Das wird man doch wohl noch sagen dürfen

4. Januar 2017

Ich persönlich bin ja dafür, dass Leute, die den Begriff Nafri okay finden, es aber als unfassbar unsensibel und unangemessen bewerten, wenn eine Bundestagsabgeordnete mal schüchtern fragt, ob ein rassistischer Polizeieinsatz eigentlich okay ist, ihre dumme Fresse halten.


Davos weh tut (2)

29. Januar 2012

So, der Rant ist fertig, jetzt sehe ich mich in der Lage, über das Interview der FAZ mit Herrn Appel von der Post zu schreiben, ohne mich strafbar zu machen. Los geht’s.

Schon die Überschrift ist bezeichnend für die Haltung des Herrn:

„Wir Besserverdiener wollen höhere Steuern zahlen“

Herr Appel, sie unaufrichtiger Mensch, Sie. Das haben Sie natürlich diplomatisch formuliert. Wie viel weniger nett hätte es geklungen, wenn Sie etwas gesagt hätten, was der Wahrheit näher käme, wie zu Beispiel:

„Ich und ein paar Leute, die ich kenne, sind der Meinung, dass andere Leute gezwungen werden sollten, höhere Steuern zu zahlen, und würden in dem Fall sogar akzeptieren, dass es uns dann eben auch treffen muss.“

Denn wenn es Ihnen wirklich nur darum ginge, für eine Gruppe zu sprechen, die gerne freiwillig höhere Steuern zahlen will, dann müssten Sie nicht darüber sprechen. Sie und diese anderen Menschen, von denen Sie reden, die offenbar gemeinsam mit Ihnen in der glücklichen Lage sind, zu viel Geld zu haben, könnten es einfach tun, und uns andere, die wir unser Geld noch selbst brauchen, vielleicht, weil wir nicht das Glück haben, für Monopolkonzerne zu arbeiten, die Jahrzehntelang alles vom Staat feingesiebt in diverse Körperöffnungen geblasen bekommen haben, mit Ihren Genörgel verschonen.

Hm. Anscheinend hat der Rant doch noch nicht allen Ärger aufgebraucht. Ich bitte um Entschuldigung und gehe jetzt mal einen Tee trinken. Wenn ich wiederkomme, müsste ich sachlicher sein.

So, bin zurück. Nächster Versuch. Fangen wir von vorne an, da wird es auch gleich lustig. die FAZ fragt, mit welchem Gefühl Herr Appel aus Davos nach Hause fährt, und er antwortet:

Mit dem Gefühl, dass das Schlimmste der Krise überstanden ist – diese Zuversicht höre ich aus vielen Gesprächen heraus.

Die FAZ weist ihn darauf hin, dass es üblicherweise anders kommt, als die Gipfelteilnehmer prognostizieren, worauf Herr Appel zustimmt und nun plötzlich die gegenteilige Erfahrung gemacht hat:

Meist tritt nicht ein, was die Majorität denkt – das deckt sich mit meiner Erfahrung. Insofern mag es Sie trösten, dass in Davos niemand jubelnd unterwegs ist. Es hat sich noch keine klare Mehrheit herausgebildet.

Ach so. Na gut, diese Argumentation ist wasserdicht. Ich schätze, wir können uns auf einen Boom freuen.

Angesichts von so viel Albernheit kann auch der FAZ-Mann nicht ernst bleiben, oder er hat versehentlich den Stichwortzettel von Bernd Stelter mitgenommen, was weiß ich?

Wie stellt sich aus Ihrer Warte die Misere in Griechenland dar? Transportieren Sie noch Pakete dorthin?

Ich kann mir den verdutzten Gesichtsausdruck und den verunsicherten Tonfall von Herrn Appel vorstellen, als er mit „Selbstverständlich“ antwortet, worauf der investigative Journalist von Deutschlands bester Tageszeitung knallhart nachfragt:

Die Rechnung wird auch bezahlt?

