Gastbeitrag von onkelmaike: Warum ich links bin

4. Januar 2017

Als ich mein Vorhaben ankündigte, einen AfD-Versteher-Gastbeitrag zu veröffentlichen, dauerte es natürlich nicht lange, bis erste Forderungen nach einem korrespondierenden Gastbeitrag einer quotenlinken Person aufkamen. Ich dachte mir, ich will nicht so sein, und das Resultat könnt ihr nun hier in Form dieses Gastbeitrags von onkelmaike lesen. Bitte sehr:

Ich bin links, weil ich links erzogen wurde. Jahrgang ’74, wurde ich mitten in die sich auch in meiner Familie manifestierenden politischen und kulturellen Auseinandersetzungen zwischen alter Bundesrepublik und 68er-Bewegung hineingeboren. Meine Großeltern waren kleinbürgerliche CDU-Wähler vom Dorf, meine Mama (die aber Christine genannt werden wollte) hingegen stark von der antiautoritären und grünen Bewegung beeinflusst. Weihnachten und wann immer möglich, wurde sich in der Familie sich laut und wütend über Sinn und Unsinn von Atomkraftwerken oder das Asylrecht gestritten (Wir erinnern uns: Es waren ja schon immer zu viele Flüchtlinge, auch als es noch viel weniger waren).

Als ich geboren wurde, war die Befreiung von Auschwitz dreißig Jahre her – Und wer sich nicht erinnert, wiederholt!, fanden die Achtundsechziger. Aber auch, wer noch nichts zu vergessen hat, konnte sich gar nicht früh genug politisch bilden. Meine Kinderbücher, wie beispielsweise, „Damals war es Friederich“ oder auch das berühmte „Tagebuch der Anne Frank“, das uns mein Grundschullehrer Ferdinand (siehe oben) vorlas, handelten von jüdischen Kindern die von einem Tag auf den anderen aus einem freundlichen normalen Leben gerissen und von den Nazis umgebracht wurden. Die Botschaft „Rassismus tötet“ wurde mir so früh nachdrücklich vermittelt.

Auf der nach antiautoritären Leitlinien ausgerichteten Schule, die ich von der ersten bis zur zehnten Klasse besuchte, gab es in den ersten sieben Jahren keine Schulnoten, eher wenig geordneten Unterricht, keinen Zwang, sich in bestimmten Räumen, wie etwa dem Klassenzimmer, aufzuhalten und auch sonst wenig Vorgaben. Wir hatten viel Zeit und Raum, uns den Dingen zu widmen, zu denen wir Lust hatten. Der Mensch lernt intrinsisch motiviert, aus der ihm angeborenen Neugierde heraus, ein Leben ohne Zwang ist möglich!, dachten unsere linken Lehrer. Ich finde, dass dieses Erziehungskonzept in meinem Fall einigermaßen aufgegangen ist. Ich bin tatsächlich zu einem neugierigen, begeisterungsfähigen Menschen mit Freude am Lernen geworden. (Neugieriger, begeisterungsfähiger Mensch mit Freude am Lernen, der auf eine ziemlich anstrengende Kindheit zurückblicken kann, allerdings. Entgegen ihrer Annahme hatten dieAchtundsechziger ja nicht die Gemeinheit und Gewalt in sich oder ihren Kindern abgeschafft, was sich in einem solchen anarchistischen Setting teilweise ungehemmter Bahn brechen konnte. Einen geschützten Klassenraum habe ich mir beispielsweise oft gewünscht.).
Und so wie ich sind meine Mitschülerinnen und Mitschüler eigentlich alle geworden. Einige der Jungs in meiner Klasse konnten in der sechsten Klasse noch nicht lesen und schreiben (ich nehme an, sie hatten bis dahin was Spannenderes zu tun gehabt) – Abitur und Karriere haben sie irgendwann trotzdem gemacht. Ich denke, weil sie sich irgendwann dazu entschieden haben, weil sie einen Sinn darin erkannten. „Wir müssen Euch jetzt leider Noten und Zeugnisse geben, sagten die Lehrer als es auf die ersten Abschlüsse in der neunten Klasse zuging. „Wir wissen selber, dass es Quatsch ist, menschliches Verhalten auf einer Skala von 1 – 6 einzuordnen ist, aber das System will es nun mal so.“ Jetzt ist meine Schulzeit lange her. Ich habe mich viel damit auseinandergesetzt. Vieles, was unsere Lehrer dachten und was mit uns gemacht wurde, finde ich inzwischen falsch. Als passionierte Vulgärfreudianerin denke ich, dass deren Erziehungsmethoden häufig eher auf die Vätergeneration und nicht wirklich auf uns Kinder abzielten. Trotzdem war ihr Bemühen um weniger Zwang mehr Freiheit und letztlich Liebe aufrichtig.

Als Teenager fing ich an, den Spiegel lesen und die politische Welt stellte sich dort als vier Parteien-Universum da – Am guten Ende die Grünen und am schlechten die CDU. Christine trat den Grünen bei. Irgendwann vergaß sie, ihre Mitgliedsbeiträge zu entrichten. Oma sprang mürrisch für sie ein und nahm dafür im Austausch das Recht in Anspruch, ihre Tochter mal wieder, wie immer, nicht richtig ernst nehmen zu müssen.
„Es gibt doch bestimmt auch eine grüne Jugendgruppe.“, sagte Christine als ich ebenfalls auf die Idee kam, mich politisch zu betätigen. Und tatsächlich gab es eine solche. Sie nannte sich die Grün-Bunte-Jugend und sie traf sich im Café Rhizom in Hannover-Linden. Die Grün-Bunte Jugend Hannover war jedoch nur dem Namen nach „grün“. Eigentlich war es eine trotzkistische Zelle. An meinem ersten Abend bekehrten mich die Gruppenmitglieder Sascha und Jolli zum Kommunismus. Sie erklärten mir, im Verhältnis zwischen Industriestaaten und Afrika gehe es ungerecht zu, Terms of Trade und so, woran der der Kapitalismus schuld sei, aber eine bessere Welt möglich und wir sollten uns deshalb dafür einsetzen.

