Was Christian Stöcker mit Etatismus zu tun hat

29. Juli 2017

Das wird jetzt wieder so ein sachlich-entspannter Beitrag ohne Beschimpfungen, Facepalms und Versalien. Gut, oder?

Christian Stöcker hat für Spiegel Online eine Kolumne geschrieben. Schlimm genug, meint ihr jetzt, und mit Recht, aber es geht noch weiter. Er schildert darin

eine vielbeachtete Nachricht über Rasierklingen, und eine andere, die fast unbemerkt blieb

Die mit den Rasierklingen, falls ihr sie nicht so viel beachtet habt, geht so:

Wilkinson darf keine billigen Ersatzklingen für den bekannten „Mach3“-Rasierer des Konkurrenten Gillette verkaufen. Vorräte müssen übergeben werden.

Stöcker erklärt uns dann noch mal kurz, wie das Prinzip funktioniert, dass man Rasierapparate sehr billig verkauft, um dann an den Klingen dazu viel zu verdienen, und dass das zum Beispiel bei Druckern mit der Tinte bzw. Toner und bei Spielkonsolen mit den Spielen auch so läuft.

Wer über ein geschlossenes System und ausreichende Marktdurchdringung verfügt, der legt die Regeln fest, nach denen gespielt wird.

Von da aus zeichnet er dann die Risiken, die sich daraus ergeben, so wie Google zum Beispiel in China bis 2010 für „Platz des Himmlischen Friedens“ keine politisch relevanten Suchergebnisse lieferte.

Und damit wären wir bei der Mozilla Foundation, der Non-Profit-Organisation hinter dem Firefox-Browser. Die hat diese Woche ein Programm namens „Project Common Voice“ enthüllt.

Anders als Amazon, Google, Microsoft und Apple will Mozilla das Ganze Open Source machen, was Stöcker in der üblichen Weise ein bisschen dumm-verklärt schildert als

Die Basis also für einen verständigen digitalen Assistenten, der weder Google noch Apple noch Amazon gehört, sondern uns allen.

Jo. Und was soll daran jetzt auszusetzen sein?

Naja. Wenn man mal schaut, dann sind die Probleme, die Stöcker aufführt, fast ausschließlich (Eine Ausnahme macht zum Beispiel das Pornoverbot im App Store, das er auf Jobs‘ persönliche Ablehnung gegen Pornografie zurückführt.) Probleme missbrauchter staatlicher Autorität.

Gillettes Geschäftsmodell wird gestützt durch den staatlichen Gewaltapparat, der es vor Konkurrenz schützt, mit meines Erachtens nicht tragfähiger Begründung. Googles Zensur wird verursacht durch den Zwang der chinesischen Regierung.

Die Orbáns, Erdogans und Putins dieser Welt beziehen ihre Macht nicht aus Marktdurchdringung und einem geschlossenen, erfolgreich vermarkteten System, sondern aus der Autorität des Staates, den sie beherrschen.

Man kann natürlich trotzdem der Meinung sein, dass es dann wünschenswert ist, wenn man es den Regierungen wenigstens schwer macht, ihre Regeln durchzusetzen, indem man alles möglichst dezentral organisiert. Ich bin nicht überzeugt, dass Mozilla mit seinem Sprachassistenten an einem besonders wichtigen Punkt ansetzt, oder dass dieser Ansatz ein extrem Erfolg versprechender gegen die Einflussnahme von Staaten ist, aber ich kenn mich damit auch nicht aus, mag also sein.

Aber wenn man schon darüber schreibt, wie es besser sein sollte, warum nimmt man denn dann die Probleme, die eigentlich an der Wurzel dessen liegen, worum man sich sorgt, einfach als gegeben hin? Warum erwähnt man dann nicht zum Beispiel kurz, dass die Zentralisierung von wirtschaftlicher Macht unter anderem ganz maßgeblich damit zu tun hat, dass sie von staatlicher Regulierung unterstützt und vor Wettbewerb verteidigt wird? Warum wünscht man sich emphatisch eine Dezentralisierung einer Technologie, die man heutzutage noch guten Gewissens als irrelevanten Spielkram bezeichnen darf, redet aber nicht mal davon, dass es doch schön wäre, auch an der Dezentralisierung wesentlich relevanterer und belastenderer Herrschaftsstrukturen zu arbeiten als der von Gillette über die rasierenden Massen?

