Hilmar Klute mags schmutzig

6. November 2017

Es gibt offenbar ein verbreitetes Missverständnis über den Wert und Sinn von Debatten. Das erkennt man nicht nur daran, dass sich seit dem Erstarken der AfD immer mal wieder Beiträge des Tenors „Schön, dass endlich mal wieder kontrovers politisch diskutiert wird!“ auftauchen, sondern auch an Beiträgen wie diesem von Hilmar Klute in der SZ:

Wer streiten will, muss sich auch schmutzig machen

Herr Klute meint, man sollte erst mal nachdenken, bevor man was zurückweist (natürlich mit der in reaktionären Beiträgen dieser Art obligaten kulturpessimistischen Formulierung „In der [X]gesellschaft wird [was gemacht, was ich für doof halte, und zwar IMMER NUR!!!]“), und demonstriert uns sogleich, wie mans macht, wenn mans falsch macht.

Wie offenbar auch unvermeidlich in Beiträgen, die unironisch das Konzept „politische Korrektheit“ zu kritisieren versuchen, hat er sich nämlich entschieden, einen Popanz aus den dümmstmöglichen Varianten dessen zu bauen, was er gerne öffentlich für uns zerlegen will, statt, wie sich das in vernünftigen Debatten gehört, sich mit einer sinnvollen Gegenposition auseinanderzusetzen. Das hat für ihn natürlich den Vorteil, dass er seine eigene Meinung nicht infrage stellen muss, schon klar, dieser Versuchung erliegt man ja leicht mal, aber ich finde es doch immer wieder schade, dass mehr oder weniger professionalle Redaktionen Leuten für derlei pseudonachdenkliche Masturbation Raum und Geld und womöglich noch sonstige Ressourcen zur Verfügung stellen, statt sich der von ihnen und ihren Vertretern doch immer so leidenschaftlich beschworenen Verantwortung zu stellen, einen sinnvollen Beitrag zur Meinungsbildung zu leisten. Besonders bedauerlich kommt hinzu, dass es ihm wie den meisten seiner Kameraden in dieser sonderbaren Beschäftigung nicht einmal gelingt, einen Strohmann zu bauen, mit dem er dann auch tatsächlich fertig wird. Stattdessen bekommt er selbst ordentlich das Fell voll.

Ein Gutes haben solche peinlichen Vorführungen dann ja zum Glück trotzdem immer: Man kann was daraus lernen, und das haben wir alle nötig, denn gute Debatten sind tatsächlich viel zu selten. Versuchen wir das doch mal.

Den Rest des Beitrags lesen »

Advertisements

Das Wechselspiel von Integration und Akzeptanz

28. August 2017

Ich las da kürzlich diesen dummen Artikel in der SZ, von dem ich dachte, dass ich mal was drüber schreiben könnte, wenn ich Zeit finde. War aber noch nicht sicher, weil ach, man liest so viele dumme Artikel in allen möglichen Zeitungen. Dann erwähnte aber auch ein Kommentator hier im Blog den Artikel, und ich dachte, ich sollte wohl wirklich. Und dabei fiel mir nun auf, dass sein Verfasser Tomas Avenarius hier schon einmal auffällig geworden ist, und damit ist ein kritischer Beitrag meinerseits unvermeidlich, wenn ich meinem Bildungsauftrag noch irgendwie gerecht werden will. Zur Sache also.

Schattenseiten des Glaubens

hat Herr Avenarius ausgemacht, und mir liegt sowas auf der Zunge wie dass gerade er ja wohl wissen muss, wo Leute ihre Schatten haben, aber ich will nicht gleich unnötig beleidigend werden, deshalb schauen wir uns den Artikel erst mal an. Danach kann ich ja immer noch beleidigend werden. Oder dabei. Mal gucken.

