cruel and usual

27. Oktober 2012

Ich habe zuletzt hin und wieder mal angedeutet, was zum Thema Strafrecht und Strafvollzug schreiben zu wollen, und nicht zuletzt, weil das immer ganz gut ankam, wollte ich es heute mal tun, wie gewohnt völlig sorglos im Angesicht meiner weit reichenden Ahnungslosigkeit zur Realität des deutschen Strafvollzugs. Leider ist dabei schon wieder kein griffiges Ergebnis rausgekommen, aber hey, es gibt im Internet schon genug Leute, die alles besser wissen und genau sagen können, wo es lang zu gehen hat, und viel zu wenig Leute, die einfach sinnlos rummeinen … und … wirre Gedankenmäander schreiben … ähm … Na gut, vielleicht gibt es nicht zu wenig von uns, aber ich hab’s trotzdem geschrieben.

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Ja, äh, hm, also, ich weiß nicht.

31. Juli 2012

Ich würde euch heute gerne mal benutzen, um meine Reaktion auf eine bestimmte Meldung zu kalibrieren.

Gerade fand ich auf der Facebook-Seite der für gewöhnlich eminent vernünftigen und immer sehenswerten Atheist Experience einen Post über einen Ventriloquisten, der in einem christlichen Fernsehprogramm mit seiner Puppe auftrat, und der verhaftet wurde wegen des Verdachtes, dass er ein Kind missbrauchen wollte. Genauer: Er hat offenbar mit jemand anderem via Internet darüber gesprochen, einen bestimmten Jungen zu töten und zu essen.

In dem Post von Atheist Experience steht über den Fernsehsender

 they STILL HAVE THIS DEVIANT’S SHOW ON THEIR SCHEDULE.

und zu dem Bericht oben wird hingeleitet mit den Worten:

If you have a strong stomach, go here to wade through the sewer of Ronald’s sick little mind

In den Kommentaren zu diesem Post befinden sich unwidersprochen viele Kommentare wie diese:

If my partner knew of someone thinking that way of our kids he’d kill him.

Anyway if Jesus would totally forgive this guy for wanting to eat children, I just gotta say, fuck that Jesus guy.

 the things I WOULD do to him alone in a room..pliars..blow torch..and gasoline. people make me sick!

Holy Sh**!!! What a monster… what a bunch of idiots at the network… WHAT THE F***???

This is abhorable and just plain disgusting and disturbing on every level. If it were my call, life imprisonment at best. If it comes out he did anything to a child, he gets the chair. no question about it.

und das finde ich schon nicht so ganz unproblematisch. Ich meine, klar, sobald man irgendwo im Internet was über Pädophilie schreibt, bekommt man solche Kommentare, das ist nicht überraschend, aber man muss sie ja nicht stehen lassen.

Das ist der Punkt, an dem ich euch gerne zum Kalibrieren hätte. Ich sage euch jetzt mal, wo mein Problem ist, und dann könnt ihr mir sagen, ob ihr das eher so seht wie ich, oder eher nicht so.

Erstens finde ich es immer problematisch, wenn Leute sich so leidenschaftlich dafür aussprechen, andere Leute zu foltern und zu töten, und sie als Monster bezeichnen. Es ist unter manchen Umständen eine verständliche Reaktion, aber es ist trotzdem immer falsch. Wir haben aus guten Gründen aufgehört, Kriminelle zu foltern und zu entmenschlichen, und gerade einer Oase der Aufklärung wie der Atheist Experience stünde es gut zu Gesicht, sich für diese richtige Entscheidung stark zu machen und Idioten wie die oben von mir zitierten auf diese Gründe hinzuweisen.

Zweitens, und das ist in mehrerer Hinsicht problematisch, ich weiß, aber trotzdem: Er hat niemandem etwas getan. Ich will damit nicht sagen, dass man ihn deshalb zwangsläufig vollständig verschonen sollte. Ich kann auch nicht beurteilen, wie ernsthaft diese Pläne sind, über die er mit dem anderen gesprochen hat. Vielleicht weiß die Polizei Dinge, die nicht in diesem Artikel stehen. Aber die Kommentatoren können das auch nicht beurteilen, und wissen das auch nicht, genauso wenig wie Martin (der Moderator) selbst. Es geht hier um einen Mann, der offenbar recht unerfreuliche Phantasien hat, aber nach allem, was wir wissen, sein ganzes Leben lang noch nie danach gehandelt hat. Soweit wir wissen, hat er noch nie einem Kind weh getan, oder sonst einem Menschen. Ich schrieb es schon einmal: Ein Mensch kann nichts dafür, wenn er gerne Sex mit Kindern möchte. Wir suchen uns unsere sexuellen Vorlieben alle nicht aus. Wir können nicht entscheiden, was wir wollen. Unsere Kontrolle beschränkt sich darauf, was wir tun. Und getan hat er in meinen Augen bisher nichts, wofür ich ihm einen Vorwurf machen würde. Er hat mit anderen über seine sexuellen Vorlieben gesprochen, und er hat sich offenbar pornografisches Material verschafft, das seinen Vorlieben entspricht. Natürlich ist Kinderpornografie etwas Furchtbares, und die Menschen, die sie erzeugen, sind Verbrecher und gehören bestraft. Aber auch das hat er nicht getan.

