Zwei Nasen zanken super

19. Februar 2012

Ich möchte jetzt doch gerne noch mal auf Thomas eingehen, auch wenn die meisten von euch das wahrscheinlich erst einmal nicht wollen. Ich glaube aber, dass es für alle interessant werden könnte und würde mich deshalb freuen, wenn ihr uns noch eine Chance geben könntet. Er hat nämlich gerade zu seinem für mich nicht so erfreulichen Beitrab in seinem Blog einen Kommentar geschrieben, der mich wiederum sehr freute. Er illustriert nämlich ein Problem, über das ich schon oft schreiben wollte, aber mir fehlte immer der Aufhänger.

Voilà Aufhänger: Thomas fragte mich, ob ich denn der Meinung sei, Religion sei „objektiv unsinnig“, worauf ich sinngemäß erwiderte, eher nicht, aber das käme wohl auf die Definition an, denn wenn man erst einmal ein klare Definition habe, dann bleibe nur noch eine objektiv beantwortbare Frage übrig.

Er schrieb nun:

Ich kann nicht einmal mit Sicherheit in jedem Einzelfall sagen, ob etwas sinnvoll ist oder nicht. Dazu stand ich schon zu oft in verschiedensten Zusammenhängen von dieser Frage. Manchmal habe ich es nur gedacht, manchmal laut gesagt, aber ich habe ganz offen und ehrlich schon gedacht: Ich weiß nicht, ob ich das, was du da gerade sagst/zeigst/erklärst für sinnvoll halte oder nicht.

Wie gesagt, das ist nur ein Aufhänger, und das Ziel dieses Beitrags ist natürlich nicht im Ernst, Thomas weiter zu dissen. Ich würde sogar behaupten, dass wir alle das Problem haben, dass dieser Kommentar von ihm demonstriert: Menschliche Sprachen sind nicht geplant, sondern gewachsen. Sie sind in sich weder besonders logisch, noch orientieren sie sich an einer strengen Systematik. Wir benutzen viele Begriffe im Alltag eher unreflektiert und intuitiv, und  haben damit nie Schwierigkeiten, weil ja jeder sowieso weiß, was wir meinen. Aber sobald wir auf jemanden treffen, der es nicht sowieso schon weiß, wird es kompliziert.

Ich vermute, dass kaum ein Studium dieses Problem so deutlich bewusst macht wie das juristische, aber wahrscheinlich hatte jeder früher oder später mal eine Berührung damit: Es ist ein Krampf, allgemeingültige Definitionen für Begriffe zu entwickeln. Was ist ein Stuhl? Was ist ein Pudding? Was ist ein Sinn? Was ist eine Idee?

Der Fehler ist hier oft gleich am Anfang zu suchen: Bei der Vorstellung, es gäbe überhaupt eine einzige allgemeingültige Definition, die man bloß finden müsste. Denn wie ich gerade schon schrieb: Wir benutzen Begriffe oft in verschiedenen Zusammenhängen auf unterschiedliche Weisen, und andererseits benutzen wir manchmal verschiedene Begriffe für dieselben Sachverhalte. Und weil wir das irgendwie spüren, auch wenn es uns nicht richtig bewusst ist, merken wir bei unseren Definitionsversuchen schnell, dass keiner so ganz passt. Diese Definition ist toll für diesen Kontext, versagt aber bei jenem, obwohl ich dasselbe Wort doch in jenem Kontext auch immer benutze. Ein starkes Buch ist etwas anderes als ein starker Arm ist etwas anderes als ein starkes Wort.

Deswegen kann es sinnvoll sein, alternative Definitionen für dasselbe Wort parat zu haben, je nach Kontext, und daran ist an und für sich auch nichts Schlimmes. (Es wäre vielleicht schöner, wenn unsere Sprachen logischer strukturiert wären, aber des Leben ist nun mal kein Ponyhof.) Es reicht ja völlig aus, wenn wir uns für die Zwecke einer gerade laufenden Diskussion einigen können, was wir gerade meinen, auch wenn diese Definitionen in anderen Zusammenhängen unpraktisch wären.

Worte sind Werkzeuge. Wir können mit ihnen prinzipiell machen, was wir wollen, aber für manche Zwecke sind sie besser geeignet als für andere. Der Begriff „Religion“, den Thomas auch nicht definieren mochte, ist ein gutes Beispiel dafür. In Diskussionen mit Christen versuchen diese manchmal, alles als „Religion“ zu definieren, was einem wichtig ist. Sie berufen sich dabei erfahrungsgemäß gerne auf Luther mit dem Zitat „Woran du nun dein Herz hängst und worauf du dich verlässt, das ist eigentlich dein Gott.“ Der Christ versucht in diesem Fall (bildhaft gesprochen) mein Werkzeug zu sabotieren, indem  er meinen Maulschlüssel so weit aufdehnt, dass er auf keine verfügbare Mutter mehr passt. Man könnte nun ein Wörterbuch herauskramen und ihnen zeigen, dass Religion eigentlich üblicherweise enger definiert wird. Ich bevorzuge die weniger kontroverse Antwort, wir könnten das gerne so definieren, aber dann sei Religion nicht mehr etwas, das ich insgesamt kritisiere, und wir sollten uns dann noch einen Begriff suchen, der die formalisierte Verehrung übernatürlicher Kräfte bezeichnet, um die es mir geht.