Weil es doch im Endeffekt weder Gillette ist, noch Amazon, noch Apple, die die Regeln festlegen, nach denen gespielt wird, sondern eine Institution, von der Herr Stöcker wahrscheinlich auch in seiner eher optimistischen Einstellung sagen würde, dass sie „uns allen“ gehört, und die aber jedenfalls auch oft ganz anschaulich demonstriert, wie wenig das im Ernstfall manchmal besser macht.

Stiefel.jpg

 

Oder was meint ihr?

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You keep using that word.

24. Mai 2017

Feigheit

Wie ist das eigentlich? Können wir uns eventuell darauf einigen, dass zu den vielen Dingen, die man an Leuten kritisieren kann, die sich im Dienste einer Sache, die sie für wichtig und gerecht halten, Sprengstoff umschnallen, um damit unter Opferung des eigenen Lebens einen Schlag gegen den von ihnen selbst so wahrgenommenen Feind auszuführen, nicht gehört, dass es ihnen an Mut fehlen würde?

Wäre das als Minimalkonsens eventuell möglich?

Wollen wir nicht vielleicht über andere Sachen reden, die da falsch laufen, und dazu beitragen, dass sowas passiert? Und wollen wir dabei vielleicht darauf verzichten, diesen widerlichen Krieger-Ethos zu perpetuieren, der solchen Leuten das Gefühl gibt, was Cooles zu machen?

Was meint ihr?


Wenn Tanzen, dann bitte nur in der Reihe

14. August 2016

Andreas Evelt hat einen durchaus nicht ganz kurzen Text geschrieben zu dieser Sache von dem Sportler, der sich wohl irgendwie anders verhalten hat als Leute gehofft hatten. Und während ich nicht ganz verstehe, wieso man 2016 für sowas noch Aufmerksamkeit bekommt, mich aber damit abfinden kann, dass es halt so ist – und dass Leute sich sowas 1516 wahrscheinlich auch schon so ähnlich gefragt haben -, versteht Herr Evelt was anderes nicht:

Er sei kein PR-Mensch, sagte der neue Olympiasieger auf der Pressekonferenz nach dem großen Erfolg im Diskusfinale. […]

Und gleichzeitig inszeniert er sich inmitten dieser Maschinerie.

[…]

Dabei musste Harting wissen, dass genau das noch mehr Aufmerksamkeit, noch mehr Öffentlichkeit bedeuten würde.

[…]

Als Person des öffentlichen Lebens, die er – wie er später selbst eingestand – spätestens durch den Olympiasieg ist, hat Harting eine Vorbildfunktion, eine Verantwortung. Die Chance, diese zu nutzen, hat er in den ersten Stunden seines größten Erfolges fahrlässig verstreichen lassen.

Und ich hab natürlich überhaupt keine Ahnung davon, ob Herr Harting sich nun gezielt irgendwie zu inszenieren versucht oder nicht, und ob Herr Evelt tatsächlich so verblüfft ist, wie er tut, und so, aber so ganz grundsätzlich denke ich nach der Lektüre dieses Textes:

Erstens ist das in meinen Augen eine einigermaßen geschmacklose, nicht zuletzt von der Bild-Zeitung bekannte Technik, Leuten quasi vorzuwerfen, sie würden ja schließlich willentlich mit den Medien arbeiten und/oder spielen, und damit wiederum die eigene Berichterstattung inklusive Herumhacken auf diesen Leuten zu rechtfertigen. Gerade im Kontext der olympischen Spiele finde ich, dass das so nicht geht, denn Herr Evelt verkennt, oder lässt ganz bewusst galant unerwähnt, dass man als Olympiasieger ja nun mal gar keine Wahl hat, als „sich inmitten dieser Maschinerie“ zu inszenieren, wenn man denn nicht die Teilnahme ganz sausen lassen will, und dass Harting sicherlich „wissen musste“, dass unkonventionelles Verhalten mehr Aufmerksamkeit bedeutet, dass ja aber andererseits die Medien, die Herr Evelt hier klar repräsentiert, diesen Umstand so erst schaffen durch ihre alberne Überhöhung dieses Ereignisses und das permanente  aufgeregte Getratsche über jeden Quatsch, der irgendwie vage damit im Zusammenhang steht. Dass sie damit andererseits natürlich nur ein vorhandenes Interesse in ihrer Zielgruppe bedienen, ist mir wiederum auch klar, ändert aber nichts dran. Was soll man als Olympiateilnehmerin denn machen, um sich nicht zu inszenieren, irgendwie? Und ist es wirklich erstrebenswert, Leute dahin zu erziehen, dass sie bitte immer schön im vorgesehenen Rahmen bleiben und ja nichts tun, das die Gefahr birgt „noch mehr Aufmerksamkeit“ auf sich zu ziehen? Wäre Harting seiner „Vorbildfunktion“ und seiner „Verantwortung“ gerechter geworden, wenn er sich einfach maximal angepasst, oder sich zumindest hinterher einfach brav entschuldigt und seinen Fehler eingesehen hätte (der genau worin überhaupt noch mal bestand?)?

