I wear a demeanor made of bright pretty things

6. September 2011

Ich bin kein besonders rücksichtsvoller Mensch. Ich ziehe Offenheit in der Regel Höflichkeit vor. Mein Humor tendiert oft eher zum Gehässigen. Ich verliere zumeist lieber einen Freund als einen Pointe. Und ich halte mich auch nicht für sensibel.

Aber es gibt doch so Leute, bei denen ich staune, wie weit man es damit treiben kann. Heute bin ich wieder so jemandem begegnet. Heute habe ich, nachdem ich schon zweimal das zweifelhafte Vergnügen hatte, mit ihr zu telefonieren, persönlich die möglicherweise unfreundlichste Immobilienmaklerin der Welt kennengelernt. Bereits im Vorhinein hatte sie sich redlich bemüht, mir von dem heutigen Besichtigungstermin abzuraten, und auch betont, dass sie eigentlich gar keine Zeit hatte und mir nur schnell alles zeigen konnte, bevor sie weiter musste. Auch wenn ich am suboptimalen Verlauf unseres Treffens nicht ganz unbeteiligt war, bin ich doch noch immer unsicher, wie man mit so obstinater Weigerung, sich an die einfachsten Regeln zur Schmierung zwischenmenschlicher Interaktion zu halten, angemessen umgehen sollte.

Es begann damit, dass ich davon ausging, das Haus mit der Nummer 21 könnte sich doch plausiblerweise zwischen der 19 und der 23 befinden, und deshalb einer Querstraße folgte, bis ich schließlich auf ein unnumeriertes Haus stieß und mich dort vergebens umsah.Weil es da schon 17:05 Uhr war, rief ich die unfreundlichste Maklerin der Welt an. Ich erreichte ihre Mailbox und sprach darauf, dass ich jetzt möglicherweise da sei, möglicherweise aber auch nicht. Ich fragte, ob ich mich vielleicht im Termin geirrt hatte, oder in der Adresse, und bat um einen Rückruf. Der ließ bis 17:15 auf sich warten und klang ungefähr so:

„Nein, Herr Silberstreif, Sie haben sich den Termin richtig eingetragen. Wir warten jetzt schon seit einer Viertelstunde auf Sie. Ich hoffe, Sie haben sich das Exposé ausgedruckt. Da ist auf der letzten Seite eine genaue Wegbeschreibung, der Sie nur folgen müssen.“

Okay, egal. Gerade mit Leuten, mit denen ich nur am Rande zu tun habe, ist mir ein Streit nicht die Mühe wert, und ich sagte einfach nur, dass ich mich dann jetzt beeilen würde, und entschuldigte mich dafür, dass wir uns nun noch mehr beeilen würden müssen. Meine Schuld, sagte ich.

„Genau“,

sagte sie. Und das ging die ganze Zeit so weiter. Als sie über die Baugenehmigung sprach und die Auflagen, und ich sie bat, mir die gelegentlich in Kopie zu geben, damit ich sie mir noch mal genauer ansehen könnte, erwiderte sie:

„Ich weiß nicht, was Sie sich da genauer ansehen wollen. Das ist einfach §8 Baunutzungsverordnung.“

Ich befürchte, dass die ganze irritierende Merkwürdigkeit eines halbstündigen Gesprächs, in dem das Gegenüber ausschließlich in diesem Stil antwortet, obwohl sie diejenige ist, die mir etwas verkaufen will, sich hier nicht ausreichend veranschaulich lässt, aber vielleicht konnte ich einen Eindruck vermitteln davon, was ich meine, und warum ich mich frage, ob solche Leute das mit Absicht machen – was mir unverständlich wäre, weil sie sich doch damit nur selbst in den Fuß schießen -, oder ob sie das selbst gar nicht wahrnhmen – was ein unvorstellbares Ausmaß an Realitätsresistenz erfordern würde -, oder ob sie vielleicht einfach nicht anders können – was vielleicht die traurigste Möglichkeit wäre.

