Violett und Ginger bekommen ein Paket

9. Dezember 2010

Violett und Ginger sind Schwestern und teilen sich eine Wohnung. Ihre Beziehung (nicht ungewöhnlich bei Geschwistern) ist oft nicht einfach, und sie überlegen manchmal, ob sie sich nicht jede eine eigene Wohnung suchen sollen. Das tut hier aber nichts zur Sache.

Vor Kurzem bekamen Violett und Ginger ein Paket, obwohl sie nichts bestellt hatten.

Es klingelte an der Tür, und der Postbote drückte der freudestrahlenden Ginger ein Paket in die Hand, ungefähr so groß wie ein Laib Brot.

Ginger jubelte, und sie rief Violett zu sich, zeigte ihr begeistert das Paket und sagte:

„Schau, Violett, sieh dir das an, ich habe ein Kätzchen bekommen.“

Violetts Lächeln fror ein bisschen ein. Sie stockte und runzelte ihre Stirn, während sie das kleine blaue Paket betrachtete.

„Wie jetzt?“ fragte sie, „Da ist ein Kätzchen drin?“

„Ja! Ist das nicht toll?“

Violett blickte von Ginger zu dem Paket, und wieder zurück. Sie stemmte ihre Hände in die Hüfte, und wiederholte den Vorgang. „Du hast ein Kätzchen bestellt?“

„Nein!“ antwortete Ginger, „Und ich habe trotzdem eins bekommen! Ist das nicht fantastisch?“

„Ginger“, sagte Violett, „Woher weißt du, dass da eine Katze drin  ist?“

„Wie meinst du das?“ fragte Ginger, „Woher ich das weiß? Ist es nicht offensichtlich?“

„Nein, ich fürchte, das ist gar nicht offensichtlich“, widersprach Violett. „Das Ding ist doch ziemlich klein für eine Katze. Außerdem kann man Kätzchen nicht in Paketen verschicken, das macht doch niemand.“

„Ach nein? Und woher willst du bitte schön wissen, dass da kein Kätzchen drin ist, hm? Bist du allwissend, oder was? Du hältst dich für den klügsten Menschen auf der Welt, was?“

„Naja… Nein“, antwortete Violett, ein bisschen verwirrt. „Überhaupt nicht.“

„Kannst du beweisen, dass kein Kätzchen in meinem Paket ist, hm? Hm? Hast du etwa gesehen, was drin ist? Dann sag’s mir doch! Na los, sag mir, was hier in dem Paket ist!“

Violett machte einen Schritt zurück und begann, sich nach Fluchtwegen umzusehen. „Ginger, ich weiß nicht, was in dem Paket ist. Ich…“

„Aha!“ rief Ginger triumphierend, „Du hast also keine Ahnung, was? Aber trotzdem bist du so arrogant, so zu tun, als könntest du beweisen, dass kein Kätzchen drin ist!“

„Nein, das habe ich doch gar nicht gesagt. Es ist nur so… Ich verstehe nicht, wie du auf die Idee kommst, dass ein Kätzchen in diesem Paket stecken könnte!“

„Du bist so gemein!“ rief Ginger, „Ich möchte so gerne ein Kätzchen, aber du gönnst es mir nicht! Was hast du bloß gegen Katzen, hm? Hat dir als Kind mal eine Katze weh getan, und seitdem hasst du sie?“

Violett griff sich an die Stirn und begann, ihre Schläfen zu massieren. „Ginger“, sagte sie, „Ich habe nichts gegen Katzen. Und ich bin auch nicht gemein. Ich…“

„Niemand weiß, was in dem Paket drin ist, also kannst du auch nicht sagen, dass es kein Kätzchen ist!“ unterbrach Ginger sie.

„Ja, aber…“ Violett fehlten für einen Moment die Worte. „Aber, Ginger, bloß weil wir nicht wissen, was drin ist, können wir doch nicht einfach davon ausgehen, dass es ein Kätzchen ist. Schau doch nur mal dieses winzige Paket an! Es ist völlig unvernünftig zu glauben, da könnte eine Katze drin stecken!“

„Wen nennst du hier unvernünftig, du dumme Kuh? Warum musst du immer gleich so beleidigend werden, hm? Du bist genauso unvernünftig wie ich, du glaubst doch schließlich auch, dass da kein Kätzchen drin ist! Dabei ist es so offensichtlich! Ich meine, warum sollte mir denn wohl jemand ein Paket schicken, wenn er nicht will, dass ich ein Kätzchen kriege?“

„Das Paket ist an mich adress-“ begann Violett, unterbrach sich aber rechtzeitig, als sie ihren Fehler erkannte. Sie nahm einen tiefen Atemzug, tat wieder einen Schritt auf ihre Mitbewohnerin zu und versuchte sich an einem freundlichen Lächeln. Sie sagte: „Was hältst du davon, wenn wir einfach nachsehen, hm? Wie wäre das?“

Ginger  blies sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht, stülpte ihre Lippen ein bisschen vor und zögerte kurz, bevor sie schließlich mit einem Schulterzucken antwortete: „Na gut.“

Die beiden gingen gemeinsam zum Esstisch. Ginger stellte das Paket darauf ab, holte eine Schere und öffnete das Paket.

Violett stieß ein erleichtertes Seufzen aus. „Siehst du“, sagte sie, „Es ist mein neuer MP3-Player. Keine Katze.“

„Quatsch!“ rief Ginger, „Du bist so engstirnig und dogmatisch! Woher willst du wissen, dass da kein Kätzchen ist?“

Violett öffnete und schloss ihren Mund ein paar Mal, ohne etwas zu sagen, bevor sie schließlich doch Worte fand: „Äh, bä- däh… Ginger, siehst du denn nicht, dass da nichts drin ist außer dem MP3-Player?“

„Nein“, antwortete Ginger, „Wie sollte ich das sehen? Ich meine, bloß weil wir kein Kätzchen sehen, heißt das doch noch lange nicht, dass da keins ist.“

Violett starrte Ginger mit glasigen Augen und zitternden Händen an, unfähig, etwas zu erwidern.

„Es ist eben ein transzendentes Kätzchen!“ rief Ginger.

Und Violett nickte langsam, seufzte, und wandte sich ab, während sie wieder begann, langsam und methodisch ihre Schläfen zu massieren. „Klar“, antwortete sie, ohne ganz sicher zu sein, ob sie mit Ginger sprach, oder mit sich selbst. „Ein transzendentes Kätzchen. Dass ich das nicht erkannt habe. Entschuldige bitte, Ginger. Ich weiß auch nicht, was manchmal über mich kommt. Manchmal bin ich eben ein ziemliches Ekel, was?“

„Ja“, antwortete Ginger, „Das kannst du aber laut sagen.“

Violett und Ginger sind Schwestern und teilen sich eine Wohnung. Ihre Beziehung (nicht ungewöhnlich bei Geschwistern) ist oft nicht einfach, und sie überlegen manchmal, ob sie sich nicht jede eine eigene Wohnung suchen sollen. Das tut hier aber nichts zur Sache.