Und was ich auch immer wieder denke: Wollen wir nicht überhaupt allmählich mal aufhören, Leuten eine besondere „Vorbildfunktion“ und „Verantwortung“ aufzuhalsen, weil sie eine Scheibe ein bisschen weiter werfen können als andere Leute?


Restebloggen am Wochenende (107)

30. Juli 2016
  1. Jens Spahn von der CDU will in diesem Land keiner Burka begegnen müssen und sie deshalb verbieten. Nun ja, Herr Spahn. Ich will in diesem Land keinen CDU-Politikern bornierten, unerfreulichen Menschen wie Ihnen begegnen müssen, aber ich denke, wir sollten beide akzeptieren, dass der Rechtsstaat nicht das Instrument zur gewaltsamen Durchsetzung solcher persönlichen Präferenzen ist.
  2. Annett Meiritz, findet, Hilary Clinton hätte mehr Begeisterung verdient, und hat deshalb einen Text geschrieben, in dem … Naja … auch keine so rechte Begeisterung aufkommen mag. „Sie war Rechtsanwältin, Senatorin und Außenministerin, ist Mutter und Großmutter. Für dieses Leben und diese Karriere verdient sie Respekt. […] Clinton fehlt das „Change“-Moment und Obamas Charisma. […] Wie oft wurde Angela Merkel vorgeworfen, sie könne Menschen nicht mitreißen? Jetzt ist sie eine der angesehensten Spitzenpolitikerinnen der Welt. Hillary Clinton kann das auch werden. Sie könnte Trump verhindern und ihr Amt fähig gestalten.“ Ich denke, wenn ich deutscher Politiker wäre, würde ich ab jetzt jeden Tag beten, dass Frau Meiritz nicht irgendwann ihre Begeisterung für mich entdeckt, auf dass meine Anhänger nicht aus Verzweiflung ins Wasser gehen.
  3. Und wenn wir mal wieder in Versuchung geraten, zu glauben, in einer aufgeklärten, vernünftigen Gesellschaft und mit unserem Rechtsstaat doch eigentlich ganz zufrieden sein zu können, können wir uns daran erinnern, dass wir Leute wegen geschmackloser Fotos einsperren.
  4. Ich hab ja in letzter Zeit in bisschen auf Twitter rumgekaspert und nun für die unter euch, die das nicht wussten, aber eigentlich wissen wollten, ein paar Beispiele meines Schaffens rausgesucht, auch wenn ich als Fazit nach wie vor daran festhalte, Twitter als eher ärgerliches Phänomen zu empfinden.

     

  5.  

  6. Na gut, eigentlich ist das Schaffen anderer viel beeindruckender. Guckt euch doch zum Beispiel das mal an:

     


Ich verstehe ja die Versuchung.

24. September 2015

Wir haben wahrscheinlich jeden Tag und ziemlich ununterbrochen diesen nagenden Verdacht, was Besseres zu sein. Dieses drängende Gefühl, dass die Welt so viel besser wäre, wenn mehr Leute so wären wie wir. Diesen zunehmend begründeten Eindruck, dass andere Menschen irgendwie … weniger sind als wir selbst. Schlechter. Minderwertig.

Nun leben wir in einer Gesellschaft, in der wir zu unserem ständigen Verdruss dieses Gefühl nicht so gut äußern können, weil sich in großen Teilen der Öffentlichkeit die Überzeugung durchgesetzt hat, alle Menschen seien ungefähr gleich viel wert, oder man solle das zumindest nicht offen sagen, wenn man es anders sehe.

