Das schöne Gesicht der SZ

23. April 2017

Jemand bei Twitter hat mich dankenswerterweise auf einen sehenswerten Kommentar von Heribert Prantl hingewiesen. Der Kommentar illustriert tatsächlich sehr treffend das Elend Heribert Prantls politischer Kommentare in der öffentlichen Debatte, und falls es euch zu nervig ist, das jetzt als Video anzuschauen, fasse ich es euch gerne mal in Textform zusammen:

(Kauft alles von Aral!) Die AfD war immer gemein zu Migranten. Jetzt sieht man, dass ihre Mitglieder auch zueinander gemein sind. Das sind nämlich böse Leute. Na gut, die Mitglieder anderer Parteien sind genauso gemein zueinander. Aber das ist bei denen schon lange so, deshalb ist es da nicht so böse, und schadet auch weniger. Ich finde Frauke Petry hot, und wenn sie geht, verliert die AfD diesen wichtigen Hotness-Bonus. Aber Frauke Petry ist auch böse und selbst Schuld, deswegen sollte man sie nicht als Mensch sehen und auf Empathie verzichten. Auch wenn sie hot ist. Die AfD hat immer von Angst profitiert. Aber jetzt geht es mit ihr zu Ende. Weil sie internen Streit hat. Wie andere Parteien auch. Mit denen es trotzdem nicht zu Ende geht. Aber mit der AfD bestimmt. Wir Zeitungskommentatoren wissen sowas. Wir können nämlich voll gut prognostizieren, wie rechtspopulistische Bewegungen keine Chance haben mit ihrer Hassbotschaft. Hat doch bisher auch super geklappt. Voll schön, oder?

Na gut, die letzten vier Sätze spricht Prantl streng genommen nicht aus. Aber ich finde, wer sie nicht während des ganzen Videos ganz laut aus dem Subtext brüllen hört, der hat nicht richtig aufgepasst.

Oder wie seht ihr das?


Vom Mutigsein

12. Februar 2017

„Lasst uns mutig sein“, beendet [Steinmeier] seine erste Rede als gewählter Präsident. „Dann ist mir um die Zukunft nicht bange.“

Wie ihr vielleicht schon mitbekommen habt, ist mir das mit dem Mutigsein sowieso schon nicht ganz klar, und gerade im Zusammenhang mit einer Bundespräsidentenwahl kommen mir derlei Formulierungen immer besonders absurd vor, weil ich jede solche als ein Fanal der Mutlosigkeit von allen Seiten empfinde, solange keine der Beteiligten es über sich bringt, diese immer noch übliche ehrfurchtsvolle Untertanenhaltung fallen zu lassen und über das unwürdige Spektakel so zu berichten, wie es angemessen wäre, nämlich weit hinten an unauffälliger Stelle, und möglichst spöttisch. Aber ich schätze, darüber können wir lange streiten, und ich bin gerade gar nicht so streitlustig, deswegen setze ich den Fokus dieses Posts mal woanders hin, wo wir mutmaßlich einen Konsens erreichen, nämlich darüber, dass Thorsten Denkler beim Verfassen seines Beitrags für die Süddeutsche Zeitung anscheinend der Mittextremismus soweit durchgegangen ist, dass er die Kontrolle über seine Denk- bzw. Schreibprozesse großteilig verloren hat. Von der oben zitierten Stelle leitet er nämlich über zu:

Wir [sic] schwer das manchen fällt, zeigt sich zwei Stunden zuvor, als Bundestagspräsident Norbert Lammert in seiner Eröffnungsrede seinen Dank an den scheidenden Bundespräsidenten Joachim Gauck richtet. Sofort brandet spontaner Beifall auf. Irgendwann stehen alle. Alle, bis auf die Entsandten von AfD und Linken.

Und obwohl ich sicherlich äußerst unverdächtig bin, zu einer dieser beiden Gruppen besondere Sympathie zu hegen, regt sich in diesem Moment doch ein bisschen davon, und ich denke: Immerhin. Herr Gauck ist zwar sicher nicht der schlimmste Mensch der Welt, aber ich wüsste auch nicht, womit er stehenden Applaus verdient hätte, und ich finde, man entwertet diese besondere Beifallsbekundung, wenn man sie an so Leute wie Bundespräsidenten vergibt.

