„Aber ich mein das doch gar nicht rassistisch!“

9. Oktober 2017

Ich finde eigentlich, dass ich nicht der Richtige bin, um diesen Post zu schreiben. Ich hoffe nach wie vor, dass ihr mir vielleicht in den Kommentaren einen besseren Beitrag von jemandem zeigt, der sich mit dem Thema auskennt, und ich dann in Zukunft den nehmen kann, wenn mich jemand fragt, was das Problem mit Begriffen wie „Mohrenkopf“ ist. Nee, jetzt nicht das Problem, dass immer alle glauben, man würde damit einen Schokoladenkuss meinen. Das andere. Das mit dem Rassismus.

Wenn ich bei Google nach geeigneten Posts suche, finde ich

  1. ganz viele Zeitungsberichte, die mit mehr oder weniger distanziertem Amüsement über Ereignisse wie die Umbenennung von Niedereggers Mohrenkopf-Torte berichten,
  2. Forendiskussionen wie diese, die mich umso mehr wünschen lassen, ich hätte einen brauchbaren Beitrag zum Thema, den ich verlinken könnte, und
  3. gut gemeinte und teilweise auch gut gemachte Posts wie diesen oder diesen, die das Problem meines Erachtens unvollständig erläutern und deshalb auch für die Art Diskussion ungeeignet sind, in der ich sie gerne verlinken möchte.

Dass ich mir von 1. so wenig erwarte, dass ich sie nicht mal mehr anklicke, sagt etwas durchaus Trauriges über unsere kommerziellen Medien, das ich hier nicht vertiefen, aber auch nicht völlig unerwähnt lassen will, weil es eigentlich wirklich sehr traurig ist, wenn man mal drüber nachdenkt.

1. und 2. überrascht mich natürlich auch nicht weiter,
aber 3. fand ich schade, weil ich da wirklich gedacht hatte, es müsste was geben. Wie gesagt, ich freue mich, wenn ich mich da irre, ob nun auf die Weise, dass ich was nicht gefunden hab, oder meinetwegen auch auf die Weise, dass ich nur nicht sehe, wie gut die mir bekannten Beiträge sind. Lasst es mich wissen.

Bis ihr das getan habt, bin ich aber mit dem Sachstand nicht zufrieden und füge ihm deshalb hier nun nach albern überlanger Vorrede meinen eigenen unbeholfenen Versuch bei, das Problem zu erläutern:

Ich sehe im Wesentlichen 3 Aspekte, denn aller Dinge sind heute anscheinend 3. Der

  1. sei der Einfachheit halber der, den gra und Sprachlog schon erklärt haben. Also die historische Belastung der entscheidenden Begriffe. Zigeuner bezeichnet eine Gruppe von Menschen unterschiedlicher Ethnien, die jahrhundertelang verachtet und verfolgt und dann von deutschen Nationalsozialisten systematisch in Vernichtungslagern ermordet wurde, und Mohr ist eine alte Bezeichnung für Schwarze Menschen und als solche historisch mit deren Unterdrückung, Versklavung und Benachteiligung verknüpft. Damit hört es oft schon auf. Aber ich finde, das ist noch lange nicht alles.
  2. Es kommt nämlich noch der Aspekt der … Wie würde man sagen? Exotisierung dazu. Also, ich meine, der Reduzierung auf von der Mehrheit abweichende Eigenschaften. Wenn ich jemanden, weil er dunkle Haut hat, als „Mohr“ bezeichne, drücke ich damit aus, dass ich seiner Hautfarbe ein hohes, ihn definierendes Gewicht beimesse. Und wenn ich etwas, was auch dunkel gefärbt ist, dann wiederum nach dieser Person benenne, perpetuiere ich diesen Effekt noch weiter. Und das macht man natürlich vorrangig mit Minderheiten, weil deren Eigenschaften vom Gewohnten abweichen und dadurch auffallen. Würde jemand auf die Idee kommen, einen Hefekloß als „Weißenkopf“ zu bezeichnen, oder ein Baiser als „Weißenkuss“? Diese Begriffe gibt es nicht, weil Weiß die Norm ist. Und zusammen mit dem Aspekt aus 1. führt das dazu, dass ich mit meiner Sprache all das olle Gepäck, all die Vorurteile, all die unschönen Dinge mitschleppe und am Leben erhalte.
  3. Ich normalisiere damit auch dieses Verhalten. Solange die Begriffe „Mohr“, „Neger“, „Zigeuner“ und so weiter, im Alltag regelmäßig in unproblematischem Kontext auftauchen, ist natürlich schwerer zu vermitteln, dass man sie besser nicht benutzen sollte, ob’s nun um Süßigkeiten geht, um Schnitzel oder um Menschen.

