Una sancta

25. Dezember 2010

Spoilerwarnung! Dieser Beitrag ist nicht geeignet für Leser, die ihre Weihnachtsstimmung noch eine Weile beibehalten wollen und die befürchten, dass diese durch die Lektüre eines meiner antireligiösen Rants Schaden nehmen könnte.

VATICAN CITY, VATICAN - DECEMBER 24: Pope Benedict XVI attends the Christmas Eve Mass at St. Peter's Basilica on December 24, 2010 in Vatican City, Vatican. (Photo by Franco Origlia/Getty Images)

Manchmal, insbesondere im Urlaub, besichtigen Keoni und ich Kirchen. Und manchmal finden wir sie sehr schön und denken dann: Eigentlich wäre es doch eine nette Geste, hier jetzt was zu spenden, schließlich haben wir ja keinen Eintritt bezahlt und trotzdem ordentlich was zu sehen bekommen.

Aber dann denke ich wieder an so Fälle wie diesen:

Ein katholisches Krankenhaus in den USA führt einen Schwangerschaftsabbruch durch, der erforderlich ist, um das Leben der Mutter zu retten. Der örtlich zuständige Bischof erklärt daraufhin ein Mitglied des Ethikkommitees der Klinik für exkommuniziert und droht damit, die Unterstützung des Krankenhauses einzustellen. Die Konferenz der US-amerikanischen Bischöfe steht ihm bei.

Und dann denke ich doch wieder, dass ich diesen Laden schon ausreichend fördere, indem ich nicht mit faulem Obst werfe.

Und dann denke ich weiter, und irgendwann bin ich zuverlässig an einem Punkt, an dem ich einfach nur noch kopfschüttelnd neben Keoni herlaufe und mit mir ringe, um ihr nicht schon wieder mit der alten Leier in den Ohren zu liegen. Ich verstehe es aber auch einfach nicht: Da ist diese Organisation, die über Jahrzehnte hinweg Mitarbeiter hin und her geschoben hat, die Kinder vergewaltigt hatten. Das Oberhaupt dieser Organisation, das sich übrigens als Gottes Statthalter auf Erden ausgibt und hin und wieder Unfehlbarkeit für sich beansprucht, war darüber offenbar nicht nur informiert, sondern auch zumindest insofern beteiligt, als es andere schriftlich angewiesen hat, solche Angelegenheiten geheim zu halten. Und das ist nur eine der jüngeren Abscheulichkeiten, die die römisch-katholische Kirche begangen hat.

Hin und wieder verkündet dieser Statthalter Gottes von seinem Thron in seinem riesigen Palast aus, dass er es doof findet, dass so viele Leute an weltlichen Reichtümern hängen, und niemanden interessiert, was das Gewand gekostet hat, das er trägt, während er solche Weisheiten von sich gibt. Die anderen Botschaften dieser Leute sind nicht weniger absurd, zum Beispiel die körperliche Verwandlung von Oblaten und Wein in das Blut und das Fleisch ihres Gottes, die Sündhaftigkeit bestimmter freiwillig zwischen erwachsenen Menschen stattfindenden Sexualakten, das irgendwie manchmal vielleicht doch nicht ganz vollständige Verbot von Verhütungsmitteln sowie natürlich die ewige Verdammnis aller, die ihrem komischen Club nicht beitreten mögen.

Trotz all dem gilt diese erbärmliche Organisation nach wie vor als moralische Autorität, die zuverlässig um ihre Meinung gebeten wird, wenn ethische Regelungen gesucht werden. Wieso? Wenn ich was über fairen Umgang mit Minderheiten wissen will, gehe ich doch auch nicht zum Klan!

Und dieser erbärmliche Kasper, der ihr vorsteht, wird von unseren Medien noch immer so ernst genommen, dass sie jedes Jahr wieder voller Freude herauströten, er hätte seiner Stadt und dem Weltkreis seinen Segen erteilt, und was auch immer er und seine Schergen halt sonst noch so zu sagen hatten. In diesem Jahr haben sie uns vor den Risiken der Präimplantationsdiagnostik gewarnt. Danke.

