Ihr seid der schlechteste Pirat, von dem ich je gehört habe

18. August 2013

Bei unserer ersten Diskussion hier habe ich das mit dem bedingungslosen Grundeinkommen (BGE) ja noch nicht so richtig verstanden. Das ist nicht überraschend, denn es war niemand dabei, der sich so richtig auskannte. Heute war aber nun die angekündigte Podiumsdiskussion, in der ich gemeinsam mit einem Vertreter der EKD (And isn’t it ironic?) vier professionellen Befürwortern des BGE gegenüber stand. Erwartungsgemäß wurden dabei alle Unklarheiten beseitigt, und ich habe nun umfassend begriffen, wie das läuft:

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It is dishonest to assert as fact that which is not evidently true.

1. Dezember 2012

Gerade lese ich auf FAZ.net (gratis übrigens) den Kommentar von Berthold Kohler, in dem er uns erklärt, warum es in seinen Augen unfair ist, die für die Griechenland-Hilfen verantwortlichen Politiker zu beschimpfen:

Folgt man dem dominierenden Meinungsbild an den Stammtischen des Internets, dann sind die 473 Abgeordneten des Deutschen Bundestages, die am Freitag für die neuesten Griechenland-Hilfen stimmten, im besten Fall Dummköpfe, Feiglinge, Opportunisten.

Aber in seinen Augen sind sie „weder Vollidioten noch Verbrecher„, und zwar aus diesem Grund:

Den unumstößlichen Beweis dafür, welcher Schrecken kleiner wäre, kann keine Seite erbringen. Die Materie ist viel zu komplex, als dass man sich auf Vorhersagen absolut verlassen könnte. Und wie sollte der politische Schaden beziffert werden, der beim Auseinanderbrechen der Eurozone oder gar der ganzen EU entstünde – eine Gefahr, die auch beim Festhalten am bisherigen Kurs besteht?

Aha. Das ist das argumentum ad ignorantiam. Wir wissen nicht, was wir tun, und deshalb ist nichts falsch, sondern alles richtig, solange es nur mit guten Absichten passiert. Oder so.

Ich stimme Herrn Kohler zu, dass es nicht nur nicht hilfreich, sondern auch unfair und unangemessen ist, unsere Abgeordneten pauschal als Vollidioten oder Verbrecher zu beschimpfen, denn jeder von ihnen versucht nur, das aus ihrer Sicht beste aus einem idiotischen System zu machen, aus dem sie genauso wenig entkommen können wie du oder ich. Aber Kohlers Argumentation ist trotzdem kaputt.

Ich zum Beispiel werfe unseren Politikern nicht vor, dass sie nicht wissen, wie die derzeitige Krise optimal zu lösen wäre. Ich werfe ihnen nicht vor, dass die Materie zu komplex ist, als dass sie sie endgradig prognostizieren könnten. Ich werfe ihnen nicht vor, dass sie keinen unumstößlichen Beweis dafür erbringen können, dass ihr Kurs der bessere ist. Das kann man ihnen nicht vorwerfen, denn das ist nicht ihr Fehler, sondern es liegt in der Natur der Sache.

Vorwerfen sollten wir ihnen, dass sie es nicht zugeben. Dass sie so tun, als wüssten sie genau, wo die Reise hingeht. Als könnten sie genau berechnen, wie hoch das Risiko ist, und uns deshalb versprechen, dass unsere Betroffenheit auf [Summe A] begrenzt und außerdem [Verschlimmerung B] völlig ausgeschlossen und schließlich [Maßnahme C] alternativlos und umumgänglich ist.

Und da begreife ich wirklich nicht, wie Herr Kohler sich das denkt. Es ist unmöglich, den politischen Schaden zu beziffern, schreibt er. Deswegen sollten wir den Politikern keinen Vorwurf machen, wenn sie den Schaden falsch beziffern, schließlich wissen wir es auch nicht besser?

Verdammt noch mal, nein. Wer ein Verbrecher ist, und wer ein Vollidiot, das Urteil will ich Leuten überlassen, die die fraglichen Personen besser kennen als ich, obwohl ich natürlich auch bei der einen und dem anderen meine Vermutungen habe. Aber wer öffentlich als Tatsache behauptet, wovon er nicht einmal entfernt einschätzen kann, ob es wahr ist, der ist zumindest ein Lügner.

Kann ja sein, dass Herr Kohler das auch so sieht und einfach stillschweigend davon ausgeht, denn schließlich reden wir ja über Politiker, aber das finde ich dann auch wieder traurig, und – auch wenn es schwer fällt, muss ich das jetzt hier einfach mal sagen – das wäre in meinen Augen derzeit wirklich mal ein Sympathiepunkt für die Piratenpartei: Sicher wirkt sie unprofessionell, ahnungslos und in ihren Inhalten für mich völlig inakzeptabel. Das gilt aber bei den anderen Parteien genauso, und bei den Piraten habe ich immerhin manchmal das Gefühl, dass sie im Großen und Ganzen aufrichtig sind. [Bestimmt findet ihr in den Kommentaren für mich ganz viele Gegenbeispiele. Aber ich lerne ja gern dazu.]