Herr Denkler sieht das anders, und zwar, wie ich finde, wirklich spektakulär originell anders:

Es war ist [sic] merkwürdiges Bild, wie sich da diese beiden Parteien am linken und rechten Rand des politischen Spektrums in der Abneigung zu Gauck vereint zeigen. Sie sind offenbar nicht mal mutig genug, sich aus purer Höflichkeit von den Plätzen zu erheben.

Alter.

Herr Denkler.

Ist es jetzt in Ihren Augen wirklich schon so weit, dass wir unter „mutig“ verstehen, sich so wie alle anderen zu verhalten, nicht aus der Reihe zu tanzen, sich „aus purer Höflichkeit“ dem Gruppenzwang zu beugen und Begeisterung zu heucheln für eine Sache, der man ablehnend bis feindlich gegenüber steht?

Ich will nicht unken, aber ich habe den Verdacht, dass das durchaus die Art Mut sein könnte, an die auch Herr Steinmeier in seiner Rede gedacht hat.

Aber ich hoffe, dass ich ihm Unrecht tue, und dass wir jedenfalls der derzeit doch eher nicht nur strahlend aussehenden Zukunft mit einer anderen Haltung entgegentreten, die meinetwegen nicht mal übermäßig mutig sein muss, aber doch bitte auch nicht so duckmäuserisch, angepasst, unkritisch und mitläuferisch wie manche – Ja, SZ, dich guck ich an! – es sich anscheinend wünschen. Ich würde jedenfalls ganz gerne in einer Gesellschaft leben, in der es als okay und manchmal geboten gilt, sitzen zu bleiben, auch wenn alle anderen stehen, und in der man aufrichtig sagt, wenn man Kasperkram für Kasperkram hält, und sich dafür entscheiden kann, ihn nicht mitzumachen, ohne dafür öffentlich als Feigling beschimpft zu werden.


Das Amtsgericht Wunsiedel hat ein Urteil gefällt, das richtig ist.

18. November 2016

Wie oft hat man die Chance, einen Blogbeitrag so zu beginnen? Na gut, grundsätzlich wohl jeden Tag, aber selten geht es um so ein brisantes Thema wie diesmal. Hoffe ich für das Amtsgericht Wunsiedel.

Das Urteil gegen einen fränkischen Metzger ist gefährlich

titelt die Süddeutsche Zeitung, und auch das kommt wahrscheinlich nicht so häufig vor, aber vielleicht wollt ihr ja jetzt auch irgendwann mal endlich erfahren, worum es eigentlich geht: Der Metzger hatte (mutmaßlich, es steht da nicht ausdrücklich) an der Tür seines Ladens ein Schild mit der Aufschrift „Asylanten müssen draußen bleiben“ aufgestellt, mit einem Bild eines Hundes daneben. Dafür wurde er zu einer Geldstrafe wegen Volksverhetzung verurteilt.

Ist das jetzt richtig oder gefährlich, oder beides? Lasst es uns rausfinden!

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Meinungsdiktatur

21. Oktober 2016

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Manche Sachen werden schlimmer, wenn sie nicht so schlimm sind. Wisst ihr, was ich meine? Also, weniger aphoristisch sollte man vielleicht sagen: wenn sie nicht so schlimm erscheinen. Zum Beispiel Donald Trump. Der wäre vermutlich noch schlimmer, wenn er ein bisschen charismatisch wäre, ein bisschen subtil, ein bisschen weniger offensichtlich unpräsidiabel, oder wie man das nennt. Wenn er raffinierter wäre.

Und unter anderem deshalb fand ich diesen Artikel von jetzt.de besonders schlimm. Weil er eben nicht in PI-Manier so richtig draufhaut und geifernd auf die bekloppten Correctness-Nazis schimpft, sondern so tut, als wäre er ganz vernünftig, und wohlwollend, und nur ein bisschen besorgt wegen einer Entwicklung, die doch nun wirklich zu weit gegangen ist, mal ehrlich, oder? Und das mit der Besorgtheit ist ja nicht umsonst ein bisschen in Verruf geraten. Der Artikel heißt

Die Meinungsdiktatur der Linken

und er wird angekündigt mit dem Teaser

An Unis in den USA schlägt politische Korrektheit in Zensur um. Wer dort genauer hinschaut, versteht auch den erbitterten Wahlkampf besser.