Aber es wird auch irgendwann wieder ernst, und Herr Appel erklärt seine Position zum „ausufernden Finanzkapitalismus“:

ich glaube wie [Frau Merkel], dass wir eine stärkere Regulierung der Finanzmärkte brauchen.

[…]

Ich spreche von einer Form des Finanzkapitalismus, der keinen Nutzen für den Kunden generiert, denn der entzieht der sozialen Marktwirtschaft das Fundament

[…]

 Nur wer keinen Mehrwert generiert, der sollte auch nicht exzessiv bezahlt werden.

Und da bin ich jetzt nicht sicher, ob ich unfair bin, aber für mich klingt da diese anscheinend verbreitete Einstellung durch, dass man Dinge ruhig verbieten kann, die einem keinen Vorteil bringen. Warum sollten diese blöden Banker etwas tun dürfen, was „keinen Nutzen für den Kunden generiert“?

Ja, warum? Aus demselben Grund, aus dem wir alle nicht nur das tun dürfen sollten, was irgendjemand anders für nützlich befindet. Weil der Mensch nicht das Recht hat, andere Menschen zu zwingen, das zu generieren, was er selbst für Mehrwert hält. Herr Appel maßt sich hier etwas an, was ich für ungeheuerlich halte, was aber in der politischen Debatte als selbstverständlich gilt: Man schreibt anderen vor, das zu tun, was man selbst gern hätte. Mir gefällt es nicht, wenn jemand komplizierte Finanzderivate einsetzt, das gehört verboten. Mir gefällt es nicht, wenn jemand nur weiße Männer als Kellner einstellen will, das wird bestraft. Mir gefällt es nicht, wenn Leute Bücher zu billig verkaufen, her mit der Buchpreisbindung.

Ich muss nun zugeben, dass ich in diesem Bereich nur sehr beschränkt mit objektiver Wahrheit argumentieren kann. Ich kann vielleicht darauf hinweisen, dass meiner Meinung nach solche Vorschriften uns allen letzten Endes schaden, aber eigentlich ist das nicht mein Hauptargument. Mein Hauptargument ist eigentlich nur, dass ich echt nicht gerne in einer Gesellschaft leben möchte, in der ich permanent irgendeinem Zwang unterworfen bin, der in meinen Augen durch nichts gerechtfertigt ist. Es kotzt mich einfach an, dass Leute wie Herr Appel oder Herr Trittin oder Frau Merkel oder Herr Rösler sich das Recht herausnehmen, zu entscheiden, wie ich mich krankenversichern muss, ob ich beim Radfahren einen Helm trage, und zu welchem Preis ich Bücher kaufe. Ich meine, jetzt mal ehrlich: Buchpreisbindung? Buchpreisbindung? Geht’s noch? (Ich weiß natürlich, dass es hier eigentlich nicht um Buchpreisbindung geht und Herr Appel kein Wort zur Buchpreisbindung verloren hat, aber das ist mir gerade egal.)

Ja, das ist eine Geschmacksfrage. Ihr könnt das anders sehen, und ich kann schwerlich behaupten, das eure Position in irgendeinem objektiven Sinne fehlerhaft wäre. Aber ich kann mir doch zumindest wünschen, dass diejenigen, die das anders sehen, wenigstens offen damit umgehen. Wenn jemand meint, das Recht zu haben, Zwang gegen andere Menschen auszuüben, dann sollte er das meiner Meinung nach offenlegen und genau erklären, wie seine Rechtfertigung aussieht, statt seine Absichten hinter verschüchtertem Gemurmel von „Wir Besserverdiener wollen“ und „sollte“ und „Fundamenten der Sozialen Marktwirtschaft“ zu verstecken, oder frommen Sprüchen wie „Der Staat sind wir“. Ich weiß nicht, was du bist, aber ich bin jedenfalls nicht der Staat. Wenn jemand mich unter Androhung von Gewalt zu etwas zwingen will, dann soll er das bitte mit vorgehaltener Waffe tun und nicht auch noch von mir erwarten, sein komisches Spiel von Vernunft und Konsens und Moral mitzuspielen.

