Gastbeitrag: Die Sache mit der Religion

18. August 2017

Hallo,

mein Name ist Frau Quadratmeter und ich darf mich hier in Ermangelung eines eigenen Blogs freundlicherweise ein wenig zu einem Thema auslassen, das in mir seit geraumer Zeit schwelt und zu dem ich meine Gedanken schon aus Selbstschutz einfach mal niederschreiben muss, damit ich nicht platze. Es geht um die Sache mit der Religion.

(Setzen Sie sich, vielleicht holen Sie sich vorher noch etwas zu trinken, das könnte hier eventuell etwas länger dauern.)

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Lehrers Kind und Müllers Prinzipien

31. März 2017

Deutschland kann nicht für alle und alles offen sein.

schreibt Reinhard Müller. Für ihn gibt es Grenzen, die niemals überschritten werden, und die kann er auch ganz klar formulieren:

Archaische, frauen- und kinderfeindliche Praktiken haben hier keinen Platz.

Er führt das natürlich noch weiter aus:

Die Vorstellung, über Körper und Schicksal von Kindern könne aufgrund von Religion oder Tradition beliebig verfügt werden, mag weit verbreitet sein. Sie spricht aber jedem Rechtsstaat hohn.

Verständlich, dass er das so sieht. Schließlich hat er Rechtswissenschaften studiert. Und er steht zu seinen Prinzipien, zu denen gehört, dass ein Staat seine öffentliche Ordnung und die für ihn geltenden Werte konsequent durchzusetzen hat, denn

Die Verachtung, die dem Westen entgegenschlägt, hat schließlich ihre Gründe. Einer lautet: Relativismus und Selbstaufgabe.

Er erkennt zwar an:

Elternrecht und Religionsfreiheit gehören auch zu diesen wichtigen Grundrechten –

gibt aber zu bedenken:

sie müssen im Zweifelsfall abgewogen werden mit den unveräußerlichen Rechten des Kindes.

Und wenn man so eine achtbare, zwar konservative, aber doch letzten Endes anerkennenswert humanistisch rechtsstaatliche Einstellung hat, dann folgt daraus natürlich ganz zwanglos:

Die körperliche Unversehrtheit des einzelnen Kindes muss hinter der Unantastbarkeit der deutsch-jüdischen Symbiose zurückstehen.

Und da muss man doch einfach sagen, das ist eine Stärke der Konservativen, die man auch bewundern kann, wenn man keiner von ihnen ist: Sie stehen halt wie ein moralisch gefestigter Fels in der Brandung des zeitgeistigen Relativismus‘. Und davon sollten wir uns alle mal eine Scheibe abschneiden.


Eine einfache Kosten-Nutzen-Abwägung

24. Dezember 2016

[Eine leider notwendige Vorbemerkung: (Nein, wirklich. Niemand bedauert das mehr als ich:) Einige von euch haben heute Nachmittag bereits eine … nicht veröffentlichungsreife Version dieses Beitrags gesehen, weil der dumme Muriel in der dummen WordPress-App den dummen falschen Button gedrückt hat. Bitte vergesst alles und tut so, als wäre das nie passiert, okay? Ich mach das auch so.]

Es ist gut, an Gott zu glauben

darf Thomas Mayer für seine Kategorie Mayers Weltwirtschaft in die FAZ schreiben und verrät uns:

Der christliche Glaube zahlt sich aus. Das zeigt eine einfache Kosten-Nutzen-Abwägung.

Ich konnte es erst selbst nicht fassen und rechnete die ganze Zeit noch mit, weiß nicht, einer überraschenden Wendung oder so, aber die kam nicht: Die FAZ hat Pascals Wette entdeckt. Donnerwetter.

Und weil ich mir für mich keinen schöneren Weihnachtsbeitrag vorstellen kann, als kleinliches Genörgel an einem gut gemeinten kleinen Post zum allgemeinen Wohlergehen, und weil nach all dem schweren politischen Diskurs eventuell ein bisschen leichte Unterhaltung ganz gut tut, will ich mit euch einmal kurz Herr Mayers Ausführungen durchgehen, wenn ihr mögt.

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Berthold Kohler hat es nicht verstanden

20. August 2016

und ich hatte ja gesagt, wir machen das dann so lange noch weiter. Und Jungejunge, es kommt mir prinzipiell auch wirklich nötig vor. Was zurzeit an Meinung für veröffentlichungstauglich gehalten wird, gruselt mich, und ich muss mich bewusst dran erinnern, dass das nicht zwingend ein Trend sein muss, und dass schon immer viel Quatsch durch die öffentliche Debatte kroch, aber ein bisschen besorgt darf man doch wohl sein, wenn Leute sich nicht schämen, so was zu schreiben, und die faz sich nicht schämt, sowas zu drucken:

Gerade wegen der Symbolträchtigkeit der Burka muss der Staat gegen sie vorgehen, bis an die Grenzen des vom Grundgesetz Erlaubten.

