„Bedingungslos“, schon Scheiße

6. August 2013

Ich werde voraussichtlich demnächst das nicht ganz unzweifelhafte Glück haben, an einer Podiumsdiskussion der Piratenpartei zum Bedingungslosen Grundeinkommen teilnehmen zu dürfen, konkret zu der Frage, ob „wir“ dieses Grundeinkommen brauchen. Da ich davon einerseits bisher wenig Ahnung und folgerichtig auch wenig Meinung habe, würde ich mir beides gerne erarbeiten, idealerweise mit eurer Unterstützung.

Dieser Beitrag wird deshalb unter Umständen etwas weniger unterhaltsam als die letzten, dafür aber vielleicht auch etwas sachlicher. Damit eignet er sich vielleicht auch gleich als Gelegenheit für euch, mir sagen, welcher Stil euch besser gefällt, sogar wenn ihr euch zum eigentlichen Thema nicht äußern wollt.

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Boah, sag mal

16. Oktober 2012

Meinen die das eigentlich noch ernst, die bei der FAZ, oder veröffentlichen die schon mit Absicht Artikel, um ihre Leser zu verwirren?

Ein Plagiat, also „geistiger Diebstahl“, ist ein Vergehen und kann nach §106 des Urheberrechtsgesetzes mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe geahndet werden. Bei nachgewiesenem Plagiat handelt es sich also nicht um eine Bagatelle oder ein Kavaliersdelikt. Abwegig ist, wenigstens zurzeit, deshalb die Auffassung, wie sie im Grundsatzprogramm der Piratenpartei deutlich wird, wonach das geltende Urheberrecht eine unzumutbare Beschränkung der „aktuellen Entwicklung“ darstelle, da es „auf einem veralteten Verständnis von so genanntem geistigem Eigentum“ basiere.

eröffnet Wolfgang Bittner dort seinen Artikel anlässlich der aktuellen Plagiatsdiskussion um Frau Dr. Schavan (die mich übrigens nicht die Bohne interessiert).

Die Sätze sind ein bisschen verschachtelt und nicht ganz unkompliziert, aber wenn wir sie mal für etwas schlichtere Gemüter umformulieren, dann steht da:

Das geltende Urheberrecht sieht Strafen für Plagiate vor, deswegen ist es abwegig, das geltende Urheberrecht zu kritisieren.

Müsste nicht sogar bei der FAZ jemand gemerkt haben, dass das unfassbarer Blödsinn ist? Lesen die ihren Kram noch, bevor sie ihn veröffentlichen?


Und Brecht muss es ja wissen.

18. April 2012

Ich weiß nicht, ob ich nur zynisch und paranoid bin, aber ich habe derzeit den Eindruck, dass die faz nicht nur Freude daran hat, möglichst viel gehässigen Unsinn über die Piratenpartei zu schreiben, sondern sich dabei außerdem noch eines besonders armseligen Mittels bedient: Des Konsensinterviews. Ich weiß nicht, ob es dafür schon einen anderen Begriff gibt, aber bis auf Weiteres bleibe ich bei meinem, und es gibt eigentlich kaum eine Form von Journalismus, für die ich mich als Journalist mehr schämen würde.

Während Patrick Christian Lindners Bemerkung „Nur weil die Piraten gern gratis Filme, Musik und Bücher aus dem Internet herunterladen, ist das für die Gesellschaft insgesamt nicht gut.“ noch eine dumme Gehässigkeit hätte sein können, die wir nur ihm persönlich zu verdanken haben, ist das vorgestrige Interview mit der kulturpolitischen Sprecherin der Grünen Agnes Krumwiede für mich kaum noch anders zu erklären als durch völlig Befreiung von jeglichem Anspruch und Schamgefühl seitens der verantwortlichen Mitarbeiter.

Kurzer Exkurs: Ja, Frau Krumwiede ist auch Pianistin. Ist doch klar, dass ich mich an Künstler wende, wenn ich was zum Urheberrecht wissen will. Wenn es um Jagdrecht geht, ist doch auch ein Hirsch der beste Ansprechpartner.

Konsensinterviews zeichnen sich dadurch aus, dass sie völlig auf investigative Fragen und eigentlich jede Form von Journalismus verzichten, weil es in ihnen nur darum geht, dass die Gesprächspartner einander möglichst nachdrücklich zustimmen. Wenn man noch ein kleines bisschen Respekt vor den Lesern hat, versteckt man das durch Scheinfragen wie:

Brauchen wir ein „neues“ Urheberrecht?

oder

Die Kritiker heben auf die „Verwerter“ ab und sagen, es gelte, deren Interessen auszuschalten, um für die gebeutelten Urheber einzutreten. Geht die Gleichung auf?

(Anscheinend hörte das Interview sehr früh auf, sich auf die Piratenpartei zu beziehen, und drehte sich dann stattdessen um irgendwelche diffusen „Kritiker“. Nicht, dass irgendjemand sich Mühe gegeben hätte, sicherzustellen, dass niemand auf die Idee kommt, es gehe hier um die Position der Piratenpartei.)