Dazu kann man stehen, wie man will, das ist ein schwieriges Thema. Aber warum in aller Welt interessiert es jemanden, was ausgerechnet diese Leute dazu zu sagen haben, die schon qua Amt jeglichen Anspruch auf Moral und Seriosität verloren haben? (Am Rande: Da die katholische Kirche es nicht für nötig hält, sich in Bezug auf PID neue Argumente einfallen zu lassen, mache ich das genauso und verweise auf meinen letzten Artikel dazu.)

Warum kann ein Bischof in einer Podiumsdiskussion sitzen und voller Inbrunst davon erzählen, was sein unsichtbarer Freund von uns erwartet, ohne ausgelacht zu werden? Warum können diese Leute noch immer öffentlich ihre bizarren Karnevalreden schwingen und dafür Respekt und Gehorsam beanspruchen? Wo bleibt der Tusch? Was ist eigentlich los mit uns?


Was ich nicht verstehe

21. November 2010

ist, wie ein Mensch auf die Idee kommt, dass ein wunderlicher alter Mann in einem Palast in Rom, gehüllt in kostbare, aber nicht mehr ganz zeitgemäße Gewänder, mit einem albernen Hut auf, ihm irgendetwas zu der Frage zu sagen hat, ob und unter welchen Umständen er ein Kondom benutzen darf oder nicht.


Papstbashing ist billig und einfallslos,

18. September 2010

deswegen mache ich es kurz und hoffe auf euer Verständnis:

Er sagte, kirchliche Führungskräfte hätten nicht „ausreichend wachsam“ oder „ausreichend schnell und entschieden“auf Missbrauchsfälle reagiert.

Benedikt sagte Reportern auf dem Flug aus Rom, dass das Interesse der Kirche vor allem den Missbrauchsopfern gelte.

[Großbritannien] sollte nicht das christliche Fundament verschleiern, das seine Freiheiten stützt.

Er nannte auch die „Nazi-Tyrannei“ als ein Beispiel „der ernüchternden Lehren aus atheistischem Extremismus im 20. Jahrhundert“


Papst-Ökonomie

13. Juli 2009

In der FAZ steht ein Interview mit einem Wirtschaftsethiker. Der heißt Professor Peter Ulrich und findet die Ideen des Papstes zur neuen Wirtschaftsordnung offenbar richtig gut. Kurz zusammengefasst ist der Heilige Vater für mehr Ethik, weniger Spekulation und eine „echte politische Weltautorität“, die die Weltwirtschaft steuert. Nun kann man gegen Ethik nicht viel sagen, und Spekulation kann naturgemäß auch wirklich schädlich sein, aber trotzdem werde ich bei solchen Sprüchen immer ein bisschen kribbelig, insbesondere bei Autoritäten, die irgendwas weltweit steuern sollen. Papst-Bashing ist mir zu billig, ich klaue ja auch keine Lutscher von Babys, aber zu den Äußerungen von Herrn Professor Ulrich möchte ich ein bisschen was sagen.

Nun ist das gar nicht so einfach, denn in dem Interview findet sich nicht viel kommentierbarer Inhalt. Der größte Teil besteht aus solchem Gerede wie

„Gewinnmaximierung heißt ja, dass ich alle damit konfligierenden Wertgesichtspunkte dieser einen Dimension unterordne, ohne Rücksicht auf die Folgen für die betroffenen Menschen.“

oder

„An die Spitze einflussreicher Unternehmen gehören Leute, die glaubwürdig sind, weil sie integer sind und ihr Wirtschaftsdenken nicht von ihrem Selbstverständnis als anständige Bürger abspalten.“