Schon diese Formulierung lässt nichts Gutes über die Gesinnung des Verfassers ahnen. Wir hören und lesen die in verschiedenen Varianten zurzeit oft, wenn Herr de Maiziére zum Beispiel meint, ein komplettes Verhüllungsverbot sei nicht ratsam, weil das BVerfG es nicht akzeptieren würde.

Was ich damit meine? Naja. Innenminister und Bundestagsabgeordnete sind Leute, die in diesem Land dafür da sind, Gesetze zu machen und auszuführen und ihre Einhaltung zu überwachen und die letzten Endes die ganze Staatsmacht in der Hand halten. Und Berthold Kohler ist immerhin ein Herausgeber einer der größten und national wie international angesehensten deutschen Tageszeitungen. Wenn solche Leute so klar zu erkennen geben, dass sie Grundrechte nicht ihrem Wesensgehalt nach verstehen und akzeptieren, sondern nur als lästige Einschränkungen ihres Handlungsspielraums verstehen, die man so weit wie irgend möglich ausschöpfen und umgehen sollte, dann ist das ein Problem, oder findet ihr nicht?

Und auch ein Problem sind natürlich die abenteuerlich irrationalen Verrenkungen, die die Befürworter eines Verschleierungsverbotes in ihrer Argumentation anstellen. Ich muss zwar zugeben, dass ich mir gar nicht sicher bin, ob ich es nicht vielleicht doch ein bisschen vorziehe, dass sie es noch für nötig halten, ihren xenophoben Mist zumindest noch ein bisschen schamhaft zu, hihi, verhüllen und hinter albernen Scheingründen zu verstecken, aber peinlich ist es andererseits doch.

Die Erregung über den Schleier selbst wird verstärkt durch eine abermals als Zurückweichen wahrgenommene Reaktion in der Politik, die sich häufig so präsentiert: Persönlich bin ich natürlich gegen die Ganzkörperverhüllung – aber machen kann man dagegen nichts.

Noch so ein Zeichen einer besorgniserregenden Geisteshaltung: Man kann nichts dagegen machen, wenn man es nicht verbieten kann. Das sind die zwei Alternativen, die Herr Kohler kennt: Entweder, man kann Leute bestrafen, wenn sie eine Sache tun, die einem nicht gefällt, oder man kann nichts dagegen machen. Dazwischen gibts nichts.

Und wenn nationalistische Populisten versuchen, ihre Anhänger davon zu überzeugen, dass die Stärke einer Gesellschaft sich darin zeigt, dass sie allen, die sich nicht an ihre Gepflogenheiten halten, auch mal richtig einen in die Fresse gibt, dann ist die Antwort der faz nicht etwa, zu erklären, was der Sinn hinter Freiheitsgrundrechten ist und dass die AfD und Pegida und all ihre großen und kleinen Freunde lügen und Panik verbreiten und Hysterie zu sähen versuchen, wo wir Besonnenheit und Vernunft bräuchten, sondern dann ist die Antwort die Forderung nach einem Exempel. Man könnte enttäuscht sein, wenn man Erwartungen gehabt hätte.

Die Burka wird damit zum neuen Symbol für einen schon an seinen Grenzen allzu offenen und machtlos erscheinenden Staat, dessen Repräsentanten den Bürgern predigen, der Einzug von Migranten (mit mitunter befremdlichen Sitten) müsse in einer liberalen Gesellschaft eben hingenommen werden als der Preis der ansonsten segensreichen Globalisierung.

Bevor ihr fragt oder am Ende noch den Link klicken müsst: Nein, das ist alles noch Herr Kohlers Text in der faz. Ich bin nicht versehentlich in den Tab mit der Pegida-Page gerutscht. Das ist die Perspektive eines der Herausgeber der faz. Dass Nichtdeutsche dieses Land betreten und sich hier anders verhalten als die Ureinwohner, ist der „Preis“ der Globalisierung; ist also ein reiner Nachteil, ein Schaden für dieses Land. Ja, ich weiß, er verkauft das nicht als eigene Meinung, sondern als was die Repräsentanten des Staates den Bürgern „predigen“, aber ich muss ja nicht jeden noch so platten Kniff mitmachen, mit dem Leute ihre xenophobe und rassistische Haltung zu externalisieren versuchen.

Doch immer weniger Deutsche sind bereit, diese Behauptung zu akzeptieren.

Und ich würde mich zu ihnen zählen. Aber so meint er das natürlich nicht.

Wenn, was alle beteuern, Integration das Gebot des Jahrhunderts zur Bewältigung der größten Herausforderung seit der Wiedervereinigung ist, die Vollverschleierung aber hinderlich für die Integration (Merkel), dann muss der Staat gerade bei einem symbolträchtigen Thema wie der Burka bis an die Grenzen dessen gehen, was das Grundgesetz erlaubt.