Seht ihr, was ich meine? Also, ja, das ist natürlich jetzt gar nicht so subtil, wie ihr vielleicht dachtet, aber es ist ja auch nur der Anreißer. Und ich hab ja auch gesagt, dass es schlimm wird. Also schmiert euch ein bisschen Menthol unter die Nase und folgt mir in den Sumpf der Political-Correctness-Kritik von Nadja Schlüter für jetzt.de.

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Politische Verrohung

9. Oktober 2016

Es ist schon vier Tage her, dass ich entschied, lieber keinen Post über Heribert Prantls Kommentar

Eine Minderheit darf Deutschland nicht hässlich machen

zu schreiben. Aber wie das so geht, hat eine Verkettung von an sich nicht besonders erheblichen Ereignissen dazu geführt, dass ich diese Meinung geändert habe. Mal sehen, ob das eine erfreuliche Verkettung war, oder eher nicht so.

Prantl beginnt eigentlich gar nicht so unangenehm. Den etwas sonderbaren Titel wollen wir nicht überdeuten, wahrscheinlich hat Herr Prantl nur aus Unachtsamkeit den Begriff „hässlich“ gewählt, statt eines passenderen, der weniger im ästhetischen Raum spielt und klarer macht, dass es ihm um ein gewaltbereites, feindseliges Klima der politischen Debatte geht und nicht um seine persönlichen Vorstellungen von Schönheit. Wir können von jemandem in Herrn Prantls Position nicht erwarten, dass er sowas problematisiert. Deshalb halten wir uns mit der Analyse dieser Wortwahl nicht auf und freuen uns, dass er mit etwas immerhin Friedlichem beginnt, nämlich Überlegungen zu Lichterketten und zu seinem Bedauern, dass man davon zuletzt nicht mehr viele sieht.

Darauf schildert er knapp an konkreten Beispielen die unerfreuliche Situation:

Ein dunkelhäutiger Mann, der zum Gottesdienst ging, wurde mit Affenlauten begrüßt; die politischen Repräsentanten der Bundesrepublik mit „Hau ab“ und zotenhaften Beleidigungen. Der Dresdner Politikwissenschaftler Hans Vorländer sprach von der „hässlichen Fratze der Politikverachtung“. Die Frau des sächsischen Wirtschaftsministers brach angesichts der aggressiven Flegeleien in Tränen aus.

Auch bis dahin habe ich noch keine nennenswerten Einwände, bestenfalls so Kleinkram wie dass die Frau des sächsischen Wirtschaftsministers vielleicht nicht das nächstliegende Beispiel für eine Person gewesen wäre, die unter der ekligen Stimmung zu leiden hat.

Aber dann, wenn Herr Prantl dazu übergeht, uns sein Konzept gegen jene Stimmung vorzuschlagen, dann wird es schnell unerfreulich für mich. Denn was ihm einfällt, ist … joa… nicht unbedingt auf dem Niveau von Lichterketten.

Die bösartige Verächtlichmachung „des Systems“ – das ist die Demokratie – hat rasende Fortschritte gemacht. Der Pegida-Anführer wurde für seine Hasspredigten trotz seiner Vorstrafen bisher nur zu Geldstrafen verurteilt. Das ist nicht Spezialprävention, das ist nicht Generalprävention; das ist beinahe eine Ermunterung. Die Menschenwürde, von Hassbürgern getreten, braucht aber Hilfe, auch von den Strafgerichten.

