Objektifizierung

19. Juni 2012

Ich tue mich ja generell schwer, wenn jemand einfordert, als Mensch gesehen zu werden und nicht nur als Arbeitskraft/Werkzeug/Sexobjekt/Soldat/Bauschlosser/Entertainer/egalwas. Das hat den Grund, dass ich ein gefühlskalter ekliger Soziopath bin andere Leute oft einfach nur als Werkzeug sehe. Manchmal ist das auch gut so, denn wenn ich manche Menschen wirklich als eigenverantwortliche, mündige Individuen ganzheitlich betrachten würde, statt nur meinen maximalen Nutzen aus ihnen ziehen zu wollen, dann müsste ich viel öfter zu nackter Gewalt und wüsten Beschimpfungen greifen, als ich das jetzt tue. Oder so.

Im Ernst: Wenn ich einen Klempner bei mir zu Hause habe, dann beurteile ich ihn nicht danach, ob er lieb zu seiner Frau ist und regelmäßig an Amnesty International spendet, oder ob er Modern Talking hört und Moon für einen gelungen Film hält, sondern ausschließlich danach, wie gut er meine Abwasserprobleme im Griff hat. Wenn ich entscheide, wen ich für einen Job will, dann entscheide ich das nicht danach, ob ich ihn insgesamt für einen guten Menschen halte, sondern danach, wie ich seine Eignung für diesen Job einschätze. Wenn ich entscheide, ob ich einen Betrieb stilllege, dann spielt es für diese Entscheidung keine Rolle, ob ich die Menschen, die dort arbeiten, charakterlich hoch schätze oder zutiefst verachte, sondern dann geht es darum, ob ihre Arbeit mehr nützt als sie kostet.

Das ist keine Geringschätzung der betroffenen Personen, sondern einfach eine Beschränkung meiner Abwägung auf entscheidungsrelevante Kriterien. Ich erfülle für meine Freunde eine Funktion, für meinen Arbeitgeber eine andere, für meinen Arzt eine dritte und für meine Mutter wieder eine andere. Ich reagiere mit einer gewissen Irritation, wenn die jeweils anfangen, mich anhand von Dingen zu beurteilen, die mit der jeweiligen Funktion nichts zu tun haben. Wenn meine Freunde sich über meine mangelnde Leistungsfähigkeit in meinem Job beklagen, finde ich das genauso merkwürdig und unpassend, wie wenn mein Arbeitgeber sich beklagt, weil ich nicht für ihn da bin, wenn er Trost und Zuneigung braucht. Umgekehrt erwarte ich von meinen Freunden kein Lob, weil ich das letzte Projekt besonders schnell abgeschlossen habe, und von meinem Arbeitgeber keine Sonderbehandlung, weil gerade mein Hamster gestorben ist.

Nachdem ich nun wieder einmal gleich in der Einleitung so ziemlich jeden normal denkenden und fühlenden Leser gegen mich aufgebracht haben dürfte, komme ich zum eigentlichen Thema meines Beitrags:

Der von mir über alle Maßen geschätzte Sprachblogger Anatol Stefanowitsch schreibt über musikalische Männergefühle, oder präziser über eine Werbekampagne des Musikversands Thomann, die er als sexistisch empfindet. Das problematischste Motiv in der Reihe beschreibt er durchaus treffend so:

Das Motiv, das Stein des Anstoßes war, zeigt in der oberen Hälfte einen Pianisten, der auf einer Klaviertastatur spielt. Sein Körper wird auf der unteren Bildhälfte durch den eines Mannes mit heruntergezogenen Hosen fortgeführt, der in seinem Auto sitzt. Auf seinem Schoß sitzt eine weitgehend nackte Frau, von der man nur den Unterkörper sieht, der die Tastatur der oberen Bildhälfte fortführt.