Und deshalb nützt es auch gar nichts, wenn ich „Mohrenkopf“ gar nicht im Gefühl lodernden Hasses gegen alle dunkelhäutigen Menschen sage, denn der Effekt tritt trotzdem ein.

Aber das Thema würde ich trotzdem gerne noch mal kurz vertiefen, weil es vielleicht sogar wichtiger ist als die drei pompös präzisierten Punkte da oben: Der Begriff Rassismus. Viele Menschen, die am Mohrenkopf festhalten wollen, reagieren ganz entrüstet auf die These, das sei ein rassistischer Begriff, weil sie doch Mohren in Wahrheit gar nicht hassen und den Begriff auch gar nicht benutzt haben, um Mohren zu beschimpfen, sondern nur, um diese glasierte Süßigkeit mit dem Biskuitteig und der Cremefüllung zu bezeichnen. Sie fühlen sich hart angegriffen, weil sie unter Rassismus was anderes verstehen als ich.

Rassismus drückt sich eben nicht nur darin aus, dass ich Schwarzen Menschen den Tod wünsche oder darin, dass ich glaube, sie wären dümmer, wilder, gewalttätiger als Weiße Menschen. Rassismus ist auch die Überzeugung, Schwarze Menschen wären immer sportlicher, oder eben die Überzeugung, man müsste Schwarze Menschen unbedingt als eine Gruppe zusammenfassen und mit einem Namen versehen, mit dem man sie handlich anreden kann, weil ihre Schwarze Haut sie so prägt. Und den Begriff verniedlicht und exotisiert man dann, wie unter 2 beschrieben. Das kann man ganz ohne böse Absicht machen, und es ist trotzdem schlecht und rassistisch.

Oder was meint ihr?

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Wie konnte das denn passieren?

13. Januar 2017

Ihr müsst jetzt alle ganz, ganz stark sein.

Erinnert ihr euch noch an die Sache mit den Nordafrikanern in Köln? Ja, seht ihr… Das ist so:

Die überprüften Männer würden stattdessen zu einem großen Teil aus dem Irak, aus Syrien und Afghanistan, aber nur zu einem geringen Teil aus Nordafrika kommen. 

Ist das zu fassen? Dabei hat man sich doch solche Mühe gegeben. Ich denke, das lässt sich eigentlich nur damit erklären, dass diese Leute bewusst versucht haben, unsere Sicherheitsbehörden in die Irre zu führen, denn eigentlich weiß man doch, wie ein Nordafrikaner aussieht, oder wie oder was?

Na gut. Aber Herkunft hin oder her, zumindest hat die Polizei doch durch ihr entschlossenes Eingreifen sicher verhindert, dass unschöne Ereignisse wie auf der Silvesterfeier zuvor sich wiederholen, und das ist doch die Hauptsache?

Nach Angaben des Kölner Polizeipräsidenten Jürgen Mathies konnten seine Beamten bislang keine Überschneidungen der Männergruppen aus 2015 und 2016 feststellen.

WAS? Aber … aber…? Aber wie erklären wir uns denn dann…?

Die [Kölnische Rundschau, leider schreibt die Zeit nicht dazu, wo, sonst hätte ich das natürlich direkt verlinkt.] zitiert auch einen Ermittler, wonach es derzeit am wahrscheinlichsten sei, dass viele Männer sich schlicht aus verschiedenen Flüchtlingsunterkünften im Bund oder im Land kannten und sich verabredet hatten, Silvester gemeinsam in der nächstgelegenen Großstadt zu feiern.

