In speziellen Ausnahmefällen

14. November 2012

Ta-daa! Endlich ist es so weit: Das Bundeskabinett hat anscheinend heute in seiner unermesslichen Großzügigkeit und seiner unauslotbaren Weisheit beschlossen, dass Frauen das Recht erhalten sollen, in ganz besonderen Fällen mit hieb- und stichfester Begründung in streng regulierten Zentren eine größere Gruppe völlig Fremder darüber entscheiden zu lassen, ob sie vorher überprüfen dürfen, was in ihren Körper eingepflanzt wird, oder nicht.

In allen anderen Fällen müssen die betroffenen Frauen sich nach wie vor entscheiden, ob sie das Risiko eingehen, einen zufällig ausgewählten Embryo einpflanzen zu lassen, der Gendefekte tragen kann, oder eben nicht, oder auf eine künstliche Befruchtung verzichten. Sollten sie in diesen Fällen doch eine Untersuchung an dem Embryo durchführen lassen, werden sie dafür bestraft. Weil da könnte ja sonst jeder kommen, und das wäre ja noch schöner.

Wo kämen wir denn da auch hin, wenn Menschen einfach so einen Anspruch darauf hätten, vorher zu erfahren, was in ihren Körper implantiert wird? Die Folge einer solchen unverantwortlichen Laissez-Faire-Politik wäre unweigerlich eine baldige Rückkehr des Dritten Reiches. Nur noch schlimmer.

Was bin ich froh, dass wir eine Regierung haben, die sich ihrer Verantwortung bewusst ist und deshalb konsequent ihren persönlichen unsinnigen Vorstellungen von Moral und Anstand den Vorrang gibt vor den Rechten ihrer Bürger. Besonders der weiblichen.

Problematisch ist in diesem Zusammenhang natürlich, dass Frauen nach wie vor das Recht haben, völlig unkontrolliert und ganz unabhängig von den Beschlüssen irgendwelcher Ethikkommissionen zu entscheiden, wann und mit wem sie Kinder zeugen, und wie viele. Eine solche Selektion kann weder sozial gerecht, noch natürlich, noch gottgewollt, noch sonst irgendwie akzeptabel sein. Aber ich bin sicher, das kriegen wir auch noch in den Griff.


Missbrauch, Schaden, und Ersatz

13. Juli 2011

Als Christina schrieb:

Außerdem finde ich es ein bißchen naiv zu glauben, dass die PID nicht irgendwann mißbraucht wird.

da hätte ich beinahe geantwortet, dass mir tatsächlich keine Möglichkeit einfällt, wie man Präimplantationsdiagnostik missbrauchen könne. Ich beschränkte mich dann aber doch lieber auf die Gegenfrage, wer das denn hier ihrer Meinung nach glaube, denn niemand hatte eine derartige Überzeugung geäußert.

Kurz nachdem ich meine Antwort veröffentlicht hatte, fiel mir eine eigentlich offensichtliche Missbrauchsmöglichkeit ein: Jemand könnte PID dafür verwenden, bewusst Embryonen auszuwählen, die eine schädliche Veranlagung in sich tragen.

Nachdem ich mich zu Ende gewundert hatte, dass ich für diese Idee so lange gebraucht hatte, stellte ich mir als nächstes die Frage, ob diese Anwendung meiner Meinung nach verboten werden sollte, und welche Konsequenzen sie haben könnte.

Und dann fiel mir auf, dass das eine schwierige Frage mit zahlreichen Facetten ist. Und ich dachte eine Weile drüber nach.

Wie gerufen kam mir dazu ein Artikel von CK bei L for Liberty, der freundlicherweise meinen Post zur PID verlinkt und vor allem klar Stellung zu meinem Problem bezieht:

Wo ich die Grenze bei der privaten, marktwirtschaftlichen Nutzung ziehen würde? Dort wo man bewusst behinderte Menschen erschaffen würde. So habe ich mal von einem tauben Paar gelesen, was sich unbedingt ein ebenfalls taubes Kind wünschte. Das finde ich so grotesk, dass mir die Worte dafür fehlen. Das sollte in der Tat verboten sein und ein so erzeugtes Kind sollte das Recht bekommen, seine Eltern später auf Schadensersatz zu verklagen.

(Wer an sowas Spaß hat, der möchte vielleicht auch gleich noch den ersten Kommentar lesen und leise kichern. Nicht, dass ich nachkarten wollte, aber… Ja, gut, doch, will ich. Aber ich arbeite an mir und meinem Charakter, Ehrenwort!)

Instinktiv war meine erste Reaktion ziemlich genau die gleiche wie CKs. Ich verstehe seinen Standpunkt gut und kann mich auch jetzt noch nicht von dem Gefühl befreien, dass er Recht haben sollte. Ich fürchte aber, er hat es trotzdem nicht.

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Was ist eigentlich schlimm an Designerbabys?

8. Juli 2011

Ich denke, ihr wisst alle schon, was ich denke, denn ich habe es schon oft genug gesagt, deswegen fasse ich mich kurz.

