Quasireligiöses Gedankenkonvolut

11. November 2010

Ich führe gerade wieder eine längliche Diskussion über Religion, ausgehend von meiner These, dass ich die strikte Trennung von Staat und Religion für einen Fehler hielte, wenn die Behauptungen einer Religion wahr wären. Die Diskussion hat uns bisher nicht sehr weit gebracht, aber immerhin hat sie mich zu weiteren Überlegungen inspiriert:

Ich finde es sonderbar, dass religiöse Menschen sich (in der Regel) im Alltag nicht viel anders verhalten als areligiöse Menschen, obwohl ihre Weltsicht auf völlig unterschiedliche Annahmen stützt.

Wenn ich eine Religion als wahr akzeptieren würde, würde das mein gesamtes Weltbild umwerfen und meine Prioritäten vollkommen umstellen. Ich möchte das gerne am Beispiel des Lebens nach dem Tod illustrieren, weil es erstens für mich wahrscheinlich der wichtigste Aspekt einer Religion wäre, und zweitens, weil es meines Wissens auf fast alle bedeutenden Religionen mutatis mutandis passt.

Der Glaube an ein Leben nach dem Tod, würde für mich den Wert dieses Lebens drastisch verändern. Es wäre dann nicht mehr meine einzige Chance und alles, was ich habe, sondern nur noch eine Art Filter, der die Leute aussortiert, die keine ewige Glückseligkeit verdient haben.

Wenn ich der Meinung wäre, dass man einen Menschen lediglich in das nächste Leben verfrachtet, wenn man ihn tötet, würde die Bewertung der Tat plötzlich vor allem davon abhängen, was das Opfer dort erwartet. Warum sollte jemand dafür bestraft werden, dass er einem anderen in den Himmel geholfen hat? Und umgekehrt: Welche Strafe könnte jemals ausreichen für einen Menschen, der einem anderen die Chance genommen hat, ewiger Qual in der Hölle zu entgehen?

Die Todesstrafe wäre plötzlich, je nach der Religion des Delinquenten, endlos viel härter oder endlos viel milder als eine lebenslange Freiheitsstrafe. Für manche wäre sie in gewisser Weise überhaupt keine Strafe, sondern eher eine Belohnung.

Trotzdem stimmen die meisten Gläubigen erstaunlicherweise mit uns Atheisten überein, dass Mord eine sehr, sehr schlimme Sache ist, und auch ansonsten sind wir uns in den Grundzügen unserer moralischen Urteile doch überraschend oft einig.

Ich vermute, dass das im Wesentlichen an zwei Gründen liegt: Erstens habe ich den Eindruck, dass viele nominell religiöse Menschen gar nicht so richtig ernsthaft glauben. Sie finden es zwar irgendwie gut, sich Christen zu nennen und Gottesdienste zu besuchen, aber im Grund ihres Herzens können sie nicht anders, als die Realität zu akzeptieren, die sie Tag für Tag erleben.

Zweitens – und das ist wahrscheinlich der wirklich entscheidende Punkt – habe ich in meinem Gedankenexperiment für mich eine ziemlich ungewöhnliche Variante von Religiosität gewählt: Ich habe unterstellt, dass ich zwar die Tatsachenbehauptungen einer Religion akzeptiere, aber nicht die zugehörigen Werturteile. Ich würde also zum Beispiel glauben, dass Gott die Welt erschaffen hat, und dass er uns nach dem Tod belohnt oder bestraft, aber er wäre trotzdem nicht die Grundlage meiner Moral.

Wenn ich die moralischen Gebote mitakzeptieren würde, wäre alles wieder einigermaßen im Lot: Ich würde dann zwar glauben, dass der Tod (für Christen) gar keine so schlimme Sache ist, aber ich würde Mord trotzdem für furchtbar halten, weil Gott ja gesagt hat, dass wir nicht töten sollen.

Ich halte das für eine ganz interessante Beobachtung: Praktisch niemand glaubt an einen Gott, mit dessen moralischem Urteil er nicht einverstanden ist. Ein Gläubiger würde wahrscheinlich sagen, dass das nur beweist, dass man Gott nicht erkennen kann, ohne auch sofort einzusehen, dass er gut und gerecht ist. Ich sehe darin eher ein weiteres Indiz dafür, dass Religion ein Produkt der menschlichen Vorstellungskraft ist. Oder etwas pointierter: „You can safely assume that you’ve created God in your own image when it turns out that God hates all the same people you do.“