Projekt 52 Bücher (9)

19. März 2013

Nachdem ich zum letzten Thema beim besten Willen nichts zu sagen hatte, hat das Fellmonster diesmal

Regenbogen

vorgegeben.

Für militante Skeptiker wie mich läge da natürlich Richard Dawkins Der Entzauberte Regenbogen als Buch nahe, aber das ich das nicht gelesen habe und auch in Zukunft versuchen will, möglichst wenig von ihm zu lesen, weil ich auch in Zukunft auf Vorwürfe von Theisten zu ihm glaubwürdig sagen können will „Wer ist dieser Dawking, von dem du redest, und was hat er mit mir zu tun?“, deswegen käme als nächstes der Regenbogenfisch infrage, aber den hat mir schon eine andere Teilnehmerin weggenommen. Ich falle also auf ein Buch zurück, das ich eigentlich auch eher nicht gewählt hätte, weil ich hier schon mal kurz drüber gesprochen habe, aber ich denke, wenn ich diesmal einen anderen Aspekt wähle, auf den ich bisher nicht eingegangen bin, und zu dem ich sogar einen aktuellen Bezug anbieten kann, dann geht das schon irgendwie.

Ich rede natürlich von keinem anderen Buch als

Lyman Frank Baums The Wonderful Wizard of Oz.

Das ist zwar wie gesagt nicht besonders gut geschrieben, enthält aber unbestreitbar ein paar gute Gedanken, von denen meines Erachtens der Zauberer selbst mit Abstand der beste ist, und, oh Wunder, da haben wir jetzt doch wieder den Skeptikeraspekt. Denn just in den letzten Tagen hat Christina uns in den Kommentaren dieses Blogs sehr anschaulich und umfassend geschildert, wie das ist, wenn man auf den Zauberer hereinfällt und der Aufforderung gehorcht, nicht auf den Mann hinter dem Vorhang zu achten.

The Wonderful Wizard of Oz ist nun deutlich über 100 Jahre alt, und trotz seiner Bekanntheit ist es auch heute den Apologeten des Zauberers noch nicht zu dumm, voller Stolz davon zu berichten, dass er doch dem Löwen Mut gegeben habe, und dem Blechmann ein Herz, und der Vogelscheuche ein Gehirn, und dass deshalb doch nun kein vernünftiger Mensch daran zweifeln könnte, dass dieser Zauberer real sein muss, und außerdem wie sonst erklärt man sich denn die magischen Flammen, und – nein, den Mann hinter dem Vorhang bitte nicht beachten, der spielt keine Rolle, bleiben wir doch bei der Sache, ja?

Und die Lehren, die wir aus dieser Parabel ziehen können, sind natürlich nicht auf Religionen beschränkt, sondern auch auf viele andere Formen selbst gewählter Unmündigkeit, ob sie sich nun in gefühlter Abhängigkeit von einem Partner äußert, in dem abergläubischen oder einfach nur emotionalen Bedürfnis, einen Glücksbringer bei sich zu tragen, oder in der scheinbar unüberwindlichen Angst davor, etwas zu versuchen, das wir uns nicht zutrauen.

Der Löwe, die Vogelscheuche und der Blechmann hatten gewissermaßen die ganze Zeit über schon, was sie sich wünschten. Alles, was sie dafür brauchten, war eine gute Freundin, die sie darauf aufmerksam macht, und ihnen hilft, ihr Potenzial zu erkennen. Alles, was sie dafür nicht brauchten, war ein Typ in einer albernen Verkleidung, der ihnen einredet, sie wären auf ihn angewiesen, weil es ohne ihn nicht geht.


Anne Frankly, I did Nazi that coming

5. November 2011

Wer hier regelmäßig mitliest, wird vielleicht Probleme haben, mir das abzunehmen, aber versucht bitte, euch darauf einzulassen, ich meine es ehrlich: Es kommt sehr, sehr, sehr selten vor, dass ich etwas lese und dabei buchstäblich fassungslos bin ob der scheinbar übermenschlichen Arschlochhaftigkeit der Verfasser. Wirklich. Kürzlich war es aber doch mal wieder so weit.

Vorgeschichte: Wahrscheinlich wird das hier niemand mitbekommen haben, aber vor einer Weile begann unter den Atheisten im Netz ein Shitstorm mit dem saudummen Titel „Elevatorgate“. Im Juni (!) berichtete Skepchick Rebecca Watson in ihrem Blog von einem kleinen Erlebnis auf einer Konferenz. Offenbar plauderte sie dort Abends noch in der Bar recht lange mit anderen Teilnehmern, und als sie schließlich spät nachts in den Aufzug stieg, folgte ihr ein völlig Unbekannter und fragte im geschlossenen Aufzug, in dem sie mit ihm völlig allein war, ob sie noch auf einen Kaffee mit in sein Hotelzimmer kommen wollte. Sie wies darauf hin, dass das ein kleines bisschen creepy rüberkommen könnte, und dass man sowas als Mann deshalb eher nicht tun sollte. Kann man so oder so sehen, ist ja aber eigentlich offensichtlich harmlos.

Es entwickelte sich trotzdem eine Debatte darüber, in deren Verlauf auch unser aller Heiliger Vater Richard Dawkins sich bemüßigt fühlte, zu kommentieren, und zwar sinngemäß, dass Rebecca doch bitte still sein sollte, solange es ihr noch besser geht als den Frauen in muslimischen Ländern.

Damit hatten die Fäkalien nun wirklich den Ventilator getroffen, und eine Zeitlang gab es kaum ein englischsprachiges Atheisten-/Skeptikerblog, das sich nicht mit dem Thema befasste. Ich kam deshalb auch nicht umhin, es mitzubekommen, dachte aber, es wäre dann irgendwann eingeschlafen.

Umso überraschter war ich, dass es anscheinend Monate später immer noch lief, und dass insbesondere die Gegner Rebecca Watsons sich inzwischen in unfassbare Höhen der Selbstentwürdigung geschraubt hatten. Ich zitiere hier statt aller mal die Science-bloggerin Abbie Smith von ERV. Ihr Kommentar bezieht sich darauf, dass Dawkins, der sich für seinen dämlichen Kommentar nie entschuldigt hat, nun das Sponsoring für die Kinderbetreuung bei zukünftigen TAM-Treffen übernimmt.

ERV translation:

You all keep throwing your bordello parties and pajama parties and getting drunk all the time and acting like overall jackasses in the name of ’supporting women in skepticism‘. Im going to actually support everyone, including women, by providing childcare at future TAMs. *flipseveryoneoff*

The non-response this move has gotten, the stunned silence from the True Feminists mirrors that of the duped Evangelicals before. Stricken dumb by being too dumb to understand what just happened. Its hysterical.

[…]

Apparently this move has been in the works for a long time, with Camp Quest. Apparently before Twatson [!] fell down and threw a temper tantrum and demanded everyone kiss her invisible boo-boo.

She made her move. A rash decision.

Dawkins made his. Carefully planned for some time.

Check-mate.

Ich habe an diesem Tag noch eine ganze Weile mit offenem Mund dagesessen, ungläubig den Bullshit gelesen, den das  Team Dawkins von sich gibt und hin und wieder eine unflätige Beleidigung gemurmelt. Wow. Ich meine, ich weiß, willkommen im Internet und so, aber… Mir ist schlecht.

Und unsere deutschen Internetchristen meinen, eine Facebook-Seite mit teilweise nicht besonders lustigen Witzen wäre ein Armutszeugnis für Atheisten? Was werden sie wohl sagen, wenn sie die ganze Wahrheit über uns herausfinden?