Über die Diversität auf Raumstationen im 22. Jahrhundert

3. Oktober 2019

Nachdem ich beim letzten Mal ein echt schlimmes Beispiel dafür besprochen habe, wie schlimm es um Diversität in der Literatur steht, habe ich heute ein etwas weniger schlimmes aufgesammelt. Vielfalt, ihr wisst ja. Ja, ist schon etwas älter, aber ich habs halt jetzt erst gesehen.

Offenlegung vorab: Ich habe mit der Autorin schon einmal gestritten, bin also nicht unvoreingenommen. Aber das bin ich andererseits ja nie.

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A propos fundamentales Missverständnis

9. Februar 2016

The Daily Beast hat mit Joel und Ethan Coen gesprochen, über #OscarsSoWhite und so. Ich mag die Filme der beiden, meistens zumindest. Zumindest so, dass ich ihnen erheblich mehr zugetraut hätte als das Lehrstück an Ignoranz, das dabei herausgekommen ist.

Oscar-winning duo Joel and Ethan Coen let out matching bemused groans at the mention of the hot-button #OscarsSoWhite controversy […]

“[That’s] assigning way too much importance to the awards,” said Joel

Genau. Wenn das mal keine valide Reaktion darauf ist, dass Leute finden, dass die Academy Awards nicht genug Repräsentanz für nicht privilegierte Gruppen (Ich bin gerade zu faul, einen treffenderen Sammelbegriff zu bilden.) bieten, dann weiß ich auch nicht. Ist doch egal, stellt euch nicht so an. Wir als erfolgreiche weiße Filmemacher finden, dass ihr das überdramatisiert.

Ja gut, kann man jetzt sagen. Einem einzigen Satz solltest du nicht so viel Gewicht beimessen. Vielleicht ist das halt ein Steckenpferd von Joel Coen, dass ihm auf den Geist geht, wie wichtig Leute die Awards nehmen, obwohl Awards ja nun mal doof sind, und das sind sie doch sogar wirklich, oder? Und sein Bruder sagt doch sogar: „Diversity’s important„, und das zeigt doch, dass sies doch verstanden haben, oder nicht?

Ja gut, müsste ich dann sagen. Aber zum Glück geht das Gespräch noch weiter, und wird noch … Je nach dem, wie mans sieht, besser oder schlimmer: Die Interviewerin fragt nämlich auch noch, warum der aktuelle Film der beiden Brüder, Hail Caesar, nicht mehr Charaktere enthält, die Minderheiten angehören. Und auch hier wieder könnte man vermuten, dass Joel direkt aus dem „Wie mans nicht macht“-Handbuch vorliest:

“Why would there be?” countered Joel Coen. “I don’t understand the question. […] Not why people want more diversity—why they would single out a particular movie and say, ‘Why aren’t there black or Chinese or Martians in this movie? What’s going on?’ That’s the question I don’t understand. The person who asks that question has to come in the room and explain it to me. […] It’s a fundamental misunderstanding of how stories are written. So you have to start there and say, ‘You don’t know what you’re talking about. […] You don’t sit down and write a story and say, ‘I’m going to write a story that involves four black people, three Jews, and a dog,’—right? That’s not how stories get written. If you don’t understand that, you don’t understand anything about how stories get written and you don’t realize that the question you’re asking is idiotic.

Und das ist halt der Punkt, an dem wir nicht mehr um die Erkenntnis herum kommen, dass Joel und Ethan – er pflichtet seinem Bruder zwischendrin bei – nicht die Leute sind, mit denen man über sowas reden sollte, wenn man nicht wie ich perfekte Beispiel für schauderhaften Bullshit sucht, um anschließend drüber zu schimpfen.

Außerdem ist das vielleicht der Punkt, an dem wir die Interviewerin wirklich ernsthaft dafür bewundern, dass sie noch weiter mit den beiden redet. Aber wir wollen uns nicht ablenken lassen.

Denn Joel Coen demonstriert mit seiner Antwort erschütternderweise nicht nur, dass er auch keine Ahnung davon hat, wie Geschichten geschrieben werden. Das ist übrigens nicht so überraschend, wie man meinen sollte, denn man kann nun mal großartige Kunstwerke erschaffen, ohne sich drüber im Klaren zu sein, wie. Ich kann auch nicht komplett erklären, wie ich meine Geschichten schreibe. Aber was jedenfalls noch wichtiger ist: Joel Coen demonstriert auch, dass er ganz fundamental nicht versteht, worum es bei der Frage nach Repräsentation geht. Denn genau das, was er sagt, als Beleg dafür, dass es kein Problem gibt, zumindest nicht in seinem Film, genau das ist das Problem.

Warum spielen in meinen Geschichten fast nur weiße, heterosexuelle cis-Männer und -Frauen ohne Migrationshintergrund mit? Liegt das daran, wie Ethan Coen sagt, dass

It’s important to tell the story you’re telling in the right way, which might involve black people or people of whatever heritage or ethnicity—or it might not.

Habe ich mir gründlich überlegt, wie ich meine Geschichten schreibe, und dann entschieden, dass der einzig richtige, der beste Weg zu ihrem stets beeindruckenden Finale über vorrangig privilegierte Bevölkerungsgruppen führt? Oder ist es vielleicht so, dass es mir meistens gar nicht in den Sinn kommt, Charaktere zu schreiben, die Minderheiten angehören, weil der Standard eben für mich weiß, heterosexuell, cis und so weiter ist?

Für mich ist es Letzteres, und ich finde, das macht meine Geschichten … vielleicht nicht mal unbedingt schlechter im Unterhaltungswert, oder vielleicht sogar doch. Aber es ist jedenfalls jedes Mal eine vertane Chance, Minderheiten, die in unserer Gesellschaft immer noch benachteiligt werden, Repräsentation zu bieten, sie ein bisschen normaler zu machen, und die privilegierten Gruppen ein bisschen weniger zum Standard.

Und natürlich kann ich nicht ausschließen, dass Joel und Ethan das ganz anders machen. Vielleicht ist das ja der Grund, dass ihre Geschichten von Millionen von Menschen rezipiert werden, und meine maximal von Dutzenden. Vielleicht prüfen sie wirklich immer ganz gründlich, ob die eine richtige Art, ihre Geschichten zu erzählen, Minderheiten berücksichtigt oder eher nicht, und kommen dann halt immer zu dem Ergebnis, dass diese eine richtige Art Minderheiten eher nicht so sehr berücksichtigt.

Aber ich glaubs halt nicht, und ich denke, wer das anders sieht, muss nur das Interview noch mal lesen.

Oder was denkt ihr?