Der Ruf nach Gerechtigkeit

23. Juli 2013

Wenn irgendwo ein Philosoph zu Wort kommt, ist das für mich immer ein Grund, die Ohren zu spitzen, denn das ist nach meiner Erfahrung ein Garant für ganz großen Stuss, der sich hier in meinem verbitterten Häme- und Hassblog dankbar auseinander nehmen lässt. In Ermangelung von Freunden, Träumen oder anderen lohnenden Lebensinhalten setze ich mich dann mit dem Text des Philosophen hin und arbeite kleinlich und verbissen heraus, wo er sich unscharf ausgedrückt hat und wo ich mit ihm nicht einverstanden bin. Ich weiß mit den Stunden meines Lebens eh nichts Besseres anzufangen.

Klingt nach Spaß? Dann an mein Herz, verwandte Seele, lass uns hinter den Trennstrich verschwinden uns uns etwas Gemütlicheres anziehen … Den Rest des Beitrags lesen »


Im Prinzip ja. (2)

22. Mai 2012

Heute geht es um den zweiten Teil der großen Spektrum-der-Wissenschaft-Enthüllungsstory „Sind Wissenschaft und Religion vereinbar?“, nämlich das Streitgespräch „Was können Wissenschaft und Religion voneinander lernen?“ zwischen dem Soziobiologen Eckard Voland und dem Religionsphilosophen Winfried Löffler. Das Gespräch ist nicht frei erhältlich, und weil ich vom entgeltlichen Erwerb dringend abraten muss, gehe ich davon aus, dass sowieso keiner von euch Zugang zum Volltext hat und belasse es deshalb bei diesem einen Link.

Ich habe es auch noch nicht gelesen (Ja, ich weiß, dass ich in meinem ersten Post etwas anderes impliziert habe. Seht ihr nie Dr. House?) und bin deshalb genauso gespannt wie ihr auf das Lernpotential.

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Im Prinzip ja. (1)

16. Mai 2012

Die Redaktion des Magazins „Spektrum der Wissenschaft“ hat sich entschieden, im Januar 2012 mal ein ganz brandheißes Eisen anzufassen und eine Frage zu diskutieren, die sonst kaum jemand zu stellen traut und für die wir alle schon so lange atemlos auf eine Antwort warten:

Sind Wissenschaft und Religion vereinbar?

Und weil ich mir denke, dass es nach der langen Wartezeit auf ein paar Monate mehr nicht ankommt, habe ich entschieden, jetzt mal über diesen Versuch einer Antwort zu berichten. Wer das auch so sieht, findet meinen Bericht hinter dem Klick. (Spoiler: Es wird eher unterhaltsam als lehrreich.)

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Zwei Nasen zanken super

19. Februar 2012

Ich möchte jetzt doch gerne noch mal auf Thomas eingehen, auch wenn die meisten von euch das wahrscheinlich erst einmal nicht wollen. Ich glaube aber, dass es für alle interessant werden könnte und würde mich deshalb freuen, wenn ihr uns noch eine Chance geben könntet. Er hat nämlich gerade zu seinem für mich nicht so erfreulichen Beitrab in seinem Blog einen Kommentar geschrieben, der mich wiederum sehr freute. Er illustriert nämlich ein Problem, über das ich schon oft schreiben wollte, aber mir fehlte immer der Aufhänger.

Voilà Aufhänger: Thomas fragte mich, ob ich denn der Meinung sei, Religion sei „objektiv unsinnig“, worauf ich sinngemäß erwiderte, eher nicht, aber das käme wohl auf die Definition an, denn wenn man erst einmal ein klare Definition habe, dann bleibe nur noch eine objektiv beantwortbare Frage übrig.

Er schrieb nun:

Ich kann nicht einmal mit Sicherheit in jedem Einzelfall sagen, ob etwas sinnvoll ist oder nicht. Dazu stand ich schon zu oft in verschiedensten Zusammenhängen von dieser Frage. Manchmal habe ich es nur gedacht, manchmal laut gesagt, aber ich habe ganz offen und ehrlich schon gedacht: Ich weiß nicht, ob ich das, was du da gerade sagst/zeigst/erklärst für sinnvoll halte oder nicht.