Und wenn ich schon mal dabei bin, einen Haken zu schlagen, bringe ich ihn auch zu Ende: Das stört mich auch an der Berichterstattung über die Piratenpartei immer wieder, so sehr ich sie inhaltlich auch ablehne. Es ist ja in der Regel genau diese Ehrlichkeit und Transparenz, die ihnen hauptsächlich zum Vorwurf gemacht wird. Die Kaiser sind alle nackt, aber nur über den einen, der es offen zugibt, ergießt sich Hohn und Spott ob seiner Unbekleidetheit, und den anderen Nackten wird zugute gehalten, dass ja schließlich niemand endgradig beweisen kann, dass sie nicht doch unsichtbare Kleider anhaben? [Ach, was solls, machen wir das Themenbingo komplett.] Soll das die Leistung sein, für die unsere Nachrichtenmedien ein besonderes Schutzrecht verdienen?

Ich weiß ja nicht.


Zusammenhanglos

10. Juli 2009

Himmel, ich mag die Piraten doch gar nicht besonders. Warum fühle ich mich zurzeit trotzdem regelmäßig gezwungen, die in Schutz zu nehmen?

Ich hatte ja vor kurzem schon mal erwähnt, dass mir vieles ein bisschen übertrieben vorkommt, was da gerade zum Thema geschrieben wird. Oft stehen dann da Sätze wie

Schafft dieses “Partei” doch einfach wieder ab, dann ist ruhe!“ in einem Kommentar von Malte (nein, nicht von dem Malte), oder

die Partei hat sich als ernstzunehmender Diskussionspartner in der Zensursula-Debatte vorerst selbst disqualifiziert“ von Chris auf F!XMBR, oder natürlich

Das war es mit den Piraten“ wieder bei den Ruhrbaronen.

Ruhrbaron David Schraven hat in dem oben schon verlinkten Artikel doch tatsächlich den Satz untergebracht: „Ich hoffe nicht, dass die Piraten unter dem Deckmantel des Kampfes um die Meinungsfreiheit zum Sammelbecken der Kinderschänder in Deutschland werden.
Ich wäre versucht, jetzt zu schreiben, was ich alles nicht hoffe, aber das gehört hier nicht her.

Ich erinnere mich, früher, als meine Mutter mich zum ersten Mal auf den Fahrersitz ihres Autos ließ, um mir zu zeigen, wie das geht, da kam ich nicht auf Anhieb mit der Kupplung und dem Gas und den Gängen zurecht. Ich würgte den Motor bestimmt zehnmal ab, und ich war ziemlich frustriert und dachte sowas wie „Das wird doch nie was“, „Autofahren ist doof“, „Warum lass ich das nicht einfach ganz, verdammter Mist?“

Ich erinnere mich, als ich Einrad fahren lernte, kam ich mir auf dem Ding vor, als wäre ich auf mindestens zwölf Axen beweglich. Ich konnte mich sogar dann kaum darauf bewegen, wenn ich mich an etwas zum Festhalten hatte, und ich dachte: „Wie soll ich das jemals lernen?“, „Einradfahren ist doof“, oder „Ich bin einfach zu blöd dafür, ich glaub, ich gebe auf.“

Ich erinnere mich an den Tag vor der Abgabe meiner Diplomarbeit. Ich dachte Dinge wie zum Beispiel: „Ich will nicht mehr. Ich hab keine Lust mehr. Mir ist das hier zu blöd, das wird doch bis morgen nie was.“, „Diplomarbeiten sind doof“, oder „Wozu eigentlich ein Diplom, das ist doch die Mühe nicht wert, ich brauch das doch eh für nix!“

Ich wusste aber in jedem dieser Fälle, dass diese Gedanken Unsinn waren, und dass sie einem sehr infantilen Teil meines Verstandes entsprangen, der mich heute noch begleitet, und der immer furchtbar enttäuscht ist, wenn etwas nicht auf Anhieb so klappt, wie ich mir das vorstelle. Ich versuche, möglichst selten auf ihn zu hören.

Was das mit dem Thema dieses Artikels zu tun hat? Weiß ich auch nicht so genau. Man assoziiert manchmal die merkwürdigsten Sachen.


Porno-Piraten und der Holocaust

7. Juli 2009

Drüben bei den Ruhrbaronen tobt mal wieder die Kinderpornographie-und-Tauss-waren-schon-schlimm-genug-aber-nun-auch-noch-Rechtsextremismus! – jetzt-sind-die-Piraten-wirklich-definitiv-endgültig-für-immer-echt-absolut-unwählbar-Diskussion, zu der ich auch den einen oder anderen Kommentar geschrieben habe. Mir ist deshalb danach, das ganze jetzt doch mal ausführlicher im eigenen Weblog zu betrachten.