Alles, was dieser Bericht hergibt, ist, dass dieser Mann offenbar sehr bedenkliche Fantasien hat, und eine sehr gefährliche Neigung. Vielleicht so bedenklich und so gefährlich, dass er professionelle Betreuung braucht. Und wenn er tatsächlich ernsthaft geplant hat, diesen Jungen zu töten (Was er danach noch alles mit ihm vorhatte, halte ich moralisch für unerheblich.), dann ist das selbstverständlich auch eine Straftat, für die er sich verantworten muss. Aber das wissen wir noch nicht. Genauso, wie wir nicht wissen, ob dieser eine Kommentator wirklich plant, ihn mit Zange, Benzin und Schweißbrenner zu foltern, oder ob das nur eine relativ harmlose Fantasie ist, mit der er sich abreagiert.

Und mindestens solange, wie wir das nicht wissen, sollten wir uns ein bisschen zurückhalten mit dem „Verbrennt ihn!“-Geschrei.

Ach so, und einen besonderen Platz in meinem Herzen haben so Leute wie dieser Kommentator, der eigentlich erst sehr vernünftig darauf hinweist, dass ja offenbar noch niemandem ein Schaden entstanden ist und wir abwarten müssen, dann aber schließt mit:

If he goes to prison, he’s not going to be treated nicely by his „neighbors“ 😉

Und ich würde ihm vielleicht sogar im Zweifel noch zugestehen, dass er damit nur Tatsachen wiedergeben wollte, aber dieser Smiley dahinter lässt das doch eher unplausibel erscheinen. Wir finden diesen Gedanken oft genug auch anderswo, in Filmen zum Beispiel, und er scheint mit der Realität zu korrelieren:

Die USA haben in ihren Justizvollzugsanstalten offenbar ein Problem, die hohe Zahl an Vergewaltigungen in den Griff zu bekommen. Und nicht nur in geschmacklosen Kommentaren, sondern oft genug auch in Filmen und Literatur wird uns diese traurige Tatsache oft als gute Nachricht präsentiert.

Ich denke, ich werde demnächst sowieso noch mal einen Beitrag über unser Strafrecht und unser Vollzugssystem schreiben, aber das schon mal vorab, weil es gerade so gut passt: Diese Einstellung macht mich krank. Wer es für eine gute Sache hält, dass Menschen in Gefängnissen vergewaltigt werden, wer es ihnen wünscht, und wer öffentlich darauf hinweist, um andere darüber hinwegzutrösten, dass unsere Strafen angeblich nicht hart genug für bestimmte Taten sind, der gehört geohrfeigt hat nicht verstanden, was der Zweck eines Rechtsstaates ist, was der Zweck eines rationalen aufgeklärten Strafrechts sein sollte, und der ist ethisch offenbar über „Zahn um Zahn“ noch nicht hinaus gekommen.

Aber kehren wir zum Abschluss kurz noch mal zum Thema zurück: Der eine oder andere mag sich fragen, warum ich hier einen pädophilen (mutmaßlichen) Straftäter verteidige, obwohl doch der Schutz unserer Kinder viel wichtiger ist. (Naja. Eigentlich hoffe ich, dass meine Leser klug genug sind, um meine Hoffnung zu rechtfertigen, dass sich tatsächlich nur die eine das fragt, aber wer weiß sowas schon vorher genau?) Die Frage will ich gerne noch beantworten: Ich glaube nicht, dass wir Kinder schützen, indem wir Pädophile dämonisieren, hassen und aus unserer Gesellschaft ausgrenzen. Denn dadurch zwingen wir sie, sich verborgen zu halten, und bestrafen sie dafür, mit anderen über ihr Problem zu reden und sich bei Bedarf die Hilfe zu verschaffen, die sie brauchen, um mit ihrer furchtbaren Neigung zu leben, ohne ihr nachzugeben. Und ich halte es für einen wesentlich besseren Schutz für Kinder, Pädophilen diese Hilfe und Unterstützung zu geben und sie in unsere Gesellschaft zu integrieren. Das gilt sogar für diejenigen unter ihnen, die bereits auf die eine oder andere Weise straffällig geworden sind, denn was ist eine Gesellschaft wert, die in dem Versuch, ihre Kinder zu schützen, den Rechtsstaat und letztlich ihre Menschlichkeit preisgibt?