Aber man kann natürlich auch völlig enthemmt auf Fragen verzichten und der Interviewpartnerin nur noch Stichwörter geben:

Man kann den Eindruck haben, das Grundsätzliche gerate aus dem Blick.

(Ja, das ist die ganze Frage.) oder:

Es gibt einen erstaunlichen Gleichklang zwischen den Forderungen der Piraten und den Interessen von Internetkonzernen wie Google oder Facebook.

Und diese … naja, Frage fand ich nun schon so perfide, dass mir beinahe die Worte fehlen. The fuck, faz? Ich meine … Bin ich das, oder will Michael Hanfeld hier unterstellen, dass die Piraten in Wahrheit gekaufte Schergen finsterer Konzernbosse sind, traut sich aber nicht, das direkt zu sagen, weil diese Unterstellung sogar für ein FAZ-Interview zu blöde und zu unverschämt wäre?

Frau Krumwiede antwortet darauf jedenfalls einfach mal fröhlich frei:

Forderungen wie nach einer Verkürzung der urheberrechtlichen Schutzfristen bedienen in erster Linie die Interessen großer Internetkonzerne.

Das muss sie natürlich nicht erklären oder begründen, denn es ist ja ein Konsensinterview. So kann sie ganz ungestört weiter erzählen:

Dass Google auch in Berlin ein Institut finanziert zur „unabhängigen“ Erforschung von Internetfragen, bereitet mir Unbehagen.

Unbehagen. Ist klar. Wo kommen wir denn da hin, wenn Unternehmen Forschung betreiben?

Wie unabhängig ist Forschung, wenn sie von einem Internetriesen finanziert wird?

Genau, Frau Krumwiede. Forschung ist natürlich nur dann unabhängig, wenn sie … ähm … nicht finanziert wird. Ansonsten bereitet sie uns Unbehagen. Oder ist es eher so, dass Unabhängigkeit uns nur wichtig ist, wenn sie sich auf Geldgeber bezieht, die wir nicht mögen? Und was hat das jetzt noch mal mit der Politik der Piratenpartei zu tun? Hm. Vielleicht müssen wir darüber noch mal nachdenken. Aber die Hauptsache ist doch:

„Wo die wirtschaftliche Macht ist, verliert der Urheber“, hat Bertolt Brecht erkannt.

Ich schätze, damit ist die Sache klar.

Um Himmels Willen. Ich bin ja nun auch kein Anhänger der Piratenpartei, und ich habe bis auf Weiteres keine Meinung dazu, wie ein vernünftiges Urheberrecht aussehen sollte, aber wenn ich lese, was die FAZ zurzeit so dazu schreibt, bin ich immer ganz ratlos, ob ich die Leute, die dort arbeiten, verachten oder bemitleiden soll, oder ob ich vielleicht doch versuchen sollte, professionelle Hilfe zu organisieren.


Philoso1(3)/Driving home for eine Woche nach Ostern

14. April 2012

Ein unermüdlicher Fan hat in der letzten Zeit hartnäckig unzählige Male die Aufforderung an mich herangetragen, doch mal wieder was zum Hören aufzunehmen.

Ich denke, das wird nicht wieder vorkommen.

Hier ist Weisheit:

Hier ist der Download

Wer es genau wissen will, findet hier die Quellen, über die ich spreche: Episode 2.7 der Godless Bitches (nicht 2.8, wie ich im Cast behaupte), Böss in Berlin und Marinas Lied


Auf des toten Mannes Kiste

5. April 2012

Und dann habe ich dank Felix Schwenzel ein Interview mit dem Piraten Christopher Lauer gelesen. Felix sieht die Gefahr, zum Lauer-Fan zu werden, und ich verstehe das einerseits, weil Lauer wirklich eminent sympathisch rüberkommt, und das ganze Interview sich so gefällig liest, dass man beinahe wieder anfangen möchte, n-tv zu mögen. Andererseits sehe ich die Gefahr bei mir selbst derzeit gar nicht. Das hat einerseits eher irrationale Gründe:

Der Zyniker in mir kauft Lauer sein unkonventionelles Gehabe nicht ab und stört sich daran, dass jemand permanent in der Öffentlichkeit auf unheimlich sympathische Weise verkündet, dass es in der Politik nicht darum gehen sollte, in der Öffentlichkeit sympathisch zu wirken, und dass eine Partei forwährend durch alle Kanäle in die Welt bläst, dass Parteien nicht permanent ihre leeren Worthülsen durch alle Kanäle in die Welt blasen sollten. Ich weiß wenig über die Piraten und irre mich deshalb vielleicht, aber es kommt mir so vor, als hätten die vor lauter Begeisterung darüber, wie unkonventionell, unideologisch und inhaltsorientiert sie doch sind, noch keine ausreichende Gelegenheit gefunden, irgendwelche inhaltlichen Positionen zu entwickeln. Solltet ihr das besser wissen, belehrt mich bitte.

