Diese stechenden Schmerzen

23. Juli 2010

Ich hatte mal wieder einen meiner komischen Rechthabereianfälle, und weil er noch nicht ganz abgeklungen ist, will ich euch davon berichten.

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Drüben in der Oase der Vernunft berichtet derautor von dem Film „Unthinkable“.

In dem neuen Politthriller „Unthinkable“ mit Samuel L. Jackson und Carrie-Anne Moss geht es um das „Ticking Bomb Scenario“. Was, wenn ein Terrorist Atombomben in westlichen Großstädten deponiert, wir ihn gefangengenommen haben und nur über ihn herausfinden können, wo die Bomben versteckt sind? Wie weit dürfen wir gehen, um an diese Information heranzukommen?

Es geht um die Frage, ob es in einer solchen Situation in Ordnung ist, den Täter zu foltern, oder seine Frau, oder seine Kinder. Ein vergleichbares Szenario wird ab und zu auch mal in den Kommentarspalten von Tageszeitungen ausgepackt, und oft -wie auch drüben beim Feuerbringer- lautet das Ergebnis: Ja, zur Not müssen wir eben foltern, denn die vielen Millionen Menschenleben sind wichtiger als unsere hehren Prinzipien.

Und wisst ihr, was mich dabei immer wieder maßlos ärgert? Genau das Gleiche wie drüben bei der ganzen Diskussion: Es wird einfach vorausgesetzt, dass Folter prima funktioniert und nur deshalb verboten ist, weil wir moralisch ein Problem damit haben. Befürworter – und oft genug auch Gegner – gehen einfach fröhlich davon aus, dass man mit Folter an die benötigten Informationen herankäme, auch wenn alle anderen Verhörtechniken versagen. Und niemand hält es für nötig, auch nur einen einzigen Beleg dafür anzubieten.

Ich weiß nicht, ob (und wenn, in welchen Situationen) Folter eine wirkungsvolle Möglichkeit ist, jemanden zu befragen. Sapere Aude hat drüben freundlicherweise einen Artikel verlinkt, der eher dagegen spricht. Es geht mir hier auch gar nicht um die Frage, ob man foltern darf, falls es der einzige Weg ist, Menschenleben zu retten. Ich kann mir Situationen vorstellen, in denen Folter ethisch vertretbar sein könnte. Es geht mir hier und jetzt nur um die Redlichkeit, sich an die wohlbegründeten Regeln der Beweislast zu halten: Wer eine Behauptung aufstellt, muss sie belegen.

Einen solchen Beleg sind die Befürworter von Folter meines Wissens bisher schuldig geblieben. In der Diskussion drüben gibt es jedenfalls keinen, obwohl ich mehrfach danach gefragt habe. Stattdessen bringen sie manchmal Scheinargumente vor, wie:

Die Erfolgschancen bei der Folter scheinen gering zu sein, wobei natürlich ein Forscher, der das Gegenteil behauptet, schlecht aussehen würde und auf weitere Forschungsgelder wohl verzichten müsste. Aber selbst, wenn nur die geringste Chance besteht, würde eine Bedrohung von Millionen durch eine Atombombe oder mehrere davon so ziemlich alles rechtfertigen.

Oder:

Was erwartest Du? Dass es irgendwo wissenschaftliche Studien über den Wirkungsgrad von Folter gegenüber anderen Befragungstechniken bei der Informationsgewinnung gibt? Dass sich unter geldnotleidende Studenten für solche Vergleichstests hergegeben haben?

Das erste Scheinargument tut so, als wäre es vernünftig und ausgewogen, nimmt aber in Wirklichkeit wieder die Annahme vorweg, dass Folter ein erfolgversprechendes Mittel ist, nach dem Motto: Wenn es um so viele Menschenleben geht, können wir es uns nicht erlauben, nur sinnvolle Methoden anzuwenden. Klar. Vielleicht versuchen wir auch, im Bibo-Kostüm den Sterbenden Schwan zu tanzen, um rauszukriegen, wo Bombe liegt. Könnte schließlich funktionieren, und es geht immerhin um eine Bedrohung von Millionen.

Und das zweite… Ach, naja, das seht ihr ja selbst. Wenn mir keine Möglichkeit einfällt, meine Behauptung zu testen, dann darf ich sie einfach als wahr unterstellen. Klar, mach ich dann in Zukunft auch immer so. Whoa.

Ganz ehrlich: Mich ärgert im Moment mehr aus Prinzip der schiere Unwillen, sich einer ehrlichen Debatte zu stellen. Aber wenn ich mal tief durchatme und bis zehn zähle, dann bleibt es dabei, dass ich diese Scheindiskussion für potenziell sehr schädlich halte. Denn das Bedrohungsszenario ist vielleicht unwahrscheinlich, aber es ist keineswegs völlig unrealistisch. Es kann durchaus sein, dass die USA, oder Großbritannien, oder sogar Deutschland irgendwann vor dieser oder einer ähnlichen Entscheidung steht. Im Fall Magnus Gäfgen ging es im Prinzip um die gleiche Frage, nur mit weniger Toten. Mir wäre es lieber, wenn derjenige, der dann die Entscheidung treffen muss, weiß, was er tut, statt einfach nur die Daumenschrauben auszupacken, weil ihm gerade nichts Besseres einfällt

Gerade deshalb halte ich es für überragend wichtig, dass wir uns mit diesem Thema auseinandersetzen und versuchen, eine rationale Entscheidung zu finden, oder zumindest eine vernünftige Grundlage für eine Entscheidung im Ernstfall vorzubereiten. Das gilt nicht nur hier, aber an diesem Beispiel ist es mir eben heute mal wieder aufgefallen: Auch wenn es schwerfällt, müssen wir uns daran gewöhnen, dass es auf schwierige Fragen meist keine leichten Antworten gibt. Und dass der Weg zur Wahrheit nicht über leichtfüßiges Rummeinen und leidenschaftliches Glauben führt, sondern über Forschung und Wissenschaft.