Und so allmählich fange ich doch an, mich zu fragen, ob das alles Zufall ist. Ob die vielen Kleinigkeiten nicht vielleicht doch eine Haltung verraten, die uns zu denken geben sollte. Herr Prantl will über Hass gegen Migranten schreiben, und über die Stimmung, die die AfD sich zunutze macht. Und was ihm dazu einfällt, ist (neben dem einen dunkelhäutigen Mann, den will ich nicht unterschlagen): Die Frau des sächsischen Ministerpräsidenten, die Verächtlichmachung „des Systems“, ein für Frau Merkel bestimmter Galgen, und dass diese Minderheit doch unser schönes Land nicht hässlich aussehen lassen soll. Was er nicht erwähnt: (Heute) brennende Flüchtlingsheime, physische Gewalt gegen Migrant(inn)en, die Bemühungen zum Beispiel der CSU als großer Mainstreampartei um Abwehr geflüchteter Menschen. Wenn man seinen Text liest, könnte man den Eindruck gewinnen, die AfD und die Gesinnung, für die sie steht, seien vor allem ein Problem für die Gefühlswelt und das Selbstbewusstsein unserer politischen Führungsriege. Die sind sicher auch schützenswert und auch Menschen, aber ich finde die Prioritäten merkwürdig gesetzt. Aber wie gesagt, vielleicht überinterpretiere ich da was. Weiter zu meinem Kernproblem:

Zwar schreibt Prantl am Anfang was von Lichterketten und friedlichem Protest und so, aber die Lösung, die er dann fordert, ist Gewalt. Wegsperren. Strafen. Und die Leute, die er für das Leid von Frau Merkel verantwortlich sieht, nennt er Hassbürger. Ja, gut, das ist ein kleines Spiel mit dem nicht ganz so pejorativen Begriff „Wutbürger“, schätze ich. Aber es ist trotzdem in meinen Augen eine unnötig persönliche Herabwürdigung von Leuten, und eine Tendenz die mich übrigens auch im Umgang mit Trump immer wieder nervös macht.

[Pardon, schon wieder kleiner Exkurs:] Was Trump und die AfD und solche Leute sagen, ist schlimm, und gefährlich, und widerlich. Keine Frage. Da gibt es sehr viel zu kritisieren. Hass gegen Migrant(inn)en, überhaupt gegen alles Fremde, und dabei auch Geringschätzung von Frauen, bei Trump ganz offensichtlich, und bei der AfD-Truppe auch oft, in Form von „unsere Frauen“, und in der Burka-Debatte, und so weiter. Aber viel zu oft wird nicht das kritisiert, oder zumindest nicht nur das, sondern es wird auch mit diesem ekligen Klassendünkel vermischt, mit einer Verachtung für Menschen, die sich nicht in die so bequem eingerichteten Rituale und Gepflogenheiten einfügen, und das wiederum rechtfertigt dann aus Sicht der Betroffenen das Gefühl, „die da oben“ wollten ja nur in Ruhe weiter ihre Kaviarhäppchen knabbern. Ich weiß gerade auch aufrichtig nicht, ob Trump plötzlich sogar für Republikaner offiziell inakzeptabel geworden ist, weil er Frauen verachtet (was ja nun wirklich nicht neu war), oder weil jetzt mal jeder hören konnte, wie er „Bitch“ und „fuck“ und „Pussy“ gesagt hat. Das finde ich schade, weil wir das meiner Meinung nach klar trennen sollten, aus vielen Gründen. Wenn wirs nicht tun, stärken wir nämlich dieses „Wir gegen die“-Weltbild dieser Leute, wir wiegen uns in unverdienter Selbstgerechtigkeit, und wir verwässern auch die Problematik von Sexismus und Fremdenhass und so weiter. Find ich. [Exkurs Ende. Und jetzt aber wirklich zum Kern der ganzen Sache.]

Nein, Schmähungen gehören nicht zur Meinungsfreiheit. Ja, das Wort „Volksverräter“ ist ein hetzendes und strafbares Wort.

Und – ich verspreche, das ist das letzte Mal, das ich das mache – jetzt allmählich verdichten sich doch nun wirklich die Indizien, dass an Herrn Prantls Perspektive einfach was verzerrt ist. Wir alle müssen nur Facebook oder Twitter aufmachen und finden dann ganz leicht explizite Aufforderungen, Konzentrationslager wieder zu eröffnen, und ihm fällt als Beispiel „Volksverräter“ ein? Das verrät doch auch was über ihn und seine Prioritäten, oder meint ihr nicht?