Deswegen ist selbstverständlich die Freude groß, wenn wir nun doch wieder eine Gruppe ausgemacht haben, die man wieder ohne Missbilligung anderer als Untermenschen sehen und wüst beschimpfen darf, einfach weil sie dümmer, hässlicher, ärmer, weniger gebildet und natürlich auch weniger fleißig, eben offensichtlich rundum weniger sind als wir selbst. Schlechter. Minderwertig, halt.

Und mal ehrlich, wer könnte solche Ansichten missbilligen, solange es gegen Nazis geht?

Eben.

Und so passiert es dann zum Beispiel, dass man in ein ehemals irgendwie linkes und bedeutsames und, weiß nicht, im Großen und Ganzen menschenrechtlich orientiertes Magazin wie den Spiegel offenbar schreiben darf, dass es ganz gut so ist, dass solches Pack, das wahrscheinlich nicht mal über einen Schulabschluss verfügt, deshalb weniger gut die deutsche Sprache beherrscht als wir selbst und bestimmt auch nur ganz miese Jobs hat, wenn überhaupt, nicht nur ausgegrenzt und benachteiligt werden darf, sondern sogar muss, wenn wir die Zivilisation erhalten wollen, wie wir sie kennen.

Und … Ja, völlig klar. Leute, die Asylunterkünfte anzünden und Menschen wirklich angreifen und verletzen, sind kurzfristig die größere Bedrohung, und sogar diesseits körperlicher Gewalt ist die Gegenseite auch ausgesprochen eklig, aber …

Ich bin mir manchmal nicht mehr ganz sicher, was mir mehr Sorgen bereitet, und wofür ich mich mehr schäme.


Ohjungeohjungeohjunge

3. Februar 2014

ist das aufregend! Ich weiß gar nicht, wo ich mit meinen vielen ulkig widerstreitenden Gefühlen hin soll!

Ich verabscheue einerseits so ziemlich alles, was mir bisher von Alice Schwarzer untergekommen ist. Von ihren Texten über ihre Haltung bis hin zu dem schlichten Umstand, dass sie sich als Bild-Kolumnistin hergegeben hat über wirklich so ziemlich alles bis hin auch zu ihrer Vergangenheit, die wohl partiell als konstruktiver Beitrag zur Gleichstellung von Männern und Frauen gilt, was ich nicht hinreichend beurteilen kann, um mir eine feste Position dazu erlauben zu können, aber zumindest für eher unplausibel halte.

Ich bin andererseits natürlich nicht der Meinung, dass Steuerhinterziehung moralisch verwerflich wäre und sehe auch grundsätzlich nicht viel Sinn darin, die Straftaten und sonstigen Verfehlungen von Leuten breitzutreten, bloß weil die in der Öffentlichkeit bekannt sind. Tatsächlich scheint mir, dass der Umgang unserer Gesellschaft mit derartigen Verfehlungen immer noch so unvernünftig ist, dass ich mich ernsthaft gefragt habe, ob es ethisch noch konsequent ist, dass ich meinerseits drüber schreibe, aber weil ich Alice Schwarzer wie gesagt nicht leiden kann der Meinung bin, dass mein Blog nach Welt, FAZ, Spiegel, Focus und Fernsehnachrichten der Prominenz der Steuerhinterziehung von Frau Schwarzer nicht mehr viel hinzufügen wird, mach ichs einfach mal.

Wiederum andererseits ist natürlich Frau Schwarzers Stellungnahme in eigener Sache mal wieder ein solches Meisterwerk an Unsympathischkeit (Ich weiß, dass das kein Wort ist, aber ich mag es halt lieber als das richtige.), Selbstgerechtigkeit und atemberaubender Dummdreistigkeit, dass man echt nichts mehr dazu kommentieren kann, das es treffender verreißen würde als das schlichte Zitat:

[Der Spiegel] pfeift darauf, dass er damit illegal handelt. Darum werde ich jetzt selber etwas dazu sagen.

Rufschädigung? Klar. Zu viele haben in meinem Fall ein Interesse daran. Ein politisches Interesse. Und ich frage mich, ob es ein Zufall ist, dass manche bei ihrer Berichterstattung über mich gerade jetzt auf Recht und Gesetz pfeifen? Jetzt mitten in der von EMMA angezettelten Kampagne gegen Prostitution, wo es um Milliarden-Profite geht. Bei der Jahrzehnte währenden Kritik von EMMA am Ehegattensplitting, mit dem Vater Staat die Hausfrauenehe mit Milliarden subventioniert. Oder auch nach so scharfen öffentlichen Kontroversen, wie im Fall Kachelmann. 

