Ich würde echt gerne mal ein Buch von Jonas Lüscher lesen. Vielleicht.

29. März 2013

Die 2. Episode meiner Bloggdeinbuch-Teilnahme. Falls es jemanden interessiert: Von der Verlinkung ist nicht viel zu erwarten. Genau einen Klick habe ich über meine letzte Rezension gewonnen. Aber darum geht es ja nicht, und deshalb habe ich mich entschieden, noch ein weiteres Buch zu rezensieren, diesmal sogar ein richtiges. Also, naja, so ganz stimmt das nicht. Aber das wollen wir hier noch nicht vertiefen. Es ist jedenfalls ein Buch aus richtigem Papier.

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Das Sterben der Bilder – ach, wie gern hätt ich’s gemocht

10. Februar 2013

Als ich kürzlich mehr oder weniger zufällig die Seite „Blogg dein Buch“ entdeckte, die uns auffordert, die dort angebotenen Bücher in unseren Blogs zu besprechen und uns im Gegenzug anbietet, die Rezensionsexemplare kostenlos zur Verfügung zu stellen, da fand ich die Idee spontan sehr sympathisch und beschloss sofort, das mal auszuprobieren. Das Resultat seht ihr nun hier.

Die Auswahl war nicht ganz unproblematisch, wer hier schon länger liest, der ahnt warum, und wer nicht, dem ist es mutmaßlich egal, dem sei aber trotzdem der Form halber gesagt, dass ich einen einerseits sehr spezifischen, andererseits aber sehr eklektischen Geschmack habe, was komisch klingt, aber so ist. Meine Entscheidung fiel schließlich auf

Das Sterben der Bilder von Britta Hasler,  bestellbar hier, erschienen im sicherlich wundervollen dotbooks-Verlag, den ich hier als letzte Auflage noch verlinken muss, von nun an bin ich frei in der Gestaltung dieser Rezension. (Abgesehen davon, dass sie mindestens 250 Wörter umfassen muss, was zu erwähnen aber nun wirklich völlig unnötig wäre.)

Der Verlag bietet uns folgende Inhaltszusammenfassung:

Wien, 1906. Die Stadt lebt in Angst vor einem Serienmörder, der seine Opfer scheinbar zufällig auswählt – und sie dann brutal und effektvoll tötet. Zur gleichen Zeit wird dem arbeitslosen Julius Pawalet überraschend eine Stelle im Kunsthistorischen Museum angeboten. Julius‘ Leben wendet sich weiter zum Guten, als er die junge Krankenschwester Johanna kennenlernt – doch schon bald fallen ihm Details der Morde auf, die auf seinen neuen Arbeitsplatz hinweisen, in dem nicht alles mit rechten Dingen zugeht …

Und das sprach mich durchaus an. Wien mag ich, 1906 ist doch keine schlechte Zeit für ein Buch, und Serienmörder sind ja irgendwie mein Ding. Auch sonst kann ich eigentlich nichts Nachteiliges über das Buch sagen. Britta Hasler hat hier saubere Arbeit abgeliefert. Gelegentliche Tippfehler wollen wir ihr nicht vorwerfen, und ansonsten kann ich nicht im Ernst sagen, dass sie irgendwo dramatisch daneben gegriffen hätte. Ich kann jetzt Beispiele für Formulierungen nennen, die mich ein bisschen irritiert haben, wie

Die Tatsache, dass heute sein Glückstag zu sein schien, machte ihn verlegen.

was ich unnötig umständlich und eigentlich sogar rundum unnötig fand, oder

Auf der Visitenkarte stand der geheimnisvolle Hinweis, den Eingang um die Ecke zu nehmen und die Klingel mit dem Namen Gruber zu betätigen.

woran ich beim besten Willen nichts Geheimnisvolles finde, oder

appetitlich geschnittene Käsestücke

aber da werde ich nun wirklich kleinlich, denn Käse kann ja vielleicht je nachdem, wie man ihn schneidet, wirklich mehr oder weniger appetitlich aussehen, aber …

Ihr merkt schon, dass das nicht das eigentliche Problem ist. Das liegt woanders, und ich konnte sehr lange nicht genau sagen, wo, bis es mir ungefähr zur Mitte hin klar wurde:

Der Vogel Dieses Buch hat keinen Humor. Wirklich gar nicht. Dieses Buch ist bierernst, von vorne bis hinten, von Anfang bis Ende, von der ersten bis zur letzten Seite. Ohne Ausnahmen? Natürlich nicht. Es gab eine Stelle, die mir ein Lächeln abgerungen hat, als der unsympathische Leutnant Tscherba unseren Protagonisten festnehmen will und erklärt, warum es ganz leicht fiel, ihm auf die Schliche zu kommen:

Seine Begleiter warfen ihm einen anerkennenden Blick zu, und wenn sie keine Handschuhe getragen hätten, sie hätten ihm zweifelsohne applaudiert.

