Die Debatte wird seit Monaten sehr emotional geführt

22. Dezember 2014

schreibt die Zeit und berichtet uns, was Franz Müntefering, der mir zugegebenermaßen oberflächlich immer sehr sympathisch war, für ein äußerst … unerfreulicher Mensch zu sein scheint.

Den angeleiteten Suizid sieht Müntefering äußerst kritisch. „Mit Freiheit und Selbstbestimmung hat das nichts zu tun“, sagt er. Es sei geradezu absurd, die „Vernichtung der Existenz mit dem Hinweis auf ein Selbstbestimmungsrecht zu befördern“.

 

steht da zum Beispiel. Und dann noch:

Man lebe immer in einer Gemeinschaft und habe Mitverantwortung für das, was rundherum passiert.

Und … Ich weiß gar nicht so richtig, mit welchem Teil meiner unsachlichen Beschimpfungen ich anfangen soll.

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Bankrotterklärungen

14. Februar 2014

Kann es sein, dass meine Artikel zurzeit noch ein bisschen misanthropischer rüberkommen als sonst? Das ist eigenartig, weil ich mir generell gerade gar nicht besonders übellaunig vorkomme. Ich habe auch einen Beitrag in Arbeit, in dem es nicht nur um Brechreiz geht, wartet ab. Aber dies ist nicht dieser Beitrag.

Dies ist ein Beitrag über den Bundestagsabgeordneten Michael Brand (CDU), genauer über dessen Äußerungen zu der Entscheidung des belgischen Parlaments, Sterbehilfe unter bestimmten Bedingungen auch für Minderjährige nicht länger unter Strafe zu stellen.

Eine Gesellschaft, die im Ergebnis das Töten sogar der eigenen Kinder legalisiert, hätte Bankrott erklärt und wäre auf der kippenden Bahn, weil messbar der Wert des Lebens heruntergeschraubt wird und an die Stelle von Ausdauer, Mitleiden und Hilfe die Kapitulation und der Tod treten

hat Herr Brand der Zeitung „Die Welt“ gesagt.

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Überaus verwerflich

6. Januar 2014

Unser neuer Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe weiß, offenbar, dass es Menschen gibt, die sich den Tod wünschen, und die nicht in der Lage sind, sich diesen Wunsch selbst zu erfüllen. Menschen, die so leiden, dass sie ihrem Leben ein Ende machen wollen, deren Zustand ihnen aber nicht erlaubt, diese Entscheidung ohne fremde Hilfe für sich selbst zu vollziehen.

Er weiß offensichtlich auch, dass manche dieser Menschen keine Hilfe von ihren Angehörigen und geliebten Menschen in Anspruch nehmen wollen oder können. Das kann sein, weil sie niemanden (mehr) haben, der ihnen diese Gunst erweisen kann oder will, oder weil sie es niemandem der ihnen nahe steht, zumuten wollen, sie zu töten. Menschen, die deshalb darauf angewiesen sind, oder es einfach nur vorziehen, dass es jemand Fremdes tut. Menschen, die Gründe haben, die wir gut oder schlecht finden können, die aber jedenfalls ihre sind. Und nicht unsere. Weil es nicht unser Leben ist.

Hermann Gröhe weiß das. Ihm ist klar, in welch einer verzweifelten Situation diese Menschen sich befinden, und was es für sie bedeutet, dass ihnen diese letzte Entscheidung verwehrt bleibt, dass sie ihr Leid nicht beenden können und Opfer ihrer eigenen Umstände bleiben müssen.

Wenn er es nicht wüsste, dann würde er ja keinen Sinn darin sehen, den Menschen, die diesen Bedarf decken wollen, Strafe anzudrohen.

Warum? Hat er der Rheinischen Post gesagt:

Wer aber die Selbsttötung propagiert, als Ausdruck der Freiheit des Menschen geradezu verklärt, der versündigt sich an der Wertschätzung des menschlichen Lebens in allen seinen Phasen.

Das ist seine Begründung, so wie sie RP online zitiert.