Tse. Na, Sachen gibts. Wer hätte das für möglich gehalten? Konnte ja nun wirklich niemand ahnen, oder?

Na gut. Zumindest kann man davon ausgehen, dass nach so viel prinzipiell durchaus erfreulicher Selbstkritik der Kölner Polizei nun bald auch andere nachziehen. Ich rechne zum beispiel morgen mit einer großen Überschrift in der Bild-Zeitung, so ungefähr wie: „NA GUT, EIN PAAR SACHEN VIELLEICHT DOCH NICHT GANZ RICHTIG GEMACHT“ oder „Sensation! Grün-fundamentalistische Intensivschwätzer offenbar viel weniger realitätsfremd als bisher vermutet!“ oder so. Und sicher sind die vielen Internetkommentator(inn)en, die Frau Peters Frage unverschämt und inakzeptabel fanden, auch schon dabei, Richtigstellungen zu tippen. Oder was meint ihr?

[Ja, die Kölner Polizei hat wiederum Teilen der Berichterstattung irgendwie gewissermaßen widersprochen. Führt für mich aber eigentlich nur zu der Frage, ob die sich vielleicht mal jemanden suchen wollen, der sich professionell um die Öffentlichkeitsarbeit kümmert.]


Das wird man doch wohl noch sagen dürfen

4. Januar 2017

Ich persönlich bin ja dafür, dass Leute, die den Begriff Nafri okay finden, es aber als unfassbar unsensibel und unangemessen bewerten, wenn eine Bundestagsabgeordnete mal schüchtern fragt, ob ein rassistischer Polizeieinsatz eigentlich okay ist, ihre dumme Fresse halten.


Tut mir leid, Herr Fleischhauer.

12. März 2016

Uiuiui. Ich habe mein Erstaunen über die Existenz von Jan Fleischhauers Kolumne bei Spiegel.de ja schon mal hier ausgedrückt, aber als ich die aktuelle Ausgabe las, war ich dann noch mal aufs Neue enttäuscht davon, was sogar ein recht selbstachtungsarmes Portal wie das besagte Spiegel.de sich offenbar nicht zu sehr schämt zu veröffentlichen.

Ich habe meinen Ressortleiter bei SPIEGEL ONLINE angerufen und ihn gefragt, wo ich mich melden kann, um dem Hass entgegenzutreten. […] Leider konnte mir mein Ressortleiter nicht weiterhelfen, obwohl er immer wieder Texte auf die Seite stellt, in denen steht, dass man sich nun engagieren müsse.

Ihr ahnt, worauf es hinausläuft, und ich will von diesem Schmutz nicht mehr als nötig veröffentlichen, aber vielleicht noch ein paar Sätze, um das Prinzip zu verdeutlichen:

Auch auf der Straße begegne ich vor allem Menschen, bei denen ich mir beim besten Willen nicht vorstellen kann, dass sie Asylbewerberheime anstecken oder Busse mit Flüchtlingen terrorisieren. […] Das beste Mittel gegen Fremdenhass ist aus meiner Sicht immer noch ein starker Staat, da bin ich ganz altmodisch. Wo Leute sich zusammenrotten, um anderen Angst einzujagen, hilft nur die eiserne Faust der Ordnungsmacht. Leider kommt die Polizei mit der Arbeit kaum noch nach. […]. Auf der „Achse des Guten“ hat neulich jemand einen Auszug aus dem „Jahres-Geschäftsbericht“ der Antifa in Leipzig gepostet: Brandanschläge auf Bahnanlagen, Überfälle auf Polizeiposten, Anschläge auf Firmen und Parteibüros, Überfälle auf Geschäfte in der Innenstadt – es gab kaum einen Monat, in dem es 2015 nicht irgendwo brannte oder knallte.

Vielleicht sollte man die Polizei von links ein wenig entlasten, dann müssten alle gegen rechts weniger Haltung zeigen.