Das war nett. Und hart an der Grenze zu echt gut ist auch die Szene, in der ein Zoowächter mit dem Mörder darüber plaudert, dass er besonders aufpassen muss, weil der finstere Bösewicht ja jetzt schon zweimal im Zoo war. Ich konnte an dieser Stelle eine echt gute, eine fantastische Szene regelrecht mit Händen greifen, die Ansätze waren da, und jedenfalls hätte ich auch hier beinahe schmunzeln können, aber …

Das Buch hat einfach keinen Humor. Das spricht nicht unbedingt gegen das Buch, oder seine Autorin, aber für mich ist es nun mal ein Todesurteil. Was keinen Humor hat, ist für mich unbrauchbar, und so war es leider auch das Sterben der Bilder, und daran können auch die durchaus stimmungsvollen, sicher mühevoll recherchierten Schilderungen der Stadt Wien und seiner Gesellschaft im Jahre 1906 nichts mehr ändern, und nicht einmal die wirklich sehr originelle und wenig klischeehafte, um nicht zu sagen: völlig überraschende Entwicklung der Beziehung zwischen Julius Pawalet und der Krankenschwester mit ihrem, naja, nicht fulminanten, aber doch eindrucksvollen Ende, und die sympathisch entspannte Einstellung der Erzählung zur Prostitution können da noch irgendwas reißen.

Für mich. Für euch mag das anders sein. Wenn Humor für euch nicht zu den Grundbedingungen eines angenehmen Leseerlebnisses zählt, ihr historische Kriminalromane schätzt, euch mit blutrünstigen psychopathischen Serienmördern wohl fühlt und vielleicht noch eine Vorliebe für Wien und die kuk-Monarchie in euch tragt, dann ist das Ding für euch garantiert seine 6,99 Euro wert.

Blogg dein Buch freut sich, wenn ich Sterne vergebe, was hier aus den genannten Gründen denkbar schwer fällt, aber ihr wisst ja, ich brauche Harmonie und kann niemandem einen Wunsch abschlagen, also hier:

3 von 5, mit eine klaren Tendenz zur 4 wenn ich es so objektiv bewerte, wie ich kann, und 2 von 5, wenn ich lediglich mein eigenes Lesevergnügen bewerten soll. Frau Hasler ist hier eine originelle, wohl formulierte, kein bisschen schmerzhafte Geschichte gelungen, die eigentlich nur an dem einen Defizit krankt, nicht meinem persönlichen Geschmack zu entsprechen. Schade.


Cargo-Kult-Literatur

15. Juli 2012

Eigentlich müsste China Miévilles aktueller lovecraftianischer, gaimantastischer, londoniöser, absurder, sozialkritischer Götter-Apokalypse-Horror-Mystery-Geister-Comedy-Detektiv-Klassiker Kraken tadellos funktionieren und ein umwerfend gutes Buch sein. Die Beschreibung von Publisher’s Weekly trifft wie gewohnt sehr prägnant den Nagel auf den Kopf:

British fantasist Miéville mashes up cop drama, cults, popular culture, magic, and gods in a Lovecraftian New Weird caper sure to delight fans of Perdido Street Station and The City & the City. When a nine-meter-long dead squid is stolen, tank and all, from a London museum, curator Billy Harrow finds himself swept up in a world he didn’t know existed: one of worshippers of the giant squid, animated golems, talking tattoos, and animal familiars on strike. Forced on the lam with a renegade kraken cultist and stalked by cops and crazies, Billy finds his quest to recover the squid sidelined by questions as to what force may now be unleashed on an unsuspecting world. Even Miéville’s eloquent prose can’t conceal the meandering, bewildering plot, but his fans will happily swap linearity for this dizzying whirl of outrageous details and fantastic characters.