Die Wertschätzung des Lebens in allen seinen Phasen ist das Rechtsgut, das er gerne strafbewehrt verteidigt sehen möchte. Man muss das wohl so verstehen, dass ihm egal ist, wie die Menschen, denen das jeweilige Leben gehört, es schätzen, ob sie ihr Leben wertschätzen, wie sie dieser Wertschätzung Ausdruck verleihen möchten, und wie sie sein Ende gestalten möchten. Egal, oder zumindest nicht so wichtig.

Hermann Gröhe ist sich anscheinend nicht nur selbst der wichtigste Maßstab, er möchte, wenn ich ihn richtig verstehe, auch gerne der entscheidende Maßstab für alle anderen sein. Seine Wertschätzung des menschlichen Lebens entscheidet darüber, wie andere mit ihrem Leben umgehen dürfen, wie sie es beenden dürfen, und vor allem natürlich wie nicht.

Er maßt sich das Recht an, Menschen dafür zu bestrafen, dass sie den Willen anderer Menschen vollziehen. Er möchte gerne Leute bestraft sehen, die niemandem etwas angetan haben, die im Gegenteil anderen Hilfe bieten, die sie sonst offenbar nirgendwo gefunden haben, einfach weil sie damit gegen seine Vorstellungen davon handeln, wie man das menschliche Leben wertzuschätzen hat.

Zumindest halte ich das für die einzige sinnvolle Deutung der Zitate, die RP online von ihm wiedergibt.

Aber vielleicht seht ihr das ja anders, oder ihr seht es auch so, findet es aber nicht so entsetzlich widerlich wie ich. Würde mich interessieren. Dafür ist das Kommentarfeld da.

Was meint ihr?


Umsonst ist der Tod. Aber muss er das immer sein?

5. August 2012

Wenn jemand gerne sein eigenes Leben beenden möchte, dann ist das seine Entscheidung, und niemand hat ihm die abzunehmen. Und wenn er es selbst nicht kann oder nicht will, und jemand anders ihm dabei hilft, dann ist das auch seine Entscheidung, die ihm niemand abzunehmen hat. Ich würde sogar so weit gehen, es als unmenschlich zu bezeichnen, jemandem den gewünschten Tod zu verwehren, nur weil er nicht in der Lage ist, ihn selbst herbeizuführen. Deshalb denke ich auch, dass der unsägliche Straftatbestand der Tötung auf Verlangen ersatzlos gestrichen gehört.

Ethisch und menschlich ist die ganze Sache natürlich ganz und gar nicht einfach: Ich persönlich würde sagen, dass Selbsttötung so gut wie immer die falsche, die kurzsichtige Entscheidung ist. Wir haben nur dieses eine Leben, und dieses eine Leben ist alles, was wir haben. Wenn es vorbei ist, ist alles vorbei. Oder wie ich gerne etwas kompakter sage: Ich bin noch lange genug tot.

Einerseits ist das leicht zu sagen, solange man noch jung ist, gesund, glücklich, und nicht unter Schmerzen leidet. Andererseits erleichtern Unglück, Krankheit und starke Schmerzen nicht unbedingt das Treffen rationaler Entscheidungen, und gerade in dem kritischen Stadium, in dem man üblicherweise die Entscheidung für oder gegen einen Freitod trifft, ist die Grenze zur Entscheidungsunfähigkeit wohl auch sehr fließend. Und natürlich ist es immer auch die Entscheidung des Helfers: Bin ich bereit, das Leben dieses Menschen zu beenden? Habe ich gute Gründe für meine Entscheidung? Bin ich emotional zu involviert, um überhaupt eine vernünftige Entscheidung zu treffen?

Aber gerade weil diese Fragen so schwierig sind, so persönlich, und so individuell, halte ich es für eine Abscheulichkeit, dass unser Staat sich anmaßt, sie so strikt zu regulieren, wie er es tut. Noch einmal: Wer einem Menschen zwangsweise den Tod verweigert, den er sich (aus für ihn persönlich sicher sehr bedeutenden Gründen) wünscht, der fügt diesem Menschen potentiell einen furchtbaren Schaden zu. Wenn ich den Begriff der Menschenwürde für irgendwie nützlich hielte, würde ich darauf  vielleicht auch noch rekurrieren, aber ich glaube, schon genug Pathos versprüht zu haben.