Für die, die den Klick auf den Link oben scheuen und sich keine eigene Meinung bilden wollen: Das sieht genauso geschmacklos aus, wie es hier in der Beschreibung klingt, und fällt in meiner Wahrnehmung ganz merkwürdig aus der Reihe, weil ich die anderen Motive alle als ästhetisch sehr gelungen und stimmig empfinde. Über die Missglücktheit dieses Bildes müssen wir also nicht streiten, wohl aber über die konkreten Probleme damit. Anatol macht sich die Beurteilung des Bloggers Sofakissen zu eigen, der meint:

“Die Frau” auf dem Bild ist Schenkel. Sie ist eine Vagina. Sie ist kein Individuum. Kein Mensch. Nicht ebenbürtig, nicht einmal annähernd. Im Kontext des Slogans und des gezeigten wird die weibliche Darstellung zum Objekt. Sie ist ein Instrument, das er spielt, das er beherrscht wie sein Klavier. Sie ist ein Objekt in der Kontrolle des Musikers.

Nach der langen Vorrede wisst ihr ja schon, warum ich das grundsätzlich für nicht so problematisch halte wie viele andere Feministen, zu denen ich mich jetzt einfach mal vorläufig zähle. Wenn ein Mensch einen anderen Menschen nur für eine bestimmte Funktion nutzen will, dann ist das aus meiner Sicht nicht grundsätzlich ein Problem, solange er ehrlich damit ist. Trotzdem leuchtet mir natürlich ein, warum es nicht in Ordnung ist, Frauen so darzustellen, als wäre ihre einzige Aufgabe die Bedienung männlichen Geschlechtstriebs. Aber das sehe ich hier nicht. Mir kommt es weit hergeholt vor, aus der Bildgestaltung herzuleiten, dass die Frau nur als Gegenstand gezeigt werde, unterlegen und unter Kontrolle sei. Ich komme mir bei dem Hinweis ein bisschen albern vor, aber wenn wir schon kleinlich sind, will ich ihn nicht auslassen: Sie sitzt immerhin oben.

Damit will ich nicht sagen, dass ich gar keinen Sexismus sehe. Das Problem liegt in meinen Augen eher woanders:

Männliche Musiker mit männlichen Gefühlen bei männlichen Aktivitäten. Von den zwei weiblichen Musikerinnen wird die eine, eine Sängerin, untenrum zum Schmetterling — was kaum ihr eigenes Gefühl ausdrücken dürfte, sondern eher das eines männlichen Mannes für den Frauen zarte Schmetterlinge sind. Nur das sechste Motiv gesteht Frauen einen halbwegs respekteinflößenden Status beim Musikmachen zu — es zeigt eine Cellistin, deren untere Hälfte ein Ninja ist (dessen Schwert oben zum Bogen wird).

Und da hat er zwar Recht, aber die Einschränkung bringt er am Ende selbst schon, ich sehe auch nicht, warum der Schmetterling nicht das Gefühl der Sängerin spiegeln soll. Sie fühlt sich leicht, sie fliegt, blahfasel, so hätte ich das verstanden. Sexistisch ist es natürlich trotzdem irgendwie, denn wir wissen alle, dass Männer niemals Schmetterlinge sind, und so, aber ich finde die Kampagne erheblich weniger problematisch als Sofakissen und Anatol. Auch und gerade das mit Sex im Auto.

Der Pianist fühlt sich, als hätte er Sex. Im Auto. Das ist natürlich arg platt und geschmacklos, aber ich finde es nicht entwürdigend für die Frau. Sie wird in dem Motiv für mich so wenig entmenschlicht und zum Instrument gemacht wie der Alligator oder der zweite Kickboxer. Genauso wie die beiden steht der Sex im Auto für ein abenteuerliches, aufregendes, außergewöhnliches Erlebnis. Die Idee, das als Analog zu dem Gefühl zu zeigen, das einen Musiker bei einem gelungenen Auftritt überkommt, finde ich keineswegs abwegig, auch wenn ich es als Werbeagentur deutlich subtiler in Szene gesetzt hätte … Wenn der Vergleich beleidigend und entwertend ist, dann eher gegenüber der Musik und dem Pianisten als gegenüber der Frau. Ich sehe die Entmenschlichung nicht, auch wenn ich verstehe, wo man sie sehen kann.

