Wenn Tanzen, dann bitte nur in der Reihe

14. August 2016

Andreas Evelt hat einen durchaus nicht ganz kurzen Text geschrieben zu dieser Sache von dem Sportler, der sich wohl irgendwie anders verhalten hat als Leute gehofft hatten. Und während ich nicht ganz verstehe, wieso man 2016 für sowas noch Aufmerksamkeit bekommt, mich aber damit abfinden kann, dass es halt so ist – und dass Leute sich sowas 1516 wahrscheinlich auch schon so ähnlich gefragt haben -, versteht Herr Evelt was anderes nicht:

Er sei kein PR-Mensch, sagte der neue Olympiasieger auf der Pressekonferenz nach dem großen Erfolg im Diskusfinale. […]

Und gleichzeitig inszeniert er sich inmitten dieser Maschinerie.

[…]

Dabei musste Harting wissen, dass genau das noch mehr Aufmerksamkeit, noch mehr Öffentlichkeit bedeuten würde.

[…]

Als Person des öffentlichen Lebens, die er – wie er später selbst eingestand – spätestens durch den Olympiasieg ist, hat Harting eine Vorbildfunktion, eine Verantwortung. Die Chance, diese zu nutzen, hat er in den ersten Stunden seines größten Erfolges fahrlässig verstreichen lassen.

Und ich hab natürlich überhaupt keine Ahnung davon, ob Herr Harting sich nun gezielt irgendwie zu inszenieren versucht oder nicht, und ob Herr Evelt tatsächlich so verblüfft ist, wie er tut, und so, aber so ganz grundsätzlich denke ich nach der Lektüre dieses Textes:

Erstens ist das in meinen Augen eine einigermaßen geschmacklose, nicht zuletzt von der Bild-Zeitung bekannte Technik, Leuten quasi vorzuwerfen, sie würden ja schließlich willentlich mit den Medien arbeiten und/oder spielen, und damit wiederum die eigene Berichterstattung inklusive Herumhacken auf diesen Leuten zu rechtfertigen. Gerade im Kontext der olympischen Spiele finde ich, dass das so nicht geht, denn Herr Evelt verkennt, oder lässt ganz bewusst galant unerwähnt, dass man als Olympiasieger ja nun mal gar keine Wahl hat, als „sich inmitten dieser Maschinerie“ zu inszenieren, wenn man denn nicht die Teilnahme ganz sausen lassen will, und dass Harting sicherlich „wissen musste“, dass unkonventionelles Verhalten mehr Aufmerksamkeit bedeutet, dass ja aber andererseits die Medien, die Herr Evelt hier klar repräsentiert, diesen Umstand so erst schaffen durch ihre alberne Überhöhung dieses Ereignisses und das permanente  aufgeregte Getratsche über jeden Quatsch, der irgendwie vage damit im Zusammenhang steht. Dass sie damit andererseits natürlich nur ein vorhandenes Interesse in ihrer Zielgruppe bedienen, ist mir wiederum auch klar, ändert aber nichts dran. Was soll man als Olympiateilnehmerin denn machen, um sich nicht zu inszenieren, irgendwie? Und ist es wirklich erstrebenswert, Leute dahin zu erziehen, dass sie bitte immer schön im vorgesehenen Rahmen bleiben und ja nichts tun, das die Gefahr birgt „noch mehr Aufmerksamkeit“ auf sich zu ziehen? Wäre Harting seiner „Vorbildfunktion“ und seiner „Verantwortung“ gerechter geworden, wenn er sich einfach maximal angepasst, oder sich zumindest hinterher einfach brav entschuldigt und seinen Fehler eingesehen hätte (der genau worin überhaupt noch mal bestand?)?

Und was ich auch immer wieder denke: Wollen wir nicht überhaupt allmählich mal aufhören, Leuten eine besondere „Vorbildfunktion“ und „Verantwortung“ aufzuhalsen, weil sie eine Scheibe ein bisschen weiter werfen können als andere Leute?


It’s tempting to get vocal and defensive

31. Januar 2015

Heute und morgen läuft in (Auf? Bei?) der ARD, dem Flaggschiffsender unseres öffentlich-rechtlichen Rundfunksystems, von morgens bis abends die Sportschau, unterbrochen nur durch wenige Minuten einer Alibi-Nachrichtensendung. Ihr wisst schon, dass ist dieses ganz wichtige weil demokratiekritische System, für das wir alle, so ziemlich jede und jeder von uns, verpflichtet sind, monatlich zu bezahlen, ganz gleich, ob wir wollen oder nicht, ob wir es nutzen oder nicht, ob wir es uns leisten können oder nicht. So wichtig ist das. Wegen seines Bildungsauftrags und so. Falls ihr euch fragt, was es da gerade zu zeigen gibt, und ob ihr schon wieder eine Fußballweltmeisterschaft verpennt habt: Es ist Skeleton-Weltcup. Nein, das sind keine Paralympics für extrem kachektische Sportler und Sportlerinnen, sondern sowas.