Juristisch bleibt da aus meiner Sicht nicht mehr als ein Beweisproblem: Wollte der Tote wirklich sterben? Das kann im Einzelfall auch schwierig werden, aber erstens gibt es dafür Mittel und Wege, wie zum Beispiel Formvorschriften oder sonstige Vorgaben zur Beweissicherung, zweitens gibt es juristisch zu jedem Sachverhalt potentiell schwierige Beweisfragen, und drittens geht es darum in der aktuellen Diskussion nicht.

Ich verstehe auch nicht die offenbar einstimmige Ablehnung der gewerblichen Sterbehilfe. Es gibt nun einmal Menschen, die niemanden haben, der ihnen bei der Selbsttötung hilft. Es gibt Menschen, deren Angehörige und Freunde nicht bereit sind, das für sie zu tun, oder die sie damit nicht belasten wollen. Warum sollen diese Menschen nicht die Dienste von jemandem im Anspruch nehmen können, der es professionell macht? Ich will nicht zu weit ausholen, aber ich finde diese verbreitete Verachtung gegenüber der Arbeit für Geld heuchlerisch und unanständig. Wir alle müssen unseren Lebensunterhalt von irgendwas bestreiten, und auch wenn es intuitiv verwerflich scheinen mag, das mit dem Töten anderer Menschen zu tun, sollten wir uns an den Grundsatz erinnern, dass nur verboten sein kann, was jemandem schadet. Eine medizinische Operation ist schwere Körperverletzung, wenn sie ohne Zustimmung des Opfers erfolgt. Erfolgt sie mit, ist sie völlig in Ordnung, und (fast) niemand sieht ein Problem darin, dass die ausführenden Personen damit Geld verdienen.

Genau so ist das mit der Sterbehilfe: Sie ist Totschlag, wenn sie ohne Zustimmung erfolgt. Mit Zustimmung sollte sie völlig legal sein, wie auch immer und von wem auch immer die Betroffene sie gerne ausgeführt haben will.

Die dahinterstehenden Beweisprobleme und die ethischen Fragen sind nicht einfach zu beantworten und sollten wir gründlich durchdenken. Aber den Grundsatz, dass jeder Mensch das Recht haben sollte, über seinen eigenen Tod frei zu bestimmen, sollten wir anerkennen.


If all dead men lose control of their bowels, even heroes must die without dignity.

21. Juni 2009

Der Bundestag hat seine Entscheidung über die Patientenverfügung getroffen. Für mich ist das Grund genug, hier einmal meine eigenen, nicht immer ganz geordneten Gedanken zu dem Thema niederzulegen.

Es geht mir hier nicht darum, die neue Rechtslage im Detail zu erklären. Wer sich sowas wünscht, findet zum Beispiel hier einen lehrreichen Artikel drüber. 

Vielleicht vorher noch so viel zur grundsätzlichen Erläuterung: Bereits jetzt ist der Wille des Patienten maßgeblich für die Entscheidung, ob und welche Behandlung erfolgt und ob und wann sie abgebrochen wird. Kein Arzt hat das Recht, jemanden gegen seinen Willen zu behandeln. Problematisch ist nur, wie dieser Wille ermittelt wird, wenn der Patient ihn nicht äußern kann, zum Beispiel, weil er bewusstlos ist.

Ich finde, das ist vom Grundsatz her richtig so. Gesamtgesellschaftlich gesehen. Weil ich glaube, dass jeder Mensch ohne Einschränkung über sich selbst verfügen darf. Wenn ein Mensch sterben will, hat meiner Meinung nach niemand das Recht, ihn davon abzuhalten. (Natürlich nur, wenn derjenige bei klarem Bewusstsein ist.) Basis meiner politischen Weltsicht ist die These, dass Menschen frei sind, und dass diese Freiheit nur dort Schranken findet, wo sie anderen schadet. (Nein, die Trauer um einen Verstorbenen zählt für mich in diesem Sinne nicht als Schaden.) Daraus folgt meine Überzeugung, dass aktive Sterbehilfe, Selbstmord und Tötung auf Verlangen völlig in Ordnung sind. Aber das ist eine andere, lange Geschichte.