Und denkt er im Ernst, die Ressourcen der Polizei und der Strafgerichte wären sinnvoll eingesetzt, wenn jede Formulierung auf dem Niveau von „Volksverräter“ verfolgt würde? Das ist sein Vorschlag in dem Artikel, den er einleitet mit

Es stimmt nicht, dass gegen die politische Verrohung kein Kraut gewachsen ist.

?

Und das ist anscheinend auch alles, was ihm einfällt. Den Abschluss seines Artikels bildet ein Aufruf an den Gesetzgeber, Beleidigungen auch dann zu verfolgen, wenn niemand Beleidigtes Strafantrag stellt, und die sowohl inhaltlich als auch stilistisch missglückte Dam-dam-daaah-Wendung

Es gab schon eine Weimarer Republik. Eine Dresdner Republik muss ihr nicht folgen.

Das finde ich traurig. Ich bin kein Fan von Herrn Prantl, aber sogar von ihm hätte ich bessere Ideen erhofft als die Forderung nach mehr und härteren Strafen für Leute, deren Meinung er inakzeptabel findet. Das heißt nicht, dass ich finde, es sollte gar keine Grenzen geben. Wenn jemand klar und ernsthaft zu Straftaten aufruft zum Beispiel, wie das zurzeit ja gar nicht so selten vorkommt, finde ich es überhaupt nicht abwegig, dass dagegen auch die staatlichen Organe vorgehen. Aber was Herr Prantl fordert – „Die einschlägigen Paragrafen heißen: Beleidigung, üble Nachrede, Verunglimpfung des Staats, Volksverhetzung“ -, das ist erbärmlich. Ich habe ja bekanntlich sowieso mein Problem mit dem Straftatbestand der Beleidigung, insbesondere gegenüber abstrakten Konzepten wie dem Staat, aber im Ernst zu glauben, eine ganze politische Strömung mit ihrer eigenen Ideologie könnte man einfach wegstrafen, finde ich ziemlich unfassbar. Ja, sicher, ich kann jemandem so lange jedes Mal aufs Maul hauen, wenn er was sagt, was mir nicht gefällt, bis er sich das nicht mehr traut. Aber das wird ihn weder davon abhalten, es weiterhin zu denken, noch davon, es weiterhin zu sagen, wenn ich es nicht höre. Wenn ich das erreichen will, muss ich ihn wirklich überzeugen. Das ist natürlich schwerer, und es lässt sich nicht einfach verordnen, sondern erfordert viel Anstrengung sowohl von Medien wie dem, für das Herr Prantl arbeitet, als auch von Politikerinnen, als auch von uns allen. Aber kann irgendjemand im Ernst glauben, dass es einen anderen Weg gibt? Kann irgendjemand im Ernst glauben, dass eine Partei, die bereits mit deutlich zweistelligen Wahlergebnissen in Landesparlamente eingezogen ist, sich noch sinnvoll mit den Mitteln des Strafrechts bekämpfen lässt? Insbesondere, wenn die Unterdrückung durch die herrschende Klasse zu den Erfolgskonzepten ihrer Propaganda gehört? Insbesondere, wenn wir bedenken, wie gut die gewaltsame Unterdrückung nicht genehmer Meinungen sich in anderen Situationen in diesem und anderen Ländern bewährt hat?

Wie gesagt, es kann und sollte wahrscheinlich durchaus irgendwo Grenzen geben, und insbesondere außerhalb strafrechtlicher Sanktionen sollten wir alle gründlich darüber nachdenken, welche Äußerungen wir von anderen akzeptieren. Mit Gewalt gegen Leute vorzugehen, die unseren Staat und seine Funktionäre mehr oder weniger beleidigen, das halte ich für eine unangemessene Reaktion, die vielleicht sogar eher geeignet ist, das Feuer noch weiter anzufachen.

Und was denkt ihr?


Wir machen das so lange, bis es alle verstanden haben

12. August 2016

Ich weiß, ich hab schon öfter über das Verbot der Verschleierung geschrieben. Aber solange die Süddeutsche Zeitung noch an prominenter Stelle bizarr dumme Artikel zu dem Thema veröffentlicht, ist meine Aufgabe offensichtlich nicht getan. Ans Werk also.