Kommen wir zum konkreten Beispiel zurück: Thomas behauptet, Religion sei nicht objektiv unsinnig. Das ist okay. Thomas bietet außerdem keine klare Definition für diese beiden Begriffe. Auch das ist okay. Für sich betrachtet. Tut man die beiden Dinge zusammen, sind sie nicht mehr okay. (Auch nicht okay ist streng genommen, dass er von „unsinnig“ zu „sinnvoll“ und „sinnlos“ wechselt, aber wir wollen die Sache nicht noch komplizierter machen. Wir wissen ja alle, was gemeint ist.) Er macht hier einen Fehler, der sich auch bei Kant immer wieder findet, und eigentlich bei so ziemlich allen bekannten Philosophen, insbesondere wenn es um schwammige Begriffe wie „gut“, „böse“, „moralisch“ oder sonstwas geht. Thomas ist also in guter Gesellschaft: Er macht sich Gedanken und formuliert Aussagen über Begriffe, ohne sie vorher zu definieren. Das ist manchmal vertretbar, denn wenn man vor jeder Diskussion jedes Wort erst einmal definieren will, dann kommt man nie zum Diskutieren, und das wäre doch… Ähm… Naja, irgendeinen Grund wird es sicher geben, warum das manchmal vertretbar ist. Aber wenn Begriffe für einen Dialog so zentral sind wie „Unsinnig“ und „Religion“ für diesen hier, dann kann das Fehlen von gemeinsamen (oder überhaupt irgendwelchen) Definitionen nur ins Abseits führen.

Nun kommt es natürlich auch vor, dass wir Wörter zu definieren versuchen und dabei feststellen, dass wir partout keine vernünftige Abgrenzung hinbekommen, nicht einmal mit konkretem Bezug zur aktuellen Definition. Das muss nicht, kann aber in vielen Fällen bedeuten, dass wir diese Worte bisher – vorsätzlich oder fahrlässig – als ein ganz bestimmtes Werkzeug benutzt haben: als Nebelkerze, die nichts erklären, sondern bloß verschleiern soll. Fragt mal einen Esoteriker, was er unter Energie, Spiritualität oder der Seele versteht, und er wird euch eine hervorragende Illustration dieses Aspekts der ganzen Sache liefern. Thomas hat das selbst einmal sehr schön in seinem energetisch schwingenden Wörterbuch aufgezeigt.

Was das für diese konkrete Frage bedeutet? Einfach: Religion kann nicht objektiv unsinnig sein, solange ich „unsinnig“ nicht definiere, sondern nur als ein vages Konzept benutze, von dem ich nur kontextabhängig ungefähr im Gefühl habe, was es bedeuten könnte. Das sagt dann nichts über Eigenschaften von Religion aus, sondern über meinen eigenen Umgang mit Worten. Und das meinte ich eben auch mit meiner Antwort an Thomas:

Zum Beispiel kann Religion eine total gute Sache für manche Leute sein. Für den Papst zum Beispiel ist sie vielleicht enorm nützlich. Insofern kann man es aus seiner Sicht für sinnvoll halten, dass er religiös ist. Andererseits enthält jede mir bekannte Religion innere Widersprüche, was man wohl als objektiv unsinnig bezeichnen könnte, ohne den Begriff zu überdehnen.

Wenn wir „unsinnig“ definieren als etwas, was keinerlei Sinn hat („Sinn haben“ hier ungefähr in der Bedeutung „einem Zweck dienen“), dann fällt Religion nicht darunter. Wenn wir auch Dinge als „unsinnig“ bezeichnen wollen, die logisch nicht konsistent sind, wie etwa das berühmte Gedicht mit den stehenden Leuten, die drinnen sitzen und schweigend in’s Gespräch vertieft sind, dann können wir ganz objektiv feststellen, dass die mir bekannten Religionen in diesem Sinne „unsinnig“ sind. Nun kann man sagen: Ja, aber dann ist doch die Definition des Wortes zumindest subjektiv. Und natürlich ist sie das. Muss sie sein. Eine objektive Definition für Worte zu fordern, ist evident… naja, unsinnig.

Damit endet der Teil dieses Beitrags, den ich für allgemein interessant halte. Unter dem Trennstrich führe ich die Diskussion mit Thomas fort. Die weitere Lektüre kann ich deshalb nur denen guten Gewissens empfehlen, die sowohl Thomas‘ Gastbeitrag hier als auch seinen Beitrag in seinem eigenen Blog sowie die Diskussion dazu verfolgt und immer noch nicht genug haben. Ich verabschiede mich also von allen Lesern außer Thomas selbst und wünsche noch einen schönen Sonntag.

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