Boah, sag mal

16. Oktober 2012

Meinen die das eigentlich noch ernst, die bei der FAZ, oder veröffentlichen die schon mit Absicht Artikel, um ihre Leser zu verwirren?

Ein Plagiat, also „geistiger Diebstahl“, ist ein Vergehen und kann nach §106 des Urheberrechtsgesetzes mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe geahndet werden. Bei nachgewiesenem Plagiat handelt es sich also nicht um eine Bagatelle oder ein Kavaliersdelikt. Abwegig ist, wenigstens zurzeit, deshalb die Auffassung, wie sie im Grundsatzprogramm der Piratenpartei deutlich wird, wonach das geltende Urheberrecht eine unzumutbare Beschränkung der „aktuellen Entwicklung“ darstelle, da es „auf einem veralteten Verständnis von so genanntem geistigem Eigentum“ basiere.

eröffnet Wolfgang Bittner dort seinen Artikel anlässlich der aktuellen Plagiatsdiskussion um Frau Dr. Schavan (die mich übrigens nicht die Bohne interessiert).

Die Sätze sind ein bisschen verschachtelt und nicht ganz unkompliziert, aber wenn wir sie mal für etwas schlichtere Gemüter umformulieren, dann steht da:

Das geltende Urheberrecht sieht Strafen für Plagiate vor, deswegen ist es abwegig, das geltende Urheberrecht zu kritisieren.

Müsste nicht sogar bei der FAZ jemand gemerkt haben, dass das unfassbarer Blödsinn ist? Lesen die ihren Kram noch, bevor sie ihn veröffentlichen?


Gastbeitrag von Carlos-Theodore de Bienmontaña zum aktuellen Stand der universitären Bildung

16. Juni 2011

faz.net hat es schon wieder getan. Wann immer ich mich nicht gut fühle, suche ich die Internetpräsenz der „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ auf, und dann lache ich, und lache, und freue mich, bis die letzte Spur von Weltschmerz getilgt ist.  faz.net hat auch heute wieder eine große Enthüllung für uns, die gewohnt übergeigt angekündigt wird:

Kommilitonen werden „Mitschüler“ genannt, die Universität auch manchmal „Schule“: Das Durchschnittsalter in den Masterstudiengängen sinkt. Dass die Beschleunigung des Studiums ungute Folgen hat, zeigt sich inzwischen deutlich.

Jeder Satz ein Hammerschlag, oder? Jeder Satz öffnet einem die Augen dafür, wie verkommen unsere Gesellschaft eigentlich ist. Jeder Satz eine Anklage.

Die Struktur dieser Artikel ist eigentlich immer die gleiche. Wir beginnen mit einem reißerischen TeaserDer eigentliche Artikel beginnt dann mit einer kurzen Darstellung des Umsichgreifens irgendeines modernen Schnickschnacks auf Kosten irgendeines alten Schnickschnacks:

An den Hochschulen werden sich in Zukunft nicht nur immer mehr, sondern auch immer jüngere Studierende einschreiben. Die frühe Einschulung, das verkürzte Abitur (G8), Fachabiturienten nach verkürzten Ausbildungen und der Wegfall von Zivil- und Wehrdienst beschleunigen die Karriere im Bildungssystem. In den Bachelor-Studiengängen verändert sich daher die Lehrkultur, aber inzwischen sind auch die Masterstudiengänge betroffen.

Im nächsten Schritt wird der alte Schnickschnack so unsinnig idealisiert, dass man beinahe brechen möchte wie nach dem übermäßigen Genuss von rosa gefärbter Zuckerwatte:

Im Unterschied zur Schule folgt die Universität der Idee, dass Lehrende und Lernende eine Gemeinschaft Erwachsener bilden, die zusammen ein Thema befragen und erschließen. Der Orientierungsüberschuss der Lehrenden bezieht sich auf das Fachwissen oder Feldkenntnisse und weniger auf die entwicklungspsychologische Reife. Wissens- und nicht Rollenhierarchien sind Kennzeichen der Universität. Bestenfalls arbeitet man auf Augenhöhe und etabliert eine Kultur gemeinsamen „forschenden Lernens“.

um dann am Beispiel einer völlig unsinnigen Anwendung des neuen Schnickschnacks zu demonstrieren, dass es nicht nur sinnlos und dumm ist, sondern eine monumentale Bedrohung für unsere Gesellschaft, unser Seelenheil und überhaupt die Welt, wie sir sie kennenNachdem man das gelesen hat, hängt man atemlos auf der Vorderkante seines Sitzes. Man weiß, dass man kurz davor steht, einen Blick zu erhaschen auf das Übel, an dem unsere Welt im Kern krankt:

