Gastbeitrag: Die Sache mit der Religion

18. August 2017

Hallo,

mein Name ist Frau Quadratmeter und ich darf mich hier in Ermangelung eines eigenen Blogs freundlicherweise ein wenig zu einem Thema auslassen, das in mir seit geraumer Zeit schwelt und zu dem ich meine Gedanken schon aus Selbstschutz einfach mal niederschreiben muss, damit ich nicht platze. Es geht um die Sache mit der Religion.

(Setzen Sie sich, vielleicht holen Sie sich vorher noch etwas zu trinken, das könnte hier eventuell etwas länger dauern.)

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Hellenisten, Nazis und Sowjets

28. Juli 2012

Einerseits lege ich ja Wert auf Abwechslung in meinen Themen, und auch wenn ich mich der offenkundigen Tatsache nicht verweigern kann, dass die antireligiösen Artikel hier mit großem Abstand am meisten Anklang finden, sehe ich andererseits gar keinen Anlass, mich nach dem zu richten, was meine Leser wollen. Aber wenn sich die religiösen Anlässe nun mal so häufen, dann hoffe ich auf das Verständnis der Leser, die vor allem wegen meiner originellen politischen Thesen oder meiner brillanten Belletristik mein Blog aufsuchen, und schreibe jetzt einfach noch mal im weiteren Sinne über Beschneidung, weil ich via Recotard ein Interview gefunden habe, in dem noch einer dieser Menschen spricht, in deren Kategorie ich gestern Herrn Spaemann eingeordnet habe und die vorgestern ein Kollege von mir sehr treffend und doch irgendwie freundlich als „anders als die anderen Kinder“ umschrieb, was ich alleine schon deshalb nicht als Beleidigung meinen kann, weil ich selbst mein ganzes Leben lang immer völlig anders war als die anderen Kinder.

Egal.

Es geht um ein Gespräch zwischen dem Physiker sowie antireligiösen Aktivisten Heinz Oberhummer auf der einen und dem Rabbiner Schlomo Hofmeister, das der Kurier dankenswerterweise moderiert und für uns aufgeschrieben hat.

Oberhummer steigt etwas unglücklich ein mit dem Argument der negativen Religionsfreiheit:

 Ein Beschnittener gehört automatisch zur Religion.

Da widerspricht der Rabbiner natürlich sofort, und zu Recht, denn natürlich werden auch viele Menschen aus säkularen Gründen beschnitten, und natürlich kann man auch als Beschnittener seine Religion frei wählen. Ich finde in der Tat auch, dass die negative Religionsfreiheit hier nichts zur Sache tut, aber vielleicht liegt das vor allem daran, dass ich sowieso Religionsfreiheit als eigenes Konzept abwegig finde, ob nun positiv oder negativ oder sonstwie.

Herr Oberhummer hat das womöglich eingesehen, oder wollte einfach nur nicht weiter auf diesem Punkt herumreiten und gab Herrn Hofmeister nun seine Gelegenheit, argumentativ daneben zu greifen, nachdem Oberhummer auf die Schmerzen der Kinder hingewiesen hatte:

Da sind Sie falsch informiert. Eine medizinische Beschneidung dauert 20 Minuten, eine jüdische acht Sekunden. […] Weil die europäischen Ärzte unsere Methode nicht kennen. Die Halbgötter in Weiß lassen sich nicht dazu herab, unsere traditionelle Methode anzuwenden.

Ist klar. Von all den vielen Ärzten, die Beschneidungen durchführen, ist noch keiner auf die Idee gekommen, sich mal anzuschauen, wie Juden sowas machen, und kein Mediziner der Welt hatte jemals den Ehrgeiz, sich durch einen peer-reviewten Artikel über die klare Überlegenheit der traditionellen Methode über die in Fachkreisen übliche hervorzutun.

Ja, ich weiß. Aber lasst uns beim Thema bleiben.

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Aber das haben wir schon immer so gemacht!