Wie gesagt, das ist nur ein Aufhänger, und das Ziel dieses Beitrags ist natürlich nicht im Ernst, Thomas weiter zu dissen. Ich würde sogar behaupten, dass wir alle das Problem haben, dass dieser Kommentar von ihm demonstriert: Menschliche Sprachen sind nicht geplant, sondern gewachsen. Sie sind in sich weder besonders logisch, noch orientieren sie sich an einer strengen Systematik. Wir benutzen viele Begriffe im Alltag eher unreflektiert und intuitiv, und  haben damit nie Schwierigkeiten, weil ja jeder sowieso weiß, was wir meinen. Aber sobald wir auf jemanden treffen, der es nicht sowieso schon weiß, wird es kompliziert.

Ich vermute, dass kaum ein Studium dieses Problem so deutlich bewusst macht wie das juristische, aber wahrscheinlich hatte jeder früher oder später mal eine Berührung damit: Es ist ein Krampf, allgemeingültige Definitionen für Begriffe zu entwickeln. Was ist ein Stuhl? Was ist ein Pudding? Was ist ein Sinn? Was ist eine Idee?

Der Fehler ist hier oft gleich am Anfang zu suchen: Bei der Vorstellung, es gäbe überhaupt eine einzige allgemeingültige Definition, die man bloß finden müsste. Denn wie ich gerade schon schrieb: Wir benutzen Begriffe oft in verschiedenen Zusammenhängen auf unterschiedliche Weisen, und andererseits benutzen wir manchmal verschiedene Begriffe für dieselben Sachverhalte. Und weil wir das irgendwie spüren, auch wenn es uns nicht richtig bewusst ist, merken wir bei unseren Definitionsversuchen schnell, dass keiner so ganz passt. Diese Definition ist toll für diesen Kontext, versagt aber bei jenem, obwohl ich dasselbe Wort doch in jenem Kontext auch immer benutze. Ein starkes Buch ist etwas anderes als ein starker Arm ist etwas anderes als ein starkes Wort.

Deswegen kann es sinnvoll sein, alternative Definitionen für dasselbe Wort parat zu haben, je nach Kontext, und daran ist an und für sich auch nichts Schlimmes. (Es wäre vielleicht schöner, wenn unsere Sprachen logischer strukturiert wären, aber des Leben ist nun mal kein Ponyhof.) Es reicht ja völlig aus, wenn wir uns für die Zwecke einer gerade laufenden Diskussion einigen können, was wir gerade meinen, auch wenn diese Definitionen in anderen Zusammenhängen unpraktisch wären.

Worte sind Werkzeuge. Wir können mit ihnen prinzipiell machen, was wir wollen, aber für manche Zwecke sind sie besser geeignet als für andere. Der Begriff „Religion“, den Thomas auch nicht definieren mochte, ist ein gutes Beispiel dafür. In Diskussionen mit Christen versuchen diese manchmal, alles als „Religion“ zu definieren, was einem wichtig ist. Sie berufen sich dabei erfahrungsgemäß gerne auf Luther mit dem Zitat „Woran du nun dein Herz hängst und worauf du dich verlässt, das ist eigentlich dein Gott.“ Der Christ versucht in diesem Fall (bildhaft gesprochen) mein Werkzeug zu sabotieren, indem  er meinen Maulschlüssel so weit aufdehnt, dass er auf keine verfügbare Mutter mehr passt. Man könnte nun ein Wörterbuch herauskramen und ihnen zeigen, dass Religion eigentlich üblicherweise enger definiert wird. Ich bevorzuge die weniger kontroverse Antwort, wir könnten das gerne so definieren, aber dann sei Religion nicht mehr etwas, das ich insgesamt kritisiere, und wir sollten uns dann noch einen Begriff suchen, der die formalisierte Verehrung übernatürlicher Kräfte bezeichnet, um die es mir geht.

Kommen wir zum konkreten Beispiel zurück: Thomas behauptet, Religion sei nicht objektiv unsinnig. Das ist okay. Thomas bietet außerdem keine klare Definition für diese beiden Begriffe. Auch das ist okay. Für sich betrachtet. Tut man die beiden Dinge zusammen, sind sie nicht mehr okay. (Auch nicht okay ist streng genommen, dass er von „unsinnig“ zu „sinnvoll“ und „sinnlos“ wechselt, aber wir wollen die Sache nicht noch komplizierter machen. Wir wissen ja alle, was gemeint ist.) Er macht hier einen Fehler, der sich auch bei Kant immer wieder findet, und eigentlich bei so ziemlich allen bekannten Philosophen, insbesondere wenn es um schwammige Begriffe wie „gut“, „böse“, „moralisch“ oder sonstwas geht. Thomas ist also in guter Gesellschaft: Er macht sich Gedanken und formuliert Aussagen über Begriffe, ohne sie vorher zu definieren. Das ist manchmal vertretbar, denn wenn man vor jeder Diskussion jedes Wort erst einmal definieren will, dann kommt man nie zum Diskutieren, und das wäre doch… Ähm… Naja, irgendeinen Grund wird es sicher geben, warum das manchmal vertretbar ist. Aber wenn Begriffe für einen Dialog so zentral sind wie „Unsinnig“ und „Religion“ für diesen hier, dann kann das Fehlen von gemeinsamen (oder überhaupt irgendwelchen) Definitionen nur ins Abseits führen.