Die jungen Masterstudenten sind aber sozialisiert durch die Schule, durch verschulte BA-Studiengänge, und ihnen fehlt oft jede ernsthafte Erfahrung mit der real existierenden Arbeitswelt. Sie wohnen noch im Kinderzimmer bei den Eltern, auch aus finanziellen Gründen. Viele Entwicklungskrisen des jungen Erwachsenenalters liegen noch vor ihnen. […] Junge Mädchen spielen mit ihrem iPhone, Zettelchen werden geschrieben und durch den Raum geschickt. Die Jungs surfen im Facebook. Die Dozenten bekommen Spitznamen. […] Einige wollen von den Dozenten gern geduzt werden, aber Siezen natürlich ihren „Lehrer“. […] statt von Männern und Frauen zu sprechen, sagen viele durchgängig „Mädchen und Jungen“. Die Mails beginnen mit der Anrede „Sehr geehrter Herr Dr.“ und schließen mit „Lieben Gruß, Anja“.

Uiuiuiuiui, wer hat die eigentlich zugelassen, diese jungen Studenten? Ist da eigentlich die Sicherheit für die Bevölkerung gewährleistet? Wird es nicht vielleicht Zeit für ein Moratorium?

Wir stellen also die dümmstmögliche Anwendung des neuen Schnickschnacks der idealtypischen Anwendung des alten gegenüber und belegen dann die Gefahren des neuen.

Vielleicht müssen wir uns […] der Idee öffnen, als Eingangsvoraussetzung für die Masterstudiengänge eine gewisse Zeit außerhalb des Bildungssystems zu verlangen. Andernfalls entlassen wir fachlich überqualifizierte, aber vom Reifegrad unterentwickelte Absolventen in eine Arbeitswelt, die sich nicht an Schülern und jugendlichem Verhalten, sondern an Erwachsenen orientiert.

Fällt euch auf, was die Argumente dieses Artikels gemeinsam haben? Richtig! Sie sind alle Bullshit.

Man mag sowas für eine Kleinigkeit halten, aber für mich ist es ein Symptom einer durchaus ernstzunehmenden Krankheit. Sogar zweier Krankheiten: Erstens brauche ich keine Journalisten, wenn ich eine freihändig aufgestellte Mutmaßung will, sowas kann ich selbst. Zweitens sollte nicht nur ein Journalist, sondern jeder Mensch wissen, dass Anekdoten keine Belege sind.

Der Artikel von Frank Berzbach ist vom Niveau her ein Rant. Die können toll zu lesen sein, weil sie (fast) immer voller Leidenschaft und meistens auch noch lustig sind. Darunter leidet ihre Ausgewogenheit ein bisschen, aber das nimmt man in Kauf. Dieser hier schafft leider keins von beidem, weil er so tun will, als wäre er eine sachliche Analyse, und ist deshalb am Ende einfach nur dumm.

[Quellenangaben wurden nachträglich von der überschaubare-Relevanz-Redaktion eingefügt, und einige gravierende handwerkliche Fehler wurden vor der Veröffentlichung noch korrigiert. Dank für den Namen in der Titelschlagzeige geht natürlich an den Postillon, auch wenn der keine Ahnung von Banken hat.]


Endlich: Zweifel um Guttenbergs Dissertation endgültig ausgeräumt!

23. Februar 2011

Berlin. Auf einer lange erwarteten Pressekonferenz stellte sich Bundesverteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg heute gemeinsam mit Bundeskanzlerin Angela Merkel und dem CSU-Vorsitzenden und Bayerischen Miniterpräsidenten Horst Seehofer den sich kontinuierlich ausweitenden Vorwürfen in Bezug auf seine Inauguraldissertation.

„Ja“, gestand zu Guttenberg zerknirscht ein, „Es stimmt, dass auf rund 69% der Seiten meiner Dissertation Plagiate zu finden sind. “ Untermalt von einer unverständlichen Geste und intensivem Starren in die Augen der anwesenden Journalisten fügte er nachdrücklich hinzu: „Ich habe jedoch nicht absichtlich getäuscht.“

Nach einer längeren Zeit peinlichen Schweigens und verwirrter Blicke der Zuhörer fuhr zu Guttenberg fort: „Ich habe einfach nur den Überlick verloren und versehentlich in einigen Fällen die Regeln für korrekte Zitate und Quellenangaben nicht eingehalten. Das sind nicht die Plagiate, die ihr sucht.“

Langsam nickend stimmten Merkel und Seehofer ihm zu: „Das sind nicht die Plagiate, die wir suchen.“

Nach einhelliger Auffassung aller Anwesenden ist Dr. zu Guttenbergs Erklärung vollkommen schlüssig und über jeden Zweifel erhaben. Die so genannte Plagiatsaffäre kann damit als endgültig abgeschlossen betrachtet werden.

