Gemischter Umgangsformenpost mit Selbstzweifeln

30. Dezember 2011

Wie das manchmal so geht, habe ich in den letzten Tagen viel über Umgangsformen und Höflichkeit und Anstand und Respekt und den ganzen Klumpatsch nachgedacht. Das hat viele Gründe.

Zuerst mal war Weihnachten. Da ist man viel mit Verwandten zusammen, und solchen, die es gerne wären, und überhaupt verbringt man unerquicklich viel Zeit mit anderen Menschen. Mir fällt dabei immer wieder auf, was für eine erstickende Wirkung die gängige Vorstellung von Höflichkeit entfalten kann, zumindest meiner Meinung nach. Der eine fühlt sich verpflichtet, zu fragen, ob der andere noch Kaffee will, und der andere fühlt sich verpflichtet, es anzunehmen, und schon muss der eine in die Küche gehen und Kaffee kochen, obwohl er gar nicht will, und obwohl auch eigentlich niemand Kaffee trinken will, das Gespräch ist unterbrochen, und hinterher müssen alle Kaffee trinken, sogar die, die nicht mal wahrheitswidrig behauptet haben, sie wollten welchen, denn nun ist er da und muss ja getrunken werden, und es wäre ja unhöflich, den Gastgeber darauf sitzen zu lassen.

Oder so.

(Wer hier öfter mitliest, wird sich denken können, dass das für mich weniger ein selbst erfahrenes Problem ist, als eher eines, bei dem ich andere Menschen beobachte. Es tut trotzdem weh.)

Und weil ich sowieso schon dabei war, fiel mir in modernismas eigentlich rundum interessanten Anmachen-Post vor Allem dieser Teil auf:

[…] hat mich in vielleicht ungebührlichem Maße die Aussage pikiert, dass doch in solchen Situationen nicht zu viel verlangt wäre, dem Hoffnungsvollen zu erklären, man sei vergeben […]

Und verdammt noch mal, da kann einem doch nun wirklich der Kraken platzen (Ich werde das nie wieder richtig schreiben.). Nicht nur, wie Pardette selbst viel besser formuliert, als ich es könnte:

Diese Erwartungshaltung, dass nur die Präsenz oder der Besitzanspruch eines anderen Mannes (bei Frauen mag es das, wie gesagt, auch geben) Eroberungsversuchen ein Ende setzen dürfen, die stößt mir auf.

Es ist auch das Prinzip: Warum zur Hecke können wir denn anderen Menschen nicht einfach sagen, was wir denken und was wir wollen und was wir mögen, und was nicht? Wie schwer kann das denn sein, damit klar zu kommen, dass jemand anders empfindet als ich, irgendwas nicht will, das ich gerne will, oder mit irgendwas nicht einverstanden ist, was ich denke?

Deal. With. It.

Ehrlich, mich regt das auf. Ich finde das anstrengend, und sinnlos, und erbärmlich, und ganz ganz ganz schlimm. Und ich glaube, es ginge auch anders. Ich glaube, das ist so eine Sache, an die man sich gewöhnen kann. Ich jedenfalls weiß, dass ich es sehr schnell könnte. Oder wie ich drüben schon schrieb:

Ich träume von einer Welt, in der Leute mir sagen: „Ich finde dich hässlich, und ich mag dich nicht“, wenn Sie das nun einmal so sehen.

Und – der eine oder andere mag das kommen gesehen haben – das ist auch gleich eine ganz brauchbare Überleitung zum letzten Aspekt des Themas, das sich mir gerade aufdrängt. In den letzten zwei Tagen wurde mir zweimal völlig unabhängig voneinander gesagt, meine Ausführungen zu Religion im Allgemeinen und zum Christentum im Speziellen seien persönlich beleidigend. Einmal hier im Blog, einmal woanders. In beiden Fällen hatte ich nichts Persönliches über irgendwen gesagt. Ich hatte nur den geäußerten Ideen gesprochen, das allerdings in durchaus harten Worten.

Und das ist noch so eine Sache, die ich nicht verstehen kann. (Ganz abgesehen davon, dass es ohnehin ziemlich schwer ist, mich zu beleidigen, sogar wenn man direkt etwas Persönliches über mich sagt.) Wie kommt es, dass Menschen sich so mit ihrer Meinung identifizieren, dass sie eine Kritik an dieser als persönlichen Angriff empfinden?

Wenn ich lese, wie jemand sich über die Evolutionstheorie lustig macht und darüber schreibt, wie offensichtlich diese Welt vor rund 6000 Jahren von Jahwe Elohim in die Existenz gepufft wurde, dann ärgert mich das, dann belustigt mich das, dann macht mich das vielleicht sogar traurig, aber es beleidigt mich doch nicht. Und wenn jemand schreibt, dass er es unbegreiflich dumm findet, keinen Gott anzubeten, weil man sich damit ja die Chance auf ewiges Glück verbaut und außerdem jeder, der ehrlich nach einem sucht, auch einen Gott findet und ihm persönlich begegnen kann und alles, dann ist das doch kein persönlicher Angriff gegen mich.

Andererseits lässt es sich ja nun mal nicht leugnen, dass Kritik an Religion offenbar diese Wirkung auf religiöse Menschen hat, und oft genug sogar auf angeblich nicht religiöse. Einerseits glaube ich, dass das in Ordnung so ist, denn ich bin kein Anhänger der Don’t be a Dick-Fraktion. Andererseits will ich nicht einer von diesen Atheisten sein, die ihren Anspruch auf Skeptizismus und Rationalität aufgegeben haben, den ganzen Tag kindische Beleidigungen gegen Gläubige in die Welt blasen und zu Recht von allen Seiten als eher degoutante Dummköpfe betrachtet werden. Und man weiß ja nie so richtig, wie gut Selbst- und Fremdbild noch übereinstimmen.

Das geht keineswegs nur beim Thema Religion so. Auch politisch werde ich ja hin und wieder sehr deutlich. Ich formuliere hier desöfteren auch erheblich härter, als ich es in einem persönlichen Dialog täte. Das hat natürlich einerseits den Grund, dass der Zweck eines Blogposts ein anderer ist als der eines persönlichen Gesprächs. Es wird aber natürlich auch dadurch erleichtert, dass ich mir gar keine großen Gedanken um die Wirkung meiner Worte machen muss, wenn ich anonym schreibe und davon ausgehen kann, dass Frau von der Leyen meine Meinung erstens niemals lesen wird und zweitens, sogar wenn, nicht darauf reagieren wird.

Insofern biete ich diesen Post hier sozusagen als Open Thread an für eine Diskussion über Umgangsformen allgemein, über meine im speziellen, und vielleicht auch über mein Auftreten gegenüber Religionen im ganz besonderen. Vielleicht hat mir dazu ja jemand was zu sagen. Und falls nicht: Kommt gut ins Neue Jahr, und vergesst nicht, eure Stimmen zu Bright Outlook abzugeben. Vergesst nicht: Jede nicht abgegebene Stimme ist eine Stimme für den französischen Jungen. Die Zeit drängt.