Genau. Weil der Staat natürlich bei allem, was hinderlich für die Integration ist, bis an die Grenzen gehen muss, zumindest, nachdem Leute wie Herr Kohler und die AfD und die CDU/CSU es mühsam zu „einem symbolträchtigen Thema“ hochgeschrieben haben. Und wo liegen diese Grenzen? fragt ihr euch jetzt vielleicht. Keine Angst, Herr Kohler hat eine Antwort, auch wenn er sie, wer weiß warum, nicht ganz direkt aussprechen mag:

„Eine Funktion“ hat das Zeigen des Gesichts in westlichen Gesellschaften freilich nicht nur vor Gericht, in der Schule und in der Radarfalle. In Frankreich gilt daher ein allgemeines Verschleierungsverbot.

Welche Funktion das ist, und ob alles, was eine Funktion hat, auch gleich unter Strafe erzwungen werden muss, verrät er uns nicht. Dafür hat er aber zum Schluss noch eine andere voll gute Idee, die er mit uns teilen wollte, denn mal ehrlich, was ist schon ein Verschleierungsverbot bei einem so symbolträchtigen Thema? Mit Spatzen auf Kanonen geschossen wäre das. Herr Kohler hat größere Geschütze im Angebot:

Doch kann man mit Bußgeldern der Burka Herr werden? Ganz sicher vor ihr und der Geisteshaltung, für die sie steht, ist man nur, wenn man sie nicht ins Land lässt.

Dazu fällt mir nichts mehr ein, womit ich mir nicht selbst ein Bußgeld einhandeln könnte. Deshalb möchte ich schweigen.

Und ihr so?


Theologie

17. Mai 2015

Indizien dafür, dass deine Wissenschaft möglicherweise eigentlich gar keine ist, sondern lediglich ein scheinwissenschaftlicher Deckmantel zur Rechtfertigung einer feststehenden dogmatischen Ideologie und der sie vertretenden Organisationen:

  1. Deine Wissenschaft dient ihrer Selbstbeschreibung nach explizit zur Rechtfertigung einer feststehenden dogmatischen Ideologie und der sie vertretenden Organisationen.

Nicht sinnlos

16. Mai 2015

Ich habe das schon öfter angedeutet, aber ich finde, es ist durchaus wert, einen eigenen Beitrag zu erhalten: Ich finde, Atheisten könnten sich ein bisschen mehr mit der ihnen oft vorgeworfenen Sinnlosigkeit einer Welt ohne Götter auseinandersetzen.

Nicht nur, weil es eine empörende Ironie ist, dass die Protagonisten der Religionen uns – ich benutze das Wort ausdrücklich mit der angemessenen Distanzierung von jeder Tendenz, Atheisten als homogene Gruppe zu beschreiben – sagen, sie würden einen Sinn im Leben, in der Welt, im Universum, der Existenz bieten, den unser Unglaube negiert, obwohl ungefähr das Gegenteil der Fall ist; sondern auch, weil ich mir vorstelle, dass es sehr wichtig ist, vom Ergebnis her.

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Schicksalsbewältigung im Sonderangebot

19. April 2015

Der Umgang von Leuten mit großer Trauer ist ja eine heikle Sache. Wenn wir Menschen verlieren, die uns nahe stehen, dann erschüttert, verändert das unser Leben, und stellt vieles infrage, was zuverlässig schien. Dieser Beitrag soll sich nicht über die Trauernden lustig machen. Er soll sie nicht angreifen, und er soll ihnen auch nicht vorgeben, wie sie mit ihrem Schmerz umzugehen haben.

Er soll aber sehr wohl kritisieren, verspotten und angreifen, was Matthias Drobinski für die SZ drüber geschrieben hat, und in geringerem Maß auch noch ein paar andere Sachen. Das ist leider schwer zu trennen, deswegen befürchte ich, dass es mir nicht gelingen wird, nicht auch zwischendurch mal was zu schreiben, was für betroffene Personen verletzend sein könnte. Ich versichere aber, dass ich es versucht habe, und für nützliche Hinweise dazu auch dankbar bin.

Jetzt aber los:

Ein Gottesdienst mit Kerzen, Gebet und Gesang macht die Welt nach der Germanwings-Katastrophe nicht wieder heil. Er klärt auch nicht, ob ein Flugzeugabsturz hätte verhindert werden können. Aber er gibt der Trauer eine rituelle Form – und gerade darin liegt sein Wert.

So der Teasertext und die Kernthese von Herrn Drobinski. Und wenn ihr wenig Zeit habt, könnt ihr jetzt aufhören zu lesen, denn man weiß eigentlich, was dann kommt. Aber falls ihr gerade eh ein paar Minuten über habt und euch nicht besser zu amüsieren wisst, dann folgt mir doch hinter den Trennbalken und lacht, weint und wütet je nach Disposition mit mir über diesen unerfreulichen Text.

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