Heiko Maas kämpft gegen Hass im Internet.

18. Juli 2017

Ja, ich weiß, es gab schlimmere aktuelle Exemplare schlechter Berichterstattung, aber zu den G20-Festspielen hab ich kaum was gelesen, weil mir von der Selbstgerechtigkeit und Kolumnenhaftigkeit der Beiträge schlecht wird.

Weil ich meine eigene aber noch ganz gut vertragen kann und es nach wie vor krass edgy finde, die AfD zu verteidigen, hab ich mir ein weniger dramatisches Beispiel für meine heutige Medienkritik gesucht, die deshalb vielleicht nicht so lustig rantig wird wie sonst manchmal, aber ich hab mir sagen lassen, dass ein paar von euch das auch nett finden.

Hate-Speech vor der Sporthalle

hat die Zeit ihren Bericht überschrieben. Schon der Teaser fasst das Problem damit gut zusammen:

Heiko Maas kämpft gegen Hass im Internet. Als er sein neues Gesetz in Dresden erklärt, trifft er viele Menschen und Meinungen, wieder einmal auch pöbelnde Krawallmacher.

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Und er bürdete dem Buckel der weißen Wahl die Summe der Wut und des Hasses der ganzen Menschheit auf.

9. November 2016

Ja, gut, ich weiß, ich bin auch nur einer von rund sieben Milliarden Leuten, die mit der Wahl von Donald Trump jetzt ungefähr alles bestätigt sehen, was sie schon immer über Politik und Gesellschaft und Diskurs wussten. Aber ich sags trotzdem. Ich machs auch kurz. [Spoiler: Mach ich nicht.]

Donald Trump hat die Wahl gewonnen. Diejenigen von euch, die das nicht wussten, machen jetzt vielleicht erst mal eine kurze Pause und erholen sich… Okay. Danke. Jetzt aber wirklich, ganz kurz und pointiert. Ich kann das. Ihr werdet sehen. [Spoiler: Ich kanns nicht. Werdet ihr gleich sehen.]

Donald Trump hat die Wahl gewonnen, und ich habe dazu kluge und nützliche Kommentare gelesen, aber ich habe auch sehr, sehr viele hasserfüllte und eher schlimme Kommentare gelesen, und ich kann das einerseits verstehen, weil es natürlich wirklich in vieler Hinsicht ein schockierendes Ergebnis ist, aber ich denke, wir (jetzt mal lose als Gemeinschaft der Leute gemeint, die ihn aus guten Gründen lieber nicht als Präsident gehabt hätten) sollten uns doch noch mal gründlich überlegen, ob das jetzt wirklich unsere Antwort sein soll. Ob unser Standpunkt wirklich sein soll „Was habt ihr blöden Amis denn jetzt gemacht, ihr habt diesen orangen Drecksack im Ernst zum Präsidenten gewählt, ich will nicht mehr auf diesem Planeten leben, jetzt geht hier alles in die Binsen, wir sind SOWAS von enttäuscht von euch, wir hassen euch, ihr solltet euch schämen, meine Güte, seid ihr dämlich, wie kann man denn so einen behinderten Idioten wählen, ihr dämlichen Kälber, wäre mein Körper eine Kanone, ich würde mein Herz auf euch schießen!“. Ob unsere Antwort wirklich Hass und Spott und Verachtung sein soll. Oder ob wir uns vielleicht von der Pack-Idee verabschieden und dem Gedanken nahe treten, der uns doch eigentlich von den Trump- und AfD-Wählern unterscheiden soll: Dass wir alle eine Gemeinschaft sind, und dass wir Dialog und Offenheit brauchen, und dass die die Grundeinstellung erfordern, dass mein Gegenüber, so sehr ich seine Einstellung verachten mag, ein Mensch ist wie ich, und mein potentieller Partner.

Und dieser Einschub ist natürlich wichtig. Klar. Mich regt das alles auch auf und macht mich wütend. Ich habe eigentlich auch keinen Bock, mit Leuten zu diskutieren, die im Ernst glauben, eine Mauer wäre eine gute Idee, um Flüchtlingsprobleme zu lösen, und die im Ernst vorschlagen dass man die Familien von Terroristen ausrotten müsste, um ihnen zu zeigen, wo Barthel den Most holt. Intuitiv liegt mir auch die Reaktion nahe: „Ih, geh weg und lass mich in Ruhe.“ Mich macht es auch wütend, dass wir wirklich noch drüber diskutieren müssen, ob Frauen anziehen dürfen, was sie wollen, und ob Leitkultur nicht doch eine Spitzenidee ist.

Aber es ist die falsche Reaktion. Denn wir müssen, ganz offensichtlich. Und (Da sind wir jetzt bei dem angedeuteten Punkt von oben, dass ich es wie alle anderen auch schon immer wusste.) ich glaube, dass es uns dabei auch in Zukunft nicht gegen Phänomene wie Trump, Pegida, die AfD oder die CSU helfen wird, sie Pack zu nennen, ihnen den Mittelfinger zu zeigen, und uns dann hinterher dazu zu beglückwünschen, was für coole Säue wir sind, die den Nazis mal gezeigt haben, wie so coole Säue wie wir mit Nazis umgehen.

Es ist nicht leicht, mit Leuten kontrovers über sehr unterschiedliche Meinungen zu diskutieren. Ich weiß das. Ihr könnt hier in so ziemlich jedem längeren Kommentarstrang zusehen, wie ich es versuche, und dabei scheitere. Ich weiß deshalb, wie schwer und frustrierend das ist. Aber ich glaube trotzdem, dass es der einzige Weg ist. Wir können ja vielleicht unter uns heimlich trotzdem noch manchmal ein bisschen Witze drüber machen, wie doof die Leute bei Politically Incorrect sind, und uns drüber freuen, dass wir das mit dem Blackfacing und den Indianerkostümen als Problem verstanden haben. Aber vielleicht sollten wir versuchen, es ein bisschen weniger nach außen zu tragen und mit ein bisschen mehr Demut an die Aufgabe heranzugehen, diese Gesellschaft zu reparieren. Denn dass sie kaputt ist, ist nicht nur die Schuld der anderen. Das machen wir alle gemeinsam.

Oder meint ihr nicht?

[Nachtrag: Slackwidow hat sehr schön etwas Ähnliches gesagt, wenn auch natürlich unter anderen Vorzeichen, weil sie im Gegensatz zu mir an der Demokratie teilnimmt, und so.]