Dann bin ich wohl Geschichtsrelativist.

4. Dezember 2012

Spiegel Online berichtet über Tuvia Tenenbom und sein Buch „Allein unter Deutschen. Eine Entdeckungsreise.“ Da geht es um Antisemitismus in Deutschland, und ich halte das für eine gute Gelegenheit, mal wieder über dieses Thema zu sprechen, denn da fehlt mir anscheinend noch die eine oder andere Einsicht, und vielleicht könnt ihr mir dabei helfen. Fangen wir mal an.

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Da lacht das Web

27. September 2011

Habt ihr auch so einen nervigen Freund, der euch nicht nur dauernd vom neuesten Trend erzählt, sondern dazu auch noch ausführlich erklärt, was daran so besonders edgy, funky und tubular ist? Ich nicht, aber ich habe auch sowieso kaum Freunde… Egal. Jedenfalls sieht Spiegel Online diese Strategie anscheinend als den Weg in die Zukunft für ein traditionsreiches Nachrichtenmagazin. Oder jemand dort in der Redaktion hat einfach nur entdeckt, dass es Witze auf Twitter gibt und hatte dringend noch ein paar Zeilen zu füllen.

Die beiden am häufigsten, in verschiedenen Varianten per Twitter verbreiteten Witze gehen so:

 Der Barkeeper sagt: „Tut mir leid, wir bedienen keine Neutrinos, die schneller sind als das Licht.“ Ein Neutrino kommt in eine Bar.

„Neutrino!“ – „Wer ist da?“ – „Toc, toc.“

Nanu, fragt ihr euch, was ist das denn? Fürchtet euch nicht, denn Spiegel Online hat die Antwort:

Das Ganze ist feinster Nerdhumor, der sich wohl nicht jedem sofort erschließt. Die Surfer jedenfalls sind begeistert.

Die Surfer. Ja… Und warum? wollt ihr jetzt vielleicht wissen. Was ist denn daran komisch? Nun…

Neutrinos beantworten eine Frage, bevor sie gestellt wird. Und sie sind so schnell unterwegs, dass sie den klassischen Witzaufbau auf den Kopf stellen: Die Pointe kommt nicht zum Schluss, sondern gleich zu Beginn.

Verstehen Sie? Verstehen Sie? Crazy, diese Surfer…  Oder? Oder?

Und ihr ahnt es wahrscheinlich schon, diese verrückten Twitter-Nutzer treiben es natürlich immer weiter.

Die mögliche Verletzung des Prinzips von Ursache und Wirkung sorgt unter Twitter-Nutzern für einen regelrechten Wettstreit um den besten, noch verrückteren Neutrino-Witz:

Der LHC-Beschleuniger hat in diesem Jahr schon zum zweiten Mal gegen das Kausalitätsprinzip verstoßen. Das erste Mal wird im Dezember sein.

Wer Spiegel Online nicht kennt, erwartet vielleicht, dass da irgendwann noch mehr kommt. Der denkt womöglich, dass das doch unmöglich alles sein kann, dass da einfach nur identischer Witz an identischen Witz gereiht wird, mit An- und Abmoderationsbrocken dazwischen, auf die Fritz Egner zu besten „Die witzigsten Werbespots der Welt“-Zeiten stolz gewesen wäre. Der irrt natürlich.

Wie aus einem Monty-Python-Sketch wirken folgende zwei Sätze:

[Ich lasse die Witze von jetzt an weg, die könnt ihr euch selbst dazu denken, falls sie euch interessieren. Das Prinzip habt ihr ja hoffentlich verstanden.]

Mittlerweile scheint das Phänomen manchen sogar mächtig zu nerven:

[…]

Die Überlichtgeschwindigkeit von Neutrinos könnte sogar die Datenübertragung im Internet beschleunigen, scherzt der Nutzer I_Madcap:

Stefan Niggemeier fragt sich ja gelegentlich, ob bei den Online-Portalen der deutschen Zeitungen und Nachrichtenmagazine noch Menschen arbeiten. Ich denke, die Frage ist damit beantwortet. Die Maschinen, die ich kenne, wären sich für sowas jedenfalls zu schade.


Es sind oft gerade die kleinen Dummheiten, die mich maßlos aufregen.

10. Mai 2011

Herrgott noch mal. Ich finde es ja ähnlich sinnlos, sich für sein Land zu schämen, wie stolz darauf zu sein, aber jetzt gerade ist es mir doch ein bisschen peinlich, Deutscher zu sein.

Da hat also das Automatenaufstellunternehmen tobaccoland in unserem Parlamentsgebäude einen Zigarettenautomaten, in dem manche Zigarettenmarken sich nicht so gut verkauften. Das Unternehmen füllte die betroffenen Fächer deshalb stattdessen mit Kondomen, was unser journalistisches on- und offline-Leitmedium „Spiegel“ dazu bewegte, einen Artikel zu verfassen, den man ganz gut zusammenfassen kann mit: „Hihi, kuckt mal, die Leute im Bundestag haben Sex!“

Was zur Hölle ist denn bitte ungewöhnlich daran, dass Leute Kondome kaufen, die in unserem Parlament arbeiten? Das sind übrigens nicht nur und nicht einmal größtenteils die Abgeordneten, falls euch der Gedanke an Politikersex genauso abturnen sollte wie mich.

