Es ist ja nicht so, als würde ich gerne Rassisten verteidigen

21. Februar 2016

Und so ganz eigentlich mach ichs ja auch nicht. Aber ich finde schon sehr nachdrücklich, dass dringend jemand sagen sollte, wie unfassbar dämlich und falsch und abwegig diese Äußerung von Sachsens Ministerpräsident Tillich über die grölenden Menschen vor der brennenden Asylunterkunft in Bautzen und dem Bus mit ankommenden Flüchtlingen in Clausnitz ist:

„Das sind keine Menschen, die so was tun“, sagte er über den grölenden Mob von Clausnitz und die jubelnden Schaulustigen in Bautzen. „Das sind Verbrecher. Widerlich und abscheulich ist das“

Es wird schlimmer dadurch, dass er das a) als Ministerpräsident sagt, also aus einer Position als Repräsentant des Staates, die ihm eine besondere Verantwortung auferlegt, und dass er b) beinahe Recht hat. Denn widerlich und abscheulich ist es ja wirklich.

Aber trotzdem ist es in meinen Augen ein sehr, sehr falscher Weg, diesen Leuten die Zugehörigkeit zur Menschheit abzusprechen, und sie „Verbrecher“ zu nennen. Beides offenbart für mich, gerade von einem Regierungschef, einer äußerst besorgniserregende Einstellung auf mehreren verschiedenen Ebenen.

Eine ist natürlich die Unfähigkeit oder Unwilligkeit, Kritik am Verhalten seiner Bürger auf sachgerechte Weise zu äußern und zu begründen, und die Präferenz, stattdessen genau das zu tun, was man denen mit faschistoider Gesinnung vorwirft: Mitmenschen in richtige Menschen und … Untermenschen einzuteilen. Das will ich nicht unnötig vertiefen, weil es fast trivial ist.

Viel wichtiger finde ich schon einen zweiten Aspekt, den ich hier kürzlich so erklärt habe: Die Leute, die da Unterkünfte von Vertriebenen anzünden, die Naziparolen rufen und demonstrieren, ebenso wie die Leute, die in irgendwelchen ekligen Blogs oder Zeitungen vorgeblich asylkritische Posts schreiben, sind Leute. Irregeleitete Leute, die Falsches denken, und Schlimmes tun, und zu denen wir deshalb sicher auch mal unhöflich sein dürfen, wenn die Situation es opportun erscheinen lässt. Aber sie sind doch Leute, und gerade wenn sie so laut schimpfen und gröhlen und pöbeln und zündeln wie jetzt, ist es in meinen Augen nicht der richtige Weg, zurückzuschimpfen und zu -pöbeln, und so zu tun, als wären sie gar keine wahren Schotten einfach irgendein scheußliches Gesindel, das versehentlich hier in unser eigentlich doch so schönes Deutschland gekrochen ist. Sondern zu erklären. Es besser zu machen. Die Ursachen des Problems zu bekämpfen.

Am bedenklichsten ist in meinen Augen die offensichtliche Wurstigkeit gegenüber einigen sehr bedeutsamen Begriffen, die mich daran zweifeln lässt, dass er das Konzept des Rechtsstaats so richtig verinnerlicht hat. Fangen wir mit dem offensichtlichsten an: Wenn Tillich diese Bürger des Bundeslandes, dessen Regierungschef er ist, nicht als Menschen sieht, folgt daraus ganz zwingend, dass er ihnen auch keine Menschenrechte und überhaupt keinen Status als Rechtssubjekte zugesteht. Dass das inakzeptabel ist, egal was für schlimme Leute es sind, muss ich nicht erklären, oder? Zweitens nennt er Leute „Verbrecher“, die nicht mehr getan haben, als im Weg rumzustehen und sich über etwas sehr Unerfreuliches zu freuen. Das ist kein Verbrechen. Das ist nicht mal grundsätzlich eine Straftat. Und verdammt noch mal, nein, das ist doch nicht kleinlich und überpenibel von mir, wenn ich mir wünsche, dass ein Regierungschef darauf verzichtet, Leute öffentlich als Verbrecher zu bezeichnen, die keine Straftat begangen haben, oder? Und schließlich denke ich, dass man seine Äußerung nicht besonders überdehnen muss, um „Das sind keine Menschen, die so was tun. Das sind Verbrecher.“ so zu verstehen, dass er hier aus seiner Sicht disparate Gruppen nennt. Es gibt aus seiner Sicht Menschen, und es gibt Verbrecher, und das sind in seinen Augen verschiedene Gattungen. Nun sind aber Menschen, die Verbrechen begangen haben, immer noch Menschen, mit Anspruch auf menschenwürdige Behandlung und die Achtung ihrer Menschenrechte. Herr Tillich scheint das nicht so zu empfinden.