Alles irgendwie richtig, und bevor hier Zweifel aufkommen: Ich bin ein großer Fan von Perdido Street Station, und sogar von The City & The City, auch wenn ich zugeben muss, dass Letzteres als Kurzgeschichte auch gereicht hätte. Aber trotzdem…

Bei mir hat’s nicht geklappt. Ich war enttäuscht. Obwohl Miéville tatsächlich alles professionell abhakt, was in so einem Buch vorkommen muss, von den absurden Auswüchsen eine modernen Magie-Schattenwirtschaft über exzentrische Charaktere bis hin zu einer Variante von Erzschurke, auf die man erst einmal kommen muss, hat Kraken mich nicht nur gelangweilt, sondern streckenweise regelrecht geärgert. Vielleicht sogar gerade deshalb.

Denn was Perdid Street Station auszeichnete und The City & The City geradezu konstituierte, war die Originalität, die Einzigartigkeit, das Ausbrechen aus Konventionen, und das findet in Kraken zwar noch statt, ist aber nur Mummenschanz, damit man sich als Leser avantgardistisch fühlen kann. Natürlich hat mich das bunte Feuerwerk aus sonderbaren Zauberwesen, unkonventionellen Polizisten und surrealen Ereignissen auch ein bisschen abgelenkt, aber ich konnte dabei doch in Wahrheit in jedem Moment die Dramaturgie auf ihren ausgefahrenen Schienen unter mir rattern hören, und wenn mal eine Überraschung vorkam, dann bezog sie sich auf ein völlig irrelevantes Detail, über das ich zuvor nie ernsthaft nachgedacht hatte. Sogar die großen Twists am Ende sind weniger „Oh, Wow!“ als „Ähm… Ja, und?“-Momente.

Beispiel: Es gibt in Kraken einen zwei Antagonisten/Schurken/Monster, die das ganze lange Buch über sehr zu gründlich und ausführlich als das fieseste, stärkste, größte, unbesiegbarste, grausamste, übernatürlichste Monster des bekannten Universums aufgebaut werden, vor dem sich sogar Götter fürchten und von dem niemand lauter als in einem Flüstern zu sprechen wagt: Goss und Subby. Goss ist ein großer, starker, brutaler, unfreundlicher Typ, der immer von einem eher passiven kleinen Jungen begleitet wird, der kaum für mehr gut ist als für gelegentliche Handreichungen. Niemandem ist es je gelungen, Goss zu entkommen, denn er scheint unverwundbar und unaufhaltsam, und niemand weiß, warum immer dieser sonderbare kleine Junge in seiner Nähe ist, und warum Goss niemals von seiner Seite weicht. Wenn jemand von euch jetzt noch nicht ahnt, was seine geheime Schwachstelle ist und wie dieser Faden der Geschichte zu Ende geht, dann … ist Kraken vielleicht genau das richtige Buch für diese dich. Glückwunsch.

Und natürlich darf auch am Ende von Kraken nicht fehlen, was am Ende eines jeden solchen Buches nicht fehlen darf: Ein -zigseitiges aufregendes Actionfeuerwerk, das ich ungeduldig und genervt überblättert habe, bis dann pflichtgemäß der große Twist kam und ich das blöde Ding endlich zur Seite legen konnte.

Fazit: 27 von 38 möglichen Punkten. Wer Terry Pratchett und Neil Gaiman noch nicht über hat, der wird auch an Kraken Freude haben. Wer China Miéville mag, wird enttäuscht und verärgert werden.

Und ein Architeuthis ist kein Krake, verdammt noch mal!


Bonus-Content: Die Tribute von Panem

22. April 2012

Wenn wir bei überschaubare Relevanz erst einmal angefangen haben, investigativ zu arbeiten, dann gibt es kein Halten mehr, dann scheuen wir weder Kosten noch Mühen und kennen weder Freunde noch Verwandte, dann sehen wir uns auch einfach mal die Verfilmung von „The Hunger-Games“ an und sagen euch, was ihr davon zu halten habt.

Ursprünglich dachte ich, vielleicht mache ich ein Video draus, aber dann fand ich andererseits, da ich weder mich selbst noch Auszüge aus dem Film zeigen will, wäre das irgendwie umsonst, deshalb schreibe ich’s lieber auf. Geht auch schneller.

Der Film ist genau so wie das Buch. Das ist die Kurzfassung. Mehr brauch ihr eigentlich nicht. Falls ihr doch mehr wollt, müsst ihr damit leben, den einen oder anderen Spoiler aufzunehmen.

