Restebloggen (98)

10. September 2013
  1. I’m not sure whose idea this was originally, but I like it.
  2. Australia, meanwhile, has raised its security level from “No worries” to “She’ll be right, Mate.”  John Cleese berichtet über die aktuellen Bedrohungseinstufungen aus dem Krieg gegen den Terror. [via theophil]
  3. Falls jemand noch einen guten Grund brauchte, nicht die Linke zu wählen:
    Freche Frauen wählen Links
  4. „Teilnehmer nimmt den Anruf nicht entgegen.“ Verdammt noch mal, T-Mobile, was denkst du dir eigentlich? Die Situation ist doch die: Ich komme gerade irgendwo raus, wo ich nicht ans Telefon gehen wollte oder konnte und sehe, dass ich 18 Nachrichten auf meiner Mailbox habe. Ich rufe die Mailbox an, höre die erste Nachricht und drücke auf 7, um den Anrufer zurückzurufen. Es klingelt zweieinhalbmal, und dann sagst du mir: „Teilnehmer nimmt den Anruf nicht entgegen.“ Natürlich tut er das nicht! Er hatte keine Chance, wenn er das Telefon nicht sowieso gerade in der Hand hatte, und den Finger auf der Anruf-Annehmen-Taste! Und dann spielst du mir die nächste Nachricht vor. Glaubst du, ich weiß dann 17 Nachrichten später noch, dass ich den ersten nicht erreicht habe, worum es ging, und dass ich den dann später noch mal versuchen muss, nicht, dass ich seine Nummer hätte, ich muss mir also die Nachricht noch mal anhören, um sie mitzuschreiben. Das ist so unpraktisch, dass ich es kaum in Worte fassen kann. Kostet es dich was extra, wenn es länger klingelt, oder was hat dich zu dieser merkwürdigen Regelung getrieben?
  5. Passend zu meinem letzten Beitrag hat auch The Oatmeal sich zum Einsatz chemischer Waffen in Syrien geäußert.
  6. Casual Lounging war gestern.
  7. Für alle, die sich schon immer gefragt haben, was im Kopf dieser Menschen vorgeht, die immer über den Lebkuchen im Supermarkt im August schimpfen, oder die schon lange eine gründliche und kontroverse Befassung mit der Frage, ob das sein muss, in einer überregionalen Tageszeitung vermisst haben, hat die FAZ jetzt ein unschlagbares und zweifellos zu recht spezialgesetzlich leistungsgeschütztes Angebot: Pro & Contra jetzt schon Lebkuchen – muss das sein?
    Geschmackspröbchen inklusive peinlichem Klammersetzungsfehler: „die Anhänger des frühherbstlichen (oder gar des Ganzjahreslebkuchens) verkennen schlicht das Glück, das in der zeitweiligen Entbehrung steckt.
    Ich würde zu Gunsten der Autorin unterstellen, dass sie das nicht ganz ernst meint, aber falls dem so sein sollte, ist ihr Beitrag zumindest erschütternd unlustig geraten.

Menschen wie Ungeziefer

4. September 2013

Implizit findet man es ja oft, aber selten sagt es jemand so deutlich wie Ulrich Ladurner in seinem Blogpost zur beabsichtigten Intervention der USA in Syrien auf Zeit Online:

Es ist ein wesentlicher Unterschied, ob Menschen durch Giftgas getötet werden oder durch konventionelle Waffen. 

Dafür gebührt ihm grundsätzlich einmal Dank. Aber auch Widerspruch. Zumindest teilweise. Denn ein ganz gut haltbares Argument verbirgt sich durchaus in seinem Post.

Der Einsatz von Giftgas ist aus gutem Grunde durch eine Reihe von internationalen Abkommen verboten.

Wie gut die Gründe sind, kann ich mangels detaillierter Kenntnisse der Wirkungen verschiedener Waffensystem nicht beurteilen, aber es gibt jedenfalls diese Abkommen zur Kontrolle von Massenvernichtungswaffen, und sie durchzusetzen, ist sicher irgendwie eine gute Idee, weil … Kontrolle von Massenvernichtungswaffen. Das muss man nicht erklären, oder?

Da hätte er einen Fuß, auf dem er stehen könnte. Aber leider stellt er sich nicht drauf. Er stellt sich auf den anderen, den tönernen. Nett, wie ich die Metapher hier benutze, oder? Also, ich finds nett.

Dieses Kampfmittel ist dazu entwickelt worden, alles Menschliche auszulöschen, egal ob es Soldaten oder Zivilisten sind.

Ganz anders als konventionelle Projektile, Bomben und Messer, mit denen man bekanntlich nur die Sorten von Menschen auslöschen kann, deren Auslöschung okay ist, welche auch immer das sein mögen, da geht er nicht so ins Detail.