27. Juni 2012

Gestern noch kannte ich ja nur die Stellungnahme des Zentralrats der Juden zum Beschneidungsurteil des LG Köln, und den Zentralrat der Muslime hätte ich sogar beinahe noch gelobt, weil er vor seiner Äußerung die Urteilsgründe lesen wollte. Ich habe mich des Lobs trotzdem enthalten, weil ich ahnte, was noch kommt, und das war natürlich auch nicht schwer zu ahnen:

Der Zentralrat der Muslime nannte die Entscheidung „einen eklatanten und unzulässigen Eingriff in das Selbstbestimmungsrecht der Religionsgemeinschaften und in das Elternrecht“

Nein, lieber Zentralrat, eure Selbstbestimmung ist nur dann betroffen, wenn ihr euch selbst etwas abschneiden wollt. Worüber ihr euch beklagt, das ist ein Eingriff in euer Fremdbestimmungsrecht. Und Eltern haben Rechte, aber ihre Kinder ohne vernünftigen Grund zu verletzen, gehört glücklicherweise schon lange nicht mehr dazu.

Auch nicht schlecht diese Äußerung eines anderen muslimischen Verbandes:

„Das Urteil empfinde ich als integrationsfeindlich und diskriminierend für die Betroffenen“, sagte der Vorsitzende der Religionsgemeinschaft des Islam, Ali Demir

Genau. Und § 242 StGB ist integrationsfeindlich und diskriminierend für Leute, die anderen Leuten gerne was klauen. Aber wisst ihr was? Wir wollen Leute, die anderen gerne was klauen, nicht integrieren, und wir wollen sie gerne diskriminieren (im Sinne von: anders behandeln), weil wir uns nicht gerne beklauen lassen. Und genauso liegt der Fall auch hier: Wir wollen Leute, die anderen gerne ohne deren Zustimmung Körperteile abschneiden, diskriminieren. Und bevor das hier zu sehr in die PI-Ecke abdriftet: Ich habe nichts gegen Muslime. Die paar, die ich kenne, sind total nett. Meine Abneigung gegen Leute, die ihre Kinder verstümmeln, ist total unabhängig von deren Religionszugehörigkeit.

Überdies werde ein Verbot nichts bringen: „Dann werden wir Beschneidungstourismus in die europäischen Nachbarländer bekommen.“

Ich fürchte, da hat er Recht, aber dadurch wird das Verbot nicht falsch. Es gibt ja auch wenig Terrorcamps in Deutschland, dafür aber relativ viele in Pakistan. Hab ich gehört. Sollten wir die legalisieren, um Terrorcamptourismus zu vermeiden? Die Frage, ob etwas woanders auch verboten ist, beantwortet nicht direkt die Frage, ob wir es verbieten sollten. Im Übrigen kann eine Beschneidung auch dann in Deutschland bestraft werden, wenn sie im Ausland durchgeführt wurde. Just sayin. [Woran man erkennt, wie gefährlich es sein kann, etwas einfach mal sagen zu wollen. Das war Quatsch, und ich danke Alien für den Hinweis.]

Kritik kam auch von der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Die Religionsfreiheit und das elterliche Erziehungsrecht seien unzureichend gegen das Recht des Kindes auf körperliche Unversehrtheit abgewogen worden“

Was meint ihr? Bin ich unfair, wenn mir dazu zuerst mal einfällt: Geht’s noch? Die EKD fordert eine Abwägung zwischen Erziehungsrecht und dem Recht eines Kindes auf körperliche Unversehrtheit? Wenn ich losgehe und jemanden zusammenschlage, weil mir die Farbe seines T-Shirts nicht gefällt, wägt das Gericht dann ab zwischen meiner allgemeinen Handlungsfreiheit und dem Recht dieser Person au körperliche Unversehrtheit? Nein. Weil mein Recht auf Handlungsfreiheit nicht das Recht umfasst, andere zusammenzuschlagen. Und genausowenig umfasst die Religionsfreiheit oder das Erziehungsrecht einen Anspruch darauf, Körperteile anderer Leute abschneiden zu dürfen. Ende der Abwägung.