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Hat ja schon bei Romeo und Julia nicht funktioniert

19. April 2012

Jaaaa… Wir bei überschaubare Relevanz wissen natürlich genau, was unsere Leser denken und wollen. „Piratenpartei, Daddy-issues, interaktive Fortsetzungsromane, Religionsbashing alles ganz nett“, denkt ihr, aber in Wahrheit wollt ihr nur eins: Wissen, was ich von Suzanne Collins‘ „The Hunger Games“ halte. Na gut. Dann sag ich euch das eben.

File:Hunger games.jpg

Full disclosure: Ich kenne nur die Hörbuchfassung, die ist allerdings ungekürzt und sollte eigentlich Wort für Wort mit dem Buch übereinstimmen.

The Hunger Games ist die Geschichte von Katniss, einem sechzehnjährigen Mädchen, das in einer (mehr oder weniger) postapokalyptischen Welt zuerst nur im weiteren und dann im ganz direkten Sinne um ihr Überleben kämpfen muss. Katniss‘ Nordamerika besteht aus zwölf Distrikten, die von der Hauptstadt mit dem originellen Namen „Capital“ per eiserner Faust regiert werden und unter recht unfreundlichen Bedingungen Rohstoffe für den maßlosen Wohlstand ihrer Unterdrücker erwirtschaften müssen. Einmal jährlich veranstaltet Capital ein Spiel, um die Distrikte daran zu erinnern, wer Boss ist: Jeder und jede Jugendliche von 12 bis 18 Jahren muss an einer Verlosung teilnehmen, und die glücklichen Gewinner – zwei aus jedem Distrikt, ein Junge und ein Mädchen – reisen in die Hauptstat, um dort in den Hunger Games gegeneinander zu kämpfen, bis nur noch eine von ihnen am Leben ist. Die Überlebende und ihr Distrikt werden dann mit Geschenken überhäuft und können mächtig stolz auf sich sein. Weil Katniss‘ geliebte kleine Schwester das große Los zieht, meldet sie sich freiwillig, und los geht das Abenteuer.

Ich hatte mich ja fest darauf eingestellt, dieses Buch zu hassen und einen richtig schönen Verriss drüber schreiben zu können wie bei Twilight. Das wird aber nichts. The Hunger Games ist handwerklich tadellos gemacht, hat mich gut unterhalten und gelegentlich sogar ein paar durchaus denkwürdige Zitate geliefert. Gleich am Anfang zum Beispiel beschreibt Katniss ihre angespannte Beziehung zur Katze ihrer Schwester, der sie gelegentlich die Innereien geschlachteter Tiere vorwirft und die dann im Gegenzug darauf verzichtet, sie anzufauchen:

Entrails. No hissing. This is the closest we will ever come to love.

Und an der Stelle wusste ich, dass ich mich verrissmäßig auf eine Enttäuschung gefasst machen musste. Die Charaktere in The Hunger Games scheinen mir durchaus überzeugend und sympathisch, die Story ist mitreißend und eloquent erzählt, und soweit ich mich erinnern kann, war ich so ziemlich zu jeder Zeit auf Katniss‘ Seite und wünschte ihr den Sieg. Auch Nebenfiguren sind liebevoll als Persönlichkeiten gestaltet, wie zum Beispiel ihr Stylist (Das Ganze ist ja eine große Fernsehshow.) Cinna, der ihr vor ihren Auftritten Mut macht und ihr mit seinen einzigartigen Kostümen die PR verschafft, die sie braucht, um eine Chance auf den Sieg zu haben, oder der Moderator Claudius Templesmith, der zwar so wie auch Cinna freiwillig ein Rad in der Maschinerie der Hunger Games ist, aber trotzdem sein Bestes tut, um fair und freundlich mit den Kandidaten umzugehen, die er in den Tod schickt.

Fazit: Hunger Games ist ein gelungenes Buch, das man gut und gerne zwischendurch mal weglesen kann, ohne sich zu sehr drüber ärgern zu müssen. Sicher keine große Literatur, und sicher keine Pflichtlektüre (zumal es ja viel bessere Geschichten gibt, die im Gegensatz zu Collins‘ kläglichen Bemühungen nicht mal Geld kosten und bei denen ihr sogar mitentscheiden könnt, wie sie ausgehen…), aber macht auch nichts kaputt und lohnt ganz bestimmt mal einen Versuch. Ganz sicher nicht nur für Jugendliche, auch wenn es ein Jugendbuch ist.