Den Rest des Beitrags lesen »


Das schöne Gesicht der SZ

23. April 2017

Jemand bei Twitter hat mich dankenswerterweise auf einen sehenswerten Kommentar von Heribert Prantl hingewiesen. Der Kommentar illustriert tatsächlich sehr treffend das Elend Heribert Prantls politischer Kommentare in der öffentlichen Debatte, und falls es euch zu nervig ist, das jetzt als Video anzuschauen, fasse ich es euch gerne mal in Textform zusammen:

(Kauft alles von Aral!) Die AfD war immer gemein zu Migranten. Jetzt sieht man, dass ihre Mitglieder auch zueinander gemein sind. Das sind nämlich böse Leute. Na gut, die Mitglieder anderer Parteien sind genauso gemein zueinander. Aber das ist bei denen schon lange so, deshalb ist es da nicht so böse, und schadet auch weniger. Ich finde Frauke Petry hot, und wenn sie geht, verliert die AfD diesen wichtigen Hotness-Bonus. Aber Frauke Petry ist auch böse und selbst Schuld, deswegen sollte man sie nicht als Mensch sehen und auf Empathie verzichten. Auch wenn sie hot ist. Die AfD hat immer von Angst profitiert. Aber jetzt geht es mit ihr zu Ende. Weil sie internen Streit hat. Wie andere Parteien auch. Mit denen es trotzdem nicht zu Ende geht. Aber mit der AfD bestimmt. Wir Zeitungskommentatoren wissen sowas. Wir können nämlich voll gut prognostizieren, wie rechtspopulistische Bewegungen keine Chance haben mit ihrer Hassbotschaft. Hat doch bisher auch super geklappt. Voll schön, oder?

Na gut, die letzten vier Sätze spricht Prantl streng genommen nicht aus. Aber ich finde, wer sie nicht während des ganzen Videos ganz laut aus dem Subtext brüllen hört, der hat nicht richtig aufgepasst.

Oder wie seht ihr das?


Das Amtsgericht Wunsiedel hat ein Urteil gefällt, das richtig ist.

18. November 2016

Wie oft hat man die Chance, einen Blogbeitrag so zu beginnen? Na gut, grundsätzlich wohl jeden Tag, aber selten geht es um so ein brisantes Thema wie diesmal. Hoffe ich für das Amtsgericht Wunsiedel.

Das Urteil gegen einen fränkischen Metzger ist gefährlich

titelt die Süddeutsche Zeitung, und auch das kommt wahrscheinlich nicht so häufig vor, aber vielleicht wollt ihr ja jetzt auch irgendwann mal endlich erfahren, worum es eigentlich geht: Der Metzger hatte (mutmaßlich, es steht da nicht ausdrücklich) an der Tür seines Ladens ein Schild mit der Aufschrift „Asylanten müssen draußen bleiben“ aufgestellt, mit einem Bild eines Hundes daneben. Dafür wurde er zu einer Geldstrafe wegen Volksverhetzung verurteilt.

Ist das jetzt richtig oder gefährlich, oder beides? Lasst es uns rausfinden!

Den Rest des Beitrags lesen »


weil er mehr Luxus will

16. März 2016

Ich lege gar keinen Wert drauf, das melodramatischste Blog mit überschaubarer Relevanz und Keksen zu sein (Wer die Anspielung erkennt, ist Premium-Fan und liegt mir besonders am Herzen.), und ich will gar nicht immer so tun, als ginge es immer gleich um nichts weniger als die Würde des Menschen an sich und die Zivilisation, wie wir sie kennen (Und ihr wisst, was jetzt natürlich kommen muss:), aber …

Es ist doch aus meiner Sicht ehrlich erschütternd, wie unsere großen Zeitungen, nicht mal nur die besonders konservativen, manchmal mit dem Konzept von Menschenrechten umgehen. Erschütternd nicht deshalb, weil ich von den Zeitungen viel erwarten würde, oder so, sondern weil es meines Erachtens zeigt, wie wenig dieses Konzept und insbesondere seine völlige Unabhängigkeit davon, ob wir jemanden als Menschen toll finden, wirklich in unserer Gesellschaft angekommen und verinnerlicht ist.

Was eigentlich los ist? Ach ja. Berechtigte Frage. Folgendes:

[Anders Breivik] sitzt im Hochsicherheitstrakt von Skien, hat keinen Kontakt zu anderen Häftlingen. Ihm stehen drei Zellen zur Verfügung, eine zum Leben, eine zum Studieren, eine zum Trainieren, so beschreibt es Regierungsanwalt Emberland in seiner Erklärung vor Prozessbeginn.

