Wer Popper zitiert, hat die Kontrolle über ihre Philosophie verloren

3. Januar 2019

Lange und oft habe ich es geschafft, diese dämliche Idee mit dem Paradoxon der Toleranz zu ignorieren, aber jetzt will ich es doch einfach mal kurz sagen: Das ist Quatsch. Und wenn ich das nächste Mal diesen dämlichen Comic hiere sehe, schreie ich:

Bildergebnis für popper tolerance paradox

Also, natürlich stimmts im Ergebnis: Nazis muss man nicht tolerieren [Ergänzung auf Vorschlag von onkelmaike und madove, mit Dank dafür: Ich weiß nicht genau, was der Comic damit meint, und er scheint es ja selber auch nicht so recht zu wissen. „Dulden“ oder „tolerieren“ kann ich Dinge ja, indem ich sie widerstandslos hinnehme, aber der Begriff könnte unter Umständen auch umfassen, dass ich zwar dagegen bin und das auch argumentativ anderen nahezulegen versuche, aber keine Zwangsmaßnahmen dagegen einzuleiten versuche. Um Zwangsmaßnahmen geht es ja zumindest hier im Comic auch, denn als Fazit kommt er ja nicht nur dazu, gewisse Dinge nicht zu tolerieren im Sinne von „einfach hinzunehmen“, sondern sogar dazu, dass sie gewaltsam unterdrückt werden sollten. Eventuelle weitere Verständnisfragen beantworte ich gerne in den Kommentaren.]. Aber so ist das bei Deepitys: Sie sind wahr, soweit sie trivial sind, aber sobald es interessant wird, führen sie in die Irre.

Wie meine ich das? So:

Schon die Frage zeugt ja von 1 grundsätzlichen Missverständnis. „Toleranz“ ist nicht einfach ein Wert an sich. Es ist nichts Gutes dran, schlechte Dinge einfach zu tolerieren. Im Gegenteil. Ich finde, wir haben alle 1 Verpflichtung (Keine Ahnung, wie die genau aussieht, das ist mir dann auch zu kompliziert, aber ihr wisst schon.) die Welt besser zu machen, denn sie ist ganz sicher noch nicht gut genug. Alles, was schlecht ist, und besser sein könnte, sollten wir nicht einfach tolerieren. Ob es nun der Umstand ist, dass Boris Palmer immer noch 1 Amt bekleidet, oder der, dass Bischöfe immer noch von Steuergeldern bezahlt werden, oder der, dass Sexismus und Misogynie immer noch völlig normal sind und komplett selbstverständlich in so ziemlich allem, was Mainstream-Kultur ist.

Toleranz ist insofern was Positives, als es

a) wünschenswert ist, dass ich Dinge hinnehme, die andere aus Geschmacksgründen halt anders machen, als ich sie gerne hätte, die aber per se auch nicht schlechter sind als meine Dinge. Wenn ich also beispielsweise Vivaldi Mist finde, dann sollte ich in der Lage sein, zu akzeptieren, dass andere Vivaldi mögen, weil Vivaldis Musik – vereinfacht gesagt, wir haben ja heute alle noch irgendwas anderes vor als mein Gemaule zu lesen – niemandem wehtut. Und

b) sinnvoll ist, Dinge hinzunehmen, die wir nicht (mit vertretbarem Aufwand) ändern können. So mag ich zum Beispiel der Meinung sein, dass es echt schlimm ist, wie meine Nachbarin mit ihren Kindern umgeht. Ich mag sogar sicher sein, dass ich es besser könnte. Aber weil ich weiß, dass es keinen realistischen Weg gibt, wie ich als völlig Fremder sie dazu beeinflussen kann, besser mit ihnen umzugehen, halte ich trotzdem die Fresse und toleriere das. Pick your battles und so.

Wahrscheinlich könnte man noch mehr Buchstaben aufzählen, und ihr dürft das in den Kommentaren auch gerne machen, aber im Prinzip gehts mir darin: „Toleranz“ als positiver Wert ist eine grobe Vereinfachung einer Kosten-Nutzen-Abwägung.

Wer da also ein Paradoxon sieht, der missversteht eine (nicht mal besonders gute) Faustregel als ein ehernes Gesetz.

Aha, sagt ihr da vielleicht, und wo ist jetzt das Problem? Genau das sagt der Comic da oben doch auch, also warum hältst du nicht dich an dein eigenes Prinzip und die Fresse?

Weil der Comic das Missverständnis eben gerade nicht aufklärt, sondern nur transponiert. Er macht ein „Paradoxon“ draus, das er mit einer neuen (nicht mal besonders guten) Faustregel auflöst, die er als eherne Regel hinstellt:

Any movement that preaches intolerance and persecution must be outside of the law.

Und das ist halt auch wieder Blödsinn, weil ja so ziemlich jede Bewegung in irgendeiner Weise Intoleranz predigt, weil nun mal jede Bewegung, wenn sie den Namen verdient, irgendwas ändern, also nicht tolerieren will. Persecution (grob vielleicht „(ungerechtfertigte) Verfolgung“? Nehme gerne bessere Vorschläge an.) ist natürlich schon eher ein bisschen seltener, aber letzten Endes wie die ganze Regel Steine statt Brot. Um das zu beurteilen, muss ich entscheiden, wann die Intoleranz und Verfolgung gerechtfertigt ist, und wann nicht, und dann bin ich wieder bei der Anfangsfrage, die der dumme Comic zu beantworten zu versuchen vorgibt.

Und nein, das ist nicht egal, und das ist keine nutzlose Wortklauberei von mir, weil das 1 grundsätzliches Problem mit dem ethischen Verständnis ist, das ich zum Beispiel auch im Ethikunterricht in der Schule gelernt habe und in ganz vielen Diskussionen und auch Büchern und Artikeln zum Thema sehe: Ein Verständnis von Ethik als festen Regeln, die man nur finden muss, und dann einhalten, und dann macht mans richtig, statt einer an Konsequenzen und der Realität orientierten Abwägung des Nutzens mit den Kosten meiner Handlungen. Und das find ich nicht okay.

Und ihr so?


Quid pro quo statt Verfassungsklagen!

12. August 2018

Hanna Jacobs hat in der Zeit einen Aufruf an uns Atheist*innen geschrieben, und da fühl ich mich natürlich angesprochen. Ihr auch? Dann kommt doch mit hinter den Trennstrich, und sonst natürlich auch. Wird bestimmt lustig.

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gewichtige demokratische Argumente

9. August 2014

Johann Schloemann hat einen sehr merkwürdigen (und leider nicht mehr kostenlos zugänglichen) Text für die SZ geschrieben, und weil dies die Zentrale für die Kommentierung merkwürdiger Texte ist, hat koljazao mir vorgeschlagen, Johann Schloemanns merkwürdigen Text zu kommentieren, was ich nun mit Vergnügen und Verspätung zu tun gedenke:

Es ist falsch, die Vollverschleierung zu verbieten.

Prima, wir sind uns einig, schönen Abend no-

Dennoch gibt es gewichtige demokratische Argumente gegen Burka und Nikab.

Äh. Joa. Och. Ähm. Ja meinetwegen, bestimmt, was auch immer demokratische Argumente sind, ist schon okay, also dann, schönen A-

Man sollte sie nicht einfach als illiberal und intolerant abtun.

Stimmt. Wahrscheinlich nicht. Wenn sie doch gewichtig und demokratisch sind. Hach. Na gut, Herr Schloemann, dann lassen Sie mal hören.

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