Gastbeitrag: Die Sache mit der Religion

18. August 2017

Hallo,

mein Name ist Frau Quadratmeter und ich darf mich hier in Ermangelung eines eigenen Blogs freundlicherweise ein wenig zu einem Thema auslassen, das in mir seit geraumer Zeit schwelt und zu dem ich meine Gedanken schon aus Selbstschutz einfach mal niederschreiben muss, damit ich nicht platze. Es geht um die Sache mit der Religion.

(Setzen Sie sich, vielleicht holen Sie sich vorher noch etwas zu trinken, das könnte hier eventuell etwas länger dauern.)

Den Rest des Beitrags lesen »

Advertisements

Good at running to Washington

14. August 2012

Das Bundesland Hamburg beabsichtigt offenbar, einen Staatsvertrag mit drei islamischen Verbänden schließen, und während ich wohl prinzipiell nichts gegen diese Idee habe, auch wenn ich mir als islamischer Verband vielleicht zu schade wäre, mit so einer verkommenen Bande wie den Hamburger Politikern Verträge zu schließen, finde ich doch einiges in diesem FAZ-Bericht, den ich darüber gelesen habe, etwas sonderbar. Es geht ziemlich am Anfang schon los:

Danach sollen an staatlichen Schulen künftig auch muslimische Lehrer das Fach Religion unterrichten dürfen. Der Hamburger Religionsunterricht […] wird […] von der evangelische Kirche verantwortet. Das soll so bleiben

Da möchte man als Freund eines aufgeklärten Rechtsstaates doch schon gleich verzweifeln, oder nicht? An einer staatlichen Schule wird der Unterricht in einem Fach von einer Gemeinschaft bestritten, die ein bestimmtes Bekenntnis in Bezug auf dieses Fach vertritt. Es war bisher offenbar nicht erlaubt, dass jemand dieses Fach unterrichtet, der dieser Gemeinschaft nicht angehört. Jetzt soll Angehörigen einer einzigen von den zehntausend anderen Gemeinschaft ebenfalls gestattet werden, dieses Fach zu unterrichten, aber natürlich weiterhin unter der Ägide der ersten Gruppe.

Ehrlich jetzt. Ich weiß, dass meine Entrüstung vielleicht ein bisschen künstlich rüberkommt, weil wir alle schon lange wissen, dass Religionsunterricht in Deutschland nun mal von den christlichen Kirchen veranstaltet wird, aber ich habe mit dem Thema so selten Kontakt, dass es mich jedes Mal wieder wie ein Schlag trifft. Ich weiß, Schüler können sich weigern, an diesem Unterricht teilzunehmen, aber trotzdem: Wie doof ist denn das?

Man stelle sich vor, der Politikunterricht würde ausschließlich von der CDU organisiert und abgehalten, und ein Bundesland wollte es uns jetzt als großen Fortschritt verkaufen, dass in Zukunft auch Parteiangehörige der FDP unterrichten dürfen, wenn auch natürlich weiterhin verantwortet vom großen Koalitionspartner. Oder man stelle sich vor, Biologieunterricht dürfte ausschließlich von Lyssenkoisten erteilt … Ihr habt das Prinzip verstanden? Okay, bitte um Entschuldigung. Weiter.

Der Vertrag sieht außerdem vor, dass einige muslimische Feiertage […] künftig in Hamburg wie kirchliche Feiertage behandelt werden. Arbeitnehmer haben dann ein Recht auf einen freien Tag, müssen die Zeit aber nacharbeiten oder Urlaub nehmen.

Noch so’n Ding.