[Na gut, ein einziger Hinweis vielleicht für alle, die es nicht aus dem Stand so wissen: Der Spiegel handelt natürlich nicht illegal, so er, wogegen meines Wissens nicht spricht, korrekt die Tatsachen wiedergibt, und pfeift deshalb keineswegs auf Recht und/oder Gesetz.]

Wiederum andererseits war mir die Freude darüber, dass Leute, die in der Öffentlichkeit viel über Moral und die Fehler anderer Menschen sprechen, selbst auch Fehler machen und  unmoralisch handeln, stets sehr suspekt, obwohl sie mir selbst auch nicht ganz fremd ist, was aber jedenfalls dazu führt, dass ich sie hier nicht ganz uneingeschränkt genießen und empfinden kann, oder auch nur will, und wäre es nicht auch total cool, wenn ich jetzt diese Gelegenheit ergreifen würde, derjenige zu sein, der Alice Schwarzer in Schutz nimmt, obwohl er sie für einen der schlimmeren Menschen hält, deren Meinung in Deutschland regelmäßig für den großen Kreis veröffentlicht wird, und wenn ich hier ganz selbstlos und prinzipientreu an das Gute im Menschen …?

Naja, nee, das krieg ich nicht hin, und das kauft mir ja eh keiner ab.

Hach.

Ich fühle mich jedenfalls wieder wie ein Einbeiniger beim Arschtrittwettbewerb. Nur dass zum Glück im realen Leben, anders als in dieser etwas geschmacklosen Metapher, die beteiligten Ärsche sich selber treten und jegliche Unterstützung meinerseits völlig überflüssig wäre.

Auch schön, oder?


an Größenwahn grenzende Arroganz

29. Oktober 2012

Ich habe zum Beispiel über den Game One Newspodcast davon erfahren: Apple hat die Preise für seine Apps erhöht, ohne mit den Leuten drüber zu reden, die diese Apps erstellen und mit Inhalten versorgen. Das ist einigermaßen dreist von Apple. Das ist schlechter Stil. Gar keine Frage. Es fällt mir besonders leicht, das zuzugeben, weil ich Apple nicht besonders mag, und weil dieses Nichtbesondersmögen sich durch den unsäglichen Hype um jedes neue leicht angepasste Produkt aus diesem Haus inzwischen in eine solide Antipathie entwickelt hat.

Dennoch gelingt es dem Spiegel (full disclosure: den ich noch weniger leiden kann) mühelos, die von Apple bereits ambitioniert angelegte Messlatte an Dreistigkeit und schlechtem Stil zu übertreffen. Was hält der Spiegel denn von Apples Preiserhöhung?

 Wir halten das für einen skandalösen Vorgang von grundsätzlicher Bedeutung.

Ahja. Fällt jemandem ein Beispiel für einen Artikel ein, der einen Vorgang als „skandalös“ bezeichnet und trotzdem noch lesenswert ist? Es gibt bestimmt welche. Ich weiß nur gerade keins. Um diese Einschätzung zu untermauern, legt das Sturmgeschütz der Demokratie (Na, kommt schon. Ihr habt nicht ernsthaft damit gerechnet, dass ich den ersten Spiegel-Post im Internet schreibe, in dem dieser Begriff nicht vorkommt, oder? So avantgardistisch bin ich dann auch wieder nicht.) mit einem Vergleich nach, der natürlich, wie sich das für ein seriöses, nur der Wahrheit und der Aufklärung verpflichtetes Medienunternehmen gehört, penibelst die realen Umstände abbildet und sich darauf beschränkt, sie ohne jede Verzerrung zu veranschaulichen:

Nehmen wir an, Sie, lieber Leser, verkaufen auf einem Dorfplatz Obst. Wie würden Sie reagieren, wenn eines Nachts der Marktbetreiber kurzerhand all Ihre Preisschilder ummalte? Hier werden aus 79 Cent vielleicht 89. Da aus 3,99 Euro 4,49. Alles jedenfalls wird teurer. Erklärungen gibt es keine. Stattdessen hält der Typ am nächsten Morgen die Hand auf: „Ich krieg‘ davon übrigens noch 30 Prozent.“

Und genau wie „auf einem Dorfplatz“ läuft es ja gewiss auch, wenn man als riesiger Verlagskonzern im Applestore eine App anbietet. Man steht da halt in seinem handgezimmerten Stand mit dem Tapeziertisch von Opa, kaut auf einem Strohhalm herum und wartet, malt liebevoll gestaltete Preisschilder, kassiert das Geld vom Kunden, und ist dann völlig verblüfft, wenn ohne Vorwarnung so ein „Typ“ vor einem steht und einem sagt, dass er eine Umsatzbeteiligung zu kriegen hat.