1. Kinderpornographie: Fangen wir gleich mal mit dem großen Monsterthema an. Kinderpornographie ist natürlich widerwärtig und unerträglich. Dass die Piraten das auch so sehen, muss ich hier eigentlich nicht mal erwähnen.
Ich halte es für zweifelhaft, dass man hierzulande schon Strafverfolgung fürchten muss, wenn man aus Versehen oder sonstwie auf einer entsprechenden Seite landet und dann versäumt, den Cache zu löschen. Ich halte das sogar für gefährlich, denn wer soll sich ob solcher Risiken noch trauen, sich an die Polizei zu wenden, wenn er Kinderpornographie entdeckt? Andererseits ist versehentliche Wahrnehmung solcher Bilder  natürlich auch nach jetziger Rechtslage nicht strafbar, und eine Legalisierung des Konsums geht nun auch nicht. Vielleicht ist die Antwort hierauf wieder die viel beschworene Medien- oder vielleicht besser Nachrichtenkompetenz. Das Problem ist vielleicht gar nicht nur, dass strafrechtliche Ermittlungen stattfinden könnten, sondern auch, dass derjenige, gegen den ermittelt wird, für den Rest seines Lebens von einem Teil seiner Bekannten als Kinderschänder angesehen wird, auch wenn die Ermittlungen nichts ergeben. Wenn man den Leuten (also zunächst mal sich selbst und dann vielleicht noch ein paar anderen) beibringen könnte, die Unschuldsvermutung ernst zu nehmen und nicht gleich auf jedes BILD-Ausrufezeichen aufzuspringen, wäre da schon vieles einfacher.

2. “KiPo”, “Dokumentierter Kindesmissbrauch”: Ersteres ist aus meiner Sicht eine unschöne, aber akzeptable Abkürzung. Das zweite ist sicher auch nett gemeint, klingt aber dermaßen albern nach Euphemismus, dass man sich damit unweigerlich lächerlich macht. Und das Thema eignet sich einfach gar nicht zum Lachen.

3. Tauss: Schwieriger Punkt. An eine Prognose, wie clever es war, ihn aufzunehmen, wage ich mich mal gar nicht heran, das sehen wir ja nach der Bundestagswahl. Was den moralischen Teil angeht, verweise ich auf Punkt 1 und behaupte konsequent, dass wir ihn als unschuldig ansehen müssen, bis… Ihr wisst schon.

4. Thiesen: Da haben die Piraten also jemanden zum Ersatzrichter gewählt, der bezweifelt, dass der Holocaust so stattgefunden hat, wie es in den Geschichtsbüchern steht und meint, der Angriff auf Polen wäre gerechtfertigt gewesen. Ohje. Das war ganz bestimmt nicht clever. Andererseits hat er sich anscheinend deutlich gegen Fremdenfeindlichkeit ausgesprochen und auch betont, dass das Dritte Reich auf jeden Fall zu verurteilen ist und dass jeder einzelne Mensch, der verfolgt und getötet wurde, einer zu viel ist. Das ist natürlich ein bisschen wenig Material, um einen Menschen einzuschätzen. Klingt, als wäre er zwar nicht besonders gefährlich und vielleicht nicht mal unbedingt ein schlechter Mensch. Klingt aber auch, als hätte er ein ernsthaftes Problem mit der Realität, und das macht ihn zumindest zu einem schlechten Richter. Den hätte man nicht wählen dürfen, meine ich auch.

5. Die Piraten insgesamt: Ich finde es nicht besonders überzeugend, wegen Tauss (der noch nicht mal angeklagt wurde) und Thiesen (der ein ziemlich unbedeutendes Amt bekleidet) die Partei gleich unwählbar zu nennen. Für mich sind die Piraten nichts, weil ich schon gerne von jemandem politisch vertreten werde, dessen Einstellung ich nicht nur zu ein paar ausgesuchten Themen kenne, sondern zum Beispiel auch zum Steuerrecht, zur Außenpolitik, zur Umweltpolitik. Aber ich kann ganz gut akzeptieren, dass es Leute gibt, die sie wählen und bei ihnen mitarbeiten, und mit der Zeit wird das Programm ja vielleicht noch vervollständigt. Ich finde es jedenfalls ein bisschen armselig, jeden kleinen Fehltritt der Piraten gleich mit wildem Geschrei zu beantworten: “Da! Da! Ich hab’s euch ja gesagt! Die darf man nicht wählen!” Eigentlich sollte man vielleicht gar keine Partei wählen. Aber irgendwer muss uns ja regieren, und ich will das jedenfalls nicht machen.