Natürlich gehe ich davon aus, dass Herr Tillich das nicht bewusst und explizit so denkt. Aber ich finde erstens, dass es umso trauriger ist, wenn er es trotzdem sagt, und zweitens, dass es dennoch kein weiter Weg ist von so einem hilflos artikulierten Gefühl zu tatsächlichem Fehlverhalten.

Und Ihr so?


Have you ever told a lie?

8. Februar 2016

fragt Ray Comfort gerne in seinen Bekehrungsgesprächen. Er fragt das, weil er weiß, dass jede(r) von uns darauf ehrlicherweise mit „Ja, ziemlich oft sogar.“ antworten muss. Er fragt das, weil er daraus dann folgert, dass die Person, mit der er redet, ein Lügner ist, oder eine Lügnerin, und deshalb kein guter Mensch sein kann, und deshalb ordentlich Angst vor seinem Gott haben muss, weil er ihn nach seinem (oder ihrem) Tod richten wird.

Wie ich darauf jetzt komme? Ja, das ist so:

Dunja Hayali hat eine Goldene Kamera gewonnen (Sehr schöner Erfahrungsbericht hier.), und in ihrer Dankesrede dazu gibt sie sogar zu erkennen, dass sie Comforts Gambit nicht akzeptiert.

Wir sind Journalisten, wir sind keine Übermenschen. Wir machen Fehler. Deswegen sind wir aber noch lange keine Lügner.

Und natürlich sagt sie auch noch ganz viele andere gute Sachen und wirkt rundum wie eine extrem sympathische und wunderbare Person, aber sie sagt auch etwas, das ich als ein bisschen problematisch empfinde. Sie sagt:

wenn Sie sich rassistisch äußern, dann sind Sie verdammt noch mal ein Rassist.

Und … Sie meint das gewiss gut. Und in gewisser Weise ist da auch was dran, und in gewisser Weise ist es vielleicht sogar wichtig, sowas zu sagen. Aber in anderer Hinsicht ist halte ich es eben auch für schwierig.

Denn wir alle äußern uns gelegentlich rassistisch. Das liegt daran, dass wir alle gewisse rassistische Denkmuster, Ideen, Gefühle, und so weiter, internalisiert haben, weil wir gar nicht anders können. Macht uns das alle zu Rassisten, und Rassistinnen? In gewisser Weise ja, und wie gesagt, in gewisser Weise ist es gut, sich daran zu erinnern.

Aber wenn man so etwas in so einem Kontext ohne nähere Erläuterung sagt, dann ist es schwierig. Denn dann klingt es eher wie Ray Comforts Ansatz, der den Unterschied verwischt zwischen Leuten, die gelegentlich mal lügen (wie wir alle), wenn sie mehr oder weniger gute Gründe dafür haben, und Leuten, die gewohnheitsmäßig lügen und denen man deshalb nicht vertrauen kann. Wenn ich jemanden ohne nähere Erläuterung als Rassistin bezeichne, dann drücke ich damit nicht nur aus, dass diese Person mal was Rassistisches gesagt hat, sondern dann drücke ich damit normalerweise aus, dass ich diese Person für so durchdrungen und überzeugt von rassistischem Gedankengut halte, dass … ja, was eigentlich? Vielleicht so: Dass Beiträge von ihr zumindest zu Themen in derartigen Zusammenhängen nicht mehr ernst zu nehmen sind. Vielleicht sogar so, dass ich sie für einen schlechten Menschen halte.

Und deshalb finde ich diesen Satz von Frau Hayali nicht so gut. Weil ich sehr dafür bin, Ideen zu kritisieren, gerne auch hart und direkt, aber eher dagegen, Leute aufgrund einzelner Fehler gleich mit Etiketten zu versehen, die vielleicht gar nicht passen. Weil das auch die Debatte erschwert, denn wenn ich jemanden in einer Diskussion einen Rassisten nenne, dann werde ich damit in der Regel bewirken, dass die Person sich angegriffen fühlt und zumacht, und vergebe damit wahrscheinlich meine Chance, ihr zu erläutern, warum ich, was sie gesagt hat, als rassistisch wahrnehme, und warum das ein Problem ist.

Das Risiko kann man in Kauf nehmen, klar. Aber ich finde, dass es meistens viel wichtiger ist zu klären, ob bestimmte Äußerungen (und Verhaltensweise, und Gedanken, und so weiter) rassistisch sind, oder nicht, und warum, und inwiefern das schädlich sein könnte, als drüber zu streiten, ob bestimmte Menschen dabei schon ein Maß erreicht haben, das ausreicht, um Rassismus zu einem so dominierenden Zug ihrer selbst zu machen, dass wir ihn ihnen als Etikett ankleben dürfen.

Ich finde ein anderes Prinzip eigentlich viel wichtiger:

Wenn Sie sich rassistisch äußern, dann haben Sie sich verdammt noch mal rassistisch geäußert. Ganz egal, ob Sie sich selbst oder irgendjemand sonst Sie generell als Rassistin wahrnehmen.

Oder?