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Wahrscheinlich imaginäre Zusammenhänge

24. April 2016

Ich schreibe hier ja zurzeit nicht viel. Ich weiß nicht, ob ihrs bemerkt habt. Jedenfalls sind mir sogar immer wieder Sachen über den Weg gelaufen, bei denen ich sowas dachte wie hmmm, das ist ja eigentlich tolles Material, aber andererseits ist es gewissermaßen schon wieder zu toll. Wisst ihr, was ich meine? Sowas wie dieses hier:

Eine Entscheidungen wie die Abschaffung eines Strafparagrafen brauche jedoch eine Phase des Nachdenkens und der Abwägung, sagte Gauck dem Deutschlandfunk. Mit Blick auf den ebenfalls im Strafgesetzbuch verankerten Schutz des Bundespräsidenten vor Verunglimpfungen sagte er, vielleicht vermittle die bestehende Rechtsordnung eine Ahnung von dem Respekt, den man einander in der Demokratie schuldig sei.

Zeug, das sich ohnehin schon so liest, als wäre es direkt aus The Onion, und zu dem man auch beim besten Willen nichts mehr hinzufügen kann, was es noch unterhaltsamer machen würde.

Oder man könnte halt der siebenhundertvierzehnte sein, der schreibt, dass man darüber eigentlich echt nicht so viel schreiben müsste.

Aber jetzt gerade hab ich gedacht, eine Idee hätte ich, die ich so noch nicht gesehen habe, und die ich euch mal präsentieren will, in dem Bewusstsein, dass es daran liegen könnte, dass sie einfach ein bisschen dämlich ist, aber der Gedanke verfolgt mich, und für genau diese Gedanken ist dieses Blog ja … Schon gut, ich fang jetzt an. Also:

Die Erdoğan-Affäre. Ganz kurz, weil ja vielleicht die eine oder der andere von euch sich für meine Meinung interessiert: Böhmermann kann ich bekanntlich eh nicht leiden, sein Gedicht ist rassistisch und überhaupt furchtbar -istisch und mies, und seine Vor- und Nachrede macht das kaum besser, und vor allem gönne ich ihm halt einfach die Aufmerksamkeit nicht, die er sich damit erklassenclownt hat, weil die bei anderen Themen viel mehr gebraucht worden wäre. Die Abschaffung von §103StGB ist natürlich keine schlechte Idee, aber warum redet (meiner Wahrnehmung nach) denn NIEMAND darüber, dass man dann konsequenterweise auch gleich alle Beleidigungstatbestände abschaffen sollte, zum Beispiel den, der unser das deutsche Staatsoberhaupt speziell schützt, oder gleich überhaupt jeden? Wenn wir schon mal dabei sind?

Das „Satire darf alles“-Gebrüll weckt bei mir immer gewisse unangenehme Assoziationen, eben weil es so spezifisch ist. Warum darf denn ausgerechnet Satire alles, wenn doch sonst nichts und niemand alles darf, und was ist eigentlich Satire? Ich will keiner einzelnen Person sowas unterstellen, aber die Debatte in ihrer Gesamtheit erweckt bei mir den Eindruck, als ginge es nicht darum, dass die deutsche Gesellschaft plötzlich ihre Leidenschaft für Meinungsfreiheit entdeckt hätte, sondern eher … Naja. Wenn ich gemein sein will: Darum, dass wir überhaupt nicht einsehen, dass irgend so ein Kanake einen von uns anzeigen darf, nur weil wir ihn einen Ziegenficker nennen, denn bei uns gilt ja schließlich das Grundgesetz, hat der anatolische Analphabet davon nix gehört? Wäre ja noch schöner, das ist immer noch unser Land hier, und hier entscheiden wir, was witzig ist!

Und wenn ich meinen inneren Böhmermann ein bisschen zügle, bleibt aber zumindest noch: Hey, der ist doch so charmant und originell und im Fernsehen und ich mag den doch, der darf doch nicht für einen dummen Witz bestraft werden, und schon gar nicht für einen über diesen Unsympathen da, der es doch so verdient hat!