Nun kommt es natürlich auch vor, dass wir Wörter zu definieren versuchen und dabei feststellen, dass wir partout keine vernünftige Abgrenzung hinbekommen, nicht einmal mit konkretem Bezug zur aktuellen Definition. Das muss nicht, kann aber in vielen Fällen bedeuten, dass wir diese Worte bisher – vorsätzlich oder fahrlässig – als ein ganz bestimmtes Werkzeug benutzt haben: als Nebelkerze, die nichts erklären, sondern bloß verschleiern soll. Fragt mal einen Esoteriker, was er unter Energie, Spiritualität oder der Seele versteht, und er wird euch eine hervorragende Illustration dieses Aspekts der ganzen Sache liefern. Thomas hat das selbst einmal sehr schön in seinem energetisch schwingenden Wörterbuch aufgezeigt.

Was das für diese konkrete Frage bedeutet? Einfach: Religion kann nicht objektiv unsinnig sein, solange ich „unsinnig“ nicht definiere, sondern nur als ein vages Konzept benutze, von dem ich nur kontextabhängig ungefähr im Gefühl habe, was es bedeuten könnte. Das sagt dann nichts über Eigenschaften von Religion aus, sondern über meinen eigenen Umgang mit Worten. Und das meinte ich eben auch mit meiner Antwort an Thomas:

Zum Beispiel kann Religion eine total gute Sache für manche Leute sein. Für den Papst zum Beispiel ist sie vielleicht enorm nützlich. Insofern kann man es aus seiner Sicht für sinnvoll halten, dass er religiös ist. Andererseits enthält jede mir bekannte Religion innere Widersprüche, was man wohl als objektiv unsinnig bezeichnen könnte, ohne den Begriff zu überdehnen.

Wenn wir „unsinnig“ definieren als etwas, was keinerlei Sinn hat („Sinn haben“ hier ungefähr in der Bedeutung „einem Zweck dienen“), dann fällt Religion nicht darunter. Wenn wir auch Dinge als „unsinnig“ bezeichnen wollen, die logisch nicht konsistent sind, wie etwa das berühmte Gedicht mit den stehenden Leuten, die drinnen sitzen und schweigend in’s Gespräch vertieft sind, dann können wir ganz objektiv feststellen, dass die mir bekannten Religionen in diesem Sinne „unsinnig“ sind. Nun kann man sagen: Ja, aber dann ist doch die Definition des Wortes zumindest subjektiv. Und natürlich ist sie das. Muss sie sein. Eine objektive Definition für Worte zu fordern, ist evident… naja, unsinnig.

Damit endet der Teil dieses Beitrags, den ich für allgemein interessant halte. Unter dem Trennstrich führe ich die Diskussion mit Thomas fort. Die weitere Lektüre kann ich deshalb nur denen guten Gewissens empfehlen, die sowohl Thomas‘ Gastbeitrag hier als auch seinen Beitrag in seinem eigenen Blog sowie die Diskussion dazu verfolgt und immer noch nicht genug haben. Ich verabschiede mich also von allen Lesern außer Thomas selbst und wünsche noch einen schönen Sonntag.

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Sinnloser Gastbeitrag

20. Oktober 2011

Ja, so einfach ist es, einen Gastbeitrag auf überschaubare Relevanz unterzubringen. Schickt mir einfach was, worüber ich sowieso schon viel nachgedacht habe und das möglichst irgendwo nah bei meiner Meinung liegt. So hat TheHax es gemacht, und seht, wie schnell es geht. Hier könnte euer Beitrag stehen!

(Dass es unter Umständen sogar noch viel einfacher sein kann, ist für jeden Stammleser offensichtlich, aber ich halte es nicht für opportun, darauf noch plakativ hinzuweisen. Kommen wir also ohne weitere Umschweife zu TheHax‘ Gastbeitrag, für den ich ihm jetzt schon herzlich danke.)

