Ich hatte ja keine Ahnung!

8. November 2013

Leute, wir müssen etwas tun. Wir müssen helfen. Schnell. Unbürokratisch. Jetzt sofort.

Nicht länger dürfen wir zögern, es ist die Zeit zu handeln. Die Zeit zu helfen.

Oder vielmehr: Der ZEIT zu helfen.

Oder vielmehr: Den ZEIT-Redakteuren. Denn die Arbeit für die ZEIT scheint das schlimmste Los diesseits der Minen von Mordor zu sein, das einen Menschen ereilen kann.

Die Arbeit in der ZEIT-Redaktion ist unmenschlich, entwürdigend, und verleugnet am Ende gar die Existenz derer, die sie erbringen.

Ich hätte das auch nicht gedacht, aber es muss so sein.

Wie sonst könnte man sich erklären, dass sogar für den stellvertretenden ZEIT-Chefredakteur Bernd Ulrich das Erbringen einer Leistung für einen anderen Menschen gegen Geld offenbar die größte Entfremdung ist, ein Akt, der einem, je länger man darüber nachdenkt, desto verzweifelter vorkommt?

Anderen Menschen Geld für eine Leistung zu bieten, macht diese in seinen Augen zum Objekt.  Wird vielleicht deshalb, wie man hört, die Bezahlung von Journalisten immer prekärer?

Irgendwie liegt es ja nahe. Herr Ulrich will halt sein Büro nicht zu einem Schauplatz der Dürftigkeit machen, indem er einen Journalisten dafür bezahlt, dass er verschwindet, während die ZEIT seine Texte veröffentlicht, um eine Sau rauszulassen, die wahrscheinlich schon lange nicht mehr in ihr

Moment mal, steht das da wirklich? Ähm … Ja. Hat Herr Ulrich so geschrieben.

Na gut. Verstehe ich nicht ganz, aber was soll man sagen?

Ich schätze, die ZEIT ist Herr Ulrichs Fluchtburg vor den freien Entscheidungen anderer Menschen mit von seinen abweichenden Bedürfnissen und Anforderungen.

Ich kann das verstehen.

Nur, ist es deswegen schon zwingend, dieses komplizierte, verlogene, nicht minder anstrengende Simulationsspiel in der Redaktion aufzuführen? Lohnt sich die Mühe der wirklichen Nähe nicht, ist das Verschiedenheitsspiel unter Gleichen nicht weit aufregender?

Und mindestens genauso wichtig: Was für ein Zeug ist es, das die da in Hamburg nehmen? Wie kommt man da dran, und ist es teuer?

Darüber wäre zu reden.


Der Appell gegen Journalismus

30. Oktober 2013

Die Presse ist „die Vierte Gewalt“? Journalismus ist „ein Beruf wie das Bäckerhandwerk“? Journalismus wird es immer geben, denn er ist unverzichtbar für die Demokratie? Falsch. Auch die Abschaffung der Sklaverei galt vor gar nicht so langer Zeit noch als Utopie. Und auch wenn die Sklaverei aus unserer Welt keineswegs ganz verschwunden ist, so wäre es heutzutage für einen aufgeklärten, demokratischen Staat doch undenkbar, die Sklaverei zu tolerieren oder gar zu propagieren.

Doch genau das tut Deutschland mit dem Journalismus: Es toleriert, ja fördert diese moderne Sklaverei (international „write slavery“ genannt). Das neu geschaffene Leistungsschutzrecht, das angeblich den geschätzt 85.000 deutschen Journalisten nutzen sollte, trägt die Handschrift der Verleger und ihrer LobbyistInnen. Ein deutscher Sonderweg. Selbst Russland rudert zurück. Die arabischen Länder und China haben schon vor Jahren die Ächtung und Bestrafung der freien Presse eingeführt. Die USA und Grobritannien sind im Begriff, es ihnen nachzutun.

Das System Journalismus ist Ausbeutung und zugleich Fortschreibung der traditionell gewachsenen Ungleichheit zwischen Papierzeitungen und Online-Content.  Das System Journalismus degradiert Autoren zur käuflichen Berufsgruppe und verletzt die Menschenwürde von Männern und Frauen – auch die der sogenannt „freiwilligen“ Journalisten.

Darum fordern wir von Politik und Gesellschaft:

  • Eine Gesetzesänderung, die der Deregulierung von Journalismus (online wie offline) schnellstmöglich Einhalt gebietet und die Journalisten schützt.
  • Prävention in Deutschland und in den Herkunftsländern, sowie Hilfen zum Ausstieg für Frauen im Journalismus. Und Schutz vor Abschiebung von Zeuginnen sowie deren Aufenthaltsrecht.
  • Aufklärung über die Folgen von Zeitungskauf bereits in den Schulen etc.
  • Ächtung und, wenn nötig, auch Bestrafung der Leser; also der Zeitungskäufer, ohne die dieser Menschenmarkt nicht existieren würde.
  • Maßnahmen, die kurzfristig zur Eindämmung und langfristig zur Abschaffung des Systems Journalismus führen.

Ein menschenwürdiges Leben ist denkbar.