Und der Verdacht, dass die Meinungsfreiheit an sich keinen großen Aufschwung erlebt, hat sogar eine Grundlage: Wir diskutieren parallel nämlich über ein Verbot sexistischer Werbung. Und das tun wir auf eine Art und Weise, der ich jedes Mal nur mit offenem Mund staunend zusehen kann, wenn mir ein Beispiel begegnet, weil … Wow. Gefühlte 86% aller Beiträge verkennen schon den grundlegenden Unterschied zwischen sexistischer Werbung und Werbung mit irgendwie erotischen Inhalten, und insgesamt scheint es vorrangig die eine Seite zu geben, die pauschal bestreitet, es gäbe überhaupt ein Problem mit Sexismus in der Werbung, und die andere, die dieses Problem zwar richtig erkennt, daraus aber ohne weitere Zwischenschritte schon die Rechtfertigung für ein Verbot herleiten will. So zum Beispiel:

Alle regen sich auf über das geplante Verbot von Sexismus in der Werbung. Dabei würde es weder Nacktheit verbieten noch die Meinungsfreiheit bedrohen.

Und darunter stehen dann bizarre Satzfolgen wie diese hier:

[Der Staat] hat auch nicht festzulegen, wie Werbetreibende Produkte bewerben.

Er kann und sollte jedoch regulieren, mit welchen Bildern und Slogans die Kaufentscheidung mündiger Verbraucher nicht beeinflusst werden darf. Genau das tut er bereits.

Hö? Äh… Also. Der Staat darf ganz selbstverständlich Werbetreibenden nicht vorschreiben, wie sie Produkte bewerben. Aber er sollte natürlich regulieren, welche Bilder und Slogans sie dabei nicht benutzen. Und das ist für die Meinungsfreiheit völlig unproblematisch, weil … es bereits stattfindet. Klar soweit?

Wie bitte? Was meint ihr? Warum ich euch erst ein Stück vom Böhmermann erzähle und dann plötzlich mit sexistischer Werbung um die Ecke komme? Naja… Schaut doch noch mal in die Überschrift. Ich finde, dass beide Debatten auf mehreren Ebenen zusammenhängen. Einmal geht es in beiden um die Meinungsfreiheit, und die zweite illustriert, dass die in Deutschland immer noch weitgehend nicht angekommen und verstanden ist, und beide zeigen ein Phänomen, das leider kaum explizit thematisiert wird, aber fast immer irgendwo mitschwingt und mich maßlos ärgert:

Es geht um die Hierarchisierung von Äußerungen. Was ein Böhmermann sagt, der Millionen Fans hat, kann doch unmöglich Beleidigung sein. Das ist Satire, und die darf alles, und folgerichtig darf Böhmermann als Satiriker alles. Und genauso bei der Werbung: Natürlich geht es uns nicht darum, Meinungsfreiheit einzuschränken. Nur bei Werbung, da machen wir Verbote. Weil es doch nur Werbung ist. Da gibts doch eh schon Vorschriften. Ist doch egal.

Wir stufen Äußerungen in mehr oder weniger schutzwürdige ein, und zwar eben nicht nach ihrem Inhalt, sondern danach, von wem sie kommen. Und gelegentlich finde ich sogar Beiträge, in denen das ganz dreist ausdrücklich steht. In der Zeit zur sexistischen Werbung etwa so:

In den Gedanken der Menschen bleibt Sexismus immer frei. In ihren Äußerungen lässt er sich auch nicht einhegen, aber immerhin zur Rede stellen. In der Werbung ließe er sich jedoch juristisch stellen und als das demaskieren, was er ist: eine unzulässige Diskriminierung.

Nils Pickert meint also, Sexismus lasse sich in Äußerungen von Menschen nicht einhegen, in der Werbung aber schon. Woraus zwanglos folgt, dass er Werbung und Äußerungen von Menschen für völlig diskrete Kategorien hält. Was etwas Bedenkliches über sein Weltbild verrät, wenn ihr mich fragt.

Und in der Böhmermann-Debatte habe ich bei Twitter zum Beispiel diesen interessanten Thread gefunden, in dem es um die (wenn auch wirr geäußerte) These geht, dass wenn ein Satiriker was macht, das schon seine Ordnung haben muss, dafür sei er ja schließlich Satiriker.