Ist klar geworden, warum ich das schreibe? Ich mache es vielleicht noch einmal explizit:

Erstens will ich sagen, dass ich zwar einen gewissen Sexismus in den Plakaten erkenne, aber eher darin, dass Jungs eben Jungsspielzeug kriegen, die eine Frau hingegen zum Schmetterling wird, dass ich das aber erstens durchaus gemischt sehe, denn immerhin darf auch eine der Frauen bewaffnet und gewalttätig sein, und dass ich zweitens darin deshalb zwar eine gelinde Perpetuierung gängiger Geschlechterklischees erkennen kann, aber keine Beleidigung oder Entwürdigung von Frauen.

Zweitens wünsche ich mir von euch eine Kalibrierung meines Problembewusstseins. Anatol schreibt:

Ich nehme nicht an, dass Thomann oder die verantwortliche Agentur hier bewusst sexistisch sein wollte. Die Grundidee der Kampagne ist gut, die Motive sind kreativ, sie sind (relativ) ästhetisch umgesetzt. Es ist schlicht niemandem aufgefallen, dass hier fast ausschließlich Männer angesprochen werden.

Und insbesondere dazu würde mich dann auch die Meinung der mitlesenden Frauen interessieren: Fühlt ihr euch angesprochen? Seht ihr die Sache mit dem Schmetterling als männliche Rezeption, oder könnt ihr euch auch mit der Vorstellung anfreunden, das könnte das „Feel it“ der Sängerin sein? Ist die Frau im Auto nur ein Instrument unter der Kontrolle des Mannes, und wird sie dadurch entwürdigt?

Was denkt ihr von der Kampagne, und findet ihr meine Position verständlich, oder bin ich verblendet von der patriarchalen Gesellschaft, in der ich aufgewachsen bin? Seid ihr beleidigt, entsetzt ob des missglückten Plakats, oder versteht ihr einfach die ganze Aufregung nicht?


Restebloggen (73)

11. August 2011
  1. Das nächsten „Gefallen“-Kapitel ist in Arbeit. Vielleicht schon morgen.
  2. Du weißt, dass du zuviel Zeit im Internet verbringst, wenn du dir eines dieser billigen Sonntag-Mittag-Märchen nach der Sendung mit der Maus ansiehst und in lautes Gelächter ausbrichst, wenn der Prinz die Prinzessin fragt, was sie denn mit dem vielen Stroh hier vorhat.
  3. Via Wortvogel:
  4. Manchmal möchte man an an seinen Mitmenschen verzweifeln, zum Beispiel, wenn man sowas liest:
    bin total geschockt, nach einigen Monaten Ehe habe ich zufaellig rausbekommen, dass
    mein Mann des oefteren Pornofilme im Internet anschaut und es macht mich einfach
    unglaublich traurig. Wir sind beide wiederbekehrt .
    Ich bin total durcheinander, und habe in den letzten 3 Tagen viel geweint, weil es so demuetigend ist und ich mich auf einmal so wertlos fuehle und ich auch nicht weiss

    Aber dann liest man sowas:
    Ich habe meine Frau dabei ertappt, wie sie Kochsendungen schaut.
    Jetzt fühle ich mich sehr gedemütigt.
    Ich mache ihr nämlich manchmal Rührei zum Frühstück. […]
    Wenn sie einen Mann zu Hause hat, der ihr jederzeit ein Ei brät, warum muss sie dann anderen Leuten beim kochen zusehen?
    Ist da nicht schon der Schritt zum heimlichen Restaurantbesuch der nächste?

