Schandurteile

18. Oktober 2009

Raucherpausen, Pfandbons, Brötchen, Frikadellen, Bienenstich und Maultaschen. Nein, wir sind nicht am kalten Buffet, wir sind mitten in der heißen Debatte ums deutsche Arbeitsrecht.

Mich nervt die reflexhafte Empörung von Gewerkschaftsvertretern über jede arbeitsgerichtliche Entscheidung, die ausnahmsweise mal eine Kündigung für rechtmäßig erklärt. Deshalb fiel es mir ausgesprochen schwer, die Radiokommentare über den aktuellen Maultaschenfall unvoreingenommen anzuhören. Ich verstehe auch die permanente Relativierung solcher Vergehen nicht. Diebstahl ist ein Vertrauensbruch, den ein Arbeitgeber nicht hinnehmen muss, unabhängig von der Höhe des Schadens. Wenn eine Arbeitnehmerin entgegen einer ausdrücklichen Anweisung sechs Maultaschen mit nach Hause nimmt, die ihrem Arbeitgeber gehören, ist das ein Kündigungsgrund. Ich finde das einleuchtend. Zudem ärgert es mich einfach, wenn ich Leute so voller Selbstgerechtigkeit über einen Fall reden höre, von dem sie nichts wissen. Deutsche Arbeitsgerichte sind nun weiß Gott nicht für ihre Arbeitgeberfreundlichkeit bekannt, und wenn ein Bundestagspräsident in Unkenntnis der Einzelheiten eines Prozesses das Urteil eines Arbeitsgerichts als barbarisch und asozial bezeichnet, dann ist das eine ganz besondere Form von Dummdreistigkeit, für die ich gerade keine passende Bezeichnung finde.

Wenn ich aber ganz ehrlich bin, dann muss ich schon zugestehen, dass jemand, der 17 Jahre lang tadellos arbeitet, dann vielleicht nicht wegen ein paar mitgenommener Maultaschen entlassen werden würde, wenn es nicht noch andere Gründe gäbe. Dann muss ich zugeben, dass diejenigen wahrscheinlich Recht haben, die die Maultaschen nur für einen Vorwand halten, sich von einer Mitarbeiterin zu trennen, die man sowieso loswerden wollte.

So gesehen kann man also tatsächlich ganz gut der Meinung sein, dass eine fristlose Kündigung wegen des Diebstahls von sechs Maultaschen eine Überreaktion ist. Aber warum stürzen sich Arbeitgeber denn auf solche fadenscheinigen Vorwände? Warum muss das halbe Brötchen, warum muss die Frikadelle als Grund für eine fristlose Kündigung herhalten? Weil andere Gründe von deutschen Arbeitsgerichten in aller Regel nicht anerkannt werden. Wenn jemand zum Beispiel zu langsam oder nicht gründlich genug arbeitet und dauernd andere seine Versäumnisse ausbügeln müssen, dann kommt man damit nicht durch. Weil Arbeitnehmer eben keine bestimmten Ergebnisse schulden, sondern nur ihr Bemühen, ist es dem Arbeitgeber auch bei grober Minderleistung kaum möglich, einen Verstoß gegen den Arbeitsvertrag zu beweisen.

Wenn das Arbeitsverhalten eines Mitarbeiters einfach komplett inakzeptabel ist, wenn seine Fehler das Unternehmen regelmäßig Geld und Kunden kosten, wenn seine Unzuverlässigkeit auch seine Kollegen in Mitleidenschaft zieht, dann weiß man als Arbeitgeber, dass das alles nicht ausreicht, um ein Arbeitsgericht zu überzeugen. Jeder Anwalt wird aus gutem Grund empfehlen, nach einem anderen, formal akzeptablen Kündigungsgrund Ausschau zu halten. Hat der Mitarbeiter vielleicht vertrauliche Dokumente an seine private Mailadresse geschickt? Hat er Arbeitszeit mit privater Internetnutzung verbracht oder vielleicht beim Fahrtenbuch geflunkert?

Auch als Arbeitgeber kommt es einem manchmal albern vor, dass man dann Abmahnungen ausspricht, wegen Vergehen, die einem eigentlich egal sind. Man hat auch keine Freude daran, vor dem Arbeitsgericht unter Verhöhnungen des gegnerischen Anwalts einen Kündigungsgrund zu vertreten, an den man selbst nicht glaubt. Aber man hat keine Wahl, denn mit den echten, viel zwingenderen Gründen wäre man nicht mal bis zur mündlichen Verhandlung gekommen.

Die Antwort auf das Maultaschenproblem besteht deshalb nicht darin, auf die skrupellosen Arbeitgeber zu schimpfen, die willkürlich und aus reiner Bosheit ihre treuesten und besten Mitarbeiter auf die Straße setzen. Die Antwort sollte sein, ein Arbeitsrecht zu schaffen, das zwar einerseits die Arbeitnehmer vor Willkür schützt, das aber andererseits den Arbeitgebern auch wirksame Sanktionen gegen lustlose und unzuverlässige Mitarbeiter in die Hand gibt.