Nanu, denkt ihr jetzt (Ihr erinnert euch: Ich weiß, was ihr denkt.), wieso denn jetzt so ein verhaltenes Fazit, wenn du vorher nur Gutes an dem Buch gefunden hast?

Ja… Das ist so: Was mich an dem Buch gestört hat, kann ich nicht vernünftig erklären, ohne auch über das Ende zu reden, und vielleicht wollt ihr das nicht. Die Kurzfassung: Ich finde den Plot blödsinnig und unglaubwürdig. Wer die Langfassung will, folgt mir bitte hinter

DIE SPOILERWARNUNG!!!!!!18400

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Ayn Rand kommt selten allein: 32%

12. November 2011

So, jetzt ist natürlich schon ein bisschen mehr passiert als beim letzten Mal. Und eigentlich doch nicht. (Ich spreche keine Spoilerwarnung aus, weil ich die grundsätzlich nicht mag und es in dem Buch auch wahrhaftig nichts zu spoilen gibt, aber falls ihr das anders seht, betrachtet euch bitte als gewarnt.)

Hank Rearden und Dagny Taggart haben ihre Eisenbahnstrecke aus Rearden Metal gebaut, und es war ein spektakulärer Erfolg. Sie haben einen unvollständigen Prototypen eines Motors gefunden, der eine billige und unbegrenzte Energiequelle verwendet und die Menschheit auf eine völlig neue Entwicklungsstufe heben könnte. Es sah so aus, als wäre die trostlose Welt Ayn Rands auf dem Weg in eine glänzende Zukunft. Sie hatten sogar Sex. (Nebenbei: Eine sonderbare Einstellung scheint die Autorin zu dem Thema zu haben.

Hank: „[…]You’re as vile an animal as I am. I should loathe my discovering it. I don’t. Yesterday, I would have killed anyone who’d tell me that you were capable of doing what I’ve had you do.[…]“

Dagny: „[…] I am an animal who wants nothing but the sensation of pleasure which you despise […] You’ll have me any time you wish, anywhere, on any terms.“

Sicher, man sollte im Allgemeinen nicht unbedingt von den Worten der Protagonisten auf die Meinung der Autorin schließen, aber erstens bentutzt Rand ihre Figuren dauernd als Sprachrohr, um uns Vorträge darüber zu halten, wie der Hase zu laufen hat, und zweitens ist es doch einfach merkwürdig, dass die beiden – dazu gleich noch mehr – offensichtlichen, unangefochtenen, makellosen und penetrant ungebrochenen Helden dieses Romans ganz selbstverständlich Geschlechtsverkehr als etwas Niedriges, Schmutziges, Unappetitliches ansehen beschreiben [korrigiert auf CKs völlig berechtigten Hinweis, dass Dagny Sex eigentlich gar nicht schmutzig findet], und die völlige Unterwerfung der Frau unter den Mann dabei nebenbei voraussetzen, ohne dass man es auch nur explizit thematisieren müsste. Ja. Na gut, ich weiß, in den Zitaten da klingt es schon ziemlich explizit, aber eben nicht thematisiert, wenn ihr wisst, was ich meine. Wisst ihr? Naja.)

Aber die Schurken waren natürlich auch nicht untätig: Die Equalization of Opportunity Bill hat es illegal gemacht, mehr als ein Geschäft zu betreiben, und das Fair Share Law zwingt Rearden, jedem einen gerechten Anteil an seinem neuen Metall zu liefern, und schränkt auch Dagnys Möglichkeiten ein, die neue Strecke aus Rearden Metal auszunutzen, denn natürlich darf jetzt auch keine Eisenbahngesellschaft auf einer Strecke mehr Züge einsetzen als andere Gesellschaften auf anderen Strecken.

Weil sie deshalb jetzt nicht mehr genug von Ellis Wyatts Öl transportieren kann (und der eh nicht mehr so viel produzieren darf, denn das wäre ja unfair gegenüber den anderen Ölproduzenten), hat Wyatt genug, zündet seine Felder an und verschwindet.

Und so weiter.

