Warum nicht?

29. September 2010

Drüben bei Sende-Zeit läuft gerade in lockerer Folge eine Reihe von Bekennerschreiben Leuten, die erklären, warum sie Katholiken sind. Das hielt ich für sehr interessant, weil ich persönlich (Vielleicht ist es euch aufgefallen.) einfach nicht begreife, warum jemand an einen Gott glaubt, geschweige denn einer Religion angehört. Heute erschien nun ein Bekennerschreiben von Alipius Müller mit einer besonders, naja, bemerkenswerten Begründung, die mich irgendwie… angesprochen hat:

Warum ich (immer noch) katholisch bin?

Warum sollte ich es nicht sein?

[…]

Wie kann ich nicht katholisch sein, wie kann ich nicht katholisch bleiben wollen, wenn ich jetzt schon die beruhigende Gewißheit habe, daß selbst nach dem Ableben meiner Eltern (welches der Herrgott gerne noch viele Jahre aufschieben darf) das Familienleben weitergeht? […] Warum ohne die Gnade Gottes und ohne die Hilfe des Magisteriums mein eigener Herr sein, wenn es mit ihnen schon schwer genug ist, sich einerseits selbstbewusst und selbständig und andererseits doch verantwortungsvoll und nicht ganz so aufgebläht zu geben?

Gleich vorweg mal: „Warum nicht?“ ist viel öfter, als man gemeinhin denkt, die grundfalsche Frage.

Egal. Natürlich darf Herr Müller glauben, was er will, und er darf selbst entscheiden, welcher Glaube ihm persönlich am meisten gibt. Trotzdem ist es mir ein Bedürfnis, seine Frage zu beantworten:

Weil es einfach nicht wahr ist. Weil das Leben nach dem Ableben nicht weiter geht. Weil die Gnade Gottes nicht real ist. Weil die Gewissheit falsche Gewissheit ist. Weil wir nur dieses eine Leben haben, nach dem alles vorbei ist, und weil dieses eine Leben deshalb unendlich viel wertvoller und kostbarer ist, als es wäre, wenn es quasi nur einen Fußabtreter darstellte für die Ewigkeit, die uns bevorsteht.

Weil Ihr Glaube Sie lehrt, Ihr skeptisches Denken auszuschalten, unkritisch für wahr anzunehmen, was frei erfunden ist, und weil Sie dann solche Sachen wie die da oben schreiben und sich blamieren.

Weil falsche Überzeugungen zu falschen Entscheidungen führen, und damit zu falschem Handeln. Weil wir Veantwortung für unser Handeln haben und deshalb verdammt noch mal verpflichtet sind, unser eigener Herr zu sein.

Weil – und ich weiß, dass ich mich hier weit aus dem Fenster lehne, aber dieser kleine Essay von Herrn Müller belegt es aus meiner Sich sehr schön – Religion die Gefahr in sich trägt, unsere Augen zu verschließen vor dem, was sie uns nimmt.

Alipius Müller versteht nicht, wo die Bereicherung wäre, wenn er den Glauben aus seinem Leben verdrängte. Manche Drogenabhängige verstehen nicht, wo die Bereicherung wäre, wenn sie sich von ihrer Sucht befreiten. Manche Schüler verstehen nicht, wo die Bereicherung ist, wenn sie verstehen, wie unsere Welt funktioniert und etwas über die physikalischen und logischen Gesetze lernen, die sie beherrschen.

Die Gläubigen unter euch knirschen jetzt möglicherweise mit den Zähnen und denken, dass ich es einfach nicht verstehe. Und ihr habt Recht, ich verstehe es nicht. Erklärt es mir, bitte.

Ich kann nicht ausschließen, dass Herr Müller durch seinen Glauben tatsächlich ein glücklicheres und erfüllteres Leben hat, als er es ohne hätte. Aber ich kann trotzdem nicht anders, als angesichts seines Abschlusses halb lächelnd, halb traurig mit dem Kopf zu schütteln:

Weil jemand anderes es mir sagt? Nein, danke! Mein Glaube hat mich gelehrt, für mich selbst zu denken und zu entscheiden.

Ach… Sehen Sie, Herr Müller, das meine ich. Genau deshalb.