Taschentuch? (3)

23. November 2011

Ich mag PZ Myers nicht. Ich mochte ihn noch nie. Das hat verschiedene Gründe, und leider keinen einzigen ganz klaren, endgültig ausschlaggebenden.

Es fängt damit an – und das mag sogar mit Neid zu tun haben, auch wenn ich selbst das nicht glaube – dass er einer dieser vielen Blogger ist, deren Erfolg ich nicht verstehe. Er schreibt nicht besonders gut. Er ist nicht besonders lustig. Und überhaupt hat sein Stil irgendwas an sich, was mir gegen den Strich geht. Seine cutesie-furry-Beiträge finde ich nervig – die regen mich übrigens auch bei Niggemeier völlig unangemessen auf -, und sogar die Octopi sind zwar eine interessante Abwechslung, wirken auf mich aber eher aufgesetzt. Er schafft es irgendwie, mich sogar mit Beiträgen zu ärgern, denen ich inhaltlich zustimme.

Ich schaue trotzdem hin und wieder mal in sein Blog, weil es aufgrund seiner Größe so eine Art atheistischer Nachrichten-Knotenpunkt geworden ist. So wie ich auch faz.net und Spiegel Online manchmal besuche. Vielleicht geht es da vielen Leuten wie mir, wer weiß? Wahrscheinlich erklärt das zumindest einen Teil seines Erfolgs, wie bei jedem großen Medium: Wachstum ist ein sich selbst verstärkender Prozess.

Dass ich seinen Kram manchmal lese, obwohl er mir nicht gefällt, verstärkt natürlich wiederum meine Aversion – ich weiß, wir sind jetzt ziemlich tief in meiner kranken, kranken Psyche, aber keine Sorge, ich komme gleich zur Sache -, und deshalb halte ich schon seit einiger Zeit mehr oder weniger unterbewusst Ausschau nach einem Artikel, bei dem ich auch inhaltlich völlig anderer Meinung bin und ihm wirklich richtig widersprechen kann. Das ist nicht so einfach, denn den Occupy-Stuss wollte ich nicht aufgreifen, weil ich den bisher nicht interessant genug finde, um hier eine Diskussion darüber anzufangen.

Ihr könnt euch also nun vorstellen – oder müsst es mir glauben, wenn ihr nicht eine ähnliche Persönlichkeitsstörung habt wie ich -, dass ich mich wie ein Schneekönig freute, als ich seinen Beitrag über die Entschuldigung von Gelato Guy las. Natürlich enthält der auch noch vieles, was ich ganz genauso sehe, aber alles in allem finde ich, dass PZ hier ziemlich danebenliegt.

Hintergrund: Gelato Guy ist ein Eisdieler in der Stadt, in der Skepticon dieses Jahr abgehalten wurde, und er hatte – offenbar nur für ein paar Minuten – ein Schild in seinem Schaufenster, auf dem stand:

Skepticon is NOT welcomed to my Christian business

Ich kann mir nicht helfen, aber das finde ich schon mal immens sympathisch. Ich frage mich nämlich schon seit Jahren, was Geschäftsleute dazu treibt, diese bescheuerten „Agritechnica Welcome“-Schilder in ihre Schaufenster zu hängen, wenn Messen in ihrer Stadt abgehalten werden. Welche Information transportiert so ein Schild? Sind andere Leute nicht willkommen? Sind Messebesucher noch willkommener als andere? Warum? Wieso sollten Messebesucher daran zweifeln, dass sie in Läden willkommen sind, wenn sie etwas kaufen wollen?

Da kommt es mir vergleichsweise erfrischend vor, ein Schild mit einer Abweisung aufzuhängen. Natürlich demonstriert der Kerl damit ein gewisses Maß an Borniertheit, aber es ist nicht so, dass man ohne ein gewisses Maß an Borniertheit überhaupt religiös sein könnte, (PZ Myers zitiert in einem seiner lichten Momente diesen sehr schönen Spruch von David Silverman: “You can be a theist, and you can be a skeptic. But if you’re both, you’re not very good at one of them.”) und es ist immerhin seine Eisdiele. Wenn er da jemanden nicht haben will, demonstriert er damit vielleicht, dass er ein Armleuchter ist, aber das ist es dann auch.

