Die Sache mit der Verantwortung

20. Januar 2017

Fragt ihr euch eigentlich auch manchmal, wie das passiert ist, dass einen niemand auslacht, wenn man öffentlich davon redet, man habe „Verantwortung übernommen“ für einen Fehler, indem man die betroffene Tätigkeit fallen gelassen und sich nicht weiter drum gekümmert habe? (Im konkreten Fall noch mal besonders niedlich durch den damaligen Zusatz, nicht mal irgendeinen Fehler zuzugeben.)

Mich wundert das jedes Mal ein bisschen. Was ist da schief gelaufen? Empfindet das wirklich jemand so, oder ist das nur so eine Konvention, dass man das halt sagt, um anzuerkennen, dass es ja tatsächlich irgendwie eine gewisse Größe erfordert, einzusehen, dass man für eine bestimmte Aufgabe ungeeignet ist, und sie deshalb jemand anderen machen zu lassen? Aber warum sagt man dann nicht einfach eher was in der Richtung?

Überinterpretiere ich, wenn ich den Eindruck habe, dass da auch ein ziemlich unverschämtes privilegiertes Anspruchsdenken drin steckt, dass jemand findet, er hätte schon alles Notwendige getan, um den angerichteten Schaden wieder gut zu machen, indem er auf einen öffentlich gut angesehenen und ordentlich bezahlten Posten verzichtet?

Verantwortung übernehmen ist doch eigentlich ungefähr das Gegenteil von Zurücktreten, oder? Na gut, natürlich nicht ganz genau, aber ich würde behaupten, wer Ersteres kann, muss Letzteres doch eigentlich nicht tun. So als Faustregel.


Bundespräsident Gauck ärgert sich

1. Mai 2013

Vielleicht ist es nicht allen von euch gegenwärtig, aber es gibt da so einen Typen, der jedes Jahr 199.000 Euro bekommt, von uns allen, zuzüglich 78.000 Euro Aufandsentschädigung, sowie eine kostenlose, dem Vernehmen nach ganz angenehme Wohnung, Personenschutz, ein luxuriöses Dienstfahrzeug, und so allerlei anderes Brimborium, und dafür … Ja, man weiß nicht genau, was er dafür eigentlich tut, aber er wird zu vielen wichtigen Veranstaltungen eingeladen, und hin und wieder sagt er mal was, und das wird dann von allen Medien immer sehr dankbar aufgegriffen und sehr ernst genommen. Er repräsentiert halt, ne? Den größten Teil davon bekommt er übrigens nicht nur, solange er dieses etwas merkwürdige Amt, von dem keiner genau weiß, wofür es da ist, innehat, sondern der Einfachheit halber sein Leben lang, weil … Ehre.

Zurzeit wird das merkwürdige Amt von jemandem ausgeübt … Nee, das ist nicht der richtige Ausdruck, aber „wird innegehabt“ ist auch eine doofe Formulierung, sagen wir vielleicht: besetzt, der zum Beispiel überhaupt nicht begreifen kann, was alle gegen sexuelle Belästigung haben und warum es unter Umständen nicht okay sein könnte, einer Frau zu sagen, dass sie dicke Tüten hat, aber ich will nicht unnötig weit ausholen, jedenfalls gibt es mindestens eine Sorte von Fehlverhalten, zu der dieser Typ, der in mancher Hinsicht also bekanntlich weniger moralisch ist, als man es vielleicht erwarten würde, dann aber doch eine klare Meinung hat: Steuerhinterziehung nämlich, also das Nichtherausrücken von Eigentum an die Organisation, der besagter Herr sein deutlich sechsstelliges lebenslanges Salär verdankt. Kann man ja in gewisser Weise auch verstehen. Ihr wisst schon. Ehre.

Wer Steuern hinterzieht, verhält sich verantwortungslos oder gar asozial

sagt dieser Typ also. Begriffe, mit denen man vielleicht auch jemandem bedenken könnte, der ihm nicht näher bekannten Frauen offensiv auf die Brüste glotzt und lüsterne Kommentare dazu … Aber ich schweife schon wieder ab, und das tut hier ja wirklich nichts zur Sache. Verantwortungslos oder gar asozial also, und ihr wisst, dass ich das anders sehe, und ich weiß, dass ihr das albern findet, deswegen lasst uns keine Zeit damit verschwenden, drüber zu reden, und uns lieber einem anderen Verhalten zuwenden, von dem ich vermute, dass wir uns darauf einigen können, es ebenfalls verantwortungslos oder gar asozial zu finden:

In unserem Land darf es in rechtlichen und moralischen Fragen nicht zweierlei Standards geben, einen für die Starken und einen für die Schwachen. Niemand darf selbst entscheiden, ob er Steuern zahlt oder nicht.

Verantwortungslos oder gar asozial ist es nämlich auch, öffentlich so zu tun, als dürfe in diesem Land jemand selbst entscheiden, ob er Steuern zahlt oder nicht. Ich will uns auch die Diskussion ersparen, ob es die doppelten Standards gibt, den Herr Gauck bemängelt. In gewisser Weise gibt es die gewiss, manchmal so, wie er meint, und manchmal anders, aber ansonsten erzählt er einfach Quatsch, wenn er fordert, zu prüfen,

ob nicht auch strengere Gesetze nötig sind, die aus einer fragwürdigen Handlung einen Straftatbestand machen

Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber ich finde beim besten Willen keine Interpretation dieser Forderung, die nicht impliziert, Steuerhinterziehung sei derzeit noch kein Straftatbestand, sondern nur eine fragwürdige Handlung.

Dieses Gefühl gefährdet unsere Demokratie.

was in meinen Augen bekanntlich nicht notwendigerweise etwas Schlechtes ist, aber trotzdem: Herr Gauck, die Weigerung, Ihrem Arbeitgeber die von diesem festgelegten Summen zu zahlen, ist bereits strafbar, und zwar, falls Sie das interessiert, auch ganz ordentlich. Wer zum Beispiel eines anderen Kind entführt, mit Kindern handelt, einen anderen Menschen gegen dessen Willen mehrere Tage einsperrt, oder jemanden erpresst oder körperlich misshandelt, wird auf demselben Niveau bestraft wie jemand, der doch selbst entscheiden möchte, ob er Ihre Luxuslimousine, den Krieg in Afghanistan, Strafen für einvernehmlichen Sex oder das Gehalt von Bischof Marx bezahlt. Öffentlich so zu tun, als wäre es anders, gerade in einer besonderen Position wie der Ihren, finde ich ausgesprochen verantwortungslos.

Aber das ist bei Ihnen ja par for the course, wie man so sagt.