Geht nicht? Gibt’s doch!

24. März 2010

Ich habe bei YouTube dieses sehr sehenswerte Video gefunden, in dem Sam Harris erklärt, dass und warum und wie sich seiner Meinung nach moralische Fragen mit wissenschaftlichen Methoden beantworten lassen:

(Das Video ist ziemlich lang, aber wenn euch das Thema interessiert, solltet ihr euch davon nicht abschrecken lassen. Er macht das sehr unterhaltsam.)

Wenn er diese steile These tatsächlich belegen könnte, wäre das in der Tat eine Sensation. Der Versuch, aus Tatsachen Werte und Normen ableiten zu wollen, ist seit langer Zeit aus naturalistischer Trugschluss bekannt und wird allgemein als unsinnig akzeptiert. Aber wie das oft so ist: Die Sensation bleibt aus.

Mit vielem, was er sagt, hat Harris meiner Meinung nach Recht, aber trotzdem basiert seine These auf einem Denkfehler. Die eigentlich moralische Frage beantwortet er nämlich in seinen Beispielen keineswegs, soweit ich das erkennen kann. Die moralischen Werte nimmt er stillschweigend vorweg, und auf Tatsachen basiert dann nur noch die Antwort auf die Frage, wie man diese Werte am besten in sein Handeln umsetzt. Dass wissenschaftliche Methoden dabei hilfreich sein können, ist nun aber leider nur noch eine ziemlich triviale Erkenntnis.

Der Vater eines homosexuellen Jungen beispielsweise, der glaubt, sein Sohn müsse die Ewigkeit in der Hölle verbringen, wenn er seinen Neigungen nachgibt, handelt aus seiner Sicht moralisch durchaus richtig, wenn er ihn tötet, um das zu verhindern und ihm einen Platz im Paradies zu garantieren. Der Fehler liegt hier nicht auf der moralischen Ebene, sondern auf der Tatsachenebene. Natürlich muss niemand in die Hölle, schon gar nicht aufgrund seiner Sexualität, und ein Paradies gibt es leider auch nicht.

Im Ergebnis hat Sam Harris gewissermaßen doch wieder Recht: Viele moralische Fehlurteile lassen sich durchaus mit wissenschaftlichen Methoden aufklären, und zwar deshalb, weil sie auf falschen Tatsachenannahmen oder auf logischen Trugschlüssen basieren. Die eigentlichen moralischen Grundlagen, also die fundamentale Frage, was wir für richtig halten und was für falsch, lässt sich aber nicht abschließend mit Tatsachen beantworten. Es gibt richtige und falsche moralische Urteile. Richtige und falsche Moral gibt es aber trotzdem nicht. Wissenschaftliches Denken und kritisches Infragestellen unserer Vorurteile können uns dabei helfen, den moralisch richtigen Weg zu finden. Die Richtung können sie uns aber nicht zeigen.

(Damit hier niemand auf falsche Ideen kommt: Religion kann das genausowenig. Der Unterschied besteht darin, dass sie trotzdem so tut.)