Klassenfeindclown

13. April 2014

Die Zeit der Familienfernsehabende ist vorbei. Und die Zeit der harmlosen Wetten auch. Gewettet wird heute nicht im Fernsehstudio auf kleine Kunststücke, sondern an den Finanzmärkten auf den Kollaps von Staaten. Topp, die Wette gilt!

schreibt Michael Hanfeld in der FAZ [via Altpapier, denn freiwillige lese ich Hanfelds Kram nicht], und ich fand diese Idee gleich auf Anhieb so charmant, dass ich gerne eine entsprechende Show für euch pitchen möchte. Ein angemessener Sendeplatz wird ja demnächst frei, wenn ich alles richtig verstehe. Ob die Sendung dann tatsächlich unter dem obigen Arbeitstitel erscheint, oder unter einem ZDF-zielgruppentauglicheren wie „Spekulieren, dass..?“ oder ganz kuschelig „Unser Ulli“, würde ich den verantwortlichen Gremienkonferenzvorsitzendenkonferenzvorsitzendenassistentenstelldicheinschriftführern überlassen, oder gerne auch jemand anderem, falls die Gremienkonferenzvorsitzendenkonferenzvorsitzendenassistentenstelldicheinschriftführer dafür gar nicht zuständig sein sollten.

Zur Sache:

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Wenn ich die Augen zumache, können sie mich nicht sehen…

30. April 2010

Aha. Es ist also mal wieder soweit. Nieder mit den Zockern. Wer mit Spekulationen Staaten in Schieflage bringe, gehört gebrandmarkt. Ich glaube manchmal, dass die CSU es nicht besser hinbekäme, mich zu ärgern, wenn sie es gezielt darauf anlegten. „Der Gegner sind die Spekulanten an den internationalen Finanzmärkten, die staatliche Währungen kaputtmachen wollen und auf Staatsbankrotte setzen“ sagt der Generalsekretär dieser Selbsthilfegruppe bornierter Dorftrottel, und bekanntermaßen steht er mit seiner Einstellung auch außerhalb seines blauweißen Kegelclubs keineswegs alleine da. Deshalb einmal kurz zum Einstieg an alle, die undifferenziert über Casino-Kapitalismus schimpfen: Ihr regt mich auf. So. Jetzt kann ich wieder sachlich.

Falls ihr noch gar nicht wisst, wovon ich rede: Herr Dobrindt findet es doof, dass manche Leute mit verschiedenen Finanzinstrumenten darauf gesetzt haben, dass Griechenland seine Schulden nicht bezahlen kann. Die Einzelheiten dieser Instrumente erkläre ich hier nicht, weil sie aus meiner Sicht für diejenigen unter euch, die es nicht eh schon wissen, wohl furchtbar langweilig wären. Aber stark vereinfacht ist der Vergleich vielleicht gar nicht so falsch, dass es sich dabei um eine Art Wette auf einen griechischen Staatsbankrott handelt. Das ist in meinen Augen erst einmal eine Ausübung der allgemeinen Handlungsfreiheit, die der Staat nicht zu unterbinden hat, sogar, wenn ich mich nur aus Jux und Tollerei dazu entscheide.

Darüber hinaus erfüllen diese Spekulationen aber sogar noch verschiedene wichtige Funktionen: Sie sind ein Informationsinstrument. Sie sammeln die Informationen der Marktteilnehmer und machen sie verfügbar. Sie erlauben damit bessere Prognosen über die Zukunft, ähnlich wie die Quoten von Buchmachern eine ziemlich gute Prognose darüber erlauben, wie Sportwettkämpfe ausgehen. Genauso wie diese Quoten liegen sie nicht immer richtig. Aber sie liegen auf lange Sicht öfter richtig als jede einzelne Person, und sei sie auch noch so klug und gut informiert. Das liegt daran, dass diese Quoten und Preise aggregiert sind aus vielen, vielen Einzelprognosen und uns daher erlauben, auf elegante und effiziente Art, die Weisheit der Vielen zu nutzen.

Das Ziel des Verbots solcher Spekulationen rechtfertigt sich, so wie ich es verstehe, ungefähr so: Wer darauf wettet, dass zum Beispiel der Wert einer Aktie sinkt, der hat ein Interesse daran, dass es dem entsprechenden Unternehmen schlechter geht. Er hat also einen Anreiz, dem Unternehmen zu schaden. Oder einer Währung, oder einem Staat, um beim aktuellen Beispiel zu bleiben. Damit er das nicht tut, verbietet man diese Art von Spekulation. Das ist in meinen Augen ungefähr so, als würde man Gebäude-Brandversicherungen verbieten, damit Hauseigentümer keinen Anreiz mehr haben, ihre Häuser anzuzünden.

Denn auch das ist eine Funktion von Finanzderivaten: Sie begrenzen Risiken. So ist das beispielsweise bei den Leuten, die darauf spekulieren, dass Griechenland seine Kredite nicht bedienen kann. Viele von ihnen sichern auf diese Weise einfach nur Kredite ab, die sie an Griechenland gegeben haben. Aber ich will das hier nicht zu weit ausufern lassen und wieder zum Kern der Sache zurückkommen:

Genauso, wie man auf fallende Kurse spekulieren kann, kann man auch auf steigende wetten. Zum Beispiel, indem man heute eine Aktie zu einem bestimmten Termin kauft und darauf hofft, dass der Preis dafür bis dahin höher liegen wird als der, den man jetzt vereinbart. Ich würde sogar behaupten, dass tatsächlich zu jeder Spekulation auf fallende Preise jemand gehört, der auf steigende oder zumindest weniger stark fallende Preise spekuliert. Weil es keinen Verkauf ohne Käufer geben kann. Und wer das macht, der hat einen Grund, Märkte so zu manipulieren, dass die Preise steigen, was auch gefährlich sein kann. Das Problem an den gefürchteten Immobilienblasen ist ja nicht, dass die Preise am Ende zusammenbrechen, denn das ist gerechtfertigt. Das Problem ist, dass die Preise vorher endlos steigen.

Man schließt durch den von Herrn Dobrindt gewünschten Kampf gegen die schlechten Spekulanten also gewissermaßen einige Stimmen aus dem Markt aus, die fallende Preise prognostizieren. Das verringert die Prognosefähigkeit des Marktes und verzerrt die Preisbildung. Oder, um es mit Rayson von B.L.O.G. zu sagen: „Spekulation ist wohl nur dann echte Spekulation, wenn sie dem Willen der Politik zuwiderläuft.“