Where is the power, and where is the point?

15. Mai 2010

Ich habe noch nie das Vortragsprogramm zu einer Messe auch nur mal überflogen. Aber diesmal habe ich eine Einladung zu einer Veranstaltung bekommen, die so klang, als könnte sie einigermaßen interessant sein, und außerdem den besonderen Vorzug mitbrachte, dass sie insgesamt nur drei Stunden dauerte. Ich dachte also, das kann man ja mal versuchen, und schlug Keoni einen kleinen Ausflug vor.

Der erste Referent sollte von den Erfahrungen aus seiner Anfangszeit als Führungskraft berichten. Das hätte durchaus interessant sein können, wenn er nicht wirklich alles getan hätte, um jegliches schüchtern aufkeimende Interesse sofort zu ersticken.

Er fing zunächst äußerst langatmig an, von sich und dem fraglichen Unternehmen zu erzählen und zeigte von Anfang an eine konsequente Vorliebe für unbeholfene, völlig sinnentleerte substantivische Formulierungen auf dem Niveau von Kalendersinnsprüchen. („Die Wahrnehmung einer Herausforderung als Chance sollte für jeden Unternehmer ein Ziel bei der Ausführung seiner Tätigkeiten sein“ hat er nicht wörtlich gesagt, hätte aber von ihm sein können.) Auch seine fünf „Erfahrungen“ stellten sich zügig als abgenutzte Gemeinplätze heraus. „Die Erfahrungen des Vorgängers nutzen!“ war eine davon.

Der Mann hatte seinen gesamten Sermon vorab niedergeschrieben und las ihn nun vom Blatt vor. Das war nicht nur an seiner eher zufälligen Betonung einzelner Silben und dem permanent auf sein Pult gerichteten Blick zu erkennen, sondern auch an dem bis zur Unverständlichkeit verschachtelten Satzbau und zahlreichen Formulierungen, die in mündlicher Rede einfach nicht vorkommen. Oder zumindest nicht bei Leuten, denen man gerne zuhört. („Jedoch ist parallel hierzu immer auch zu beachten, dass sporadisch auftretende Komplikationen, die sich auch durch gründliche Vorbereitung nicht ganz eliminieren lassen, stets bei der Planung zu berücksichtigen sind“ ist wieder kein genaues Zitat, klingt aber ziemlich nach ihm.)

Als er gegen Ende anfing, davon zu erzählen, dass man als Führungskraft vor allem authentisch sein müsse, weil man sonst niemanden begeistern könne, musste Keoni mir mit ein paar kräftigen Ellenbogenstößen in die Rippen aushelfen, damit ich nicht laut zu lachen anfing.

Nach Ende dieser Dreiviertelstunde meines Lebens, die ich nie zurückbekommen werde, stand einer der Organisatoren der Veranstaltung auf, bedankte sich für den spannenden Vortrag (Ich verdrehte die Augen und dachte: Na gut, das muss er wohl sagen.), fragte bewundernd, ob der Redner „das alles aus eigener Kraft geschafft“ habe (Ich stöhnte leise.) und zeigte sich erfreut darüber, dass er sich selbst in den geschilderten Erfahrungen sehr gut wiedererkenne, obwohl er in einem ganz anderen Branchenzweig tätig sei (Ich knirschte mit den Zähnen, starrte angestrengt auf meinen Tisch, ballte die Fäuste und dachte: Du Hammel, zeig mir einen Menschen, der sich in diesem vagen Geschwafel nicht wiedererkennen würde! Mein Hamster würde sich darin wiedererkennen.).

Ich denke manchmal, dass es ähnlich wie beim Führerschein eine Möglichkeit geben sollte, Menschen bei wiederholt erwiesener völliger Ungeeignetheit die Vortragserlaubnis zu entziehen.