(Nebenbei: Gebt mir ein „Hallelujah!“ dafür, dass bisher noch niemand auf die Idee gekommen zu sein scheint, das Ganze „Gelatogate“ zu nennen, oder „Skeptigate“, oder „Gatelato“, oder sowas…)

Und er hat seinen Fehler sogar eingesehen. Ich weiß natürlich nicht, ob er wirklich seinen Fehler verstanden hat, oder ob er nur die schlechte Publicity fürchtet, aber ich weiß auch nicht, ob der Papst wirklich Katholik und ob Joschka Fischer wirklich grün ist. Was soll man machen? Für mich klingt seine Entschuldigung jedenfalls überzeugend:

This was an impulsive response, which I fully acknowledge was completely wrong and unacceptable. The sign was posted for about 10 minutes or so before I calmed down, came to my senses, and took it down. For what it’s worth, nobody was turned away. I strongly believe that everybody is entitled to their beliefs. I’m not apologizing for my beliefs, but rather for my inexcusable actions. I was wrong.

Das ist eine echte Entschuldigung, nicht so eine komische, wie manche Leute sie gerne benutzen, wenn sie einfach ihre Ruhe haben wollen („Es tut mir Leid, wenn jemand sich durch mein Verhalten angegriffen gefühlt haben sollte, aber…“). Er sagt, dass er einen Fehler gemacht hat, dass sein Verhalten völlig inakzeptabel war, dass er Unrecht hatte, und dass er jedem das Recht seinen eigenen Glauben zugesteht. Na gut, das letzte ist irgendwie Quatsch, aber trotzdem: Es ist eine echte Entschuldigung, und ich sehe keinen Grund, an ihrer Aufrichtigkeit zu zweifeln. Gelato Guy hat außerdem sogar noch eine persönliche Entschuldigung an PZ Myers direkt geschickt. Das ist nun wirklich schon lächerlich, denn er hat PZ Myers ja gar nichts getan. PZ hat nicht versucht, bei ihm ein Eis zu kaufen. Aber PZ ist das egal. PZ akzeptiert die Entschuldigung nicht:

Apology not accepted. What I see in you is a person who hates me for not believing in the nonsense of your religion. […] You’ll just have to live with the fact that I won’t be buying your ice cream on the rare occasions I visit your town, while I have to live with the fact that I live in a country where my rejection of your religion makes me a pariah. There’s absolutely nothing you can do to make up for that.

Ich bin gespannt, was ihr denkt, aber ich denke, das ist lächerlich. Das ist arm. Das ist völlig unangemessen. Der Kerl hat impulsiv ohne nachzudenken ein Schild an seine Tür gehängt, und es nach zehn Minuten wieder abgenommen. Ich sehe keinen Anlass, ihm Hass gegen irgendwen zu unterstellen. Er ist nicht verpflichtet, irgendwas wieder gutzumachen, denn er hat niemandem geschadet außer sich selbst. Ich würde jetzt nicht sagen, er wäre „classy“ – woher soll ich wissen, wie er ist? Ich kenne ihn nicht -, aber er macht so auf den ersten Blick einen besseren Eindruck als die meisten bigotten Armleuchter, die da draußen so rumlaufen. Und verdammt noch mal, wenn PZ Myers meint, er sein „pariah“, dann sollte er vielleicht doch seine Maßstäbe noch mal neu kalibrieren.

So ziemlich alles, was danach kommt, ist inhaltlich okay, obwohl Myers für meinen Geschmack immer noch zu sehr den Märtyrer gibt und das Pathos arg dick aufträgt. („And until 150 million Christians rise up and show some respect for common humanity and reason, and apologize to me and every godless citizen in this country, I will not be magnanimous.“) Aber die Entschuldigung von einem Kerl abzulehnen, der einen Fehler gemacht hat, unter dem nur er selbst leidet, der einem nichts getan hat, und der öffentlich erklärt hat, dass sein Verhalten inakzeptabel und falsch war, und ihn wegen dieses einen albernen Fehlers zu einem Posterboy für Bigotterie und Unterdrückung Andersdenkender aufzubauen, das ist jetzt wirklich mal ein Beispiel für dieses „Being a dick„, von dem in Bezug auf evangelikale Atheisten so oft die Rede ist, und von dem ich mich schon gefragt habe, ob es das wirklich gibt.

Ja, gibt es.