Es ist also eine ganze Menge los, und irgendwie ist mir manches auch immer noch sympathisch. Diese vielen Gleichheits- und Gerechtigkeits- und Fairnessgesetze erinnern in ihrer Dummheit und Widerwärtigkeit natürlich schon an gewisse Tendenzen der aktuellen politischen Debatte (*Räusper*Frauenquote*Hust*“) oder auch bereits bestehender Regelungen (AGG, irgendjemand?).

Trotzdem macht das Lesen keinen Spaß, und trotzdem ist und bleibt Atlas Shrugged ein furchtbar dämliches Buch, denn obwohl ganz viel passiert, gibt es eigentlich keine Handlung, denn es gibt keine Entwicklung. Nach wie vor glänzen die Helden und sind fehlerfrei, und nach wie vor sind die Schurken finstere, korrupte, erbärmliche, rückgratlose, lächerlich dumme Gestalten, die nicht mal einen Satz sprechen können, ohne den unsinnigen Prämissen ihrer eigenen Scheinmoral zu widersprechen. Und natürlich sieht man ihnen sofort am Gesicht an, wes Geistes Kind sie sind.

The man who sat in front or Rearden’s desk had vague features and a manner devoid of all emphasis, so that one could form no specific image of his face nor detect the driving motive of his person.

Und dann sagen sie eben Sachen wie:

„At a time of desperate stell shortage, we cannot permit the expansion of a steel company which produces too much […] If Rearden Metal is not good, it’s a physical danger to the public. If it is good it’s a social danger.“

oder

„Motor? What motor, Miss Taggart? I had no time for details. My objective was social progress, universal prosperity, human brotherhood and love. Love, Miss Taggart. That is the key to everything.“

oder wie Reardens Mutter, als er sich weigert, seinem Bruder einen Job zu geben:

„You’re the most immoral man living – you think of nothing but justice!“

Hoho, wie entlarvend. Selbstentlarvend, sogar. Geht’s noch cleverer?

Und die Guten… Naja, ihr wisst schon:

He was an elderly man with a slow, firm manner and a look of bitterness acquired not in blind resentment, but in fidelity to clear-cut standards.

Und:

„No, Mr Rearden, it’s one or the other. The same kind of brain can’t do both. Either you’re good at running the mills or you’re good at running to Washington.“

Mit anderen Worten, und ich vermute, ich werde das noch oft sagen, und ziemlich bald werden mir die anderen Worte ausgehen: Ayn Rand macht genau die Fehler, die mir auch Terry Goodkind verleiden. Ihre Geschichte ist eine einzige Predigt, ihre Charaktere sind grobe Kartonschnitte, und jeder Satz in ihrem Text ist billigste, offensichtliche Exposition, die dem Leser erklärt, was gut ist, und was böse.

Wie wird das wohl alles enden?

Wer ist John Galt?

Und wer will das eigentlich noch wissen?


Sehr verhaltene Lektüreempfehlung

3. Mai 2011

How to win friends and influence people“ von Dale Carnegie ist in gewisser Weise ein fürchterliches Buch. Sein Inhalt lässt sich recht vollständig zusammenfassen mit „Sei nett zu Leuten, dann kommst du besser mit ihnen zurecht, als wenn du fies bist“. Den größten Teil des Volumens nehmen kleine Anekdoten ein, die man freundlich als anschauliche Beispiele zur Anwendung der beworbenen Prinzipien bezeichnen könnte, und weniger freundlich als ziemlich durchschaubare Versuche, augenscheinlich plausible Thesen durch mehr oder weniger frei erfundene Best-Case-Szenarien zu belegen.

Man neigt ziemlich zügig zu weniger Freundlichkeit, wenn man zum fünfzehnten Mal liest: „But can these principles also help you with your personal goals and challenges? Well, let’s see. I was told recently…“ und dann kommt die Geschichte von einem Kerl, der regelmäßig eine alte Frau besucht und sich ihre Lebensgeschichte angehört hat und dafür ihren Sportwagen geschenkt bekam, oder die von dem Typen, der sich die Beschwerden eines schwierigen Kunden geduldig und freundlich anhörte und ihn dadurch so begeisterte, dass der gleich noch für $ 50.000 Ware bestellte und seitdem ein treuer Fan ist, oder die von der Frau, die mit ihrem Vermieter vor den Verhandlungen über sein Leben plauderte und seine Erfolge bewunderte und dadurch eine Mietsenkung erreichen konnte, oder…

Mir kommen solche Bücher beim Lesen immer fürchterlich nutzlos und dumm vor. Was wahr ist, ist trivial, und was nicht ganz trivial ist, ist zumindest nicht ganz wahr.