Ja, das war jetzt ein bisschen pathetisch. Aber ist ja auch Sonntag, da darf man doch wohl ein bisschen übertreiben. Und ich hatte ja auch nie behauptet, dass ich sachlich bleiben will. Ich wollte mich nur nicht strafbar machen. Mission accomplished.


Tennis ohne Netz

26. Juni 2011

Wenn man sehr weit in die Einzelheiten geht, kann die Frage nach Schuld und Verantwortung außerordentlich kompliziert werden. Deswegen gibt es ja auch Berge von Kommentarliteratur und Gerichtsentscheidungen zu Fragen von zivilrechtlicher Haftung, und zum Strafrecht sicherlich noch mal das Gleiche.

Es gibt aber so eine Grundregel, auf die wir uns wahrscheinlich ohne zu ausführliche juristische Spitzfindigkeiten einigen können: Wenn ich etwas vorsätzlich verursache, obwohl ich mit völliger Gewissheit die Folgen meines Handelns kannte und obwohl ich die Möglichkeit gehabt hätte, diese Folgen zu verhindern, dann bin ich verantwortlich dafür. Diese Grundregel ist eigentlich jedem Menschen intuitiv zugänglich, ohne dass er lange drüber nachdenken muss.

Eben weil das so ist, haben die meisten Christen ein Problem. Sie glauben nämlich einerseits, dass ihr Gott allmächtig und allwissend ist, und dass er das Universum geschaffen hat. Daraus folgt, dass er alles, was in diesem Universum passiert, vorsätzlich verursacht hat, und weil er mit völliger Gewissheit die Folgen seines Handelns kannte und diese Folgen hätte verhindern können, wäre er damit für alles verantwortlich, was in diesem Universum geschieht. Für jeden Mord, für jede Kindesmisshandlung, für jedes überfahrene Reh und für jede Vergewaltigung.

Gleichzeitig glauben die meisten Christen aber, dass ihr Gott seine Schöpfung maßlos liebt, und das absolut perfekte Gute verkörpert. Und weil das schlecht mit der uneingeschränkten Verantwortung für Völkermord und Folter und Krieg und Mukoviszidose zusammenpasst, müssen diese Christen einen sehr starken internen Widerspruch in ihrem Glauben verarbeiten. Sie tun das auf eine Art, die mir persönlich völlig unbegreiflich ist: Sie ignorieren ihn, auch wenn man sie direkt mit der Nase darauf stößt, und scheinen völlig unfähig, auch nur das Problem zur Kenntnis zu nehmen. Ich finde das immer ausgesprochen frustrierend, wenn ich mit solchen Leuten diskutiere.

Regelmäßig sprechen sie dann vom freien Willen, den ihr Gott ja nicht einfach zerschmettern wolle, denn schließlich sei er ein „Gentleman“, der sich nicht aufdrängen wolle und sich deshalb vornehm zurückhalte, wenn man ihn nicht haben wolle.

Regelmäßig greifen sie dann zu vergleichen wie diesem: Stell dir vor, du hättest einen Sohn, der nichts von dir wissen will, und der nicht auf deinen Rat hört, und der etwas tut, das du für schädlich hältst. Was würdest du tun? Du würdest ihn nicht einfach mit Gewalt zwingen, das Richtige zu tun, stimmt’s? Du würdest freundlich versuchen, ihn zu überzeugen, du würdest deine Hilfe anbieten, aber wenn er sie nicht annimmt, würdest du ihn seine eigenen Fehler machen lassen, und hoffen, dass er es irgendwann einsieht.

Und diese Art von Vergleich ist auf so vielen Ebenen falsch, dass man eigentlich nur schreien den Kopf schütteln und das Gespräch abbrechen sollte, wenn jemand damit ankommt. Weil ich gerade ein bisschen gnatzig drauf bin, mache ich das anders und zähle die wesentlichen Fehler auf. Ich hoffe, ihr habt Zeit, es sind nämlich viele. Ich versuche aber, mich kurz zu fassen.

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