Und weil mir das gerade aufgefallen ist, habe ich jetzt doch Lust, den gestrigen xkcd-Cartoon zu kommentieren, obwohl ich mich eigentlich schon dagegen entschieden hatte:

Für den Hovertext müsst ihr zu ihm rüber. Hinweis: Es lohnt sich nicht so richtig, aber tut auch nicht weh. Fans greifen zu, der Rest liest direkt hier weiter. Und da die Fans den Cartoon eh schon kennen, lesen wir jetzt alle gemeinsam hier weiter, schätze ich.

Und obwohl ich Randall Munroe bewundere und verehre wie einen Gott, finde ich, dass er hier daneben liegt. Zumindest teilweise. Dafür aber immerhin auf zwei Ebenen. Die erste ist schnell erledigt: Der Cartoon ist nicht lustig, nicht bizarr, nicht originell und auch sonst nicht unterhaltsam. Finde ich. Egal. Geschmackssache.

Zweitens, und viel wichtiger: Es mag sein, dass es, insbesondere unter Leuten, die xkcd mögen, tatsächlich eher eine Mehrheit von Leuten gibt, die auf Sportfans herabblicken und unangemessen unfreundlich und herablassend agieren, weil sie so bemüht sind, sich von ihnen abzugrenzen, und dass Randall dieses Problem zurecht kritisiert, aber ich selbst kenne es nicht, und ich finde vor allem, dass sein Vergleich zwei wichtige Aspekte vernachlässigt und damit irreführend wird, weil diese zwei Aspekte einen grundlegenden Unterschied ausmachen zwischen Sportfantum und Interesse an Klimasystemen und raumfahrenden Robotern:

  1. Sportfantum ist in unserer Gesellschaft so dominant, dass es permanent mit völliger Selbstverständlichkeit nicht nur unterstellt, sondern sogar erwartet wird. Medien, einschließlich der öffentlich-rechtlichen Medien, die ihrem Auftrag nach eben gerade dafür da sind, NICHT der Mehrheit und der Quote hinterherzulaufen, sondern einen Bildungsauftrag zu erfüllen, berichten über Sportereignisse in einer Lautstärke und einem Umfang, die und der meines Wissens buchstäblich jede andere denkbare Meldung nicht nur übertreffen, sondern völlig verschwinden lassen, vom Völkermord über Krieg zu bedeutenden wissenschaftlichen Durchbrüchen. Sportfans laufen gröhlend in Rudeln durch Städte, werfen mit Flaschen um sich und werden gelegentlich physisch gewalttätig gegenüber Leuten, die ihr Fantum nicht teilen. Ich will nicht behaupten, dass das alles für alle Sportfans gilt. Aber ich will darauf hinweisen, dass diese Phänomene im und für das Sportfantum existieren, und im und für das Interesse zum Beispiel an wissenschaftlich bedeutenden Ereignissen absolut gar nicht.
  2. Sportfantum ist schon von seiner seiner grundsätzlichen Ausrichtung her problematisch. Bestimmt existieren auch völlig sympathische und inordnunge Ausprägungen, aber die meiner Wahrnehmung nach dominante besteht darin, einer Mannschaft, der man sich, in der Regel aus lokalpatriotischen, nationalistischen oder sonstigen blödsinnigen Gründen unabhängig von ihrer tatsächlichen Leistung (worin auch immer die bestehen sollte) verbunden fühlt, den Sieg zu wünschen, und (nur leicht dramatisiert) jeder anderen die Pest an den Hals. Um nur mal ein Beispiel zu nennen. Und auch das ist meines Erachtens eine Besonderheit, die vielleicht nicht nur, aber schon besonders Sportfantum prägt. Womöglich gibt es sogar bedeutende Gruppierungen von kosmologieinteressierten Raumfahrtfans, die ausschließlich Missionen der USA anfeuern und jeder russischen Rakete lautstark wünschen, sie möge schon vor dem Start explodieren, aber ich kenne sie jedenfalls nicht, und traue mir deshalb die These zu, dass sie in der Szene eine eher untergeordnete Rolle spielen. Und fürs Protokoll: Mir ist natürlich klar, das ein Haufen Leute das zum Beispiel im Kalten Krieg durchaus so gesehen haben, unter anderem aus nationalistischen Gründen. Diese Position finde ich dann aber natürlich auch blöd, und von der würde ich mich dann auch auf sehr vokale und defensive Weise abgrenzen wollen, zum Beispiel, indem ich nicht einfach nur interessierte Geräusche mache und begeistert grinsend nicke und zuhöre, während ich mich der Snacks und der Freundschaft erfreue. Ich hätte auch ein unkontroverses Beispiel wie Krebsforschung nehmen können, aber ich kenne ja meine Leser und weiß, dass ihr das sofort als erbärmlichen Versuch durchschaut hättet, einer möglichen Kontroverse auszuweichen. Nix da. So läuft das hier nicht.