Breivik könne selbst kochen und seine Wäsche waschen. Er habe einen Fernseher, eine Playstation und Zugang zu einem Computer ohne Internet. Jeden Tag darf er auf den Hof an die Luft. Er habe Kontakt zum Gefängnispersonal und einem Priester sowie Telefon- und Briefkontakt zur Außenwelt.

[…]

Breiviks Anwalt Øystein Storrvik argumentiert, dass es die Briefzensur unmöglich mache, persönliche Beziehungen aufzubauen. Dies sei auch mit dem Gefängnispersonal nicht möglich. In den ersten beiden Jahren sei seine Mutter der einzige private Besuch gewesen, kurz bevor sie 2013 starb.

Auch er als sein Anwalt könne nur durch eine Glaswand mit dem Gefangenen sprechen. Breivik zeige „deutliche Isolationsschäden“, so Storrvik.

Soweit der Sachverhalt. Ich persönlich finde jetzt in Ermangelung jeglicher Sachkenntnis beide Positionen einigermaßen plausibel. Einerseits scheint der Mann ja wirklich gefährlich zu sein, er hat immerhin wohl 77 Menschen getötet und liegt damit klar über dem Durchschnitt der norwegischen Bevölkerung, wenn ich das richtig überblicke. Da scheinen gewisse Maßnahmen gerechtfertigt, um ihn davon abzuhalten, den alten Highscore zu brechen.

Wiederum andererseits kann ich mir auch gut vorstellen, dass es für einen Menschen nicht gut ist, wenn die einzigen Menschen, zu denen er persönlichen Kontakt hat, Vollzugsbeamte und ein Priester sind, sogar wenn dieser Mensch sich wohl als Christ sieht, wie das bei Herrn Breivik der Fall zu sein scheint. Die Überwachung seiner Fernkommunikation leuchtet mir durchaus ein, und ich finde das im Ergebnis wohl sogar verhältnismäßig, falls euch meine Einschätzung interessiert.

Aber darum geht es nicht. Mir geht es darum, wie die SZ mit der Sache umgeht. Wie sie Breiviks Anliegen darstellt. Und welche Einstellung dabei nicht nur durchscheint, sondern ziemlich klar die Haltung der Verfasserin Silke Bigalke prägt, weshalb sie sie direkt in die Überschrift gepackt hat:

Drei Zellen sind Breivik zu wenig

Der Massenmörder Anders Behring Breivik hat den norwegischen Staat verklagt, weil er mehr Luxus will.

Lisbeth Kristine Røyneland leitet die Unterstützungsgruppe für Angehörige und Opfer der Anschläge. Der Fall sei „absurd“, sagt sie, „wenn man bedenkt, was er getan hat“.

Seht ihr, was ich meine? Das ist nicht mehr nur grenzwertig, das ist widerlich. Das ist nicht mehr nur tendenziös, das ist unwahr und unaufrichtig, und es ist Hetze.

Der Bericht der SZ selbst gibt NICHTS von dem her, was in der Überschrift und dem Teaser steht. Breivik bzw. sein Anwalt fordert nicht mehr Zellen oder mehr „Luxus“. Es geht hier nicht darum, dass er statt einer PlayStation einen AlienWare-PC möchte, oder eine KitchenAid statt eines Moulinex-Rührstabs. Herr Storrwik trägt vor, dass sein Mandant durch seine unbestrittene Isolation psychische Schäden davonträgt, und fordert, dass der Staat Herrn Breivik ermöglicht, persönliche Beziehungen zu anderen Menschen aufzubauen. Man kann dazu geteilter Meinung sein. Wir alle können nicht beurteilen, ob das mit den psychischen Schäden stimmt. Man könnte möglicherweise sogar vertreten, dass er die halt hinnehmen muss, wenn anders als durch die Isolation die Sicherheit nicht gewährleistet werden kann. Andererseits muss man sich natürlich fragen, wie wir von einem Straftäter nach 21 Jahr (plus eventuelle Sicherungsverwahrung) Isolation erwarten wollen, sich jemals wieder in die Gesellschaft anderer Menschen einzuordnen. Ich verstehe ja nicht viel von sowas.