Allem Anschein nach hat Bundestagspräsident Lammert nun tobaccoland darauf hingewiesen, dass der Automat nur Zigaretten verkaufen darf, und die „abredewidrig angebotenen Kondome“ wurden wieder entfernt.

Lässt sich das Ausmaß der Unreife, die die Beteiligten (mit Ausnahme von Tobaccoland natürlich) hier an den Tag legen, noch in Worte fassen?

Wenn erster April wäre, würde ich die Sache wohl einfach nicht glauben. Und vielleicht ist das trotz des abweichenden Datums die richtige Entscheidung. Jetzt, da ich noch einmal drüber nachdenke: Welchen Grund habe ich denn eigentlich, diese blödsinnige Geschichte für wahr zu halten?

Sie steht ja bloß im Spiegel.


Verbrennt sie!

2. September 2010

Die deutsche Bundesregierung hat endlich mal wieder die Ursache für all unsere Probleme gefunden: Böse Spekulanten reiben sich feixend die Hände, während sie sich an den in die Höhe schießende Preisen für Weizen, Mais und Soja sowie dem Elend und Hunger der Ärmsten erfreuen. Diesem schlimmen Treiben will unsere Bundesregierung endlich ein Ende bereiten und geht nun gemeinsam mit Frankreich gegen die niederträchtige Spekuliererei vor. Verboten gehört das alles:

„Nahrungsmittel dürfen nicht Gegenstand reiner Finanzspekulation sein“

So berichtet Spiegel Online, und ich will ausnahmsweise darauf verzichten, über die schwachsinnige Idee an sich zu schimpfen, um mich stattdessen ein bisschen über die Berichterstattung aufzuregen. Medien könnten dafür da sein, uns die Welt zu erklären. Das wäre eine echt wichtige Funktion. Sie könnten zum Beispiel, wenn sie eine Pressemitteilung der Bundesregierung bekommen,  kurz mal prüfen, ob an den enthaltenen Ideen was dran ist. Und falls sie zu dem Schluss kommen, dass die Regierung Recht hat, könnten sie die Begründung mitliefern und ihren Lesern die Mechanismen erläutern, durch die sich zurzeit „die Preise für Agrarrohstoffe vom realen Angebot und der realen Nachfrage abgekoppelt haben“, und dann darstellen, wie die Maßnahmen der Regierung das in Zukunft verhindern.

Natürlich wäre das eine ganze Menge Arbeit, und ich kann verstehen, dass man dafür manchmal keine Lust Zeit hat. Dann kann man alternativ auch einfach nur wiedergeben, was die Regierung sagt. Man verzichtet damit natürlich auf seinen Anspruch, eine gesamtgesellschaftlich besonders wertvolle Leistung zu erbringen, aber immerhin ist man ehrlich.

Höchst unanständig finde ich aber, dass Spiegel Online sich (natürlich nicht nur) in diesem Beispiel eine Position zu eigen macht und als Tatsache hinstellt:

Spekulanten jagen die Preise für Rohstoffe künstlich hoch“

Die Preise für Weizen, Mais und Soja schießen in die Höhe – und Spekulanten haben ihre Freude daran. Doch was für die Händler ein lukratives Geschäft ist, treibt die Ärmsten in noch größere Nöte.“

„An Rohstoffbörsen wie in Chicago treiben Zocker die Preise in die Höhe – und verteuern so für Milliarden Menschen die Grundnahrungsmittel.“

und dann trotzdem darauf verzichtet, das irgendwie zu begründen. Wie jagen Spekulanten die Preise für Rohstoffe hoch? Woher wissen Spiegel Online und die Bundesregierung das? Warum treiben die Spekulanten die Preise nicht stattdessen nach unten? Mit geeigneten Derivaten könnte das für sie doch ein genauso gutes Geschäft sein, und außerdem würden sie noch was sparen, wenn sie einkaufen gehen. Wer sind diese „Ökonomen“, die die aktuelle Preisentwicklung „kritisieren“, und wie stehen sie zu den Plänen unserer Regierung?

Es gibt im Artikel einen Link mit der vielversprechenden Beschriftung „mehr zu den Hintergründen…“, der zu diesem Artikel hier führt. Wer dort ernsthaft Informationen erwartet hat, wird aber gleich vom Titel auf den Boden der Medienrealität zurückgeholt:

„Zocker spekulieren die Armen in den Hunger“

Nachdem meine Handfläche weit genug an meinem Gesicht heruntergerutscht ist, dass ich den Bildschirm wieder sehen kann, versuche ich, möglichst vorurteilsfrei und offen an diesen, ähem, Hintergrundartikel heranzugehen. Also los.

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