Taschentuch? (4)

14. Januar 2012

Diese ganze Geschichte mit den auf tote Taliban urinierenden Marines weckt in mir ein ziemlich buntes Potpourri aus Reaktionen, die ich zur Förderung einer vielfältigen Diskussion einfach mal gedankenstromhaft hier veröffentliche, gemeinsam mit der Aufforderung, mich an euren eigenen Gedanken dazu teilhaben zu lassen:

  1. Ui, ja, das ist wirklich traurig, wenn ein Staat nicht mal seine Soldaten (also diejenigen unter seinen Angestellten, über die er den größten Einfluss ausüben kann, in einem Umfang, von dem jeder private Unternehmer nur in besonders erfreulichen Träumen… Äh, falsches Thema.) so weit im Griff hat, dass sie ihre peinlichen Untaten wenigstens nicht auch noch bei YouTube veröffentlichen, wenn sie sie schon nicht ganz unterlasssen können.
  2. Was haben diese Leute sich dabei gedacht? Da war doch bestimmt auch so jemand wie eine Führungskraft dabei (Oder?). Hätte nicht zumindest der auf die Idee kommen können, dass man den Quatsch vielleicht lieber nicht filmen sollte? Hätte das nicht Erinnerungen an gewisse andere Präzedenzfälle wecken sollen?
  3. Ist die Bewertung des ganzen Vorfalls nicht andererseits ausgesprochen sonderbar? Ich meine, niemand bezweifelt, dass es in Ordnung war, diese Taliban-Kämpfer zu erschießen. Aber so schlimm, dass man auf sie pissen darf, waren sie dann doch wieder nicht? Ich bin kein Taliban, aber meine Prioritäten stehen in einer anderen Reihenfolge.
  4. Ja, ich weiß. Sie zu erschießen, war erstens erforderlich, um den Auftrag auszuführen, und zweitens zur Selbstverteidigung unvermeidlich. Danach auf sie zu pissen, ist einfach nur ein unnötiger Akt der Respektlosigkeit, der außerdem (wie man gerade sieht) besagtem Auftrag großen Schaden zufügen kann.
  5. Aber trotzdem: In diesem Konflikt sterben offenbar jährlich Tausende von Zivilisten, und wir nehmen das relativ gelassen hin, aber wenn ein paar amerikanische Soldaten auf die Leichen von ein paar gegnerischen Soldaten urinieren, dann ist das ein Skandal? Hm.
  6. Um noch mal auf die Respektlosigkeit zurückzukommen: Wenn ich das richtig verstehe, kämpfen die Taliban dafür, ein gewaltgestütztes Terrorregime zu errichten, in dem sie Frauen und andersgläubige unterdrücken und misshandeln können. Ich bin nicht sicher, ob gegenüber solchen Leuten nicht noch deutlichere Signale von Respektlosigkeit angemessen wären, aber ich will lieber keine konkreten Vorschläge machen. (Und ja, ich weiß, der Rechtsstaat, der ja irgendwie auch von seinen Soldaten repräsentiert wird, sollte sich nicht auf das Niveau seiner Gegner herabbegeben, s. Punkt 1, aber das fiel mir eben gerade zum Respekt ein.)
  7. Ihr bornierten Arschlöcher! Ihr schickt einen Haufen junger Leute in die so ziemlich unmenschlichste Situation, die man ich vorstellen kann, nämlich in einen Krieg, und dann spielt ihr die schockierten Tugendwächter, wenn sie sich in dieser Situation nicht mehr ganz so zivilisiert benehmen, wie ihr das von ihnen erwartet? Ihr schickt Jugendliche mit Gewehren und Granaten los, um andere Leute zu töten, und seid dann völlig entsetzt, wenn sie danach noch einen geschmacklosen Witz machen? Ich glaub auch.
  8. Kann es sein, dass immer noch enorm viele Leute die Vorstellung mit sich herumtragen, es gäbe so etwas wie einen sauberen, anständigen Krieg? Kommt daher vielleicht diese bei manchen ja gewiss aufrichtige Entrüstung über solche Vorfälle? Aber wie geht denn das? Wie kann einem denn nicht klar sein, dass Krieg immer furchtbar, immer unmenschlich, immer grauenvoll und unsittlich und rundum doof ist? Dadurch wird das Verhalten dieser Marines nicht legitimiert, und schon gar nicht echte Abscheulichkeiten wie Abu Ghreib, aber man kann solche Entgleisungen doch nun wirklich nicht unbegreiflich oder überraschend finden. Oder?