Das ist nun bald dreißig Jahre her, aber an meiner Haltung hat sich nicht viel geändert. Immer noch denke ich, dass der Kapitalismus in seiner real existierenden Form der Welt und den Menschen schadet und ungerecht ist. In meinen Augen wird ständig und überall deutlich, dass wir einen neuen  Wachstumsbegriff (oder gar keinen mehr) brauchen. Es wird die Welt nicht retten, wenn Griechenland wettbewerbsfähiger wird. Es bedarf anderer Lösungen. Im Unterschied zu früher bin ich allerdings weniger selbstgewiss. Das, wofür ich stehe, beruht auf dem, was ich glaube. Nichts davon, wie etwas die universelle Geltung der Menschenrechte, könnte ich beweisen. Je länger ich mich mit der Frage beschäftige, desto weniger bin ich mir sicher im engeren Sinn des Begriffes „links“ zu sein. Hierzu gehört es ja (meinem Verständnis zufolge zumindest), um eine sinnvolle Abgrenzung zum Liberalismus treffen zu können, Vergesellschaftung bzw. Verstaatlichung von Produktionsmitteln, jedenfalls ein mehr an Staatlichkeit zu fordern. Vieles deutet für mich auch darauf hin, dass dies sinnvoll ist. Aber ganz sicher bin ich mir nicht mehr.

Im Ergebnis ist wohl viel von meinem Linkssein kulturell und von meinen eigenen Bildern geprägt. Links sein heißt für mich: Underdog sein oder zumindest für die Underdogs sein. Links sein heißt teilen. Links sein heißt selbstkritisch, bildungs- und diskursorientiert sein. Es kann immer sein, dass man selber sich irrt und die anderen recht haben. Links sein heißt manchmal auch naiv sein. Diese alles zusammengenommen heißt dann auch, dass links sein in der Regel bedeutet den nicht-Linken im Kampf um die politische Macht hoffnungslos unterlegen zu sein. Wirklich links sein heißt für mich auch mutig und zum persönlichen Risiko bereit zu sein und auch mal einen Kampf aufzunehmen, von dem man schon vorher weiß, dass er nicht zu gewinnen ist.
Links sein heißt für mich altruistisch sein. Allerdings aus egoistischen Motiven. Denn ich finde, dass es sich mit einem linken Haltung und in einer gerechteren Welt schöner lebt. Es fühlt sich gut an zu sagen: Ich habe mehr als ich brauche, ich gebe gerne was ab. Um ein konkretes Beispiel zu nennen, seit einigen Jahren engagiere ich mich für Flüchtlinge. Auch, wenn das manchmal traurig ist, hat es mein Leben sehr auf sehr vielen Ebenen bereichert, schöner und weniger einsam gemacht.

Ich möchte diesen langen Text mit einem Happy End schließen: So wie die Grünen und die CDU immer näher zusammen finden, ist in in meiner Familie längst Harmonie eingekehrt. Die Zeiten ernster politischer und sonstiger Streitereien sind vorbei. Meine Mutter und meine Großmutter mögen sich inzwischen mindestens so gerne wie Angela Merkel und Winfried Kretschmann, wenngleich meine Mutter natürlich seit Jahrzehnten nicht mehr grün, sondern links wählt.

Das war der Beitrag von onkelmaike. Anders als bei Gerhard Rhiel habe ich da nicht besonders viele Fragen, weil es meines Erachtens eher ein sehr interessanter und sympathischer Erlebnisbericht ist als eine politische Stellungnahme. Natürlich könnte ich trotzdem ein bisschen dran rummäkeln – zum Beispiel, dass der Begriff „links“ hier meines Erachtens zu unspezifisch sympathisch-nett verschwurbelt wird, womit die Probleme, die ich in der Haltung vieler sich als links bezeichnender Menschen sehe, vernebelt werden könnten, so wie das manchmal auch mit „christlich“ passiert, wenn Leute meinen, das hieße einfach nur, nett zu anderen zu sein, ein bisschen pazifistisch, und Weihnachten und so. Aber sonst: Nur zu. Wenn das euer Links ist, habe ich kein großes Problem damit.

Na gut, doch. Ein bisschen was hab ich schon: Was deutet denn für dich darauf hin, dass die Verstaatlichung von Produktionsmitteln sinnvoll wäre? Und wie stehst du zu dem Problem, dass das zu einer noch weitergehenden Zentralisierung von Macht und Reichtum führt, als wir sie zurzeit sowieso schon haben? Schweben dir da àusgleichende Gegenmaßnahmen vor?

Wie grenzt du dich als politisch links stehende von politisch rechts stehenden Menschen ab? Also, was verstehst du unter rechts?

Und, auf einer anderen Ebene:

Was meinst du denn mit dem Satz „Nichts davon, wie etwas die universelle Geltung der Menschenrechte, könnte ich beweisen.“? Für mich ergibt der keinen Sinn, deshalb wäre ich für eine möglichst fundamentale Erläuterung dankbar.

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