Bali Bullshit

6. November 2010

Deutschlandradio Wissen hat kürzlich mal wieder einen Astrologen befragt, was die Zukunft wohl bringt. Das ist für sich schon traurig genug, aber es wird noch schlimmer. Florian Freistetter von Astrodicticum Simplex hat sehr treffend darauf hingewiesen, dass es einem öffentlich-rechtlichen Wissenssender nicht so besonders gut zu Gesicht steht, in an Humescher Skepsis geschulter Weise völlig unkritisch und distanzlos einen Vertreter einer Pseudowissenschaft einzuladen und seinen Unsinn verbreiten zu lassen, als könnte man Astrologie irgendwie ernst nehmen.

Im DRadio-Wissen-Blog hat der Sender auf diese Kritik mit dem Hinweis reagiert, Wissenschaftler hätten eben keinen Humor, weshalb Florian nicht verstanden habe, dass das ja alles gar nicht ernst gemeint war, sondern ironisch, und dass man aber andererseits auch nicht wissen kann, ob an Astrologie nicht doch was dran ist. Dass es wenigstens glaubhafter wäre, sich wenigstens auf eine der beiden Varianten festzulegen, ist in der Redaktion wohl bisher niemandem eingefallen, aber vielleicht kommt ja auch noch was. Egal, es ist lange her und vorbei, ich wollte es euch nur wissen lassen.

Nun zu etwas völlig anderem.

Hier auf Bali laufen am Strand Leute rum, die DVDs verkaufen, und außerdem haben sie noch was anderes in Pappkartons, und Keoni und ich haben erst am dritten Tag rausgefunden, was das überhaupt ist: Power Balance Armbänder. Die sehen so aus,

und sie verleihen ihrem Träger offenbar permanent GE+3, KK+3 sowie den Vorteil „Herausragende Balance“ (Das war für die, die meine letzte Rollenspielanspielung gut fanden. Alle anderen können auf dem Karton oder auf der Homepage nachlesen.)

Nachdem der Verkäufer uns das erklärt hatte, riet uns einer der anderen Surfer dringend vom Kauf ab, denn die Armbänder seien nicht die Originale, sondern gefälscht. Auf meine Nachfrage, wo denn überhaupt der Unterschied zwischen echten Quatscharmbändern und gefälschten Quatscharmbändern sei, erntete ich verständnislose Blicke von den anderen. Es konnte zwar keiner richtig erklären, wie die Dinger funktionieren sollen (Irgendwas mit Energieknoten war die herrschende Meinung.), aber irgendjemand hier am Strand hätte so ein Armband, sagten sie, und bei ihm würde es wirken, und außerdem seien die bei Surfwettbewerben verboten, womit ihre Wirksamkeit eindeutig bewiesen sei. Wir stellten die Diskussion damit ein, weil Keoni mir kräftig gegen das Schienbein trat, bevor ich antworten konnte wir neu im Camp waren und uns nicht unbeliebt machen wollten.

Im Internet habe ich abends noch mal nachgelesen und festgestellt, dass Power Balance offenbar durch aufgedruckte Hologramme (die es nicht nur als Armbänder gibt, sondern auch einfach als Aufkleber) den Energiefluss optimiert. Ist klar, oder? Seitdem habe ich diese Armbänder ziemlich oft gesehen, unter anderem auch an den Handgelenken balinesischer Verkäuferinnen in einem Einkaufszentrum in Kuta.

[Achtung, genial gelungene Überleitung zum nächsten und letzten Aspekt des Themas.] Im selben Einkaufszentrum entdeckten wir in der Wellnessabteilung noch ein weiteres Wundermittel, das uns bisher unbekannt war: Ohrkerzen.

Ja, Ohrkerzen, genau, ihr habt schon richtig gehört. Die Technik ist exakt so blöd, wie sie klingt: Die Kerzen sind innen hohl wie die Benutzer, und man steckt sie ins Ohr, um sie dann anzuzünden. Die Idee ist, dass das Feuer einen Unterdruck erzeugt, der Ohrschmalz und andere Verschmutzungen aus dem Ohr zieht und damit enorm zur Gesundheit und zum allgemeinen Wohlbefinden beiträgt.

Mal ganz ehrlich: Wie kommt man denn auf die Idee, ein hässliches Armband könnte einen gewandter und stärker machen und das Balancegefühl stärken? Wie kann sich ein halbwegs gebildeter Mensch einreden lassen, eine hohle Kerze könnte sein Ohr reinigen und ihn gesund machen?

Mich regt so etwas auf, weil wir in einer Zeit leben, in der nahezu jeder es besser wissen könnte, nein, es besser wissen müsste. Wir leben in einer Zeit, in der wir uns nicht mehr vor Dämonen und Hexenflüchen fürchten müssen, und in der wir kein Geld mehr für Schutzzauber und Glücksbringer verschwenden müssen, weil zumindest jeder, der sich einen Surfurlaub auf Bali leisten kann, mühelosen Zugang zu einem Fundus an Wissen hat, und innerhalb von Sekunden rausfinden kann, ob ihm gerade ein echtes Wundermittel angeboten wird, oder ob ihn jemand verschaukeln will. Wir könnten so froh sein, dass die Zeiten vorbei sind, in denen wir voller abergläubischer Furcht vor sonderbaren Himmels- und sonstigen Naturphänomenen erzittern, und dass wir die Chance haben, die wahren Regeln zu erkunden, nach denen die Welt um uns herum funktioniert.

Stattdessen hüllen sich immer noch viel zu viele von uns in die selbstverschuldete Ignoranz und haben unter Umständen noch die Chuzpe, andere für engstirnig zu erklären, die ihren Blödsinn nicht ernst nehmen.