Keine Sorge, ich erklärs gleich auch noch mal sachlich, aber einmal vorweg, um ein bisschen was gegen den üblen Geschmack in meinem Mund zu machen: Ich hab das oben in der Einleitung nicht leichtfertig geschrieben. Ich finde, spiegel.de sollte sich schämen, dass dieser Mist bei ihnen zu lesen ist. Natürlich darf man auch mal kontroverse Meinungen veröffentlichen, und natürlich soll man als Medium sogar nicht nur Meinungen repräsentieren, die man selbst gutheißt. Aber kein Medium wird dadurch verpflichtet, den verantwortungslos hingerotzten Stuss von Leuten zu veröffentlichen, die absolut nichts begriffen haben und darauf so stolz sind, dass sie es am liebsten ganz oft und laut allen sagen wollen. Und gerade in der Situation, in der ja nun mal tatsächlich Asylunterkünfte angezündet werden, macht sich in meinen Augen mitschuldig, wer diesen Leuten Raum bietet, sich öffentlich auf unser aller Schuhe zu erbrechen.

Okay, das reicht. Zum sachlichen Teil. In meinen Augen ist Herr Fleischhauers Artikel vorrangig aus den folgenden Gründen schädlich:

  1. Er sagt ungefähr, dass die einzige sinnvolle Möglichkeit, sich gegen Rassismus zu engagieren, darin besteht, Leuten den Brandbeschleuniger aus der Hand zu schlagen, wenn sie schon das Streichholz in der anderen halten, und dass deshalb wir alle keinerlei Chance und damit auch keinerlei Verantwortung haben, irgendwas dagegen zu tun, weil dafür ja die Polizei da ist.
  2. Er sagt damit auch, dass das Problem des Rassismus nur in diesen krassen Straftaten besteht und impliziert, dass es den nicht strafbaren Alltagsrassismus gar nicht gäbe, der sich zum Beispiel in der Benachteiligung bei Bewerbungen äußert, oder auch einfach im Umgang miteinander, in dummen Witzen und „Na, man weiß doch, wie die sind“-Sprüchen.
  3. Er sagt damit weiterhin, dass all die Leute, die gerade keine Asylunterkunft anzuzünden versuchen, frei von Rassismus sind, und dass da keinerlei Ansatzpunkt für Kritik oder Verbesserung mehr erkennbar ist.
  4. Er hat am Ende sogar noch die Dreistigkeit, das Problem mit rechtsradikaler Gewalt darauf zurückzuführen, dass die Polizei mit linksradikaler Gewalt überlastet sei und deshalb nicht effektiv dagegen vorgehen könne. Das ist auf so vielen Ebenen und so offensichtlich falsch, niederträchtig und rundum widerlich, dass ich keine Lust habe, es zu erklären. Aber
  5. einen Punkt will ich doch noch ansprechen: Er setzt implizit Engagement gegen Rassismus mit linksradikaler Gewalt gleich, indem er schreibt: „Ein Grund für die Überlastung der Polizei ist, dass sie ständig auch noch auf Leute aufpassen muss, deren Lebensinhalt darin besteht, gegen rechts zu sein.“ Entweder weiß er eigentlich, dass “gegen rechts zu sein“ was völlig Anderes ist als linksradikale Gewalt, und verschleiert gezielt den Unterschied, oder er weiß es nicht, oder er kann es nicht so formulieren, dass es rüberkommt. Jede dieser Alternativen sollte ihn als Kolumnisten für jedes Medium disqualifizieren, das noch ein kleines bisschen Respekt vor sich und seinen Leserinnen hat.

Ich muss leider mit meiner Zeit ein bisschen haushalten, aber ihr dürft natürlich in den Kommentaren gerne noch weitere Gründe sammeln. Mit ein bisschen Arbeit schafft mans mindestens in den mittleren zweistelligen Bereich, schätze ich.

Ich jedenfalls kann Herrn Fleischhauer leider, wie sein Ressortleiter, auch nicht weiterhelfen bei seiner Suche nach Möglichkeiten, dem Hass entgegenzutreten und Haltung zu zeigen. Dafür müsste ich nämlich Dieter Nuhr zitieren, und das kann ja nun wirklich niemand wollen.