Aber wer jedenfalls diese Forderung in der Überschrift eines Zeitungsartikels so wiedergibt, wie die SZ es tut; wer so tut, als wären Kontakt zu anderen Menschen und psychische Gesundheit ein „Luxus“, der einem Massenmörder nicht zusteht; wer sich nicht mal den Anschein gibt, als würde es sie interessieren, ob die Haftbedingungen tatsächlich Breiviks Gesundheit schaden; wer das ergänzt mit der unkommentiert zitierten Bemerkung einer Opfervertreterin, schon die Forderung nach menschenwürdigen Haftbedingungen sei  wegen der begangenen Tat „absurd“, als hätte das eine irgendwas mit dem anderen zu tun; wer so handelt, zeigt damit, dass sie den Sinn des Rechtsstaats und den Wesensgehalt von Menschenrechten nicht verstanden hat; die zeigt damit eine Haltung, die das Gegenteil von dem ist, was ein Überlebender der Attentate der New York Times (deren Beitrag zur Sache übrigens auch ansonsten erheblich besser gelungen ist) sehr treffend sagte:

“I think it’s important that we give him this trial,” Mr. Ihler said. “It is a victory in itself for us, as a society, not for him. Even terrorists have human rights. We have to keep in mind, though, that even though he is just one man, he represents an idea that we need to combat.”

 


Schicksalsbewältigung im Sonderangebot

19. April 2015

Der Umgang von Leuten mit großer Trauer ist ja eine heikle Sache. Wenn wir Menschen verlieren, die uns nahe stehen, dann erschüttert, verändert das unser Leben, und stellt vieles infrage, was zuverlässig schien. Dieser Beitrag soll sich nicht über die Trauernden lustig machen. Er soll sie nicht angreifen, und er soll ihnen auch nicht vorgeben, wie sie mit ihrem Schmerz umzugehen haben.

Er soll aber sehr wohl kritisieren, verspotten und angreifen, was Matthias Drobinski für die SZ drüber geschrieben hat, und in geringerem Maß auch noch ein paar andere Sachen. Das ist leider schwer zu trennen, deswegen befürchte ich, dass es mir nicht gelingen wird, nicht auch zwischendurch mal was zu schreiben, was für betroffene Personen verletzend sein könnte. Ich versichere aber, dass ich es versucht habe, und für nützliche Hinweise dazu auch dankbar bin.

Jetzt aber los:

Ein Gottesdienst mit Kerzen, Gebet und Gesang macht die Welt nach der Germanwings-Katastrophe nicht wieder heil. Er klärt auch nicht, ob ein Flugzeugabsturz hätte verhindert werden können. Aber er gibt der Trauer eine rituelle Form – und gerade darin liegt sein Wert.

So der Teasertext und die Kernthese von Herrn Drobinski. Und wenn ihr wenig Zeit habt, könnt ihr jetzt aufhören zu lesen, denn man weiß eigentlich, was dann kommt. Aber falls ihr gerade eh ein paar Minuten über habt und euch nicht besser zu amüsieren wisst, dann folgt mir doch hinter den Trennbalken und lacht, weint und wütet je nach Disposition mit mir über diesen unerfreulichen Text.

Den Rest des Beitrags lesen »


gewichtige demokratische Argumente

9. August 2014

Johann Schloemann hat einen sehr merkwürdigen (und leider nicht mehr kostenlos zugänglichen) Text für die SZ geschrieben, und weil dies die Zentrale für die Kommentierung merkwürdiger Texte ist, hat koljazao mir vorgeschlagen, Johann Schloemanns merkwürdigen Text zu kommentieren, was ich nun mit Vergnügen und Verspätung zu tun gedenke:

Es ist falsch, die Vollverschleierung zu verbieten.

Prima, wir sind uns einig, schönen Abend no-

Dennoch gibt es gewichtige demokratische Argumente gegen Burka und Nikab.

Äh. Joa. Och. Ähm. Ja meinetwegen, bestimmt, was auch immer demokratische Argumente sind, ist schon okay, also dann, schönen A-

Man sollte sie nicht einfach als illiberal und intolerant abtun.

Stimmt. Wahrscheinlich nicht. Wenn sie doch gewichtig und demokratisch sind. Hach. Na gut, Herr Schloemann, dann lassen Sie mal hören.

Den Rest des Beitrags lesen »