Es war ein Tag wie dieser vor ein paar Monaten, da trug ich einen innerlichen Aufschrei über eines der achso-gar-nicht-sozialen Netzwerke heutiger Tage in die Welt hinaus. Damals wie heute überkam mich eine Gemisch aus Entsetzen und Ärger gepaart mit einem starken Mitteilungsbedürfnis, dem Wunsch möglichst vielen Leuten ordentlich die Meinung zu sagen. Die Meinung worüber? Über vieles. Zum Beispiel: den Sinn des Lebens.

Da wurde mir angeboten, meinen Gedanken in schriftlicher Form verfasst einen Raum zu geben. Diesen Raum. Heute ist es für mich an der Zeit dieses Angebot aufzugreifen und mit ein paar Fragen aufzuräumen.
Warum gibt es uns? Was macht uns so besonders? Warum können gerade wir uns diese Gedanken machen? Wofür sind wir geschaffen? Welchen Sinn haben wir? Und welchen unsere Existenz? Und Alles? Welche Aufgaben haben wir?
Jahrtausendelang haben sich namhafte und weniger namhafte Philosophen über diese Fragen den Kopf zerbrochen. Leider ist die Antwort auf meine typische und eigentlich rethorische Gegenfrage „Who cares?“ reichlich unbefriedigend. Denn eine nicht unrelevante Anzahl von Menschen lässt sich diese Fragen nur allzugern mit Ammenmärchen, also mit der Religion beantworten, dabei wird häufig übersehen, dass selbst die Religion vielfach selbst nur äußerst unbefriedigende Antworten liefert.

Dabei lassen sich die Fragen erfrischend einfach klären: Es gibt keinen Sinn. Und damit wäre eigentlich schon alles gesagt.
Doch vielen ist die Klarheit und Logik dieser Erklärung schlicht zu viel, ist unerwartet oder unerwünscht. Das hat ganz unterschiedliche Gründe. Da gibt es zum Einen die menschliche Annahme, dass (scheinbar) komplexe Fragen auch einer komplexen Antwort bedürfen. Andererseits liegt es in der menschlichen Natur unbekanntes mit bereits bekannten Mustern zu erklären. Das Ursache-Wirkung-Prinzip ist eines der fundamentalen Gesetze im menschlcihen Leben. Da fällt es dem Gehirn schwer zu fassen, dass es für die persönliche Existenz keine (befriedigende) Erklärung gibt.Es kommt aber auch eine gehörige Portion Arroganz hinzu. Seit je her bezeichnet sich der Mensch als „Krone der Schöpfung“ oder neuerdings als „Spitze der Evolution“.
Noch Heute, ganz seriös. Als Träger dieses Titels muss man eben einen spezielleren Sinn, eine Rechtfertigung haben.

Aber nicht nur der spezielle Sinn ist eine Fehlannahme, vielmehr ist es die Arroganz des Menschen, der die Sicht auf die Realität verschleiert. Der Titel „spitze der Evolution“ an sich ist schon ein völliger Fehlgriff.
Evolution ist ein fortwährender Prozess, der an millionen Punkten zugleich und völlig ohne Ziel vonstatten geht. Der Mensch stellt heute bestenfalls  eine gewisse Anzahl von Punkten in der Evolutionsgeschichte der Säugetiere dar. Sein Bewusstsein stellt er dabei als herausragendes Merkmal dar und spricht sogleich allen anderen Lebewesen (sogar entgegen wissenschaftlich erbrachten Forschungsergebnissen), jegliche Form und Fähigkeit zu ebendiesem ab. Menschen halten sich gern für Einzigartig und leiten den exklusiven Sinn (ihres) Lebens von dieser Einzigartigkeit ab.

Abgesehen davon, dass sich alle Unterschiede zwischen Mensch und Elefant, Ameise, Begonie, Klopapier, Wassertropfen, Staubkorn beliebig marginalisieren und die Einzigartigkeit damit ad absurdum führen lassen, bleibt die Frage nach dem Sinn des Großen, des Ganzen, des Universums und seiner Zusammenhänge.
Aber warum eigentlich? Wozu bräuchte es einen Sinn?
Ein Sinn ist eine Intention, etwas bewusstes. Etwas Ursachengebendes. Einen Sinn zu geben bedeutet in gewisser Weise eine Art Bewusstsein dahinter zu setzen, also eine Art religiöser Instanz.
Ein rein menschliches Bedürfnis, einerseits ebenfalls durch Arroganz geprägt, andererseits durch die Angst vor dem Ungewissen.