Einerseits überraschen mich all diese Äußerungen natürlich nicht, die waren ja vorhersehbar, aber andererseits bin ich doch immer wieder sprachlos angesichts der schieren Bräsigkeit und Dummdreistigkeit, mit der Menschen ihre lieb gewonnene Gewohnheit verteidigen, andere Menschen misshandeln zu dürfen.

Der einzige Einwand, der mich wenigstens kurz zum Nachdenken brachte, stammt von Max Steinbeis. Ich will nicht ausführlich auf seine gesamte Stellungnahme eingehen. Ihr könnt euch sowieso denken, was ich davon halte, sobald ihr wisst, dass er es offenbar für angemessen hält, zu fragen, wozu das LG Köln es für wichtig hält, Eltern zu untersagen, ohne medizinische Indikation Stücke von ihren Kindern abschneiden zu lassen. Aber er sagt auch etwas Bedenkenswertes, nämlich:

 Wenn ich meiner kleinen Tochter die Ohrläppchen stechen lasse, schreit doch auch keiner nach dem Staatsanwalt.

Ich glaube, er hat damit einen sehr validen Punkt angesprochen, wenn auch anders, als er denkt.

Ich schrieb schon mehrfach, dass Kinder für mich schwierig sind. In vieler Hinsicht, aber (und das ist hier nun einmal gerade das Thema) auch in rechtspolitischer. Kinder haben in meinen Augen im Prinzip die gleichen Rechte wie alle Menschen, aber andererseits müssen wir das realistisch gesehen dahingehend einschränken, dass sie (bis zu einem gewissen Alter) nicht vollständig dazu in der Lage sind, vernünftige Entscheidung für sich selbst zu treffen, weshalb wir ihren Eltern – sagen wir mal: nicht ganz abwegiger Weise – das Recht zugestehen, innerhalb gewisser Grenzen über sie zu bestimmen. Deswegen dürfen Eltern zum Beispiel ihre Kinder mit körperlicher Gewalt davon abhalten, über eine viel befahrene Straße zu rennen. Das Kind erkennt nicht die Gefahr, und die Eltern schützen es vor den Konsequenzen seiner eigenen Dummheit mangelnden Einsicht in das Funktionieren dieser Welt. Es ist in Grenzfällen oft schwer zu entscheiden, wie weit dieses Recht der Eltern reichen sollte, aber ich würde als grobe Faustregel sagen, dass Eltern nur dann das Recht haben sollten, über ihre Kinder gegen deren Willen zu verfügen, wenn es eindeutig zu ihrem Vorteil ist und sie nicht in der Lage sind, die Sache selbst zu beurteilen.

Wie ist das nun bei Ohrlöchern?

Fangen wir ganz einfach an: Wenn mir jemand gegen meinen Willen Löcher in die Ohren (oder einen anderen Körperteil) stäche, dann wäre das eine Straftat, und das ist wohl unstreitig auch richtig so. Es wäre unter Umständen keine besonders schwerwiegende Straftat, und die Strafe könnte dementsprechend milde ausfallen, aber ich denke, wir sind alle dagegen, dass Menschen andere Menschen ohne deren Zustimmung durchlöchern.

Was ändert sich nun, wenn die durchlöcherte Person ein Kind ist? Erst mal gar nichts, oder? Soweit ich das überblicken kann, ist es auch nicht üblich, dass Eltern ihre Kinder gegen deren Willen zum Ohrlochstechen zerren. Meistens ist das Kind einverstanden oder fordert die Prozedur sogar von sich aus. Wir können nun darüber streiten, ab wann der Wille des Kindes beachtlich ist und unter welchen Umständen Eltern diesen Wunsch verweigern sollten, weil das Kind noch nicht reif ist, diese Entscheidung zu treffen. Aber wenn das Kind nicht will, oder wenn es (wie bei der Beschneidung üblich) noch so jung ist, dass es überhaupt keine Entscheidung über die Sache treffen kann (obwohl ich vermute, dass auch das jüngste Kind schon einen gewissen Widerwillen dagegen empfinden und äußern würde, beschnitten zu werden, auch ohne ganz zu verstehen, was da passiert), dann habe ich durchaus ein Problem damit, wenn die Eltern einfach trotzdem entscheiden, dass das Kind nun für alle Zeiten mit durchlöcherten Ohren durchs Leben gehen muss. Ich fordere natürlich keine Haftstrafe dafür. Aber ich halte es schon für legitim, den Eltern diese Verfügung über den Körper ihres Kindes zu untersagen. Und das sehe ich nicht nur deshalb so, weil Keoni ihrer Mutter immer noch nicht verziehen hat.