Vor ungefähr eineinhalb Jahren hatte ich das letzte Mal mit so einem extremen Ekel Kontakt. Da war ich mit Herrn R und Herrn W verabredet, und fand vor dem Eingang zwei Herren vor, von denen einer ein Namensschild trug, das ihn als Herrn R auswies. Ich begrüßte ihn mit Namen und den anderen mit den Worten: „Sie sind dann wohl Herr W.“, woraufhin er mit gerümpfter Nase und abschätzigem Blick grummelte: „Sie haben wohl eine besondere Auffassungsgabe.“ Auch wieder Leute, die mir was verkaufen wollten. Und damals habe ich mich auch schon gefragt: Was geht in dem Kopf von diesem Herrn W vor? Ist das ein Außerirdischer, oder verfolgt er einen finsteren Plan? Oder meint er das alles ganz anders und wird nur immer missverstanden, weil er seinen Gesichtsausdruck und seinen Tonfall nicht unter Kontrolle hat?

Und ist es eigentlich ungewöhnlich, dass ich vor laute Staunen und Rätseln über die passende Reaktion nie dazu komme, beleidigt zu sein? Hätte ich sie zur Ordnung rufen sollen, oder mich bei der Sparkasse beschweren, die sie repräsentiert? Ist es vielleicht doch die beste Möglichkeit, diese Art Mensch sich selbst zu überlassen und darauf zu vertrauen, dass sie ihre eigene Strafe sind, oder denke ich das nur aus Faulheit und Desinteresse am Schicksal dieser Gesellschaft?

(Und ist dieser Post eigentlich viel zu lang und uninteressant in Anbetracht des doch eher bescheidenen Inhalts, den er transportiert?)


homini lupus

9. Februar 2011

Wer einmal selbst ganz anschaulich erfahren will, wie dünn und brüchig der Firnis der Zivilisation über der steinzeitlichen Natur des modernen Menschen ist, der muss anscheinend nur eine Waschanlage besuchen.

Gestern Abend hatte ich da schon wieder so ein Erlebnis, das mich daran zweifeln lässt, ob der Dritte Weltkrieg nicht doch ein wünschenswertes Endresultat der Mubarak-Proteste wäre.

Mein Auto sieht aus Gründen schon seit einigen Tagen so aus, als würde es des Nachts heimlich bei Colin McRaes Dirt mitspielen. Gestern wurde es nun wirklich dringend Zeit, etwas zu unternehmen, und ich musste sowieso tanken, deshalb kaufte ich neben einem leckeren Eis gleich noch einen Waschcode mit und fuhr um die Tankstelle herum zur Waschanlage.

Mit gelinder Ernüchterung sah ich, dass dort bereits drei andere Autos warteten. Aber nun hatte ich den blöden Zettel mit dem Code gekauft, und auf meinem Rücksitz lagen eh noch drei vernachlässigte NJW, deswegen fuhr ich hinter das letzte der drei Autos, stellte den Motor ab und die Musik an, und begann zu lesen.

Weil es mir zu blöd war, alle paar Minuten den Motor anzulassen, um zwei Meter vorzufahren und den Motor dann wieder abzustellen, blieb ich einfach stehen, wo ich war, obwohl die drei Wagen vor mir natürlich nach und nach vor- und schließlich in die Anlage einrückten.

Ich stand in einer Reihe von Autos auf einem reichlich langen Weg, der ausschließlich dem Zugang zur Waschanlage diente, und hinter mir wartete die ganze Zeit über nur ein einziger weiterer Kunde. Ich verursachte also keinerlei Behinderung oder sonstige Unannehmlichkeit. Deswegen ignorierte ich auch die Lichthupe des Herrn hinter mir, die nach der Einfahrt des zweiten Wagens einsetzte.

Als die Türen der Anlage sich gerade hinter dem letzten meiner Vorgänger geschlossen hatten, kurvte plötzlich sehr schwungvoll ein neu hinzugekommener schwarzer Corsa an mir vorbei und platzierte sich direkt vor besagtem Tor. Ein glatzköpfiger junger Mann stieg aus und lehnte sich mit verschränkten Armen wartend an sein Auto.