Der Mensch hat Angst. Angst vor dem Unbekannten. Was gibt es unbekannteres, ungewisseres als den (eigenen) Tod? Das geben eines Sinnes, eines Bewusstseins hinter der eigenen Vergänglichkeit soll diese Angst lindern.
Jedoch verklärt es den Blick für das Wesentliche. Das Hier und Jetzt.

Die Sinnessuche beraubt den Menschen der Freiheit einer wunderschön relativierenden Erkenntnis:
Nichts hat einen Sinn.


Kann das wirklich Zufall sein?

29. März 2011

Während meiner Schulzeit gab es einen Lehrer, den ich wirklich bewunderte. Er war in der Oberstufe mein Tutor, und er unterrichtete Mathematik und Werte und Normen. Er war klug, er hatte Humor, er war immer freundlich, und in unserer Abiturzeitung schrieb er über mich, dass ich eigentlich gar nicht so arrogant sei, wie ich oft wirkte. Ich glaube, er ist inzwischen im Ruhestand, und ich fürchte, dass ich meinen Vorsatz, ihm mal einen Brief zu schreiben, vielleicht nie umsetzen werde, aber zumindest einmal möchte ich es schriftlich festhalten: Sie waren der beste und sympathischste Lehrer, den ich je hatte, und irgendwie sogar ein Vorbild. Vielen Dank, Herr Glimm.

So empfand ich es auch kein bisschen als Strafe, als er mich nach einer längeren Diskussion im Werte-und-Normen-Unterricht aufforderte, meine sonderbare Meinung, dass es das Böse als solches nicht gibt, in einem kurzen Aufsatz zu begründen.

Ich tat das sehr gerne, und er las es, und meinte, es sei sehr interessant, aber überzeugt habe es ihn nicht.

Das war natürlich ein bisschen enttäuschend, aber so geht’s eben, und ich habe es ihm nicht übel genommen. Wäre ja auch noch schöner.

Leider habe ich diesen Aufsatz von damals nicht mehr, aber zu Ehren von Herrn Glimm (und meines Versprechens, mal wieder vom Thema Religion wegzukommen) hatte ich mir gestern vorgenommen, meinen Gedankengang heute für euch noch einmal darzulegen. Und nun, siehe da, als hätten wir uns abgesprochen, veröffentlichte die „Welt“ gestern einen langen, dummen Artikel zu dem Thema. Schicksal? Vorsehung? Telepathie? Wer weiß…

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Mehr, als ihr jemals über Epistemologie wissen wolltet

14. Januar 2011

Ich habe hier schon des Öfteren meine skeptische Weltsicht als Grundlage dafür genannt, dass ich manche Dinge glaube, und andere nicht. Aber soweit ich mich erinnern kann, habe ich noch nie wirklich erklärt, was die Grundlagen dieser Weltsicht sind. Das hatte teilweise auch damit zu tun, dass ich das Thema für ein bisschen ermüdend hielt, und außerdem dachte, es wäre eigentlich klar.

In letzter Zeit habe ich aber so viel mit Leuten diskutiert, die sich offensichtlich nie ernsthaft Gedanken über ihre Epistemologie, also ihre Erkenntnistheorie gemacht haben, und die anscheinend auch wirklich keine Vorstellung davon haben, was sinnvolle Wege zur Wahrheit sind, und was nicht. Und noch schlimmer: Ich habe mit Leuten diskutiert, die sich offensichtlich gewaltig viel Gedanken darum gemacht und sich dabei in Höhen des Unfugs hineingeschraubt haben, dass einem sogar von unten schon schwindlig wird. Viel zu oft hört man Argumente wie: „Gott kann weder bewiesen noch widerlegt werden, deswegen sind Atheisten genauso Gläubige wie Theisten!“ oder „Wissenschaft kann keine Antworten auf die letzten, entscheidenden Fragen geben, dafür brauchen wir Religion!“

Deshalb habe ich mich nun endlich einmal zu dem Versuch durchgerungen, einen Blogbeitrag über meine Epistemologie zu verfassen. Die meisten von euch werden das Thema wahrscheinlich furchtbar langweilig finden und sich wundern, dass ich für so was auch nur eine Minute meiner Zeit aufwende. Und die anderen, die jetzt jubeln und rufen: „Na endlich, ich befürchtete schon, das kommt nie!“, die dürfen sich nachher eine virtuelle Umarmung abholen und sich meine Brüder und Schwestern im Geiste nennen.

Ihr seid natürlich trotzdem alle herzlich eingeladen, mir zu folgen, aber sagt bitte nicht, ich hätte euch nicht gewarnt.

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