Ich bin Max Steinbeis also dankbar, dass er mich auf eine weitere Tradition hingewiesen hat, von der wir uns befreien sollten. Ganz im Ernst. Wenn Eltern ihre Kinder ohne Not verletzen, dann ist das nicht in Ordnung. Egal, wie lange es schon üblich ist, und egal, wie schick sie es finden.

Ist es nicht sonderbar, dass man darüber diskutieren muss?


So ist’s Recht

26. Juni 2012

Zu den Eigenheiten religiöser Gemeinschaften, die mir am meisten zuwider sind, gehört die manchmal atemberaubende Dreistigkeit, mit der sie sich für Verstöße gegen das nicht nur verfassungsrechtlich, sondern auch ethisch ziemlich evidente Gleichbehandlungsgebot einsetzen und Sonderrechte für sich reklamieren. Mit welcher Selbstverständlichkeit die Vertreter vieler Religionen davon ausgehen, dass Religionsfreiheit nicht nur die unbehinderte Wahl der Religion einschließen muss, sondern auch die Berechtigung, aus religiösen Gründen Dinge zu tun, die anderen verboten sind, verblüfft mich jedes Mal auf’s Neue. Das können wir zum Beispiel jetzt gerade sehr anschaulich daran beobachten, wie der Zentralrat der Juden in Deutschland sich für das Recht einsetzt, Kinder zu verstümmeln.

Falls ihr noch nicht davon gehört habt: Das Landgericht Köln hat kürzlich entschieden, dass die religiöse Beschneidung von Jungen als Körperverletzung strafbar ist, „da sie die körperliche Unversehrtheit und das Selbstbestimmungsrecht des Kindes verletzten. Etwas anderes sei es, wenn eine Beschneidung medizinisch geboten sei, etwa aufgrund einer Vorhautverengung.

[Wer’s wissen will: Der Arzt wurde trotzdem freigesprochen, weil er nicht wissen konnte, dass er eine Straftat begeht. So absurd es klingen mag, aus meiner Sicht eine richtige Entscheidung.]

Man kann jetzt Misanthrop sein und sich darüber ärgern, dass wir tatsächlich erst im Jahre 2012 auf die Idee kommen, dass es nicht in Ordnung ist, Menschen ohne deren Zustimmung (Die Kinder sind in dem Alter, in dem die Beschneidung durchgeführt wird, noch nicht zustimmungsfähig.) Teile ihres Körpers abzuschneiden. Aber man kann sich auch freuen, dass wir hier einen weiteren Schritt in die richtige Richtung getan haben, die Vorzugsbehandlung religiöser Handlungen zurückzuführen und sie denselben Maßstäben zu unterwerfen, die auch sonst für alle Menschen gelten. Und natürlich hoffen, dass andere Gerichte, idealerweise nicht nur in Deutschland, sich dem LG Köln anschließen.

Und natürlich darf man dabei ein bisschen Verachtung übrig haben für den Präsidenten des Zentralrats Dieter Graumann, der dazu meinte:

Diese Rechtsprechung ist ein unerhörter und unsensibler Akt. Die Beschneidung von neugeborenen Jungen ist fester Bestandteil der jüdischen Religion und wird seit Jahrtausenden weltweit praktiziert.

und den Gesetzgeber aufforderte, „die Religionsfreiheit vor Angriffen zu schützen„.