Urheber: Minami Himemya

Die gestrige Entscheidung des Bundestages zur Präimplantationsdiagnostik (PID) war natürlich kein Sieg der Vernunft. Das ist ungefähr so enttäuschend wie der Umstand, dass Ayrton Senna die F1-WM dieses Jahr nicht gewinnen wird. Aber der Bundestag hat sich immerhin für den am wenigsten dämlichen Gesetzentwurf entschieden, der zur Auswahl stand, und das ist vielleicht tatsächlich Grund für ein kleines bisschen verhaltene Freude.

Ähem. Also dann: Wie schön. So, das genügt.

Diese Entscheidung ist nämlich eigentlich wirklich kein Grund, sich zu freuen. PID wird strafbewehrt verboten, nur für wenige besondere Fälle kann es Ausnahmen geben. Und ich finde, wenn man es mal sachlich betrachtet, ist das eine unfassbare, durch nichts zu rechtfertigende Einschränkung unserer Freiheit. Eine befruchtete Eizelle ist kein Mensch. Eine befruchtete Eizelle ist überhaupt kein Lebewesen in irgendeinem bedeutungsvollen Sinn. Sie ist noch endlos viel weniger ein Lebewesen als eine Fliege, eine Made, oder eine Karotte. Sie hat nicht nur kein Bewusstsein, sie hat keinerlei Empfindungen, kein Nervensystem, nichts.

Und doch sollen Menschen bestraft werden, die aus einer Vielzahl solcher Zellen (bzw. Zellklumpen, je nach Stadium) eine (bzw. einige) zum Einpflanzen auszuwählen, es sei denn, sie machen es zufällig.

Ich bin gar nicht sicher, ob ich es schlimmer fände, wenn es komplett verboten wäre, befruchtete Eizellen zu zerstören. Das wäre zwar aus Sicht der Betroffenen schlimmer, und das ist wohl ein entscheidender Punkt, aber es wäre immerhin nicht vollkommen idiotisch wie die Regelung, die wir jetzt haben.

Und um es noch einmal explizit zu sagen: Daraus, dass ein paar Zellen kein Lebewesen sind, folgt, dass man niemandem schadet, indem man sie vernichtet, selektiert, einpflanzt oder nicht, oder indem man sie zum Frühstück verspeist, wenn man auf sowas steht. Deswegen hat der Staat dafür auch keine Strafen zu verhängen. Ganz egal, wie der Gesetzgeber, oder ich, oder irgendjemand sonst dazu steht, ob jemand lieber ein Kind ohne ALS will, eines ohne Progerie, oder eines mit grünen Augen und einer perfekten Nase.


Hattrick

15. März 2011

Menschenwürde ist sicher irgendwie sehr wichtig, aber manchmal denke ich doch, dass sie als rechtliches Konzept völlig nutzlos ist. Deswegen ist nach meiner Erfahrung immer große Skepsis angebracht, wenn jemand sie als Begründung für irgendeine steile These heranzieht, ob es sich dabei nun um Bundesverfassungsrichter handelt, oder um Leute, die gerne Aufkleber an ihren Stoßstangen anbringen.

Heute geht es aber um einen (ehemaligen) Verfassungsrichter, der auf dem großen Menschenwürdelagerfeuer ein PID-Verbotssüppchen zu kochen versucht (Fragt mich nicht, wo diese bescheuerte Metapher herkommt, sie musste irgendwie einfach raus.) Er baut seine Argumentation in drei Stufen auf, von denen dankenswerterweise jede einzelne vollständig versagt, wenn man sie mal genauer betrachtet. (Am Anfang befürchtete ich noch, dass er einfach nur von einer einzigen falschen Grundannahme startet und von da an konsequent sein falsches Gebäude errichtet. Das hätte für einen Blogpost natürlich wenig Material hergegeben.)

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Wo kämen wir denn da hin? Das wäre ja noch schöner! Da könnte ja jeder kommen.

8. Juli 2010

Ich bin ein bisschen spät dran und fasse mich ein bisschen kurz, aber ich hoffe, dass ihr das versteht. Ich bin immerhin im Urlaub. Aber darüber mag ich mich dann doch ein bisschen aufregen:

Der BGH hat entschieden, dass die so genannte Präimplantationsdiagnostik (PID) nicht unter das geltende Embryonenschutzgesetz fällt und deshalb nicht verboten ist. So weit, so gut. Ich könnte zwar auch einiges zum Embryonenschutzgesetz an sich erzählen, und erklären, warum das sowieso gründlich überarbeitet gehört, aber das lasse ich mal lieber. Ihr wisst schon, Urlaub. Zum Thema also:

Für alle, die es nicht wissen: PID ist die Untersuchung von Embryonen bei der künstlichen Befruchtung vor der Implantation. Dabei könnte man zum Beispiel feststellen, ob die Kinder aufgrund ihrer genetischen Anlagen eine Behinderung entwickeln würden, oder ob er die Anlagen für irgendeine Erbkrankheit trägt, und dann kann man entscheiden, welchen Embryo man wirklich implantiert haben will, oder ob es vielleicht doch keiner von ihnen sein soll. Aus meiner Sicht ist es dabei wichtig zu beachten, dass die Embryonen zur Zeit der PID in der Regel aus ca. 4-8 Zellen bestehen. Und vielleicht sollte man außerdem wissen, dass künstliche Befruchtung nur eine Erfolgsquote von um die 30% hat, dass es also mehr oder weniger zum Prozess gehört, dass viele Embryonen sich nie zu Menschen entwickeln.