Es ist ja nicht so, als würde ich gerne Rassisten verteidigen

21. Februar 2016

Und so ganz eigentlich mach ichs ja auch nicht. Aber ich finde schon sehr nachdrücklich, dass dringend jemand sagen sollte, wie unfassbar dämlich und falsch und abwegig diese Äußerung von Sachsens Ministerpräsident Tillich über die grölenden Menschen vor der brennenden Asylunterkunft in Bautzen und dem Bus mit ankommenden Flüchtlingen in Clausnitz ist:

„Das sind keine Menschen, die so was tun“, sagte er über den grölenden Mob von Clausnitz und die jubelnden Schaulustigen in Bautzen. „Das sind Verbrecher. Widerlich und abscheulich ist das“

Es wird schlimmer dadurch, dass er das a) als Ministerpräsident sagt, also aus einer Position als Repräsentant des Staates, die ihm eine besondere Verantwortung auferlegt, und dass er b) beinahe Recht hat. Denn widerlich und abscheulich ist es ja wirklich.

Aber trotzdem ist es in meinen Augen ein sehr, sehr falscher Weg, diesen Leuten die Zugehörigkeit zur Menschheit abzusprechen, und sie „Verbrecher“ zu nennen. Beides offenbart für mich, gerade von einem Regierungschef, einer äußerst besorgniserregende Einstellung auf mehreren verschiedenen Ebenen.

Eine ist natürlich die Unfähigkeit oder Unwilligkeit, Kritik am Verhalten seiner Bürger auf sachgerechte Weise zu äußern und zu begründen, und die Präferenz, stattdessen genau das zu tun, was man denen mit faschistoider Gesinnung vorwirft: Mitmenschen in richtige Menschen und … Untermenschen einzuteilen. Das will ich nicht unnötig vertiefen, weil es fast trivial ist.

Viel wichtiger finde ich schon einen zweiten Aspekt, den ich hier kürzlich so erklärt habe: Die Leute, die da Unterkünfte von Vertriebenen anzünden, die Naziparolen rufen und demonstrieren, ebenso wie die Leute, die in irgendwelchen ekligen Blogs oder Zeitungen vorgeblich asylkritische Posts schreiben, sind Leute. Irregeleitete Leute, die Falsches denken, und Schlimmes tun, und zu denen wir deshalb sicher auch mal unhöflich sein dürfen, wenn die Situation es opportun erscheinen lässt. Aber sie sind doch Leute, und gerade wenn sie so laut schimpfen und gröhlen und pöbeln und zündeln wie jetzt, ist es in meinen Augen nicht der richtige Weg, zurückzuschimpfen und zu -pöbeln, und so zu tun, als wären sie gar keine wahren Schotten einfach irgendein scheußliches Gesindel, das versehentlich hier in unser eigentlich doch so schönes Deutschland gekrochen ist. Sondern zu erklären. Es besser zu machen. Die Ursachen des Problems zu bekämpfen.

Am bedenklichsten ist in meinen Augen die offensichtliche Wurstigkeit gegenüber einigen sehr bedeutsamen Begriffen, die mich daran zweifeln lässt, dass er das Konzept des Rechtsstaats so richtig verinnerlicht hat. Fangen wir mit dem offensichtlichsten an: Wenn Tillich diese Bürger des Bundeslandes, dessen Regierungschef er ist, nicht als Menschen sieht, folgt daraus ganz zwingend, dass er ihnen auch keine Menschenrechte und überhaupt keinen Status als Rechtssubjekte zugesteht. Dass das inakzeptabel ist, egal was für schlimme Leute es sind, muss ich nicht erklären, oder? Zweitens nennt er Leute „Verbrecher“, die nicht mehr getan haben, als im Weg rumzustehen und sich über etwas sehr Unerfreuliches zu freuen. Das ist kein Verbrechen. Das ist nicht mal grundsätzlich eine Straftat. Und verdammt noch mal, nein, das ist doch nicht kleinlich und überpenibel von mir, wenn ich mir wünsche, dass ein Regierungschef darauf verzichtet, Leute öffentlich als Verbrecher zu bezeichnen, die keine Straftat begangen haben, oder? Und schließlich denke ich, dass man seine Äußerung nicht besonders überdehnen muss, um „Das sind keine Menschen, die so was tun. Das sind Verbrecher.“ so zu verstehen, dass er hier aus seiner Sicht disparate Gruppen nennt. Es gibt aus seiner Sicht Menschen, und es gibt Verbrecher, und das sind in seinen Augen verschiedene Gattungen. Nun sind aber Menschen, die Verbrechen begangen haben, immer noch Menschen, mit Anspruch auf menschenwürdige Behandlung und die Achtung ihrer Menschenrechte. Herr Tillich scheint das nicht so zu empfinden.