Aber doch lese ich solche Bücher hin und wieder, und manchmal denke ich auch, dass das vielleicht auch andere Leute tun sollte. Zum Beispiel, wenn ich am Flughafen zusehe, wie eine Passagierin mit der Mitarbeiterin der Fluggesellschaft Streit anfängt, weil die (zu Recht) ihr Handgepäck für zu sperrig befunden hat, um es in die Kabine mitzunehmen.

„This is impossible, I arrived with this, I was allowed to take it on the flight here! This is not too large!“

„You’re measuring it wrong! I took something out, and it fits now! You cannot do this!“

„You’re losing a customer!“

„I want your name! And your name, too. I’m going to file a complaint! You, over there! Do you have a business card?“

Wenn die Dame es darauf angelegt hatte, die RyanAir-Mitarbeiterin in ihrer Haltung bestärken und aber auch ganz bestimmt keine Ausnahme für sie zu machen, sie hätte es nicht besser machen können. Wer so angegangen wird, weil er nur seinen Job macht, hat nicht nur keine Lust mehr, kulant zu sein, er kann es auch gar nicht mehr, ohne vor den anderen Leuten sein Gesicht zu verlieren.

Ich glaube aber eigentlich, dass die Dame es auf gar nichts angelegt hat. Sie hatte keinen Plan. Sie war einfach nur verärgert und fühlte sich unfair behandelt, und genau das hat sie dann auch zum Ausdruck gebracht. Wenn sie jemand gefragt hätte, ob sie das für zielführend hält, hätte sie (wenn sie sich darauf eingelassen hätte) nach kurzem Nachdenken sicher sofort erkannt, dass es das nicht ist. Sie hatte kein Ziel im Auge, und keine Taktik, sondern einfach nur ihre eigenen Wünsche und Gefühle.

Andererseits tue ich ihr vielleicht Unrecht. Vielleicht wusste sie genau, dass sie direkt nichts erreichen würde. Vielleicht wollte sie nur den anderen Passagieren demonstrieren, dass man sich nicht alles gefallen lassen muss. Vielleicht rechnet sie damit, dass diese Gepäckprüferei irgendwann aufhört, wenn genug Fluggäste sich widersetzen. Oder sie hat die RyanAir-Mitarbeiterin bewusst provozieren wollen, weil sie Spaß dran hatte. Wer weiß? Je nachdem, was man erreichen will, kann es richtig sein, nicht freundlich zu bleiben.

Dale Carnegie liegt meiner Meinung nach falsch, wenn er behauptet, dass es nie sinnvoll ist, jemandem direkt zu widersprechen und die harte Konfrontation zu suchen. Ich denke, dass er Recht hat, wenn er sagt, dass es oft nicht der beste Weg ist, jemanden zu überzeugen.  Aber manchmal will man gar nicht die Person unmittelbar überzeugen, mit der man redet. Und manchmal kann man jemanden durch eine harte Konfrontation auch dazu bringen, dass er zumindest nach dem Gespräch mach infrage stellt, was er so denkt, auch wenn er während der Diskussion noch auf seinem Standpunkt beharrte.

Es ist wie so oft im Leben, dass der einfache Rat nicht der beste ist, und dass man für jede Situation das jeweils richtige Werkzeug finden muss.

Darauf will ich hinaus: Das Gute an der Lektüre solcher Bücher wie „How to win friends and influence people“ oder „Getting to yes“, all dieser halbtrivialen Ratgeber eben, ist nicht unbedingt, dass man danach genau weiß, wie man mit anderen Menschen umgehen muss.

Das Gute an solchen Büchern ist, dass man sich daran gewöhnt, vor und in so einem Gespräch zu überlegen, was man will und wie man es am besten erreicht. Und dass man sich angewöhnt, nicht nur auszudrücken, was man selber will und fühlt, sondern auch zu überlegen, was der andere will und wie es ihm geht, und sich zu fragen, was man daraus machen kann. Ich glaube schon, dass vieles einfacher wäre, wenn sich das mehr Leute angewöhnen könnten.

Und so komme ich zu dem vielleicht etwas ungewöhnlichen Ergebnis, dass ich „How to win friends and influence people“ für ein schlechtes Buch halte, aber trotzdem für lesenswert. Wer mag, kann die blöden Anekdoten ja überspringen.