Der BGH hat nun wie erwähnt entschieden, dass das nicht verboten ist. Und die CDU und die Kirchen finden dieses Ergebnis natürlich ganz fürchterlich, weil  die CDU und die Kirchen grundsätzlich alles, was gut und sinnvoll ist, ganz fürchterlich finden sie der Meinung sind, dass PID die Menschenwürde der betroffenen Blastocysten beeinträchtigt. Sie sagen, es würde „zwischen wertem und unwertem Leben“ unterschieden, und dass durch Legalisierung von PID „der Rechtfertigungsdruck auf behinderte Menschen und deren Eltern“ wachsen würde, und lauter so Zeug. Und deshalb wollen sie, dass PID verboten wird, damit es weiterhin nicht möglich ist, vorab zu erkennen, ob ein Kind möglicherweise mit Spina Bifida, Trisomie 21 oder mit amyotropher Lateralsklerose zur Welt kommen wird.

Ich finde das zutiefst unmoralisch. Ich gehe sogar so weit, zu sagen, dass ich das widerwärtig finde. Natürlich haben auch Kinder mit diesen Krankheiten ein Recht auf Leben, und sie können sogar ein sehr erfülltes Leben haben und ihre Familie durch ihre Gegenwart maßlos bereichern. Trotzdem muss man doch anerkennen, dass die Geburt eines schwer behinderten Kindes für seine Familie eine furchtbare Katastrophe darstellen kann, und dass mitunter auch das Leben dieses Kindes selbst von unerträglichem Leid beherrscht wird. Wer PID umfassend verbietet, nimmt der Menschheit damit eine Möglichkeit, derartiges Leid zu verhindern, und trägt deshalb – wenn auch mutmaßlich mit den besten Absichten – eine Mitverantwortung daran.

Darüber hinaus kann PID dazu beitragen, ethisch und medizinisch ungleich kompliziertere Schwangerschaftsabbrüche in späteren Stadien zu vermeiden, beispielsweise dann, wenn ein Schaden, der die Gesundheit der Mutter gefährden würde, bereits vor der Implantation festgestellt wird. Davon weiß ich aber leider nur sehr wenig. Über sachdienliche Hinweise in den Kommentaren würde ich mich freuen, natürlich nicht nur hierzu.

Es ist nicht leicht – wahrscheinlich ist es sogar einfach nicht möglich –, genau festzulegen, wo die Grenze zwischen nichtmenschlichem und menschlichem Leben verläuft. Ich maße mir auch ganz sicher nicht an, diese Grenze hier auch nur ungefähr bestimmen zu wollen. Aber man kann meiner Meinung nach ziemlich eindeutig sagen, dass ein Embryo wenige Tage vor seiner Geburt bereits ein Mensch ist und auch so behandelt werden muss, und dass im Gegenzug ein Zellhaufen wenige Tage nach der Empfängnis in keinem vernünftigen Sinne ein Mensch ist und keine Menschenrechte trägt. Das Potenzial ist kein Maßstab. Niemand käme auf die Idee, Samen- oder Eizellen Menschenrechte zusprechen zu wollen, aber wenn sich zwei davon vereinigen, ist plötzlich menschliches Leben vorhanden? Nein. Das ist genauso unsinnig vereinfacht und genauso falsch wie die These, dass menschliches Leben erst mit der Geburt beginnt.

Aus diesem Grund sollte meiner Meinung nach übrigens auch die Selektion nach weniger bedeutsamen Kriterien wie Haar- oder Augenfarbe nicht strafbar sein. Ich persönlich halte zwar nichts davon, finde aber nicht, dass es verboten gehört, schwarzhaarige Kinder zu wollen.

Und zum Schluss, nur der Vollständigkeit halber: Eine besonders unerfreuliche Rolle spielen in derartigen Diskussionen natürlich gerne auch die Kirchen. Weil sie die ohnehin schon schwierige Diskussion noch weiter verkomplizieren, indem sie von Seelen und göttlichem Willen und dem christlichen Verständnis des Menschen herumquaken. Wer selbst so etwas glaubt, den bitte ich ob der Härte meines Ausdrucks hier um Nachsicht, aber ich sehe das so. Natürlich darf jeder glauben, was er will, und niemand ist gezwungen, gute Gründe für seine Weltsicht zu haben. Die braucht man erst, wenn man sie anderen strafrechtlich aufzwingen will.