Natürlich gehe ich davon aus, dass Herr Tillich das nicht bewusst und explizit so denkt. Aber ich finde erstens, dass es umso trauriger ist, wenn er es trotzdem sagt, und zweitens, dass es dennoch kein weiter Weg ist von so einem hilflos artikulierten Gefühl zu tatsächlichem Fehlverhalten.

Und Ihr so?


Have you ever told a lie?

8. Februar 2016

fragt Ray Comfort gerne in seinen Bekehrungsgesprächen. Er fragt das, weil er weiß, dass jede(r) von uns darauf ehrlicherweise mit „Ja, ziemlich oft sogar.“ antworten muss. Er fragt das, weil er daraus dann folgert, dass die Person, mit der er redet, ein Lügner ist, oder eine Lügnerin, und deshalb kein guter Mensch sein kann, und deshalb ordentlich Angst vor seinem Gott haben muss, weil er ihn nach seinem (oder ihrem) Tod richten wird.

Wie ich darauf jetzt komme? Ja, das ist so:

Dunja Hayali hat eine Goldene Kamera gewonnen (Sehr schöner Erfahrungsbericht hier.), und in ihrer Dankesrede dazu gibt sie sogar zu erkennen, dass sie Comforts Gambit nicht akzeptiert.

Wir sind Journalisten, wir sind keine Übermenschen. Wir machen Fehler. Deswegen sind wir aber noch lange keine Lügner.

Und natürlich sagt sie auch noch ganz viele andere gute Sachen und wirkt rundum wie eine extrem sympathische und wunderbare Person, aber sie sagt auch etwas, das ich als ein bisschen problematisch empfinde. Sie sagt:

wenn Sie sich rassistisch äußern, dann sind Sie verdammt noch mal ein Rassist.

Und … Sie meint das gewiss gut. Und in gewisser Weise ist da auch was dran, und in gewisser Weise ist es vielleicht sogar wichtig, sowas zu sagen. Aber in anderer Hinsicht ist halte ich es eben auch für schwierig.

Denn wir alle äußern uns gelegentlich rassistisch. Das liegt daran, dass wir alle gewisse rassistische Denkmuster, Ideen, Gefühle, und so weiter, internalisiert haben, weil wir gar nicht anders können. Macht uns das alle zu Rassisten, und Rassistinnen? In gewisser Weise ja, und wie gesagt, in gewisser Weise ist es gut, sich daran zu erinnern.

Aber wenn man so etwas in so einem Kontext ohne nähere Erläuterung sagt, dann ist es schwierig. Denn dann klingt es eher wie Ray Comforts Ansatz, der den Unterschied verwischt zwischen Leuten, die gelegentlich mal lügen (wie wir alle), wenn sie mehr oder weniger gute Gründe dafür haben, und Leuten, die gewohnheitsmäßig lügen und denen man deshalb nicht vertrauen kann. Wenn ich jemanden ohne nähere Erläuterung als Rassistin bezeichne, dann drücke ich damit nicht nur aus, dass diese Person mal was Rassistisches gesagt hat, sondern dann drücke ich damit normalerweise aus, dass ich diese Person für so durchdrungen und überzeugt von rassistischem Gedankengut halte, dass … ja, was eigentlich? Vielleicht so: Dass Beiträge von ihr zumindest zu Themen in derartigen Zusammenhängen nicht mehr ernst zu nehmen sind. Vielleicht sogar so, dass ich sie für einen schlechten Menschen halte.