Im Ernst: Ja, ich verstehe ja schon irgendwie den Unterschied. Giftgas kann man schwerlich gezielt einsetzen, wie das bei Projektilen und Messern prinzipiell mehr oder weniger möglich ist. Giftgas breitet sich mit Luftbewegungen aus, und wer genug davon einatmet, stirbt. Das unterscheidet es recht deutlich von einer Kugel und einem Messer, die ich gezielt gegen eine einzelne Person richten kann. Bei einer Bombe wird es schon schwieriger, denn auch die verteilt ihren Schaden einfach über ein bestimmtes, ungefähr abschätzbares Areal, ohne dass ich als Verwender irgendeinen Einfluss darauf habe, wen ich gerne ausgelöscht hätte und wen nicht. Und auch bei Giftgas kann man vorab ungefähr wissen, welches Gebiet es betrifft. Wahrscheinlich noch weniger genau als bei einer Bombe, aber es ist schon recht offensichtlich ein gradueller Unterschied, kein grundsätzlicher. Und sogar der gezielte Einsatz von Projektilen ist in Kampfsituationen anders als auf einem Schießstand oft eine eher theoretische Sache. Wenn wir über gut ausgebildete Spezialeinheiten und gründlich geplante Einsätze reden, mag das diskutabel sein, aber eine reale Armee im Häuserkampf in einer Stadt … Meine Erfahrungen als ehemaliger Wehrdienstleistender (Nicht, dass ich da mal einen echten Kampfeinsatz gesehen hätte, aber ich halte die Annahme für gerechtfertigt, dass es dabei nicht übersichtlicher zugehen wird als bei einer Übung.) decken sich da mit den Erzählungen und Berichten aus Krisengebieten: Auch Projektile und erst recht Bomben treffen öfter mal andere als die, für die sie bestimmt waren.

Nun sind graduelle Unterschiede nicht zu ignorieren, nur weil sie graduell sind. Giftgas verhält sich anders als eine Bombe verhält sich anders als ein Projektil. Das sollten wir bei ihrem Einsatz und dessen Bewertung angemessen berücksichtigen. Aber gerade diese Angemessenheit der Berücksichtigung vermisse ich bei Ulrich Ladurner, wenn er (das leider wieder nur implizit, aber meiner Meinung nach doch sehr deutlich) sagt, dass 1.500 Tote durch Giftgas natürlich viel entsetzlicher seien als 100.000 Tote durch konventionelle Waffen. Nun ist es natürlich sowieso so eine Sache, die Entsetzlichkeit verschiedener Anzahlen von Toden zu vergleichen, aber wer sich entschieden hat, tödliche Gewalt gegen andere einzusetzen, um seine Ziele zu erreichen, kommt um solche Abwägungen manchmal nicht herum. Und ja, manchmal kann das legitim sein.

Außerdem finde ich den Pathos und die Zweifelsfreiheit, mit der Herr Ladurner den Einsatz von Giftgas auf eine völlig andere Ebene hebt, schon bedenklich, weil er dadurch meines Erachtens die Verhältnisse aus dem Auge verliert und sich in einer unhaltbaren Argumentation verrennt:

Vor allem aber verletzt der Einsatz von Giftgas einen symbolischen Raum. Wer es in welchem Konflikt auch immer gebraucht, behandelt Menschen wie Ungeziefer.  Wer es einsetzt, hat den Gipfel der Unmenschlichkeit erreicht. 

Ich hoffe, ihr seht es mir nach, wenn ich dem jetzt selbst kurz ein bisschen Pathos entgegensetze: Wer in der Bewertung des massenhaften Tötens von Menschen das Hauptargument im symbolischen Raum sieht, der hat (Wow, schon wieder ein halbwegs gelungenes Wortspiel, ich bin in Form heute.) den Schuss nicht gehört. Unmenschlichkeit gegenüber anderen definiert sich nicht in der Wahl der Mittel ihrer Auslöschung. Extrembeispiel: Wenn ich zwanzig Menschen töte, indem ich ihnen in den Bauch schieße und dann zusehe, wie sie qualvoll verenden, ist das dann unmenschlicher, als wenn ich sie in einen Raum sperre und sie dann darin vergleichsweise schnell vergifte? Wenn ich mit Giftgas eine gegnerische Militärbasis vernichte und das so plane und ausführe, dass ich dabei keinen einzigen Zivilisten verletze und nur die Menschen töte, die ich halt töten muss, um mein militärisches Ziel zu erreichen, ist das unmenschlicher, als wenn ich es mit konventionellen Bomben so schlampig mache, dass dabei noch eine Grundschule in die Luft geht? Ist es unmenschlicher, jemanden zu vergiften, als sie mit einer Brechstange totzuprügeln?

Was ich mit diesen komischen Beispielen sagen will: Dass es nicht so einfach ist, wie Ulrich Ladurner es uns vorspiegelt. Nicht Waffen, nicht Gegenstände sind unmoralisch oder falsch. Sie können unterschiedlich gefährlich sein, unterschiedlich wirksam, unterschiedlich beherrschbar. Aber unterschiedlich moralisch sind sie nicht. Unsere Handlungen sind es, unser Umgang mit ihnen ist es.  Und wer das nicht versteht, der hat es schwer, den Unterschied zwischen Richtig und Falsch zu erkennen.

Nehmen wir Herrn Ladurner als Beispiel, einfach weil wir ihn eh gerade zur Hand haben:

Doch man kann nicht so tun, als sei Giftgas eine Waffe unter vielen. Wer das behauptet, der muss die Sache zu Ende buchstabieren: Der muss sagen, dass wir künftig in einer Welt leben werden, in der man Chemiewaffen ungestraft einsetzen kann.

Wer das Problem mit dieser Argumentation nicht auf Anhieb erkennt, versuche doch bitte mal, anstelle von „Giftgas“ und „Chemiewaffen“ etwas anderes einzusetzen wie „Gewehre“, „Bajonette“ oder „Schlagringe“.  Ist es zugunsten von Herrn Ladurner, wenn ich ihm unterstelle, dass ihm das wirklich nicht aufgefallen ist? Auch wieder gar nicht so einfach.