Ob tatsächlich ein Internetanschluss vorhanden ist, spielt natürlich keine Rolle, solange das Gerät technisch die Möglichkeit bietet, eine Verbindung herzustellen. Wir sollten wahrscheinlich froh sein, dass noch niemand bei der GEZ an DLAN (Internet aus der Stromsteckdose) gedacht hat, sonst würden die Gebühren auch für Elektrorasierer, Toaster und Lampen fällig. Und was ist eigentlich mit Zahnkronen und -brücken? Da besteht doch auch grundsätzlich die technische Möglichkeit, Radio zu empfangen.

Natürlich, es geht nur um ein paar Euro pro Monat (Für Privathaushalte. Unternehmen zahlen pro Gerät, aber ich will hier nicht zu weit abschweifen.), und vielleicht bin ich ein dummer Prinzipienreiter, aber die schiere Unverschämtheit und Dummdreistigkeit des ganzen Systems unseres öffentlich-rechtlichen Rundfunks ist mir einfach dermaßen zuwider, dass ich Ausschlag davon kriegen könnte.

Bloß gut, dass der ganze Spuk 2013 zu Ende geht, dann kommt nämlich die Rundfunkgebührenreform, und wir kriegen endlich eine bessere fairere sinnvollere verständlichere vernünftigere teurere Lösung als bisher. Wurde auch Zeit.