Und das ist in meinen Augen ein Problem. Ich finde, wir müssen uns entscheiden. Entweder darf jeder jeden einen Ziegenficker nennen, oder niemand niemanden. Oder zumindest brauchen wir klare, verständliche, möglichst schriftlich fixierte Kriterien dafür, wann man jemanden einen Ziegenficker nennen darf (zum Beispiel, wenn man vorher gesagt hat, dass man es eigentlich nicht darf?), und wann man dafür bestraft wird, und diese Kriterien sollten bitte nicht eine eigene Fernsehsendung beinhalten. Und ich finde, dass wir uns auch bei der anderen Frage ohne Ansehen der äußernden Person entscheiden müssen. Entweder ist Sexismus strafbar, oder er ist es nicht. Oder meinetwegen ist er auch nur unter bestimmten Voraussetzungen strafbar, aber das sollen dann auch wieder vernünftige sein. Warum ist Sexismus in der Werbung denn per se schlimmer als in einer Kabarett-Show oder in einer Glosse oder einem Blogpost?

Und trotzdem dachte ich noch, dass es eigentlich ein bisschen albern ist, das zu schreiben. Zu weit hergeholt. Zu selbstverständlich. Zu wenig Fleisch. Aber dann fand ich diesen Artikel in der Süddeutschen Zeitung, in dem es die Game-Of-Thrones-Fans geht, die drüber streiten, ob Jon Snow gestorben sein darf. Und ich finde, auch der illustriert das gleiche Problem, und zwar auf dermaßen unreflektierte und unverschämte Weise, das ich mich immer noch frage, ob ich was nicht richtig verstanden habe:

Der Aufschrei, der durch die Welt ging, nachdem die letzte Folge der fünften Staffel gestreamt worden war, war ein äußerst vermessener. Es ist dreist, eine kreative Entscheidung der Macher von fiktiven Produktionen zu kritisieren. Es ist eine Unverschämtheit gegenüber den Autoren, die sich über Monate und Jahre eine Story überlegen, die in sich schlüssig, aufregend und unterhaltsam ist.

Jeder Serienkonsument hat das Recht, kreative Entscheidungen infrage zu stellen. Es ist nur furchtbar lächerlich.

[…]

Abgesehen von der Anmaßung, die in der Kritik künstlerischer Entscheidungen steckt, ist sie auch schon aus eigenem Interesse Unsinn. Was wäre denn, wenn sich Macher nun entschieden, jedem Shitstorm, den das Internet heute heraufbeschwört, nachzugeben? Protagonisten würden überleben, Jon Snow säße auf dem Thron, wäre mit Daenarys verheiratet und würde mit seiner Drachen-, Dothraki-, Unsullied-Armee die White Walker aus der Welt pusten, bevor sie Winterfell erreichen können.

Robert Hofmann – übrigens 1987 geboren, das macht es für mich vielleicht noch ein bisschen schlimmer – erklärt hier als Repräsentant einer großen Tageszeitung deren Leserinnen die Welt, wie er sie ja offenbar in seiner Ausbildung und Arbeit dort zu sehen gelernt hat: Es gibt die, die Medien produzieren, und es gibt die, die Schnauze zu halten haben, und zu fressen, was erstere ihnen hinkippen. Und natürlich dürfen sie deren Entscheidungen infrage stellen. Aber es ist furchtbar lächerlich, wenn sie es tun, denn damit verkennen sie nicht nur die ihnen zugewiesene Rolle in der Welt, sie tun sich auch selbst keinen Gefallen, weil sie zu blöd sind zu wissen, was sie wollen.

Und deswegen finde ich es gerechtfertigt, diese drei Debatten in einen Beitrag zusammenzufassen. Nicht nur, weil jede einzelne davon nicht genug hergibt für mich, sondern auch, weil sie alle gemeinsam – natürlich nicht ausnahmslos – ein Prinzip ignorieren, von dem ich mir wünschte, es wäre selbstverständlich: Äußerungen sind nach ihrem Inhalt zu bewerten, und nicht danach, woher sie kommen. Und weil die Teilnehmerinnen es unter anderem deshalb nicht schaffen, eine wirklich rationale Debatte zu führen, sondern größtenteils aneinander vorbei reden bzw. –schreien, wie unsere öffentlichen Debatten das so gerne tun.

Oder was meint ihr?