Ich selbst käme übrigens nie auf die Idee, in einer Patientenverfügung festzulegen, dass unter bestimmten Bedingungen auf medizinische Maßnahmen verzichtet werden soll. Ich habe dafür ein sehr kurzes, klares, für mich restlos unwiderlegbares Argument, das natürlich nur Atheisten einleuchten kann: Ich bin noch lange genug tot. Weil ich glaube, dass nach diesem Leben nichts mehr kommt, glaube ich auch, dass dieses Leben bis in die letzte Sekunde hinein auszuschöpfen ist. Und wenn diese letzte Sekunde eben schmerzhaft ist, und qualvoll, naja. Immerhin erlebe ich was. Bevor jemand fragt: Nein, ich habe noch nie echte Schmerzen erlebt. Vielleicht würde ich es dann anders sehen.

Die Idee von einem würdevollen Tod akzeptiere ich auch nur ganz schwer. Noch mal: Wenn jemand sterben will, muss er das selbst wissen, und natürlich hat jeder seine eigene Vorstellung von Würde, die ich ihm nicht streitig machen will. Ich selbst finde allerdings, dass ein würdevoller Tod ohnehin eine sehr unrealistische Erwartung darstellt. Ich weiß nicht, ob er schon einmal einem Menschen vergönnt war, aber ich bin überzeugt, dass er höchstens so wahrscheinlich ist wie ein Lottogewinn. Und wenn ich mir mal überlege, wie wenig der durchschnittliche Mensch zu Lebzeiten auf seine Würde achtet, dann wundere ich mich doch schon ein bisschen, dass sie ihm beim Sterben plötzlich so wichtig sein soll. Sei’s drum. Jeder entscheidet das für sich selbst. Ich will ja auch nicht, dass mir jemand reinredet.

Schwierig wird es, wenn wir uns nun dem Thema Patientenverfügung annähern. Da geht es ja um jemanden, der möglicherweise noch einen Willen hat, ihn aber nicht äußern kann. Die bisherige Regelung war meines Wissens, dass der so genannte mutmaßliche Wille festzustellen war, und dafür gab es keine festen Regeln. Eine Patientenverfügung floss da also ein, ebenso wie andere schriftliche oder mündliche Äußerungen, ebenso wie die Ansicht von nahen Angehörigen und so weiter. Das steht nicht besonders hoch auf der Rechtssicherheitsskala, aber wir sind hier wohl in einem Bereich, in dem Patientenautonomie und Rechtssicherheit sich nicht gut vertragen. Das Gegenstück wäre eine schrankenlose Maßgeblichkeit einer Patientenverfügung. Schön und gut, könnte ich sagen, passt doch zu dem, was ich oben gesagt habe. Andererseits kommt sogar einem Selbstbestimmungsfundamentalisten wie mir ein bisschen das Grausen, wenn ich mir vorstelle, dass jemand stirbt, weil er dreißig Jahre zuvor mal was aufgeschrieben und dann womöglich vergessen hat. Medizinische Möglichkeiten können sich ändern, ebenso wie persönliche Überzeugungen, und wie sehr man am Leben hängt, hat wohl oft auch einfach mit der aktuellen Laune zu tun.

Diese extreme Verbindlichkeit einer Patientenverfügung ist im neugefassten § 1901a BGB aber auch nicht ganz so vorgesehen. Die Verfügung muss sich erstens auf ganz konkrete Behandlungsmethoden beziehen; zweitens ist zu prüfen „ob diese Festlegungen auf die aktuelle Lebens- und Behandlungssituation zutreffen“. Ist dies der Fall, ist die Verfügung bindend. Anderenfalls ist wieder der mutmaßliche Wille zu ermitteln. Ich denke das nicht oft über Gesetze, und bestimmt gibt es da noch einige Feinheiten, die man besser regeln könnte, aber ich glaube, dass diese Norm damit ziemlich genau meine eigenen Vorstellungen trifft. Und weil ich das noch nie gesagt habe und wahrscheinlich auch so bald nicht wieder sagen werde, will ich es an dieser Stelle wenigstens einmal gesagt haben: Gut gemacht, Bundestag!

Ach ja, für die, die es interessiert: Die Überschrift ist aus der Genesys-Trilogie von Brian Stableford. Ganz merkwürdiger Stoff (ohne Bezug zu Sterbehilfe), aber brillant. Kurz gesagt: Wenn euch der Spruch gefällt, gefällt euch auch der Rest. Wenn nicht, lasst lieber die Finger davon.