Lange nicht mehr auf faz.net rumgehackt

13. Dezember 2011

Deswegen bin ich mir für nichts zu schade und greife nach jedem Strohhalm, so zum Beispiel diesem putzigen kleinen Kommentar zur Wüstenrot-Affäre (von der ich seit ungefähr zehn Minuten Kenntnis habe, aber das soll mich nicht davon abhalten, fundiert Stellung zu beziehen):

Auf einer Belohnungsreise der Bausparkasse Wüstenrot haben sich einige Mitarbeiter mit Prostituierten vergnügt. „Außerhalb des offiziellen Besuchsprogramms“, wie der Konzern betont. Das aber ist ganz unerheblich.

Recht hat er, möchte man sagen, aber nein. So meint Herr Krohn das nicht. Er meint, dass es keine Rolle spielt, ob der Sex mit Prostituierten Bestandteil der Belohnungsreise war oder nicht.

Wenn die Vertreter auf Konzernkosten unterwegs sind, stehen sie damit unter Beobachtung der Kollegen und der Öffentlichkeit. […] Wer mit dem Geld von Kunden spielt, muss sich insgesamt besser verhalten, um Vertrauen zu gewinnen.

Als ich anfing, diesen Post zu schreiben, schien mir der Anlass wirklich ein sehr mickriger. Aber je länger ich darüber nachdenke, desto ärgerlicher erscheint mir die Dummdreistigkeit dieser Forderung. Liegt das daran, dass ich mich sinnlos in Stimmung schreibe, oder versteht ihr, was ich meine? Ich versuche mal, zu erklären:

Wir gehen mal davon aus, dass die Prostituierten nicht vergewaltigt wurden und auch sonst keine Straftat vorlag und dass das Vergnügen in gegenseitigem Einvernehmen stattfand. Herr Krohn hätte anderenfalls mutmaßlich darauf hingewiesen, falls er das nicht auch unerheblich findet. Aber ich schweife ab. Sex zwischen einvernehmlich handelnden geschäftsfähigen Personen geht niemanden etwas an, außer diesen Personen selbst. Ob er nun heterosexuell, homosexuell, sadomasochistisch, kostenpflichtig oder in pelzigen Tierkostümen stattfindet. Wenn jemand sich bereit erklärt, mit einem anderen Menschen gegen Zahlung zu koitieren, sehe ich darin kein moralisches Problem. Herr Krohn offenbar schon. Er findet Sex mit Prostituierten offenbar nicht gut. Er nennt es ein „Fehlverhalten“. Und er findet, dass andere Leute sich danach zu richten haben, was er gut findet.

Und damit habe ich ein Problem. Es geht ihn nichts an, und es geht uns alle nichts an. Wie albern ist denn das, hier im Bariton großer Besorgnis darüber zu referieren, welche Vorbildwirkung das Verhalten der betroffenen Wüstenrotmitarbeiter hat und dass man sich „besser verhalten“ muss, um Vertrauen zu gewinnen?

Ja wo kämen wir denn hin, wenn Konzernangestellte außerhalb der Arbeitszeit einfach machen könnten, worauf sie Lust haben, ohne Rücksicht darauf zu nehmen, dass sie „unter Beobachtung der Kollegen und der Öffentlichkeit“ stehen? Was wäre das denn für eine Welt, in der es uns zeitweise einfach mal egal sein könnte, welches Verhalten wohl am ehesten den Vorstellungen unserer Kunden und der Journalisten von faz.net entspricht?

Und wenn Krohn selbst die Verbindung zur Finanzkrise zieht,

Deutsche Verbraucher sind in Sorge. In der Finanzkrise tun sie sich schwer, passende Anlageprodukte zu finden, die ihnen zumindest einen Inflationsausgleich sicherstellen. Ihnen gegenüber sitzen zum Teil leider Ratgeber, die das Vertrauen der geplagten Anleger nicht verdient haben.

dann könnte er in meinen Augen an dieser Stelle vielleicht erkennen, dass diese Krise auch von Anfang an ein beklagenswertes Versagen der Medien war, und dass es vielleicht kein Schritt in die richtige Richtung ist, öffentlich zu diskutieren, was „Ratgeber“ (Verdammt noch mal, diese Leute nennen sich vielleicht aus offensichtlichen Gründen selbst Ratgeber, aber warum bitte sollte ein Journalist diesen bescheuerten Titel übernehmen? Ich kaufe mein Auto doch auch nicht vom Kraftfahrzeugberater!) in ihrer Freizeit mit wem wo veranstalten und wie er zu ihren Freizeitaktivitäten steht, statt die besorgten Verbraucher tatsächlich zu informieren.

[Ein Nachtrag, den ich untypischerweise schon vor der Veröffentlichung einfüge: Gerade lese ich, dass die Reise nach Brasilien ging, wo Prostitution offenbar strafbar ist. Na gut. Auch dumme Gesetze sollte man als Tourist tendenziell einhalten. Ändert aber meines Erachtens nichts an meinen Ausführungen, außer dass der Begriff „Fehlverhalten“ dann wohl doch gerechtfertigt ist.]