Das sind nicht die Plagiate, die wir suchen.


Ha! Jetzt haben wir ihn!

17. Februar 2011

Sicher könnt ihr es jetzt schon kaum erwarten, endlich zu erfahren, was ich über Guttenbergs Dissertation denke. Tja, gute Nachrichten: Ich werd’s euch jetzt verraten.

  1. Als jemand, der gerade selbst eine Dissertation geschrieben hatschreibtgeschrieben hatschreibtgeschrieben hatschreibt was auch immer, wünsche ich ihm natürlich die Pest an den Hals, und die Pocken, und Mumps, und Krebs, und ein Leben lang schlechten Sex. Ich bin selbst unanständig faul, und sicher finden sich in meiner Arbeit auch haufenweise Fehler und schlechte Zitierungen, aber wer mehrere Seiten von anderen einfach kopiert, ohne sie als Zitate zu kennzeichnen, und dann trotzdem damit durchkommt und summa cum laude abschneidet, der gehört nicht nur bestraft, sondern sollte fürderhin gezwungen sein, irgendeinen schändlichen Titel zu seinem Namen zu führen wie „Möchtegerndoktor“ oder „Rrrrrraubkopierrrerr“, oder sowas. Ich habe Jahre darauf verwendet, dieses blöde Ding auf ehrliche Weise fertig zu stellen, und ich missgönne einfach jedem sein Glück, der das nicht nötig hatte.
    Irgendeine kleine Strafe verdient übrigens jeder, der summa cum laude abschneidet, ganz egal, wie er das angestellt hat.
  2. Als jemand, der Herrn Guttenberg einfach nicht besonders leiden kann, empfinde ich eine gewisse verhaltene Schadenfreude darüber, dass er beim Schummeln erwischt wurde. Alleine schon für die Mitgliedschaft in der CSU gehört er bestraft, und seine Äußerungen damals zu von der Leyens lustigem Netzsperrentheater machen den Sack zu. Guttenberg hätte es sogar dann verdient, als Plagiator dazustehen, wenn er keine wäre. Immer drauf!
  3. Als Staatsbürger ist mir die Sache piepegal. Hat er eben bei der Zitation geschlampt oder gemogelt. Hat er eben seine Fähigkeit zum vertieften wissenschaftlichen Arbeit nicht unter Beweis gestellt. Hat er es eben auf Nachfrage nicht sofort zugegeben.
    Was davon soll ihn als Minister oder Bundeskanzler disqualifizieren?
    Ich kann kaum sagen, wie es mir auf den Geist geht, dass die Leute immer völlig entsetzt reagieren, wenn sich herausstellt, dass Politiker Menschen sind wie wir alle.
    Den Ersten, der jetzt seinen Rücktritt fordert, bezeichne ich schon mal prophylaktisch unbekannterweise als bornierten Wichtigtuer, und für die, die ihm nachfolgen, lasse ich mir beizeiten auch noch was einfallen.
  4. Und als ganz Unbeteiligter finde ich die Sache einfach rundum unbegreiflich, zum Mitoffenemmunddastehenundstaunen. Was hat er sich denn dabei bloß gedacht? Ich meine, es sind ja nur ein paar Seiten von 475. Es ist nicht so, als hätte er es ohne die geklauten Textstellen nicht geschafft. Es ist mutmaßlich nicht mal so, dass seine Note gelitten hätte. Es ist garantiert nicht so, dass es einen nennenswerten Aufwand bedeutet hätte, die Sache regelkonform zu machen. Ein paar Stunden wären großzügig geschätzt. Was war da denn los?
    Man weiß es nicht.

Nachtrag, 21. Februar 2011: Nachdem wir wohl so allmählich anfangen können, es als Tatsache zu betrachten, dass mit der Dissertation erheblich mehr nicht stimmt, als ersten berichten zu entnehmen war, wird es Zeit, dass ich auch meine Meinung neu ordne: Rätselhaft ist jetzt natürlich gar nichts mehr, offenbar wurde da ganz hundsgewöhnlich geschummelt. Und Rücktrittsforderungen halte ich zwar auch angesichts der beharrlichen Weigerung von Herrn Guttenberg, zur Wahrheitsfindung beizutragen, nicht unbedingt für geboten, aber ich ziehe die These zurück, dass man dafür beschimpft gehört, sie zu erheben.

Wir dürfen gespannt sein, was noch kommt. Vielleicht sind seine Kinder ja auch nicht von ihm. Oder so.