Nur um Missverständnissen vorzubeugen: Es war ein etwas breiterer, aber im Prinzip einspuriger Weg, der ausschließlich zur Waschanlage führte. Es war kein Irrtum darüber möglich, warum ich da stand.

Ich seufzte und überlegte gerade noch, ob ich jetzt eine Diskussion mit dem Herrn brauchte, als es an meiner Scheibe klopfte.
„Ja, warum sind Sie denn nicht vorgefahren?“ quengelte der Mensch aus dem Wagen hinter mir.
„Ich hatte keinen Grund, es wäre doch dadurch auch nicht schneller gegangen, oder?“ antwortete ich.
„Ja, aber dann wäre sowas nicht passiert!“ moserte er im Gehen, um noch hinterherzuwerfen: „Fahren Sie jetzt bitte vor!“

Ich stieg etwas verwirrt aus und machte mich auf den Weg zu dem haarlosen Corsafahrer.
„Guten Abend“, sagte ich, „Würd’s Ihnen etwas ausmachen, mich vorzulassen? Ich stand da ja doch schon eine ganze Weile.“
„Ja, also!“ erwiderte der junge Mann, und die Entrüstung brach sich nicht nur in seiner Stimme Bahn, sondern auch in einer ausladenden Geste, die offensichtlich meine Zurechnungsfähigkeit infrage stellen sollte, „Da stelle ich dann aber auch die Gegenfrage: Warum sind Sie denn nicht vorgefahren?“ Genau so hat er das gesagt. Wörtlich. ‚Da stelle ich dann aber auch die Gegenfrage.‘
„Naja“, antwortete ich, ein bisschen hilflos wie die Leute bei der Versteckten Kamera, wenn der Wahnsinn langsam offensichtlicher wird, „Was hätte ich denn davon gehabt?“
„Also“, sagte er missbilligend, „Ist ja schon ziemlich ungewöhnlich, aber na gut. Dann fahren Sie mal vor.“

Er stieg ein und machte mir Platz, und ich fuhr in die Waschanlage. Während ich den Code eingab, hörte ich ihn noch mit dem zweiten Herrn von hinter mir diskutieren, der offenbar nun auch Vorrang beanspruchte.

„Ja, aber nun steh ich halt hier“, sagte der junge Mann.
„Was kann ich denn dafür, wenn mein Vordermann einfach nicht vorfährt!“ keifte der andere mit einem hasserfüllten Blick in meine Richtung.

Während ihre wütenden Stimmen hinter mir verklangen, kehrte ich in die Waschanlage zurück und öffnete das Brownie-Eis aus der Tankstelle, auf das ich mich die ganze Zeit gefreut hatte.

Liegt das an mir, oder haben die alle einen ganz gewaltigen Hau?


Oh, be careful little mind what you think

21. Juli 2010

Ich habe gestern Abend eine runde Dreiviertelstunde lang mit einem Pastor geplaudert, und es war ein sehr nettes Gespräch. Ich würde es eigentlich gerne detaillierter schildern, aber wir haben vereinbart, dass es ein privates Gespräch bleibt, und daran werde ich mich halten.

Aber ich möchte trotzdem kurz etwas dazu sagen: Auch wenn Rayson es bezweifeln mag, bin ich mir ziemlich sicher, dass ich nie die Fähigkeit verlieren werde, mich über andere Menschen zu wundern. Über einen unheimlich freundlichen und offenbar sehr klugen Mann, der mir sagt, dass ich nach meinem Tod in die Hölle käme und dort gequält würde, einfach nur, weil ich Jesus nicht als meinen Erlöser anerkenne, und der trotzdem findet, dass der Gott, der mir das seinem Glauben nach antun wird, ein gerechter, barmherziger und liebevoller Gott ist. Es war das erste Mal, dass ein Christ mir das so ohne Umschweife gesagt hat, und während ich mich über seine Konsequenz und Ehrlichkeit gefreut habe, ist mir doch schleierhaft, wie er unter diesen Voraussetzungen Christ sein kann.