Ich persönlich hätte ja eher gedacht, dass der Store von Apple betrieben wird, und die Abwicklung der Zahlungen auch Apple organisiert, dass am Ende nur die Verlage ihren Anteil vom Umsatz bekommen. Ich wäre auch davon ausgegangen, dass dieser Anteil, und überhaupt das ganze Procedere, vorher haarklein in professionell abgefassten Verträgen festgehalten wird, den die Anwälte beider Seiten gründlich geprüft haben. Aber offenbar ist die Welt der Medien-Apps eine viel idyllischere, als ich bisher angenommen habe. Eben weil ich diesem peinlichen Irrtum aufgesessen bin, hätte ich bis gerade eben wahrscheinlich auch gesagt:

Was regt ihr euch auf, ihr nörgeligen Totholz-Medien? Apple gehört eben der Laden. Und wer dort seine Produkte verkaufen möchte, muss eben auch das Recht des Hausherrn akzeptieren, dass der die Preise festlegt.

Aber jetzt weiß ich es ja besser. Und für die anderen hat der Spiegel ein Gegenargument am Start, dem sich nun wirklich niemand verschließen kann:

Aber warum eigentlich? Was geht es Apple an, wieviel der SPIEGEL von seinen Lesern für die Lektüre seiner Inhalte verlangt? Wer gibt der Firma das Recht, den Preis zu bestimmen?

Und jetzt höre ich mal auf damit, so zu tun, als wäre ich auf Seiten des Spiegels und vollziehe einen rasanten Wechsel im Tonfall, einfach weil ich nicht mehr kann: Ich wüsste gerne, ob die Spiegel-Redaktion wirklich so unfassbar selbstgerecht ist, und ob sie diese unerschütterliche Überzeugung von der eigenen Sonderrolle und der eigenen tragenden Bedeutung für den Fortbestand der Welt, wie wir sie kennen, ehrlich empfindet, oder ob es sich hier nur um einen Versuch handelt, die Leser zu verschaukeln.

Warum eigentlich? Wer gibt der Firma das Recht? Spiegel, geht’s noch? Weil ihr das so mit denen vereinbart habt! Der Vertrag, den ihr unterschrieben habt, gibt der Firma das Recht. Ihr erwartet doch nicht im Ernst, dass wir euch abkaufen, ihr wüsstet das nicht?

Natürlich nicht. Denn darum geht es euch nicht. Ihr wisst ganz genau, was in eurem Vertrag steht, und ihr wisst auch ganz genau, dass ihr den nicht kündigen werdet, weil ihr glaubt, auf Apple angewiesen zu sein. Euch geht es um was ganz anderes, und für die, die es nicht schon von Weitem kommen gesehen haben, geht die alte Leier dann schließlich auch explizit wieder los:

Medienhäuser produzieren nun mal keine Schrauben oder Angry-Birds-Fortsetzungen. Sie liefern Informationen, Zusammenhänge, Nachrichten.

Genau. Klar, ihr seht generell schon ein, dass jeder in seinem eigenen Laden entscheiden darf, welche Preise er für den Kram nimmt, den er verkauft. Ihr seht schon ein, dass Verträge generell bindend sein sollen, und dass man nun mal das Hausrecht anderer achten muss. Generell hier im Sinne von: für alle anderen. Nicht für euch. Ihr seid viel zu wichtig und eure Produkte viel zu kostbar, als dass ihr euch um solchen lästigen Kleinkram kümmern müsstet:

Sie sind ein relevanter Baustein jeder funktionierenden Demokratie.

Genau. Und was wäre denn das schon für eine funktionierende Demokratie, in der Medienhäuser sich an dieselben Regeln halten müssen wir alle anderen? Schließlich ist

ihr Grundkapital […] ihre Glaubwürdigkeit, die sich wiederum aus Unabhängigkeit speist. Auch der ökonomischen.