Ich weiß, dass jeder denkende Leser es schon beim ersten Mal verstanden hat, aber ich halte es dennoch für lohnend, es noch einmal auszuschreiben:

In der Vorstellung von Herrn Graumann ist das Verbot der Verstümmelung von Kleinkindern ein unerhörter und unsensibler Angriff auf seine Religionsfreiheit.

Könnte man mal erwähnen, wenn das nächste Mal jemand fragt, woher der oft kritisierte atheistische Missionierungseifer kommt.


Nothing fails like prayer

9. Januar 2012

Ein schon lange bekannter kleiner Spruch, den sich das Bundesverwaltungsgericht in seinem jüngsten Urteil zu Gebeten in Schulenzu Herzen genommen zu haben scheint. Das finde ich doppelt schade, denn es ist erstens ein durchaus dummer Spruch, und zweitens hat das Gericht damit das Gebot der praktischen Konkordanz von Grundrechten in meinen Augen derart krass verkannt, dass ich mir nicht zu schade bin, einen „Me, too“ zu Georg Neureithers Verfassungsblogeintrag  „Schulgebet-Urteil des BVerwG: Ein Staatsbankrott ganz eigener Art“ zu verfassen.

Ich will mich wenigstens bemühen, für meine juristisch nicht so interessierten Leser die Sache ein bisschen zu verknappen:

Ein Schüler wollte gerne ein islamisches Gebetsritual im Flur des von ihm besuchten Gymnasiums abhalten, und die Schule hat ihm dies untersagt, weil er damit den Schulfrieden gefährde. Die Vorinstanzen haben festgestellt, dass dieser offenbar durch das rechtswidrige und teilweise gewaltsame Verhalten der anderen Schüler tatsächlich mehr als gefährdet ist, und haben daraus den Schluss gezogen, dass das Verbot rechtmäßig ist, und das BVerwG hat sich dem in seinem Revisionsurteil angeschlossen.

Es bleibt die Anrufung des Bundesverfassungsgerichts, und ich hoffe, dass diese erfolgen und erfolgreich sein wird.

Unser Staat hat in diesem Fall nicht nur einem seiner Bürger den angemessenen Schutz bei der Ausübung seiner Recht verwehrt. Er hat diese Ausübung sogar aktiv untersagt, und das damit begründet, dass andere Bürger aus tumber Islamophobie heraus auf eine Weise reagieren könnten, die den Schulfrieden stört.

Oder mit den Worten des BVerwG:

 „Nicht der Schüler [stört] den Schulfrieden, der nur von der ihm im Grundgesetz verheißenen Glaubensfreiheit Gebrauch macht, sondern derjenige, der daran in einer Weise Anstoß nimmt, die mit den Geboten der Toleranz nicht vereinbar ist. […] Andererseits sind den Möglichkeiten der Schule Grenzen gesetzt, konkreten religiös motivierten Konflikten mit erzieherischen Mitteln zu begegnen. […] Die Einschränkung der Glaubensfreiheit erweist sich als angemessen.“

Und auch wenn ich natürlich die beabsichtigte Übung des muslimischen Schülers für völlig blödsinnig halte und es mir durchaus lieber wäre, wenn sie unterbliebe, schließe ich mich Max Steinbeis und Georg Neureither in ihrer Einschätzung an, dass dieses Urteil… Naja, vielleicht nicht gleich ein Staatsbankrott ist, aber doch jedenfalls ein erbärmliches Versagen des Rechtsstaates. Es bleibt die Hoffnung, dass unsere Verfassungsrichter dem BVerwG erklären, dass wir Dinge vielleicht doch eher nicht einfach verbieten sollten, wenn sich bloß genug Armleuchter auf hinreichend bedrohliche Weise darüber aufregen. Dafür sind sie ja schließlich da. Sowohl die Verfassungsrichter, als auch die Armleuchter.

Nebenbei: Falls euch irgendwo Christen auffallen sollten, die sich über diese inakzeptable Einschränkung des Rechts auf freie Religionsausübung erregen, wäre ich für jeden Hinweis dankbar.