Man kann dem schwer widersprechen, aber man kann dem meiner Meinung nach auch keinen ernsthaften handhabbaren Vorschlag zu einer Verbesserung unseres Wirtschaftssystems entnehmen. „Es gibt eine Alternative zur Gewinnmaximierung“, steht über dem Interview, aber drin steht nur romantisches Geschwurbel, das jeder gute Politiklehrer in den Arbeiten seiner Schüler ganz dunkelrot markieren müsste. Zum Beispiel:

„Eine faire, ausgewogene Wirtschaftsweise würde immer damit beginnen zu fragen, welche legitimen Ansprüche von wirtschaftlichem Handeln betroffen sind.“

Aha. Ja. Ok. Und jetzt?

„Unser Ziel sollte eine Gesellschaft sein, in der möglichst alle Bürger in realer Freiheit leben. Dazu müssen wir zwischen Bürgerfreiheit und freiem Markt klar unterscheiden.“

Au ja, das klingt fein. Dann machen wir das doch ab jetzt so, oder?

Mit freundlicher Unterstützung durch Oliver von F!XMBR habe ich einen einzigen echten Handlungsvorschlag gefunden, und der lautet, dass Schülern im Wirtschaftskundeunterricht beigebracht werden muss, „dass Konsum allein nicht die Erfüllung des Lebens ausmacht“. So einfach ist das. Ich weiß nicht, ob die Lehrerschaft sich sehr verändert hat, aber mir wurde diese Erleuchtung zu Schulzeiten im Politik-, Deutsch-, Latein-, Kunst-, Geschichts- und sogar im Sportunterricht permanent über den Kopf gehauen, und ich muss gestehen, dass sie mich nicht sehr nachhaltig beeindruckt hat. Natürlich trifft auch dieser Spruch zu, aber gerade weil er so offensichtlich stimmt, ist er vollkommen trivial und sagt uns eigentlich doch wieder gar nichts.

Die „Alternative zur Gewinnmaximierung“ sieht also so aus, dass wir eine „faire, ausgewogene Wirtschaftsweise“ brauchen, mit Leuten an der Spitze, die „glaubwürdig“ sind, und dass möglichst alle Bürger „in realer Freiheit leben“. Noch mal: Der Mann lehrt an einer Universität. Er ist Professor. Er forscht seit Jahren in diesem Bereich. Er hat ein Institut für Wirtschaftsethik gegründet.

Nebenbei: Dass wir die Krise vor allem hemmungslosem Gewinnstreben zu verdanken haben, halte ich für eine grobe Vereinfachung an der Grenze zur schlichten Unwahrheit. Dazu habe ich hier vor einiger Zeit schon mal ein bisschen was geschrieben. Kurz gesagt hat die Krise meiner Meinung nach viel mehr mit völlig falschen Anreizen zu tun, gesetzt von einer Regierung, die unbedingt jedem ein Eigenheim finanziert haben wollte und dafür diese merkwürdigen quasi-staatlichen Vehikel Fanny Mae und Freddy Mac geschaffen hat. Und dann natürlich mit einer gewissen Dummdreistigkeit der beteiligten Banken, die, wie wir gerade erleben, leider völlig gerechtfertigt war. Vielleicht wäre das Wirtschaftssystem, das Herr Professor Ulrich einrichten will, wirklich angenehm zum Leben. Aber wer glaubt, dass es darin keine Krisen mehr gäbe, der ist vielleicht ein echt netter Kerl, versteht aber nicht viel von Ökonomie.

Zum Schluss sagt Professor Ulrich:

„Vor zwanzig Jahren hat man oft den Satz des Satirikers Karl Kraus gehört, in dem ein Student zu seinem Professor kommt und sagt, er möchte gerne Wirtschaftsethik studieren, und der Professor erwidert: ‚Nun entscheiden Sie sich mal, junger Mann: das eine oder das andere?'“

Anscheinend muss man sich wirklich entscheiden.