Genau. Auch der ökonomischen! Die ökonomische Unabhängigkeit ist ganz wichtig. Deshalb sind die Medienhäuser Deutschlands auch gerade nachdrücklich dabei, sich ökonomisch unabhängiger zu machen, indem sie sich durch das geplante Leistungsschutzrecht in eine Abhängigkeit von der Umverteilungsmaschinerie des Staates begeben. Ähm. Ach naja, wer wird da so kleinlich sein? Ökonomische Unabhängigkeit ist natürlich wichtig, aber was kann schon schief gehen, wenn die gesamte Medienlandschaft sich vom Staat abhängig macht? Was sollte der schon tun, um diese Abhängigkeit zu missbrauchen? Eben.

Wie? Was Unabhängigkeit jetzt damit zu tun hat, dass Apple nicht selbst entscheiden darf, zu welchem Preis sie ihre Apps verkaufen? Ja, dazu kommt der Spiegel jetzt. „Unabhängigkeit“ ist hier nämlich nicht im Sinne von „Unabhängigkeit“ gemeint, sondern im Sinne von „anderen vorschreiben dürfen, was sie zu tun haben“, oder wie der Spiegel es formuliert:

Auch der ökonomischen, den eigenen Preis in der gewünschten Höhe festzulegen – und nicht in von Apple vorgegebenen Schritten.

Als wäre der Spiegel irgendwie verpflichtet, sich von Apple vorgeben zu lassen, in welchen Schritten er seinen Preis festlegt. Ist er nämlich nicht. Es steht dem Spiegel völlig frei, seinen Preis festzulegen, wie immer er das gerne möchte. Das bezweifelt niemand. Auch der Spiegel weiß das eigentlich. Aber es gefällt dem Spiegel nicht, dass er mit den Konsequenzen leben muss, namentlich, dass dann manche Leute einfach keine Lust mehr haben, zu diesen Preisen Geschäfte mit ihm zu machen. Apple zum Beispiel.

 Der Fall zeigt noch einmal anschaulich, wie die dominierenden Anbieter im Onlinegeschäft heute ihre Marktmacht durchsetzen

Und das ist für den Spiegel natürlich nicht hinnehmbar. Wie kann es jemand wagen, die eigene Marktmacht gegen die Unabhängigkeit des Spiegels durchzusetzen, wo doch der Spiegel so gerne seine Macht gegen die Unabhängigkeit anderer durchsetzen würde? Frechheit.

Wie Apple, Google oder Facebook inzwischen mit einer an Größenwahn grenzenden Arroganz versuchen, die Rahmenbedingungen im Mediengeschäft zu bestimmen

ist dem Spiegel ein sehr schmerzhafter Dorn im Auge, weil es ihn davon abhält, mit einer an Größenwahn grenzenden Arroganz selbst die Rahmenbedingungen im Mediengeschäft zu bestimmen. Unverschämtheit!

Der Konflikt spitzte sich in jüngster Zeit zu: Weil Google etwa aktuell in Frankreich fürchten muss, dass es für die Anzeige von Nachrichten-Snippets Gebühren zahlen soll, droht es kurzerhand damit, man könne französische Medien ja auch einfach abknipsen.

Und das ist doch nun wirklich nicht zu fassen, oder? Bloß weil die Verlagshäuser in Ausübung ihrer ökonomischen Unabhängigkeit Google mithilfe der Staatsmacht zwingen wollen, etwas dafür zu bezahlen, wenn Google ihnen Kunden zuleitet, erdreistet Google sich, ihnen zu drohen, damit aufzuhören. Das wäre ja noch schöner, wenn Leute einfach aufhören dürften, eine Leistung für mich zu erbringen, bloß weil ich Geld dafür von ihnen verlange!

Und bevor ihr jetzt lacht und euch freut, dass nur die nörgeligen Totholz-Medien der Hybris von Google und Apple zum Opfer fallen: Es steht wie immer die Zukunft unserer ganzen Zivilisation auf dem Spiel, denn

Opfer sind nicht nur die Verlage. Opfer sind vor allem die Leser. Opfer ist jene Gesellschaft, auf deren Freiheit sich die Konzerne so gern berufen.

Und natürlich die Kinder. Und die Katzenbabys. Für jede nicht mit dem Spiegel abgesprochene Preiserhöhung im Apple-Store muss nämlich irgendwo ein niedliches kleines Katzenbaby sterben. Und das können wir doch nun wirklich nicht zulassen, oder?