Und dieses Problem führt uns nahtlos zu den eher rationalen Gründen:

Ich habe keine Ahnung, wofür die Piraten stehen, und die paar inhaltlichen Äußerungen, die ich von den immer immens sympathischen und liebenswert unkonventionellen Vertretern der Piraten höre, gefallen mir eigentlich nie. Nehmen wir mal die Selbstbeschreibung von Christopher Lauer aus dem Interview:

Ich sage seit der Bundestagswahl, dass es sich bei der Piratenpartei um eine sozialliberale Partei handelt. Sozial im Sinne von: Wir leben in einer Gesellschaft, wo wir uns umeinander kümmern müssen, sonst funktioniert es halt nicht. Und liberal im Sinne von: Wir brauchen eine Partei, die sich für Bürgerrechte einsetzt, die sich dafür einsetzt, dass wir in einer freiheitlichen Demokratie leben, in der der Staat eben nicht alle Bürger überwacht, sondern die von Vertrauen geprägt ist, Vertrauen des Staates in seine Bürger. Das ist ja schon mal ein klares Profil.

Zuallererst: Können wir uns darauf einigen, dass das überhaupt kein Profil ist, erst recht kein klares? (s. Punkt 1) Welche Partei würde denn wohl nicht zustimmen, wenn man sie fragt, ob die Menschen sich umeinander kümmern müssen und ob es besser wäre, wenn der Staat nicht alle seine Bürger überwachte?

Und zweitens: Natürlich gefällt mir erstens schon der Teil „sozial“ nicht. Das liegt nicht daran, dass wir uns nicht umeinander kümmern sollten, sondern dass ich mir ziemlich sicher bin, dass Lauer eigentlich meint: „[…] einer Gesellschaft, wo wir die Bürger zwingen müssen, dem Staat ihr Geld zu geben, damit er sich um sie kümmert“. Er hat das etwas freundlicher formuliert, aber so muss er es gemeint haben, denn sonst bräuchte er den Zusatz „sozial“ nicht, denn das Soziale wäre dann keine politische Frage, sondern eine private Entscheidung des einzelnen Bürgers.

Im zweiten Teil finde ich auch sein Verständnis von „liberal“ etwas abwegig. „liberal“ ist ein Staat, der „eben nicht alle Bürger überwacht“, sondern ihnen vertraut? Nein. Nennt mich einen Fundamentalisten, aber schon die bloße Forderung, dass der Staat „Vertrauen in seine Bürger“ haben soll, hat etwas Antiliberales.   Diese Formulierung impliziert nämlich, dass dieses Vertrauen erforderlich wäre, damit der Staat seine Bürger nicht überwacht, was Blödsinn ist, weil ein Staat seinen Bürgern von mir aus gerne misstrauen darf, das gibt ihm trotzdem nicht das Recht, sie alle permanent zu überwachen. Ein liberaler Staat braucht kein Vertrauen. Er tut, was er unbedingt muss, und alles andere lässt er bleiben. Vertrauen hat aus meiner Sicht in politischen Fragen nichts zu suchen.

Und schließlich kommt noch hinzu, dass mir persönlich nun ausgerechnet die Überwachung wirklich überhaupt gar nicht wichtig ist. Überwachung empfinde ich als den so ziemlich geringsten Eingriff in meine Freiheit, den der Staat sich herausnimmt. Ich wäre gerne bereit, permanent überwacht zu werden, wenn der Staat mich ansonsten in Ruhe ließe und nur da eingriffe, wo es erforderlich ist, um die Rechte seiner Bürger zu schützen. Noch besser wäre natürlich keins von beidem, aber wenn ich mich zwischen aktiver Gängelei und Überwachung entscheiden muss, dann nehme ich die Überwachung, ohne auch nur nachdenken zu müssen. (Ja, ich weiß natürlich, dass die Überwachungsgegner die Gefahr eben darin sehen, dass die Überwachung die Macht des Staates erweitert und letzten Endes in härtere Eingriffe in Grundrechte mündet, aber für mich sind das zwei verschiedene Fragen.)

Insofern geht es mir mit den Piraten so ähnlich wie mit Donuts. Ich stehe total auf diese kringelige Form und muss immer ganz glücklich grinsen, wenn ich so einen süßen Teigring sehe, mit Zuckerguss verziert, und vielleicht noch mit diesem putzigen bunten Krümeln obendrauf. Ich finde Donuts enorm sympathisch, und ich mag die Idee von Donuts. Ein Donut ist so ziemlich das netteste Gebäck, das ich mir vorstellen kann. Aber er schmeckt trotzdem nicht, enthält viel zu viel Fett und Zucker, und in seiner Mitte hat er ein großes Loch.