Noch viel unbegreiflicher als den Glauben an diesen Gott finde ich die Verehrung dieses Gottes. Wenn ich glaubte, dass dieser Gott existiert, der Menschen zu ewiger Qual verdammt, dann hätte ich außer schrecklicher Angst nicht viel mehr für ihn übrig als Verachtung. Natürlich könnte er mich zwingen, ihn anzubeten, aber ich könnte ihn beim besten Willen nicht lieben oder auch nur respektieren. Er wäre nicht mehr als ein erbärmlicher Rüpel.


Wen kümmert’s?

17. Juli 2009

Wer regelmäßig Blogs liest und auf diese Weise aufmerksam die Debatte um Netzzensur, Vodafone und deren Werbung verfolgt, wird wohl den Eindruck gewinnen, dass diese Themen aktuell eine ziemlich bedeutende Rolle auf der politischen Tagesordnung spielen. Vielleicht nicht explizit, aber doch. Andererseits kommt es mir so vor, dass sie in den klassischen Medien kaum beachtet werden.

Es sollte nicht direkt den Charakter einer Umfrage haben, aber ich habe deshalb in der letzten Zeit mit insgesamt sieben anderen Menschen in der wirklichen Welt versucht, ein Gespräch über diese Themen zu führen. Vier von ihnen sind so ganz grob um die 30 und nutzen regelmäßig auch privat das Internet, drei weitere sind deutlich über 40 und haben zumindest privat mit Computern gar nichts am Hut. Zwei der vier jüngeren arbeiten für eine kleine Werbeagentur, von den übrigen fünf sind immerhin vier Vodafone-Kunden. Es besteht also ein gewisser Bezug zum Thema. Alle sieben sind berufstätig, stehen in jeder Hinsicht ganz normal im Leben und ich halte sie eigentlich alle für ganz gut informiert, auch wenn keiner von ihnen Blog-Leser ist. Das mal so zur groben Einschätzung der Ergebnisse.

  • Drei von ihnen wussten nicht, wer Ursula von der Leyen ist.
  • Keiner von ihnen wusste, wer Sascha Lobo ist.
  • Sechs konnten überhaupt gar nichts mit dem Thema Internetsperren anfangen. Der siebte hatte so eine vage Ahnung, dass da was war.
  • Keiner wusste, dass bei für gegen um Vodafone gerade sowas wie eine Marketing-Kampagne läuft.
  • Keiner von den sieben Leuten hielt es für denkbar, dass Kinderpornographie in Indien legal sein könnte, alle hielten es für ausgesprochen unverschämt, so etwas zu behaupten.
  • Keiner zeigte besonderes Interesse, über diese Themen mehr zu erfahren oder überhaupt darüber zu reden.

Mir ist natürlich klar, dass das eine rein anekdotische Beobachtung ist, aber aufschlussreich fand ich sie doch.


Parallelwelten (2)

4. Juli 2009

Es ist schon viele Jahre her, dass ich innerhalb weniger Tage nacheinander in der Mensa die zwei Gespräche belauschte, um die es hier geht. Ich werde sie aber wahrscheinlich nie vergessen. Die erste Unterhaltung zwischen zwei männlichen BWL-Studenten befasste sich mit dem Vor- und Nachteilen von Salami und Schinken. Es begann mit entgegengesetzten Ansichten, endete aber erfreulicherweise im Konsens mit dem folgenden Austausch:

„Ja, klar, Schinken schmeckt schon irgendwie besser; aber bei Salami hat man einfach mehr Fleisch für’s Geld, oder?“
„Ja. Haste Recht.“

Bei dem zweiten Gespräch ging es um die verschiedenen Arten Milch, die man so kaufen kann. Es fand statt zwischen zwei Sozialwesen-Studenten, die eine weiblich, der andere männlich. Auch hier ist es vor allem das Ende, das mir deutlich machte, wie weit Menschen voneinander entfernt sein können.

„Ich kauf doch keine fettarme Milch, ich bin doch nicht bescheuert, ich kauf immer die Vollmilch, und die kann ich dann doch mit Wasser verdünnen.“
„Eigentlich ’ne coole Idee, das ist dann ja viel billiger, ne?“
„Genau!“