Die dumme Masse

31. März 2010

Letzte Woche habe ich auf einer Party mit jemandem diskutiert, der öffentlich-rechtliche Sender sehr wichtig findet. Es war ein ganz interessantes Gespräch, obwohl wahrscheinlich keiner von uns etwas gesagt hat, was der andere noch nicht gehört hatte. Wer die Argumente noch nicht kennt, kann sie zum Beispiel hier (oder in so ziemlich jedem anderen Niggemeier-Kommentarthread, der sich entfernt mit dem Thema befasst) komplett nachlesen.

Hier geht es aber nun gar nicht um die grundsätzliche Frage, sondern um ein ganz bestimmtes Argument, das für die Befürworter eines starken öffentlichen Rundfunks häufig eine zentrale Rolle spielt. Dieses Argument geht ungefähr so:

Die ganz große Mehrzahl der Zuschauer will nur seichte Unterhaltung und legt keinen Wert auf Informationsgehalt und Bildung. Anspruchsvolle Fernsehsendungen erreichen deshalb höchstens ein paar Hunderttausend Zuschauer, und damit kann sich kein privater Sender finanzieren. Daraus folgt, dass wir ohne ÖR-Sender keine anspruchsvollen Bildungssendungen mehr im Fernsehen gezeigt bekommen. Niggemeier selbst hat im Prinzip in der Diskussion eine abgeschwächte Form dieses Arguments benutzt, aber dankenswerterweise auf die direkte Publikumsbeschimpfung verzichtet. Mein Gesprächspartner auf der Party war noch ein bisschen weniger subtil. Er benutzte Begriffe wie „dumme Masse“ und „Elite“, aber das spricht in meinen Augen nicht unbedingt gegen ihn. Es war ja schließlich ein Gespräch zwischen zwei Personen, keine öffentliche Stellungnahme vor mehreren zehntausend Lesern.

Dieses Argument verursacht bei mir immer leichtes Unwohlsein, und zwar nicht nur deshalb, weil es meiner eigenen Meinung widerspricht. [Ergänzt um 11:52 Uhr, weil vergessen:]  Es geht mir nicht einmal darum, dass es in aller Regel ohne jeden Beleg vorgebracht wird und ignoriert, dass auch Länder ohne öffentlich-rechtlichen Rundfunk oft ein durchaus ordentliches Fernsehprogramm auf die Beine stellen können. [Ergänzung Ende] Mir kommt es reichlich, nun ja, „elitär“ vor, zu behaupten, der größte Teil des Publikums sei schlicht zu doof, die hochwertigen Angebote zu schätzen, die man selbst gerne wahrnimmt, und müsse aber trotzdem dafür mitbezahlen, weil man selbst eben weiß, was gut ist, und die anderen nicht.

Wer der Meinung ist, dass unsere Zivilisation in Gefahr gerät, sobald das Fernsehprogramm sich nicht mehr nach seinen Vorstellungen von Qualität richtet, sondern nach denen der Mehrheit der Zuschauer, mit dem stimmt in meinen Augen irgendwas nicht. Müsste so jemand nicht konsequenter Weise auch die Demokratie als Staatsform ablehnen? Und die Marktwirtschaft an sich gleich mit?

Ich vermute, dass dieser Gedanke vielen von uns nicht mal ganz fremd ist. Manchmal hat man eben das Gefühl, dass alle anderen nicht besonders klug sind.

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Vielleicht denkt ihr das ja zufällig gerade in diesem Moment sogar über mich. Aber wir sind nun mal rund 7 Milliarden auf diesem Planeten, und jeder von uns hat seine eigenen Vorstellungen davon, was er gerne sehen möchte. Damit müssen wir uns abfinden. Wer ernsthaft glaubt, die Mehrheit der anderen Menschen sei verpflichtet, seinen eigenen Geschmack und seine eigenen Vorstellungen von Qualität mitzufinanzieren, ob es ihr passt oder nicht, weil sie einfach nicht das intellektuelle Niveau hat, Qualität beurteilen zu können, hat diese ganz grundlegende Tatsache nicht verstanden.

Disclaimer: Ich behaupte nicht, dass Stefan Niggemeier die hier von mir kritisierte Meinung im Detail vertritt. Ich behaupte auch nicht, dass mit jedem, der die Existenz öffentlich-rechtlichen Rundfunks befürwortet, etwas nicht stimmt. Es gibt schon gute Gründe für die Existenz dieser Sender, obwohl die mich nicht überzeugen. Ich kritisiere hier lediglich ein ganz bestimmtes Argument, das gelegentlich ins Feld geführt wird, um sie für unverzichtbar zu erklären, und das in der hier dargestellten überzogenen Form in meinen Augen überheblich, selbstgerecht, misanthropisch und schlichtweg falsch ist.

PS: Das „Dumme Masse“-Argument hat immerhin noch einen gewissen Charme, weil wir uns doch alle irgendwie für klüger halten als alle anderen. Den Preis für das dümmste Argument für öffentlich-rechtlichen Rundfunk gewinnt in meinen Augen dieser Herr hier:

„Mir ist es viel wichtiger, dass die ÖRs „wirtschaftsfern” sind. Alle reden nur vom Einfluss des Staates auf die ÖRs. Keiner redet davon, dass 99 Prozent der Privatmedien der Wirtschaft nach der Nase tanzen. Anzeigenkunden und PR-Brigaden sind sicher keine besseren Einflussnehmer als Politiker. Im Gegenteil.“

Japp. Schon ein kurzer Blick in die Geschichte zeigt uns ja das Unheil, das private Unternehmen anrichten können, wenn sie die Medien als Propagandainstrument missbrauchen und die Meinungs- und Pressefreiheit einschränken. Wann hingegen hätten Politiker mal die Medien für solche schändlichen Zwecke eingesetzt? Eben.