Billigjobs

10. Oktober 2011

Wenn wirres.net es verlinkt, kann es nicht so schlecht sein, dachte ich, aber wieso sieht es dann so schlecht aus? Verwirrt klickte ich auf den Link und stellte fest, dass es sehr wohl kann. Naja. Nicht mal Herr Schwenzel ist unfehlbar, das sollte mich doch eigentlich eher ermutigen.

Kawasakiguy hat unter dem Titel „What I learned from Steve Jobs“ ein buntes Potpourri aus lahmen Ratschlägen zusammengestellt, und von grenzwertig nutzlosen bis hin zu nachgerade gefährlichen Zutaten alles reingeworfen, was ihm gerade an Gedankenresten auf die Tastatur krümelte. Beginnen wir mit ix‘ Lieblingsteil gleich am Anfang:

Experts are clueless.

Experts—journalists, analysts, consultants, bankers, and gurus can’t “do” so they “advise.”

Sensationell, oder? Wenn mir das doch nur früher schon jemand gesagt hätte, dann könnte ich wahrscheinlich genauso reich sein wie Steve Jobs, nur hoffentlich noch am Leben. Verdammt. Woran man erkennt, dass alle Experten keine Ahnung haben? Ganz einfach:

For example, the experts told us that the two biggest shortcomings of Macintosh in the mid 1980s was the lack of a daisy-wheel printer driver and Lotus 1-2-3; another advice gem from the experts was to buy Compaq

Donnerlittchen. Die Empfehlungen von Experten sind manchmal falsch? Warten Sie auf weitere brisante Entdeckungen wie „Fertiggerichte sind manchmal gar nicht lecker.“ oder „Bankberater sind manchmal gar nicht objektiv.“ Okay. Wir haben gelernt, dass Experten ahnungslos sind. Die Empfehlung ist offensichtlich:

Hear what experts say, but don’t always listen to them.

Hm? Wie? Ich denke, die sind ahnungslos, warum soll ich ihnen denn zuhören? Wie? Ach so, weil sie gar nicht ahnungslos sind. Es geht nur darum, dass man nicht immer auf sie hören sollte. Verstehe. Wäre ich nie drauf gekommen. Warten Sie auf weitere bahnbrechende Empfehlungen wie „Nur bei Grün über die Straße“ oder „Billig kaufen, teuer verkaufen“.

Na gut. Das war jetzt einfach von vorne bis hinten Quatsch. An den zweiten Tipp dachte ich, als ich „nachgerade gefährlich“ schrieb:

Customers cannot tell you what they need.

“Apple market research” is an oxymoron. The Apple focus group was the right hemisphere of Steve’s brain talking to the left one. […] [Customers] can only describe their desires in terms of what they are already using.

Das mag wohl so sein, aber falls das ernsthaft eine Empfehlung für aufstrebende Unternehmensgründer sein soll, auf Marktforschung zu verzichten und stattdessen auf die Interaktion ihrer Arschbacken Gehirnhälften zu vertrauen, dann wird der harmlose Blödsinn spätestens hier potentiell ziemlich harmvoll (Klar ist das ein Wort. Muss doch. Ist doch logisch!). Wenn jemand ein Unternehmen gründet, geht er damit ein erhebliches Risiko ein und setzt nicht selten neben seiner eigenen auch die Existenz andere Menschen (Investoren, Bürgen, Angehörige, die ihre Immobilien als Sicherheit zur Verfügung stellen, Arbeitnehmer vielleicht auch noch) aufs Spiel. Wer dabei diesem Rat folgend einfach mal auf seinen Durst hört, statt möglichst unvoreingenommen und ergebnisoffen (Stichwort wissenschaftliche Methode) den Markt zu erforschen, den er zu erobern gedenkt, handelt verantwortungslos und hat dafür als Entschuldigung nicht viel mehr zu bieten als Denkfaulheit.

The richest vein for tech startups is creating the product that you want to use—that’s what Steve and Woz did.

Das stimmt nur dann, wenn ich zufällig genau das Produkt will, das die anderen Marktteilnehmer auch gerade wollen. Und dass das bei „Steve und Woz“ geklappt hat, ist kein Indiz dafür, wie gut meine eigenen Gehirnhälften darin sind, Kundenwünsche zu erspüren. Ich fühle mich gerade an so eine Anzeige erinnert, die öfter mal in der NJW erscheint: Gute Berater kosten ein Honorar. Schlechte ein Vermögen.

Und ich finde, die folgenden 11 (Es gibt noch einen nichtnummerierten) Ratschläge können wir uns jetzt schenken. Sie fallen alle in eine der beiden Kategorien. Entweder sind sie so trivial und überpauschalisiert, dass man gar nicht weiß, ob man noch drüber lachen darf („The biggest challenges beget best work.„), oder es sind albern überbewertete Einzelaspekte von Steve Jobs‘ Erfolgsgeschichte („You can’t go wrong with big graphics and big fonts.„), oder beides. Eigentlich alle beides.


Na, dann ist ja gut.

25. August 2011

Ich erwarte von Dudelfunksendern wie 1Live keinen soliden Wirtschaftsjournalismus. Deshalb werfe ich ihnen auch nicht vor, dass sie keinen bieten. Wenn sie aber Wirtschaftsjournalismus simulieren, obwohl sie ihn in Wahrheit nicht bieten können, dann betreiben sie aktive Desinformation, und das kann man ihnen schon vorwerfen. Oder zumindest kann man sie dafür ein bisschen belächeln.

Falls ihr es noch nicht gehört habt: Steve Jobs legt seinen Posten als CEO von Apple nieder, und der bisherige COO Timothy Cook folgt ihm nach. Weil Jobs mit seinem Gespür für brillantes Design (Naja, mir gefällt’s nicht, aber irgendwas muss er wohl richtig gemacht haben.) und seinem sprühenden Charisma (das sich mir auch kein bisschen erschließt, aber siehe oben) als Schlüsselfigur für das Unternehmen gilt, wohingegen Cook zwar einen Ruf als hervorragender Manager genießt, aber doch eher hölzern und unkreativ rüberkommt, machen viele Beobachter sich nun Sorgen um die Zukunft des Unternehmens.

Diese Leute haben natürlich keine Ahnung. Ein mir namentlich leider nicht bekannter 1Live-Reporter hat das gerade sehr schön erklärt: Steve Jobs zieht sich ja nun in den Aufsichtsrat von Apple zurück. Er ist aber auch im Aufsichtsrat von Pixar (was offenbar nur bedingt stimmt, denn alle mir bekannten Informationen deuten darauf hin, dass er nur einen Sitz im Aufsichtsrat von Disney hat, deren 100%ige Tochter Pixar wiederum ist, aber wer wird sich mit solchen Kleinigkeiten aufhalten?). Pixar mach erfolgreiche Filme. Das zeigt, dass „eine Firma, in der Steve Jobs nur im Aufsichtsrat sitzt, auch erfolgreich sein kann“.

Klar soweit?