Und was ist mit Batman?

12. April 2011

Nul ne peut, dans l’espace public, porter une tenue destinée à dissimuler son visage.
[Niemand darf im öffentlichen Raum Kleidung tragen, die dazu bestimmt ist, sein Gesicht zu verbergen.]

Einen Tag zu spät bin ich dran, aber ich möchte die Gelegenheit diesmal dennoch nicht ungenutzt verstreichen lassen, darauf hinzuweisen, dass seit gestern in einem weiteren mehr oder weniger aufgeklärten fortschrittlichen Rechtsstaat mitten in Europa das Tragen von Burkas und Nikabs strafbar ist. Frankreich konnte im Oktober 2010 nicht mehr an sich halten und meinte, seinen Bürgern vorschreiben zu müssen, wie sie sich zu kleiden haben. Das Gesetz ist am 11. April 2011, anscheinend unter moderaten Protesten muslimischer Frauen, in Kraft getreten. Ich finde das beschämend, und ich hoffe inständig, dass der EGMR diese Farce nicht mitspielt.

(Für die, die es interessiert: Das Gesetz enthält eine Ausnahme für rechtlich vorgeschriebene oder zumindest gestattete Kleidungsstücke (wie Motorradhelme), gesundheitlich oder zur Ausübung eines Berufs erforderliche (wie Schutzmasken bei Ärzten) und noch ein paar andere Sonderfälle wie Sportbekleidung oder traditionelle künstlerische Darbietungen. Batmans Maske wäre also wohl ein Grenzfall, denn soweit ich weiß, entfaltet zumindest sein aktueller Batsuit eine gewisse Schutz- und Panzerwirkung.)

Anlässlich dieser neuen Selbstentblößung Frankreichs möchte ich kurz auf die üblicherweise vorgebrachten Argumente für dieses Verbot eingehen und erklären, warum ich nichts davon halte. Die Reihenfolge ist willkürlich und hat nichts zu sagen.

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Da haben wir den Salat.

18. März 2011

Der EGMR (Europäische Gerichtshof für Menschenrechte) hat entschieden, dass Kruzifixe in Klassenzimmern keinen Verstoß gegen die Europäische Menschenrechtskonvention darstellen. Und er hat das vielleicht nicht mal unbedingt falsch gemacht, in gewisser Weise. Aber das Resultat ist trotzdem ärgerlich.

Jetzt werden nämlich ganz viele Leute den Eindruck gewinnen, es wäre in Ordnung, wenn der Staat bestimmte Religionen implizit gutheißt und unterstützt, während er anderen dieselbe Zustimmung verweigert.

Es ist aber nicht in Ordnung.

Ich sehe ein, dass es vielleicht wirklich nicht gegen die Menschenrechte verstößt, wenn jemand sich in einem Raum aufhalten muss, in dem ein Kruzifix hängt. In gewisser Weise ist das gut so.

Trotzdem ist es unwürdig, wenn ein aufgeklärter Rechtsstaat sich zu einer bestimmten Religion bekennt, und geradezu unerträglich finde ich es, wenn er das dort tut, wo (aus guten Gründen) die Rechte seiner Bürger gegenüber der Staatsgewalt weit zurücktreten müssen: In Schulen, in Gerichtssälen, oder in den Streitkräften (die bei uns ja sogar eigene Geistliche unterhalten).

Genauso wie der Staat und seine Organe sich politisch und sonst weltanschaulich neutral zu verhalten haben, haben sie dies auch religiös zu tun. Und dabei handelt es sich keineswegs um ein Anliegen, das nur oder hauptsächlich Atheisten betrifft.

Wer jetzt jubelt und vielleicht meint, dass hier ein Erfolg für die Religionsfreiheit zu feiern wäre, mag sich bitte daran erinnern, dass die Bevorzugung einer bestimmten Religion, Ethnie, sexuellen Orientierung, politischen Meinung oder Haarfarbe spätestens dann kein Grund zur Freude mehr ist, wenn es sich dabei nicht mehr um die eigene handelt.