Ich muss zugeben, dass der Begriff „kirchliche Feiertage“ nicht so ganz eindeutig ist, aber ich wage erst einmal die Behauptung, dass das keine Gleichbehandlung ist. An den großen kirchlichen Feiertagen (Ostern, Pfingsten, Himmelfahrt, ihr wisst schon) müssen Arbeitnehmer nicht Urlaub nehmen oder nacharbeiten. Sie haben frei. Punkt. (Übrigens, wenn ich kurz zwischendurch auch noch mal den Libertären raus lassen darf: Sympathische Idee, einen Vertrag zu verhandeln, in dem man Dritten (hier: Arbeitgebern) Pflichten auferlegt, ohne diese auch nur zu beteiligen. Stay classy, Hamburg!) Lügt hier die FAZ? Oder hat  Hamburg die FAZ belogen, und die haben das einfach übernommen? Bin ich zu pingelig, und es sind eben die nichtgesetzlichen kirchlichen Feiertage gemeint? Macht es überhaupt einen Unterschied? Und warum nur einige muslimische Feiertage? Wenn es keine gesetzlichen Feiertage sind, warum nicht alle? Die christlichen Kirchen dürfen doch auch nicht nur einige ihrer Feiertage als nicht gesetzliche kirchliche Feiertage deklarieren, oder?

Über die genaue Ausgestaltung des Religionsunterrichts muss allerdings weiterverhandelt werden, der Vertrag gibt dafür fünf Jahre Zeit.

Im Vergleich zu den anderen Sachen vielleicht eine Kleinigkeit, aber doch: Laut diesem FAZ-Artikel hat die Stadt Hamburg bereits fünf Jahre mit den Verbänden verhandelt. Und jetzt ist dabei ein Vertrag rausgekommen, der vorsieht, dass über einen der wichtigsten Kernpunkte „weiterverhandelt werden“ muss. Das mag jetzt in diesem Kontext leicht unpassend wirken, aber: Jesus Christus! Bloß gut, dass diese Leute nie in die Lage geraten werden, schnell wichtige Entscheidungen treffen zu müssen.

Hamburg will sich zudem dafür einsetzen, dass die muslimischen Verbände auch einen Sitz in den Rundfunkgremien erhalten. 

Gaahh! Warum? Was haben Vertreter religiöser Organisationen in Rundfunkgremien verloren? Sollten da nicht Leute sitzen, die was von Rundfunk verstehen? Zur Sicherheit: Ich habe nichts dagegen, dass religiöse Menschen solche Gremien bevölkern. Ich begreife bloß nicht, wie man auf die Idee kommt, jemand müsse da Mitglied sein, weil er einer bestimmten Religion angehört. Und was ist mit Juden, Scientologen, Hindus und Buddhisten, Skeptikern, Jedis und Zwölfgöttergläubigen?

Für den gemeinsamen Religionsunterricht an staatlichen Schulen ist festgelegt, dass sich die evangelische Kirche und die muslimischen Gemeinden gleichberechtigt die Verantwortungen für dieses Fach teilen.

Bäh… däh… äh… Was? Stand da nicht irgendwo anders, dass die evangelische Kirche den Unterricht verantwortet, und dass das so bleibt? Wie ist es denn jetzt richtig? Ich weiß es leider nicht, und konnte es auch nicht herausfinden. Auch in anderen Berichten habe ich dazu keine klare Auskunft gefunden.

Fassen wir zusammen: Die Stadt Hamburg will mit einigen muslimischen Verbänden einen Vertrag schließen, der Muslime zwar nicht fair behandelt, und bei weitem nicht so gut wie die evangelische Kirche, aber doch immerhin noch ein bisschen besser als alle übrigen Glaubensgemeinschaften, die nach wie vor gar keine Sonderrechte bekommen, und unsere Qualitätsjournalisten, die sich schon unbändig auf ihre eigenen blödsinnigen Sonderrechte freuen, kriegen es nicht gebacken, einen informativen oder wenigstens in sich konsistenten Artikel darüber zu verfassen.

Und das unter Umständen Traurigste an der ganzen Sache ist, dass wir alle wissen, worum die Diskussion sich drehen wird: Islamisierung! Christliche Tradition! Abendländische Werte! Sharia! wird die eine Seite rufen, und die andere Seite wird von Gleichberechtigung und Integration reden, und kaum jemand davon, dass hier mal wieder jemand die Staatsgewalt nutzt, um sich Privilegien zu verschaffen und dass es ganz egal ist, ob das Christen sind, Muslime, Scientologen, Männer, Frauen, Konzerne oder Verbraucher oder Presseverlage.

Es sind die Privilegien an sich, die unserer Gesellschaft schaden und den Rechtsstaat aushöhlen.