Das beides heißt natürlich keineswegs, dass ich es super finde, Sportfans zu beleidigen und zu verachten, weil sie sich für Sport interessieren. Im Gegenteil. Ich stelle es mir brennend interessant vor, mal mit einem Sportfan ganz offen über seine Leidenschaft und deren Hintergründe und Details reden zu können. Ich selbst habe ja durchaus auch zweifelhafte Neigungen und Interessen, bestimmt. Sportfans sind weder schlechtere Menschen, noch ist es jemals in sich falsch, sich für irgendwas zu interessieren oder zu begeistern. Insoweit ist Randalls Cartoon sicherlich guter Rat. Aber insoweit, als er eine Gleichwertigkeit der Philae-Landung mit dem Superbowl impliziert, liegt er daneben, und ebenso in seiner Implikation, dass Sportfantum typischerweise nur eine völlig unproblematische menschliche Leidenschaft ist, der wir komischen verknöcherten Besserwisser uns bloß öffnen müssen, und dann gibt es Freundschaft und Snacks.

Oder was meint ihr?


Restebloggen, diesmal mit besonders überschaubarer Relevanz (66)

9. März 2011
  1. Ich verließ das AquaLaatzium, stieg in mein Auto, fuhr nach Hause, ging in meine Wohnung. Irgendwie habe ich es dabei geschafft, das Bündel aus meinem Handtuch, meiner Badehose und meinem MP3-Player zu verlieren, ohne es zu bemerken. Der menschliche Verstand ist schon was Sonderbares.
  2. Habe es deshalb gestern mal wieder mit Joggen versucht. Gleiches Erlebnis wie immer: Ich lief sehr beschwingt los und dachte, Mensch, warum mach ich das nicht öfter, eigentlich ist das doch wirklich nett. Irgendwann wurde es aber doch ziemlich mühsam und unschön und ich begann mich zu fragen, ob es wohl bald vorbei ist. Das war nach ziemlich genau zwei Minuten.
  3. Ich weiß nicht, wie ihr das seht, aber ich bin der Meinung, das ist in seiner völlig enthemmten Geschmacklosigkeit irgendwie gut. (Ich bin leider zu n00b, das Bild hier direkt einzubinden.)
  4. „Wer schreit, hat Unrecht.“ „Wer ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein.“ Sinnsprüche, aus denen man durchaus was lernen kann. Aber immer wieder stelle ich mit Erstaunen fest, dass viele Leute diesen Unfug wirklich für umfassend wahr und richtig halten.
  5. XKCD. Das ist der Wahrheit. (Hier klappts. Ich weiß auch nicht, warum. Sonst wäre ich ja auch kein n00b.)
    I remember the exact moment in my childhood when I realized, while reading a flyer, that nobody would ever spend money solely to tell me they wanted to give me something for nothing. It's a much more vivid memory than the (related) parental Santa talk.
  6. Gibt es eigentlich Telefonanlagen, bei denen man zwar eine Warteschleifenmelodie einschaltet, dabei aber den Leuten am anderen Ende weiter zuhören kann? Ich glaube, das wäre sehr aufschlussreich. Und ich hoffe, dass die Leute, die ich öfter anrufe, sowas nicht haben.
  7. Ich habe ganz sicher keine hohe Meinung von Boulevardmedien, aber über diese Dreistigkeit habe ich trotzdem gestaunt. Wer will, kann bei Stefan Niggemeier alles über die Affäre von Herrn zu Guttenberg lesen und erfahren, wer diese geheimnisvolle Frau ist, die dabei im Mittelpunkt steht. Ganz ehrlich: Wer kauft denn dieses Blatt noch einmal, nachdem er dermaßen verschaukelt wurde? Was für Menschen sind das? Wie denken die? Wie leben die?