Und deshalb finde ich diesen Satz von Frau Hayali nicht so gut. Weil ich sehr dafür bin, Ideen zu kritisieren, gerne auch hart und direkt, aber eher dagegen, Leute aufgrund einzelner Fehler gleich mit Etiketten zu versehen, die vielleicht gar nicht passen. Weil das auch die Debatte erschwert, denn wenn ich jemanden in einer Diskussion einen Rassisten nenne, dann werde ich damit in der Regel bewirken, dass die Person sich angegriffen fühlt und zumacht, und vergebe damit wahrscheinlich meine Chance, ihr zu erläutern, warum ich, was sie gesagt hat, als rassistisch wahrnehme, und warum das ein Problem ist.

Das Risiko kann man in Kauf nehmen, klar. Aber ich finde, dass es meistens viel wichtiger ist zu klären, ob bestimmte Äußerungen (und Verhaltensweise, und Gedanken, und so weiter) rassistisch sind, oder nicht, und warum, und inwiefern das schädlich sein könnte, als drüber zu streiten, ob bestimmte Menschen dabei schon ein Maß erreicht haben, das ausreicht, um Rassismus zu einem so dominierenden Zug ihrer selbst zu machen, dass wir ihn ihnen als Etikett ankleben dürfen.

Ich finde ein anderes Prinzip eigentlich viel wichtiger:

Wenn Sie sich rassistisch äußern, dann haben Sie sich verdammt noch mal rassistisch geäußert. Ganz egal, ob Sie sich selbst oder irgendjemand sonst Sie generell als Rassistin wahrnehmen.

Oder?


Wie gate der Gaucho?

17. Juli 2014

Eigentlich hat Anatol Stefanowitsch schon alles Nötige zum Thema gesagt, aber ich hätte dieses Blog nicht so genannt, wenn ich die Absicht gehabt hätte, nur das Nötige zu schreiben, deshalb sag ich auch noch was dazu:

Was mich an so gate-tauglichen Ereignissen am meisten stört, ich bleibe jetzt einfach mal beim konkreten Beispiel:

das ist oft gar nicht so sehr das Ereignis selbst.

Ich fände das Ganze gar nicht besonders erwähnenswert, wenn diese Herren diesen Tanz aufgeführt hätten, im Überschwang der Gefühle und getragen von der … ähm … naja, rassistischen, nationalistischen und auch sonst rundum widerwärtigen Grundstimmung, die bei so einer FIFA-WM offenbar herrschen muss, damit sie richtig Spaß macht, und dann hinterher, darauf angesprochen, sowas gesagt wie: „Joa, also, ohje, da haben Sie recht, das war echt daneben, und ich schäme mich auch ein bisschen dafür. Ich muss zugeben, da haben wir einen echt blöden Fehler gemacht. So sollte man echt nicht. Ehrlich. Tut mir leid.“ oder so. Damit käme ich gut klar. Menschen machen Fehler, ich auch, gerade, wenn wir unter emotional intensiven Umständen handeln.

Was mich an diesen Ereignissen am meisten stört, sind also nicht die Ereignisse an sich, sondern der Umgang damit in der Rückschau. Diese unfassbare Demonstration der völligen Abwesenheit nicht nur jeglichen Problembewusstseins, sondern jeglicher Bereitschaft, auch nur über die Möglichkeit nachzudenken, dass da irgendwo ein Problem sein könnte. Die nicht mehr begreifbare Dummdreistigkeit der Ausreden und die manchmal schon fast wieder bemitleidenswerte Hiflosigkeit der Beschwichtigungsversuche. Das ist der Teil, der mich wirklich aufregt, weil er demonstriert, wie kaputt unsere Gesellschaft ist, und dass es sich bei Vorfällen wie diesem albernen Gauchotanz eben nicht um ein Augenblicksversagen euphorisierter Sportler handelt, sondern um ein Symptom einer tief sitzenden Erkrankung unserer Systems.

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