    Und dann ist nicht nur alles wieder gut, sondern man weiß auch, dass die Zeit, die man in diesem komischen Forum verbringt, nicht umsonst ist. Schön.
  5. Anatol Stefanowitsch schreibt gerade viel über Pippi Langstrumpf, und ich verstehe, dass nicht jeder Zeit hat, so viel Text über ein uninteressantes rassistisches Kinderbuch zu lesen, aber ich find’s empfehlenswert, ob man ihm nun zustimmt oder nicht.
    Und wenn man zu der Einsicht gelangt ist, dass nur eine Umdichtung noch helfen kann, sollte man auch noch über eine vierte Möglichkeit nachdenken, mit diskriminierenden Kinderbüchern umzugehen: Verlage könnten aufhören, sie nachzudrucken und sie könnten stattdessen neuen Autor/innen und neuen Geschichten eine Chance geben, bessere Geschichten zu schreiben. Und Konsument/innen könnten aufhören, sie ihren Kindern vorzulesen. Es ist ja nicht so, als ob eine Welt ohne Pippi Langstrumpf unvorstellbar oder eine literarische Dystopie wäre. Pippis fünfzehn Minuten Ruhm dauern jetzt schon sechzig Jahre.
  6. Ich habe ein sympathisches Blog entdeckt, und ich verlinke es hier, und jetzt fühle ich mich schlecht, weil ich nicht jedes sympathisch Blog, das ich entdecke, hier verlinke, aber ich tu’s trotztdem, und hoffe eben einfach, dass die Autoren der anderen sympathischen Blogs, die ich entdeckt, aber nicht verlinkt habe, mir das nicht übel nehmen, sondern sich vielleicht sogar über die Chance freuen, ein sympathisches Blog zu entdecken. Und zu verlinken.
    Natürlich kann sich auch [beim Thema Wetter] politischer Zündstoff einschleichen, zeichnet doch für die häufigen Unwetter und den täglichen Regen in diesen Breitengraden bestimmt auch wieder der vielzitierte Klimawandel verantwortlich. Zu dem habe ich übrigens keine ausgegorene Meinung, außer dass die Forderung, den Planeten zu retten, in diesem Zusammenhang eine ziemlich unsinnige ist, will man doch nur den Planeten für die Menschheit möglichst lebensfreundlich erhalten. Ein bisschen globale Erwärmung juckt ja den Globus selber nicht. Wohl aber gefährdet sie Tiere, und die aktuelle Artenvielfalt zu bewahren stellt interessanterweise trotz der Tatsache, dass deren Wandel und das damit einhergehende Aussterben von auch sehr charismatischer Fauna bisher selbstverständlich zur Erdgeschichte gehört hat, ein völlig fragloses Ziel menschlichen und politischen Handelns dar. – Nicht dass ich dafür wäre, Eisbären, Tiger, Leoparden, Pandas und anderes flauschige Getier auszurotten, keineswegs. (Was gewisses stechendes bzw. unappetitliches Ungeziefer anbelangt, ist meine Haltung zugegeben eine andere, aber auch da gehören ja irgendwelche Ökosysteme erhalten – womit wir eben wieder beim Thema wären:
  7. Nur falls jemand davon genauso überrascht ist, wie ich es war, als ich es erfuhr: Ja, in Deutschland ist es zurzeit noch verboten, überregionalen Linienbusverkehr anzubieten. Und mindestens ein SPD-Politiker will anscheinend tendenziell, dass das so bleibt.
    Die Öffnung des Marktes unterstütze bestehende Tendenzen der Deutschen Bahn, Randlagen im Fernverkehr nicht mehr zu bedienen, kritisierte Beckmeyer. Er forderte, dass Fernbusse Maut zahlen müssen.
  8. Das ist eigentlich ein echt ungünstiger xkcd-Cartoon, um ihn im Restebloggen zu präsentieren, aber er ist zu gut, um es nicht zu versuchen. Wenn ihr es nicht lesen könnt, klickt, dann wird er groß. Es lohnt sich. Kommt schon. Ihr klickt doch auch sonst auf jeden Mist, seid ehrlich.
    You're a turtle.